Vielen Dank an Eilantha und Nyarna für die Reviews euchknuddel
Eilantha: Wie gesagt, Bella mutiert ja nicht zum Gut-Mensch – wie man in diesem Kapitel sieht, da wird sie schon sehr… naja, sie hat Ähnlichkeit mit dem, was man sonst von ihr gewohnt ist ;)
Nyarna: Ah; vielen Dank, ich war mir nämlich zwischendurch etwas unsicher, ob das nicht zu verwirrend ist, dass die Rückblicke aus verschiedenen Sichtpunkten geschrieben sind, das beruhigt mich jetzt nochmal :) Und die Kaninchen bleiben weiterhin unversehrt ;)
Kapitel 4: Wege in die Dunkelheit
"Those summer days can lead to the bad times,
the world gets larger every day,
Yeah, yeah, those summer days can lead to the bad blood times,
they left me feelin' stupid, happy, and numb,
stupid, happy, and numb.
I feel so stupid, happy, and numb.
Stupid, happy, and numb,
I feel so stupid."
Everclear – Local God
Auch Bellatrix schenkt sich Wein nach. Sie registriert meinen Blick. „Den Rest kennst du ja. Erst ich, dann Evan, und am Ende auch du. So unglaublich das klingt."
Ich nicke langsam. Es ist tatsächlich komisch. Obwohl… Lily und ich waren uns einfach zu ähnlich, was Interessen und Talent anging, als dass wir uns für alle Ewigkeit aus dem Weg hätten gehen können. Und Evan war schon immer etwas toleranter als wir.
„Es klingt wirklich unglaublich, wenn man bedenkt, dass Evan diese seltsame Zusammenstellung aus Frank, Gwendoline, Mimi und Sirius am Anfang einfach furchtbar fand…"
„Du vergisst Parkinson", meint Bellatrix hämisch. Was ist denn jetzt los? Ich verkneife mir ein Augenrollen, nicht dass mich ihr Stimmungsumschwung stört, aber es erstaunt mich doch immer wieder… ich hasse es, Leute nicht einschätzen zu können! Aber was rege ich mich auf – zum x-ten mal festzustellen, dass ich sie nicht einschätzen kann, bringt mich ja auch nicht weiter.
„Ach ja, Melissa Parkinson, schlechteste Bassistin, die Frank jemals gehört hat", erinnere ich mich grinsend an Frank Longbottoms Worte.
„Ich zitiere: ‚Du sagst, wir brauchen dein Gesicht? Okay, du bist raus'." Sie lacht sogar wieder. „Aber warum ist Evan eigentlich eingestiegen? Er konnte doch damals kaum Bass spielen."
„Er wollte es ja im Orchester lernen, aber das hat nicht so gut geklappt. Alice hat ihm das glaub ich später richtig beigebracht", versuche ich, das ganze zusammenzukriegen, ohne mich zu verzetteln.
„Und dann gingen seine Noten im Musik-Kurs schlagartig nach oben…" Heilige Agrippa, muss sie immer so grinsen, wenn sie die Differenzierungskurse erwähnt? Aber für ihr mangelndes Taktgefühl ist sie ja bekannt…
„Und auf einmal waren's sechs", lasse ich mir zumindest nicht anmerkten, dass sie schon wieder ins Schwarze getroffen hat.
Ja, sechs Mitglieder hatte die Band am Ende des vierten Schuljahres: Frank Longbottom am Schlagzeug, Sirius Black, Mimi Marcez, Gwendoline Rockhome und Evan Rosier an den Gitarren, und Alice McKinnon am Bass. Wobei man erwähnen sollte, dass Evan und Gwen aufgrund ihrer Tätigkeit im Orchester durch besonderes Können auffielen. Instrumenttausch nicht ausgeschlossen. Wer hätte das gedacht, dass die sechs sogar die Professoren McGonagall und Slughorn mit ihrer Musik begeisterten? Obwohl es bis dahin noch ein langer Weg war.
Denn in unserem vierten Jahr hatten wir ganz andere Dinge im Kopf, als uns groß um die anderen Häuser zu kümmern, auch wenn es sich manchmal einfach nicht vermeiden ließ – ich sage nur Potter und Black.
Für uns hatte sich eigentlich trotzdem gar nicht so viel verändert. Aber das meiste, das sich änderte, war seltsamerweise positiv…
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Flashback
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Neujahr 1973.
Wir saßen zu siebt im Gemeinschaftsraum vor dem Kamin: Die Black- Mädchen und Regulus, die Lestange- Brüder, Evan und ich. Allesamt waren wir dieses Jahr zu Hause nicht erwünscht gewesen und nun erholten wir uns von der feucht-fröhlichen Silvesterfeier, die in der Nacht zuvor veranstaltet hatten (wobei Regulus und Rabastan immer noch etwas beleidigt aussahen, da ihre älteren Familienmitglieder sie wegen ihrem Kater aufzogen.)
„Wir haben dich gewarnt", grinste Narcissa, die allerdings selbst bei zu lauten Geräuschen zusammenzuckte, und klopfte ihrem Cousin auf die Schulter.
„Ja, gewarnt und dann selbst zu viel geschluckt", fauchte Regulus mit heiserer Stimme.
„Warum geht ihr nicht einfach zu Madame Pomfrey?", schlug ich vor, ohne von „Höchst potente Zaubertränke" aufzusehen. „Dürfte doch nichts Neues für sie sein, wenn die Leute an solchen Tagen Kopfschmerzen haben…"
„Kopfschmerzen ist gut", stöhnte Rabastan. „Mir ist kotzübel!"
„Du weißt ja, wo die Toiletten sind", gab sein Bruder herzlos zurück und strich etwas auf dem Blatt Pergament durch, an dem er konzentriert arbeitete.
„Madame Pomfrey wird begeistert sein… und du Rod, sei doch nicht so unfair. Du hast dich auch nicht besser geschlagen, nachdem du zum ersten mal zu viel Feuerwhiskey getrunken hast", ergriff Evan nun Partei.
„Er ist aber auch nicht gewarnt worden", erwiderte Bellatrix grinsend. Sie schien, bis auf chronisches Gähnen, keine Nebenwirkungen der letzten Nacht davongetragen zu haben. „Wir haben lange genug auf euch eingeredet, selbst Schuld, wenn ihr trotzdem weitermacht, obwohl ihr noch nie härtere Sachen probiert habt."
Evan und ich tauschten einen viel sagenden Blick und dachten genau dasselbe: Was für nette Familien!
Hinter uns glitt die Steinwand, die den Eingang zum Gemeinschaftsraum verbarg, zur Seite, und Adrienne und Avery, mit Taschen beladen wie Packesel, dick in Schals und Handschuhe eingemummelt und mit Schneeflocken in den Haaren, kamen herein.
„Hallo, ihr lieben, seid ihr gut reingerutscht?"
Neben mir zuckten Narcissa, Regulus und Rodolphus zusammen und warfen Avery böse Blicke zu.
„Nicht so laut!", flüsterte Evan spöttisch.
„Was macht ihr denn überhaupt schon hier, ich dachte, ihr kommt erst in ein paar Tagen zurück", wunderte ich mich, während ich Avery begrüßte.
„Wollten wir auch, aber anscheinend sind viele Familienoberhäupter zum Jahreswechsel so ausgetickt, dass jede Menge Leute beschlossen haben, früher wieder zu kommen", erzählte Adrienne und umarmte Bellatrix.
„Und was habt ihr in unserer Abwesenheit so getrieben", wollte Avery wissen, während er sein Gepäck geradezu von sich warf und sich neben Rod auf das Sofa vor dem Kamin fallen ließ.
„So viel ist eigentlich gar nicht passiert… Sev und Potter hatten mal wieder ein paar... äh… Auseinandersetzungen…", begann Evan.
„Ein Duell unter Mistelzweigen und vor Flitwicks Augen, war 'ne nette Strafarbeit", feixte Bellatrix.
„… Narcissa hat schon wieder versucht, die Hauselfen vom Arbeiten an Weihnachten abzuhalten", versuchte ich es mit einem Ablenkungsmanöver – Volltreffer!
„Du hast was!" Avery, Adrienne und Rodolphus starrten Narcissa gleichermaßen entsetzt an.
„Die Armen verdienen es einfach nicht, an Weihnachten zu arbeiten", verteidigte diese sich.
„Du hast 'nen Knall", stellte Adrienne fest. „Die Viecher sind zum Arbeiten da!"
Narcissa zog es vor, sich in Schweigen zu hüllen.
„Oh, und Dumbledore hat an Weihnachten eine kleine Rede gehalten, von wegen, die Zeiten würden härter und gefährlicher, und dass wir uns immer daran erinnern sollen, was das Richtige ist." Evan verzog das Gesicht und fügte sarkastisch hinzu: „Natürlich geht der alte Mann davon aus, dass wir alle dieselben Prioritäten haben wie er…"
Avery verdrehte die Augen. „Schützt die Schlammblüter und Muggel…"
„Nicht zu vergessen: Verflucht die traditionsbewussten – die vernünftigen – Familien." Bellatrix' Stimme nahm einen ärgerlichen Unterton an.
„Klar…" Adrienne beugte sich zu mir vor und flüsterte: „Sag mal Sev, wie sieht's denn aus, hast du in der Bibliothek was zum Erstellen von Flüchen gefunden?"
„Nichts Halbes und nichts Ganzes, aber immerhin Ansätze", murmelte ich zurück. „Einfache Zauber, aber ich denke mal, wenn man das etwas abändert, bekommt man auch ein paar Flüche hin… lass mich noch ein bisschen experimentieren."
„Ich hab volles Vertrauen zu dir"; zwinkerte sie und wandte sich Bellatrix und Avery zu, die ihrerseits ein Gespräch begonnen hatten.
Bei diesem Anblick musste ich lächeln. Das Klima zwischen den dreien war immer etwas angespannt gewesen, aber dieses Jahr schienen sie sich plötzlich besser zu verstehen als je zuvor.
Ich war mir jedoch unsicher, ob es daran lag, dass Bella und Avery durch den gemeinsamen Kunst-Kurs endlich ein Gesprächsthema gefunden und Adrienne schlichtweg angesteckt hatten, oder ob Bellatrix' oftmalige Abwesenheit, wenn sie sich mit ihren Freundinnen aus Gryffindor traf, die Wogen geglättet hatten – wobei sich etwas in mir sträubte, Letzteres zu als Erklärung zu akzeptieren.
Dadurch, dass die drei sich nicht mehr so oft in den Haaren lagen, kamen wir auch alle sechs insgesamt besser miteinander klar und konnten uns auf wichtigere Dinge konzentrieren.
So waren es nicht mehr bloß Rodolphus, Bellatrix und ich, die uns für die Dunklen Künste interessierten, nein, wir alle verloren uns förmlich in den vielen verschiedenen Sparten, die es in dieser faszinierenden Art der Magie zu lernen gab.
Unser Wissensdurst war kaum zu stillen, wir lernten Flüche auswendig und testeten sie an kleineren Tieren (wobei sich Bellatrix strikt weigerte, ihre Kaninchen dafür herzugeben), wir versuchten, uns Bücher zu besorgen, die vom Ministerium mit peinlicher Genauigkeit im Dunklen gehalten wurden – was unser Interesse natürlich nur noch steigerte, und dank Lucius und mangelnder Postkontrolle kamen wir auch in den Genuss dieser Schriften.
Irgendwie gelang es uns auch, unser Treiben vor den Lehrern geheim zu halten, denn eins war klar: Wenn Dumbledore und Konsorten Wind davon bekamen, dass wir drauf und dran waren, die Unverzeihlichen Flüche zu lernen, würden wir in hohem Bogen von der Schule fliegen.
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Flashback Ende
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„Wann hast du es eigentlich zum ersten mal geschafft, einen Zauber zu erstellen?", fragt Bellatrix, als hätte sie meine Gedanken gelesen.
„Mit fünfzehn", antworte ich und muss lachen, als sich ein bitterer Ausdruck auf ihr Gesicht schleicht – ich hatte es tatsächlich geschafft, sie in einer Sache haushoch zu übertreffen: Sie hat es nie geschafft, einen Zauber zu erstellen, und Merlin weiß, sie hat es tage- und nächtelang versucht.
„Aber die wirkungsvollsten kamen erst mit sechzehn zustande."
Nun grinst sie doch. „Levicorpus?"
„Sectumsempra", erwidere ich mit demselben Lächeln, das ich auf den Lippen gehabt habe, als James Potter den Fluch zum ersten mal zu spüren bekommen hatte.
Mein Fluch schnitt einen tiefen Riss in Potter Wange – eine kleine Rache dafür, dass er es wagte, meine eigenen Zauber gegen mich zu verwenden!
„Du hattest sie aufgeschrieben, irgendwann, in einem Schulbuch, glaub ich…" Es fällt ihr sichtlich schwer, Details aus ihrer Erinnerung hervor zu kramen.
„Ja, genau. Zusammen mit vielen anderen nützlichen Notizen..."
Wir verharren für einen Augenblick in Schweigen. In diesem Moment öffnet sich die Tür und Rodolphus gesellt sich zu uns.
Auch ihn hat die Gefangenschaft in Askaban verändert. Er wirft uns nicht einmal einen misstrauischen Blick zu, wie er uns hier auf dem Bett seiner Frau hocken sieht, noch dazu, wo sie ja doch recht spärlich bekleidet ist. Doch anstatt, wie früher, eifersüchtig zu reagieren, setzt er sich wortlos zu uns.
Die Kerzen beleuchten nun auch sein Gesicht, und ich bemerke wieder, dass zwischen ‚beleuchten' und ‚erhellen' Welten liegen – wie immer, wenn ich ihn sehe. Die Schatten unter seinen blauen abgestumpften Augen sind fast so dunkel wie die von Bellatrix, seine Haut ist bleich und wächsern, die Wangen sind so hohl wie sein ganzer Körper abgemagert ist. Er hat Haar und Bart wieder auf die gleiche Länge gestutzt wie vor Askaban. Das ist das Einzige, was noch ein wenig auf sein großartiges Aussehen von damals hindeutet.
Jetzt legt er den Kopf auf die Schulter seiner Frau. „Was macht ihr?"
Während Bellatrix auf das Memoiren-Album deutet und ihm leise erklärt, was wir innerhalb der letzten Stunde wiedererlebt haben, beobachte ich die beiden weiterhin. Es ist bei weitem nicht das erste mal, dass ich sie nach Askaban zusammen sehe, aber es erschreckt mich immer wieder, was dieses Gefängnis aus den Menschen machen kann. Es ist nicht so, dass ich finde, sie hätten es nicht verdient, oh nein, und ich bin mir sicher, sie wissen, dass ich nach wie vor die Meinung vertrete, dass sie nichts Besseres verdient haben für das, was sie den Longbottoms angetan haben – es ist nur so, dass sie beiden immer noch als meine besten Freunde in meinem Herzen sind, und es verdammt schwer für mich ist, sie so zu sehen, so… gebrochen.
An ihrem Hochzeitstag haben die beiden genau so beieinander gesessen, er hatte sie von hinten umarmt und den Kopf auf ihrer Schulter abgelegt, doch ihre Gesichter hatten damals noch Farbe, ihre Augen hatten vor Emotionen gesprüht … sie hatten damals noch richtig gelebt.
Nun breitet sich so etwas wie ein Lächeln auf Rodolphus Gesicht aus. „Je t'aime", flüstert er Bellatrix zusammenhanglos ins Ohr und blättert ein wenig in dem Album. Sie verzieht das Gesicht zu einem Lächeln. „Ich weiß…"
„Auch, wie lang das schon so ist?" Er wirft mir einen Blick zu und grinst, was auf seinem Gesicht geradezu maskenhaft aussieht. Oh nein, er will ihr das doch nicht allen Ernstes zeigen?
Bellatrix runzelt die Stirn, wahrscheinlich wundert sie sich über unseren wortlosen Gedankenaustausch, aber als ich die Seite anschaue, die Rodolphus aufgeschlagen hat, weiß ich eindeutig, an welches Ereignis er denkt. Er, ich, eine Flasche Schwefelwodka und seine gehörige Portion Liebeskummer.
Keine zwei Minuten später gleiten wir alle drei in diese Erinnerung hinein.
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Rodolphus Erinnerung
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Wie konnte sie nur!
Ausgerechnet Mulciber… das war so verdammt demütigend!
Ich warf der Flasche mit der durchsichtigen Flüssigkeit neben mir einen giftigen Blick zu. „Guck mich nicht so an", knurrte ich. „Ich gehöre ganz bestimmt nicht zu den Männern, die ihren Frust wegen Frauen in Alkohol ertränken!"
Obwohl… warum eigentlich nicht? Merlin, ich wusste seit zwei Jahren, dass ich Bellatrix nach unserem Schulabschluss heiraten sollte, ich mochte sie… naja, eigentlich war es mehr als nur mögen... sie war einfach perfekt: Sie kam aus gutem Hause, war eine ausgezeichnete Schülerin mit erstklassigen Noten, sie hatte vernünftige Ansichten, sie war sogar ganz nett, wenn man nur richtig mit ihr redete… und, heilige Agrippa, sie war schön! Ich wunderte mich, warum ich es nicht früher bemerkt hatte, immerhin lebte ich seit vier Jahren mit ihre zusammen. Diese rabenschwarze Haarmähne, die nur ganz leicht gebräunte Haut, diese blaugrauen Augen, in denen man so leicht versinken konnte, die schlanke Taille… es ist schon fast eine Besessenheit – sie würde mich umbringen, wenn sie es wüsste, oder zumindest foltern und sich an meinem Schmerz erfreuen. Genug Übung hat sie ja allemal.
Verdammt, ich sollte mich nicht so darüber aufregen… aber es machte mich wahnsinnig, dass Mulciber sie haben konnte und ich nicht!
Es hatte verflucht wehgetan, die beiden eng umschlungen und knutschenderweise am See zu beobachten… und ich zweifelte keinen Moment daran, dass die beiden mehr als nur knutschten.
Miststück.
Der Blick, den ich der Flasche nun zuwarf, war um einiges freundlicher und es dauerte nicht lange – ehrlich gesagt, nur ein paar Schlucke – bis ich mich mutig genug fühlte, Bellatrix ins Gesicht zu sagen, dass ich sie für ein Flittchen hielt. Ausgerechnet dieser Schleimsack Mulciber – pah! Dass sie sich überhaupt von ihm berühren lassen konnte, ohne Brechreiz zu kriegen. Genau das würde ich ihr sagen, nahm ich mir vor, und zwar auf der Stelle!
Doch ich kam nicht mal dazu, von meinem Bett aufzustehen, denn Severus betrat unseren Schlafsaal.
„Hey, Rod, wo bleibst… du… denn…"
Er hatte genug Erfahrung mit Evan und Avery, um meinen Zustand verhältnismäßig schnell zu erkennen.
„Ähm… ich weiß, das kann dir egal sein, aber es ist noch nicht mal drei Uhr… findest du es nicht ein bisschen zu früh, um dir die Kante zu geben?", versuchte er es diplomatisch.
„Wenn vierzehn nicht zu früh ist, um sich an einen ekligen Mistkerl wegzuwerfen, dann is' drei Uhr auch nicht zu früh für…" Ich hob die Flasche vor meine Augen und las das Etikett. „… Schwefelwodka."
Demonstrativ nahm ich einen extragroßen Schluck.
Sev seufzte und ließ sich neben mir nieder. „Vierzehn ist für wen zu früh, um sich an wen zu verschenken?"
„Bella ist zu jung."
„Wofür?"
Himmel, war der begriffsstutzig! Oder war es mir doch so gut gelungen, meine Zuneigung für Bellatrix versteckt zu halten, dass Sev nicht wusste, dass es mir sehr wohl etwas ausmachte, dass sie einen Freund hatte, der drei Jahre älter war als sie?
„Um mit Mulciber in die Kiste zu steigen." Das war doch wohl nicht meine Stimme, die sich da so weinerlich anhörte?
Anscheinend doch, denn – ich hätte es mir denken können – Severus' Mundwinkel zuckten. Dieser unsensible Mensch!
„Wenn sie meint, sie wär so weit… aber was geht dich das an?"
„Ich muss sie in…warte… allerspätestens sechs Jahren heiraten! Ich fühl mich für sie verantwortlich."
Ich trank noch einen Schluck und hielt ihm die Flasche hin. „Auch?"
Zu meiner Überraschung nahm er die Flasche, trank aber nicht, sondern studierte nur die Inhaltsstoffe.
„Aber das ist es doch gerade", meinte er, während er las.
„Ist was?"
„Du musst sie erst in ein paar Jahren heiraten. Bis dahin habt ihr beide alle Freiheiten."
Ich fand es erstaunlich, dass ich mir in meinem erbarmungswürdigen Zustand überhaupt noch die Frage stellte, ob ihm klar war, dass er im Moment mit solch vernünftigen Argumenten überhaupt nichts bei mir erreichen konnte.
„Ich will aber die Freiheiten nicht… ich will sie."
Das war mir schneller herausgerutscht als mir lieb war. Severus blickte erstaunt von der Flasche auf.
„Sie ist zwar ein sadistisches kleines Miststück, aber… verdammt, sie hat mich einfach verzaubert", fuhr ich mit einer Selbstverständlichkeit fort, als sei es etwas Alltägliches, dass ich mein Gefühlsleben vor jemand anderem ausbreitete.
Sev sah für einen Moment aus, als wollte er lachen, stattdessen biss er sich jedoch auf die Lippen, bevor er anfing zu sprechen.
„Ähm… und du bist sicher, dass dieses… ‚verzaubert sein' nicht nur auf ein paar pubertären Anwandlungen beruht?"
Wollte ausgerechnet er – einer meiner besten Kumpel – MICH etwa nur als… notgeilen Teenager bezeichnen? Ich war empört.
„Bist du bescheuert? Ich liebe diese Frau!" Dass ich ihm daraufhin die Flasche aus den Händen zog und sie bis zur Hälfte leerte, trug natürlich nicht gerade dazu bei, dass er mich und meine Worte ernster nahm.
Dafür trennte er mich mit sanfter Gewalt von der Flasche. „Was willst du eigentlich hören?", fragte er, halb belustigt, halb verärgert.
Ich seufzte und ließ mich rückwärts auf mein Bett fallen. Keine gute Idee, tat meinem Gleichgewichtssinn keinen Gefallen. War dankbar, dass ich lag. „Sag mir einfach, dass Bella es nicht wert ist, dass ich mich ihretwegen an einem Samstagnachmittag vor drei Uhr betrinke", murmelte ich.
„Ich wird mich hüten, das zu sagen", wurde Sev jetzt streng. „Sie ist vielleicht ein sadistisches Mädchen, das es wagt, mit vierzehn ihren ersten Freund zu haben, der –oh wie schrecklich! – auch noch älter und erfahrener ist als sie, aber sie kann nichts dafür, dass du dich mit 40-Prozentigem, gesundheitsgefährdenden Zeug zuschüttest! Lass den Alkohol weg und schau dich ein bisschen besser hier in der Schule um, es gibt jede Menge Mädchen, die dich von Bella ablenken können!"
Er zog mich auf die Beine (unnötig zu sagen, dass ich ein paar Schwierigkeiten mit dem geraden Stehen hatte) überredete mich dazu, eine kalte Dusche zu nehmen.
Doch noch auf dem Weg ins Badezimmer überlegte ich uneinsichtig, ob ich nicht einfach zu Bellatrix gehen und ihr meine Meinung über sie sagen sollte.
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Als wir wieder in Lestange Mansion landen, überlegt Bellatrix wahrscheinlich, warum ihr Mann ihr eine solche Szene zeigen sollte, die seine Schwäche für sie in einem so deutlichen Licht zeigt – doch sie erfüllt ohne Frage Rodolphus Vorwürfe von damals. Während ich ihn wieder mit einem mitleidigen Blick bedenke, den er mit einem Unsicheren erwidert und sich fragt, ob das Ganze eine gute Idee gewesen ist, schaut sie ihn mit einer Mischung aus Belustigung, Spott und Häme an, die wohl noch mehr Unwohlsein in ihm auslöst.
„Oh Merlin, das hast du also gemacht, während wir in der Bibliothek saßen und nach genauen Anweisungen für den ‚Eleka nohmen' gesucht haben…"
Wie Rodolphus schon sagte, sie kann ein sadistisches Miststück sein, das viel zu hübsch für diesen Kern ist. In diesem Sinne hat wohl keiner von uns einen guten Einfluss auf sie gehabt, weder wir, noch Lily und Mimi, und erst recht nicht ihre Familie.
