Disclaimer: Harry Potter Charas by J.K. Rowling, paar Charas by me, uuuund – ganz wichtig – Zitate aus Moulin Rouge by Baz Luhrmann und den anderen beteiligten Filmmachern. Hab nur die englische Version des Films, deshalb sind die Zitate nur sinngemäß übersetzt…

Falls jemand einen genauen Cast von diesem kleinen Crossover von HP auf MR haben will, einfach bescheid sagen :)

Vielen Dank für die Reviews an Nyarna und Eilantha #euch knuddel#.

Nyarna: Ach, das beruhigt mich, dass das mit den eigenen Charas noch durchschaubar ist, das ist eine der Sachen, die mir am Meisten Sorgen machen…Ähm, eigentlich war es umgekehrt: Sirius hat sich mit einer Halbblüterin getroffen und ist dabei von seiner Mum erwischt worden. Die Moulin-Leitung habe ich von den Lehrern aus extra auf McGonagall übertragen. Warum es Lucius getroffen hat, stand ganz versteckt auch im letzten Kapitel ;) Der Film ist übrigens wirklich sehr sehenswert. Mit der Verwandschaftssituation: Ich beziehe mich da auf Sirius' Aussage in Band 5, dass alle Reinblüterfamilien miteinander verwandt sind. Ich bin irgendwie immer davon ausgegangen, dass McGonagall reinblütig ist, deshalb ist sie eben auch etwas näher mit den Lestranges verwandt – und mit den Potters sogar noch enger, aber darauf komme ich später zurück. Vielen Dank übrigens für die Geburtstagsgrüße :)

Eilantha: Oh, von Bella kommt noch jede Menge, keine Sorge. Und von Gwen auch. Für beide aber bitte noch ein bisschen Geduld aufbringen, die Schule muss ja erst mal beendet werden ;) Vielen Dank für den Tee #g#

Kapitel 6: Komme was solle

"Whatever happens, I'll leave it all to chance
Another heartache, another failed romance
On and on, does anybody know what we are living for?
I guess I'm learning, I must be warmer now
I'll soon be turning, round the corner now
Outside the dawn breaking, but inside in the dark I'm aching to be free
The show must go on…"
Queen – The show must go on

Ich wage es erst nach ein paar Minuten, wieder aufzuschauen. Während Bellatrix leicht nachdenklich dreinschaut, greift Rodolphus nun wieder nach dem Album und schaut sich einige Abbilder der Erinnerungen an.

„War das hier nicht erst zwei Wochen vor der Premiere?", fragt er schließlich mit Blick auf einige tanzende Paare.

Seine Frau neigt ebenfalls den Kopf und schüttelt ihn fast sofort lachend. „Nein, das war etwas früher. War aber trotzdem ein toller Muskelkater."

Sie blättert noch einmal zurück und wir finden zwischen den Seiten ein loses Blatt. Die Besetzungsliste – oder Lucius' Drama unseres sechsten Schuljahrs.

Ich bin froh über den Themenwechsel. Ich habe es geschafft, die Erinnerung an Gwendoline siebzehn Jahre lang fast vollständig zu unterdrücken – ich muss nicht ausgerechnet hier und jetzt wieder in diesen Teufelskreis aus Sorge und Sehnsucht verfallen!

Eigentlich hätten wir es voraussehen können: James Potter und Lily Evans in den Hauptrollen. Es hatte niemanden gewundert. Allerdings hatte sogar ich Mitleid mit James, denn im Gegensatz zu Lily wurde er von seinen Freunden mit ziemlichem Nachdruck in seine Hauptrolle als mittellosen Schriftsteller gedrängt (ich denke immer noch, dass Black, Lupin und Pettigrew damit beabsichtigt haben, die beiden zu verkuppeln – das Gestreite der beiden war sogar für Nicht–Gryffindors kaum noch zu ertragen gewesen.)

Lucius hatte aufgeatmet, als die Hauptrollen endlich besetzt waren, doch die Nebenrollenbesetzungen brachten ihn fast um den Verstand – letzten Endes war nichts mehr wie anfangs geplant.

In der Zwischenzeit tat sich einiges, was die häuserinternen Beziehungen anging. Ich könnte jetzt eine Menge Beispiele bringen, aber um es kurz von meinem damaligen Standpunkt aus zu sagen: Lily und ich ließen endlich von unserer Rivalität um den ersten Platz bei Slughorns Favouritenliste ab. Wir beschlossen, miteinander anstatt gegeneinander zu arbeiten – und kamen damit tatsächlich viel besser zurecht als mit der gegenteiligen Arbeitsweise. Mit Remus Lupin kam ich relativ gut klar, da wir gezwungenermaßen als ‚Bohemiens' im Theaterstück zusammenarbeiten mussten. Mochte ja auch sein, dass er menschlich ganz nett war, aber er hielt sich eben immer noch aus den Attacken und Streits heraus, die ansonsten immer noch zwischen unserer Clique und den anderen Rumtreibern entfacht wurden – diese wurden auch dadurch nicht ungefährlicher, dass die ‚Bohemiens' ausschließlich aus den Rumtreibern Lupin, Black und Potter und eben mir und Rodolphus bestanden.

Flüche, Duelle, Strafarbeiten – und das alles zwischen Unterricht und Proben.

Trotzdem überlebten wir diese Zeit relativ unbeschadet – mit ‚wir' meine ich übrigens Evan, Rodolphus, Avery und halbwegs auch mich. Die Mädchen jedoch litten regelmäßig unter Muskelkaterattacken, hervorgerufen durch Lucius' Tanztraining – und sie waren wirklich keine Meister im stillen Leiden.

Ich glaube, Adrienne hat die Erinnerung, auf die mein Blick nun fällt, nur in das Album eingefügt, um Leuten wie Rodolphus oder Evan – also Leute, die nicht tanzten, obwohl die eigentlich gekonnt hätten – ein Schlechtes Gewissen zu machen.

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Adriennes Erinnerung
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Heilige Agrippa, ich glaub, meine Beine haben noch nie so weh getan", jammerte Hestia.

Die Große Halle hatte sich, wie so oft, für unsere Proben in ein kleines Theater verwandelt. Wir saßen am Bühnenrand und hatten einen guten Blick in die Halle, in der anstelle von Sitzen für das nicht anwesende Publikum noch immer die Häusertische standen. Trotzdem, ich musste zugeben, dass die Atmosphäre hier viel besser war als in den Klassenzimmern, in denen wir bis Weihnachten trainiert hatten. Inzwischen war es April und die Proben – meistens Tanzproben - wurden immer heftiger – zumindest für die weiblichen Mitglieder unserer kleinen Truppe. Die meisten Herren der Schöpfung zierten sich ja so sehr, wenn es ums Tanzen ging…

Es war erst die Mittagspause am zweiten Tag des Probenwochenendes, aber die Tanzerei vom Vortag hatte bei uns Spuren hinterlassen – naja, zumindest bei den meisten von uns – Mimi, unsere Primaballerina, spürte natürlich kaum etwas von dem, was wir anderen als Behinderung beim Treppenlaufen bezeichneten. Na ja, wenigstens waren ihre Aufmunterungsversuche bei Bella und Dorcas erfolgreich…

Bei mir geht's eigentlich noch", meldete sich Gwendoline zu Wort und rieb sich den Knöchel. „Ich komm nur noch nicht mit diesen hohen Hacken klar…"

Lily grinste. „Meinst du, du gewöhnst dich da innerhalb von zwei Monaten dran?"

Kein Problem, das wird schon", war das Einzige, was Gwen erwiderte, bevor sie die Blasen an ihren Füßen mit Pflastern versorgt.

Unter normalen Umständen hätte mich allein schon dieses leicht spöttische Lächeln von Lily zum Kochen gebracht, aber seltsamerweise hatte uns das knappe halbe Jahr, das wir jetzt intensiver probten, irgendwie zusammengeschweißt und ich war schon froh darüber, dass sich die Gryffindor als ‚Mann' zur Verfügung stellte, wenn von den echten Herren schon kaum jemand tanzen wollte – auch wenn sie Lucius' Schritte grottenschlecht ausführte und es ein gewisses Risiko darstellte, sie als Partner zu haben, wie Alice gestern festgestellt hatte..

Severus, Bellas Cousins Sirius und Regulus (welch Familienzusammenkunft…), Remus Lupin, Peter Pettigrew und ein paar Jungs aus Narcissas Jahrgang – das waren die Wenigen, die als männliche Tanzpartner für zehn Mädchen zur Verfügung standen. Ansonsten hatten sich wenigstens ein paar andere Mädchen, die eigentlich eher im Bereich von Technik und Maske arbeiten wollten, dazu bereit erklärt, als ‚Männerinnen' zu tanzen.

Ich persönlich hielt die Verwandlung, die wir in den letzten Monaten durchgemacht hatten, für unglaublich: Die Beziehungen zwischen den Häusern waren, zumindest, was unseren Jahrgang anging, so harmonisch wie noch nie, man kam plötzlich mit Leuten klar, denen man früher eher den Kopf abgerissen hätte, als sie freundlich anzusprechen. Natürlich verstand sich nicht plötzlich jeder mit jedem, so etwas ist unmöglich. Aber im sozialen Umgang miteinander haben wir wirklich Fortschritte gemacht. Sogar Sev und die Rumtreiber hatten sich in den letzten zwei Monaten weniger als fünf mal miteinander angelegt, und das soll was heißen!

Und am seltsamsten war meines Erachtens immer noch, dass es ausgerechnet Lucius gewesen war, der diese Verwandlung herbeigeführt hatte. Lucius, der uns in unseren ersten Schuljahren immer vor zu engem Kontakt mit den anderen Häusern gewarnt hatte.

Und dieser Mann verstand sich inzwischen wunderbar mit so ziemlich jedem – sogar mit den meisten Gryffindors! - er gab nur uns Slytherins gegenüber seine üblichen rassistisch angehauchten Kommentare von sich, während er gleichzeitig immer wieder versuchte, Narcissa zu beeindrucken (übrigens ohne Erfolg, und wir alle fragten uns, warum er sich überhaupt die Mühe machte – sie hatte ja sogar schon in die Heirat eingewilligt).

Er war zu jedem freundlich und höflich, sprühte vor Energie (Avery behauptete steif und fest, er nähme Aufputschmittel) – und war gleichzeitig oft sehr ruhig und schien einfach nur seine Umgebung zu beobachten.

Besagter Mann kam nun bestens gelaunt und mit Sev, den Black-Brüdern, Remus, Peter, James und ein paar potentiellen Tanzpartnern aus Hufflepuff zurück in die Große Halle.

Na, seid ihr wieder halbwegs in Ordnung?", begrüßte er uns und setzte sich zwischen Narcissa und Lily. Motiviertes Nicken unsererseits. Was waren wir alle für Lügner. Natürlich, das alles machte tierisch Spaß, aber nach den ganzen Kicks, die in den Tänzen vorkamen, tat das alles auch tierisch weh…

Wunderbar, dann wartet noch eine Stunde, bis die hier-" er nickte den Jungs hinter ihm zu. „Bis die hier das auch können, und dann probiert ihr das mal alles zusammen."

Hmm, neun Jungs für zehn Mädchen… ach klar, er rechnete sich schon wieder Chancen bei Narcissa aus… Lucius, Lucius, so wir das nie was!

Und dann seid ihr beide dran", fügte er mit belustigten Blicken auf Lily und James hinzu, die beide sehr gequält lächelten.

Oh – Merlin! Nichts wie weg!

Ich beeilte mich, mich den anderen Mädchen anzuschließen. Das hatten wir uns verdient: Draußen war es inzwischen viel zu schön, um in der Halle zu bleiben, während sich die Herren und Hauptdarsteller mit Samba-Schritten abmühten…

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„Es HAT wehgetan, hör auf, so zu grinsen!" Und das ist typisch Bellatrix – selbst austeilen, ohne einstecken zu können. In diesem Fall merkt sie es allerdings selbst, sie schafft es ja nicht einmal, mich anzufauchen, ohne grinsen zu müssen.

„Hast du das Lucius eigentlich vorgehalten? Den Muskelkater, an dem er Schuld war, mein ich", fragt Rodolphus. Er klingt inzwischen wieder ganz normal, aber in seinem Blick liegt immer noch etwas Bitteres. Er war schon früher nachtragend, inzwischen scheint er sogar seiner geliebten Frau die Dinge, die sie tut und sagt, nicht mehr so leicht zu verzeihen.

Bellatrix schüttelt nur den Kopf. „Lucius mag uns zwar mit diesen Tanzsachen jede Menge Muskelkater und blaue Flecken zugefügt haben, aber…" Sie grinst etwas schief. „Er hat uns ja auch einen großen Gefallen getan…"

Da ist es wieder - dieses Glühen in ihren Augen. Mir ist klar, dass sie nicht von der Moulin- Rouge- Sache spricht. Ihr Lächeln nicht sanft genug für diese geradezu harmlose Zeit in unserem Leben. Nein, das Glitzern in ihren Augen zeugt einmal mehr von der Dunkelheit, die uns fast gleichzeitig mit der Harmonie der zweiten Hälfte unseres sechsten Schuljahres überfallen hat - sie redet von unserer ersten Begegnung mit dem Dunklen Lord.

Und wie sie schon sagte, war es Lucius gewesen, der uns zu ihm gebracht hatte.

Ich erinnere mich noch, wie oft Evan und ich uns gefragt haben, warum der damals 22-jährige Lucius uns häufig versunken anstarrte. Uns Slytherins, aus unserem Jahrgang und dem unter uns. Als würde er versuchen, etwas oder jemanden in uns wieder zu erkennen oder etwas in uns zu finden.

Wie hätten wir damals wissen können, dass er genau das tat? Dass er schon damals in seinen Diensten stand? Dass er, den Lucius nie wirklich erwähnte, seinen Diener nicht einfach so für ein Jahr von seinen Pflichten entbinden würde? Natürlich hatte gab er Lucius einen Auftrag – wenn er schon mal einen Diener direkt unter einer potentiellen Generation neuer Anhänger hatte, musste das ausgenutzt werden.

Lucius machte eigentlich das, was nicht nötig gewesen wäre. Die regelmäßigen Theaterproben hielten uns immerhin nicht davon ab, weiterhin in die Schattenwelt der Dunklen Künste einzutauchen, und er wusste es. Ich zweifle nicht daran, dass er von Anfang an sicher war, dass einige von uns begeistert von den Möglichkeiten sein würden, die sein Herr uns bieten konnte. Wahrscheinlich brauchte er nur noch die Gewissheit, dass wir vertrauenswürdig waren, bevor er uns am 22. Mai 1976 schließlich offen ansprach. Das Datum werde ich wohl nie vergessen – immerhin stand ich zwei Tage später zum ersten Mal dem dunkelsten Magier seit langem gegenüber.

Lucius brauchte seine Begabung im Redenhalten gar nicht einzusetzen – wir waren allesamt Feuer und Flamme. So kam es also, dass an diesem 24. Mai 76, genau einen Monat vor unserer Premiere, Avery, Adrienne, Bellatrix, Evan, Rabastan, Regulus, Rodolphus und ich mit Lucius unbemerkt in den Verbotenen Wald schlichen…

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Flashback
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Zu sagen, dass ich nervös war, wäre die Untertreibung des Jahres gewesen.

Ich hatte Angst!

Und da war ich nicht der Einzige: Evan, Regulus und Adrienne schauten so unbehaglich drein wie ich mich fühlte. Aber verdammt, konnte man uns das übel nehmen? Ich meine, klar, wir hatten uns freiwillig auf diese Sache eingelassen, wir waren uns bewusst, wem wir treffen würden: Lord Voldemort, den dunklen Zauberer, dessen Namen sich die meisten Leute kaum noch auszusprechen trauten. Da durfte man doch wohl ein wenig ängstlich werden!

Ich versuchte allerdings, mir diese Furcht nicht anmerken zu lassen. Ich war hin- und hergerissen. Einerseits war dies eben der Zauberer, vor dem wir alle gewarnt worden waren – von Dumbledore, von McGonagall, sogar von Slughorn.

Andererseits hatte das, was Lucius erzählt hatte, äußert reizvoll geklungen. Dieser Dunkle Lord konnte uns viele Türen offen halten – weitere Studien der Dunklen Künste, Möglichkeiten, unseren Wissensdurst zu stillen, Freiheit, jene Flüche und Tränke zu testen, die wir in Hogwarts niemals mehr als theoretisch durchgehen konnten… das waren so meine Beweggründe, deswegen war ich heute Abend mitgekommen. Für Rodolphus, Adrienne und Bellatrix spielten auch die Ansichten dieses Mannes eine erhebliche Rolle, da war ich mir sicher. Alle drei hatten ebenfalls den Wünsch, einige der verbotenen Flüche, die wir gefunden hatten, auszuprobieren – und das am Besten an Muggelstämmigen.

Vor allem, weil die gesamte Lehrerschaft uns ihre Ansichten aufdrängen wollte, waren wir versucht, uns diesem Mann anzuschließen, der doch viel eher wie wir dachte.

Eine leise Stimme in meinem Kopf, die sich zu meiner Verwunderung anhörte wie Lily, sagte: „Wenn du dich ihm anschließt, treibst du die Welt noch ein bisschen weiter in den Untergang! Was bringt es denn, Blut auf eine so hohe Stufe zu stellen?"

Ich ignorierte es. Seltsam, wie bösartig man werden kann, wenn man sich nur lange genug einredet, dass man fähig und willens dazu ist…

Lucius führte uns zu einer Lichtung, nicht weit entfernt vom Waldrand, aber weit genug, um sich von dem Knacken und Rascheln, das überall um uns herum zu hören war, beunruhigen zu lassen. Das zumindest war mehr als deutlich in Regulus' Gesicht zu lesen. Kein Wunder, immerhin war es, bis auf das eher spärliche Licht unserer Zauberstäbe, stockdunkel.

Nachdem wir allerdings etwa fünf Minuten auf der Lichtung herumgestanden hatten, ohne dass etwas passiert war, wurden wir alle ruhiger. Bellatrix, Lucius und Evan ließen sich im Gras nieder.

Wir warteten bestimmt eine Viertelstunde. Niemand sagte etwas, aber ich war mir sicher, nicht der Einzige zu sein, der langsam ungeduldig wurde.

Na ja, wenigstens schien die Angst ein wenig nachgelassen zu haben, dachte ich noch, bevor ich ein ‚Plopp' zwischen den Bäumen nahe der Lichtung vernahm. Auch die anderen schauten auf – das Geräusch eines apparierenden Zauberers war nach dem vorhergegangen Schweigen noch Lauter für unsere Ohren.

Ich spürte meine Anspannung unangenehm beklemmend zurückkehren – das musste ER sein…

Lucius erhob sich. „Herr?", fragte er leise.

Komm zu mir, Lucius", antwortete eine seltsam hohe Stimme, die mir Gänsehautschauer über den rücken jagte – noch nie hatte ich eine so kalte Stimme gehört. Während Lucius mit kreidebleichem Gesicht in die Richtung ging, aus der die Stimme ihn gerufen hatte, sah ich aus den Augenwinkeln, wie sich Rabastan und Regulus aus dem Licht der Zauberstäbe zurückzogen.

Nun stellt euch mal nicht so an", zischte Bellatrix und bewirkte damit, dass wir uns alle zu ihr umdrehten. „Was soll ER denn von uns denken? Dass Lucius einen Haufen Angsthasen rausgepickt hat? Reißt euch mal ein bisschen zusammen!"

Sie schien wild entschlossen zu sein, einen guten Eindruck auf den Dunklen Lord zu machen.

Besagter Lord schien sich in der Zwischenzeit bei Lucius informiert zu haben, allerdings so leise, dass wir kein Wort verstehen konnten – waren überhaupt Worte gefallen!

Nun kamen beide auf uns zu, ER hinter Lucius. Wir erhoben uns und senkten, da wir nicht wussten, was wir sonst mit ihnen tun sollten, unsere Zauberstäbe, mit dem Resultat, dass wir das Gesicht unseres Gegenübers im extrem schwachen Licht des abnehmenden Mondes nur noch erahnen konnten. Er musste allerdings sehr blass sein, denn wir konnten die dunklen Augenhöhlen und den Mund seltsam deutlich erkennen.

Ihr könnt die Zauberstäbe ruhig wieder anmachen", sagte ER mit seiner hohen kalten Stimme, aber wir konnten mehr hören als sehen, dass er lächelte.

Ich wagte es nicht, den Blick von diesem… Gesicht, wenn man es so nennen konnte, zu nehmen, aber ich war mir ziemlich sicher, dass nicht nur ich mir wünschte, den Zauberstab nicht wieder angemacht zu haben.

Lord Voldemorts Gesicht ähnelte viel mehr einer Maske oder einer Karikatur, mit der man (nicht nur) Kinder erschrecken könnte. Seine Haut war nicht blass, sie war schneeweiß und so fest über seine Wangenknochen gespannt, dass ich das Gefühl hatte, einen Totenschädel anzuschauen. Aber in einem Totenschädel hätten keine solchen Augen geleuchtet: Blutrot und gefährlich blitzend. Die schmalen Lippen waren tatsächlich zu einem Lächeln verzogen, aber dieses Lächeln ließ das Gesicht nur noch furchterregender erscheinen.

Endlich gelang es mir, den Blick IHM abzuwenden und den von meinen Freunden zu suchen. Evan erwiderte ihn, er schien gleichzeitig panisch und beeindruckt zu sein. Bellatrix starrte den großen Mann vor uns noch immer an, was auch immer sie dachte, sie hatte es hinter einer ausdruckslosen Miene verborgen. Regulus bemühte sich sichtlich, all seinen Mut zusammenzukratzen, um nicht auf der Stelle die Lichtung zu verlassen und Adrienne biss nervös auf ihrer Unterlippe herum. Zu meiner Überraschung wirkte ausgerechnet Rabastan als Einziger von uns nun sehr gelassen und brachte es tatsächlich fertig, zurück zu lächeln. Lucius schaute halb erwartungsvoll, halb beunruhigt zwischen seinem Herrn und uns hin und her.

Dieser musterte nun jeden einzelnen von uns sehr intensiv. Als er in meine Augen schaute, überkam mich die Vorstellung, vor einem riesigen Schrank zu stehen, und hinter jeder Tür, in jeder Schublade verbarg sich ein Teil meines selbst. Und ER konnte in jede Schublade voller Emotionen schauen, hinter jede Tür meiner Erinnerung… kein gutes Gefühl! Und seltsam, als er sich Avery zuwandte, schien diese Erfahrung wie aus einer anderen Welt, als wäre es nicht ich gewesen, der sie erlebt hatte…

Nun", begann der Dunkle Lord schließlich wieder zu sprechen, „ich weiß nicht, was ihr erwartet habt, aber mir scheint es, als hätte Lucius eine sehr gute Wahl getroffen. Ich habe nicht mit so engagierten jungen Menschen gerechnet."

Wieder dieses Lächeln… doch diesmal schien es geradezu … freundlich… ja, wenn man ein Wort für dieses Lächeln suchte, es nicht wieder als Furcht erregend bezeichnen wollte und es dem Klang SEINER Stimme trotz der Kälte entsprechen sollte, dann konnte es tatsächlich als freundlich durchgehen. Und diesmal hatte es auch die Wirkung, die ein freundliches Lächeln haben sollte: Wir entspannten uns ein wenig und schafften es, halbwegs zurück zu lächeln.

Lucius bedachte uns mit einem kurzen, zufrieden Blick, bevor er wieder seinen Herrn anschaute.

Ihr interessiert euch für die Dunklen Künste?", fragte dieser uns nun. Allgemeines Nicken.

ER zog seine Augenbrauen hoch. „Für welche Richtung?"

Wir tauschten unsichere Blicke aus, bevor sich Rodolphus räusperte. „Ähm… wir haben bis jetzt eher offensive Flüche und Schutzzauber ausprobiert… aber – ähm – es interessiert sich ja auch jeder für andere Gebiete…Stimmt's?"

Warum bekam ausgerechnet ich seinen Hilfe suchenden Blick ab? Aber ich zwang mich, zu sprechen, als sich die roten Augen des Dunklen Lords mir zuwandten.

Ähm, ja, genau… es gibt ja auch… sehr interessante Bereiche im Themengebiet der Zaubertränke… oder der… Flucherstellung…"

Aber wir suchen natürlich immer weiter nach neuen Bereichen, an denen wir arbeiten können." Bellas Stimme zitterte, ob vor Aufregung oder Furcht war nicht zu sagen.

Das klingt sowohl danach, als hättet ihr schon einige, auch praktische, Erfahrungen gemacht, aber auch danach, als hättet ihr noch kein Optimum gefunden", stellte der Dunkle Lord fest. Wir nickten vorsichtig. „Und liege ich richtig mit der Annahme, dass ihr viel mehr theoretisches Material zur Ausführung der Dunklen Künste gefunden habt, als ihr unter der Nase dieses alten Narren, Albus Dumbledore, ausführen konntet?" Heftigeres Nicken unsererseits

ER verzog verächtlich das Gesicht. „Mir ging es auch nicht anders, als ich an der Schule war."

Wir tauschten überraschte Blicke.

Dabei bieten die Dunklen Künste so viele Möglichkeiten, so viele interessante Bereiche, so eine wissenschaftliche Bandbreite wie kaum ein anderer Zweig der Magie… gerade weil dieser Zweig in sich noch viel weiter verästelt ist, ist es eine Schande, dass er euch vorenthalten werden soll."

Er schaute uns mit geradezu väterlicher Miene an.

Ähm… bedeutet das, dass Sie uns helfen könnten?", fragte Adrienne. „Dass wir auch diese unbekannten Zweige der Magie erforschen könnten?"

Das könnte ich", antwortet der Dunkle Lord. „Wenn ihr willens seid und Interesse habt könnte ich euch durchaus helfen."

Rabastan räusperte sich, bevor er vorsichtig zu sprechen begann. „Aber warum sollten Sie das tun? Ich meine, Sie haben genug Macht, um das Ministerium zu stürzen, Sie können eine ganze Armee für diesen Zweck aufbauen… warum sollten Sie uns helfen wollen? Wir sind doch nur ein paar Schüler, die sich für das Interessieren, was unsere Vorfahren tagtäglich ausgeführt haben…"

Weiter kam er nicht, da sowohl Avery als auch Rodolphus ihm die Ellebogen in die Rippen rammten, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Der Dunkle Lord jedoch hob seine linke Hand, und die beiden ließen von Rabastan ab, bevor er sagte:

Das ist eine berechtigte Frage, die eine ganz simple Antwort hat: Ich habe dieselbe Erfahrung gemacht wie ihr. Großes Interesse mit wenigen Chancen, das Gelernte auch umzusetzen. Ihr seid talentiert, warum sollt ihr nicht die Möglichkeit bekommen, das, was euch so fasziniert, auch anzuwenden?"

Er blickte dem jüngeren Lestrange-Bruder direkt in die Augen.

Glaub mir, Rabastan, ich würde euch dieses Angebot gar nicht unterbreiten, wenn ich mir nicht sicher sein könnte, dass zumindest ein paar von euch es annehmen werden." Sein Blick streifte Bellatrix, die einen Teil ihrer Scheu verloren hatte und ihn anlächelte, bevor er sich ein Stück von uns entfernte.

Es ist eure Entscheidung. Aber wenn ihr kein Interesse daran habt, mehr über die Dunklen Künste zu lernen, dann solltet ihr euch gut überlegen, was euch entgeht."

Der Grundstein wurde mit diesen Worten gelegt. Und allen war klar, dass dies unsere einmalige Chance war, all das zu lernen, was uns oben in der Schule verborgen bleiben würde – und das von dem wahrscheinlich mächtigsten Mentor, den wir uns wünschen konnten.

Wie auch immer er es anstellen würde, wir waren uns sicher, dass der Dunkle Lord die Mittel und Wege hatte, uns in diese Verästelungen der Dunklen Magie zu führen, von denen er gesprochen hatte…

Wir wären doch Dummköpfe gewesen, dieses Angebot von ihm auszuschlagen, oder?

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Flashback Ende
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Wir waren doch Dummköpfe, dieses Angebot anzunehmen, denke ich jetzt. Es war so einfach und doch so effektiv gewesen, Voldemort hatte uns auf geradezu lachhafte Art und Weise manipuliert und in seinen Kreis gezogen: Er hatte uns mit Versprechungen zu ihm gelockt. Er hatte uns tatsächlich unterrichtähnliche Lektionen in den Dunklen Künsten gegeben, und darüber waren wir schließlich in seinen Todesserkreis geraten…

Allerdings hatten wir in unserem sechsten Jahr kein weiteres Treffen mit dem Dunklen Lord gehabt. Unsere Ausbildung in die weiterführende Dunkle Magie begann erst im Winter 1976…

Besonders Bellatrix und Rodolphus hatten diese Lektionen geradezu aufgesogen… schon in unserer ersten ‚Stunde', fast ein Jahr später, vor unseren Bewerbungen an Universitäten und Ausbildungsstätten…

Jetzt, wo ich mich so umschaue, bemerke ich, dass die beiden gar nicht da sind. Einen Moment lang wundere ich mich, aber dann fällt mein Blick auf ein Abbild im Memoiren-Album: Die beiden schauen sich Proben für Moulin Rouge an. Es müssen die Hindi- Proben sein, der vorletzte Tanz, den wir knapp drei Wochen vor unserer Premiere in Angriff genommen haben. Oder? Nein, es scheint diese zusammengesetzte Erinnerung an alle möglichen Proben zu sein, die in der ‚heißen Phase' abgelaufen sind… mal sehen, ob ich die beiden in diesem Wirrwar finde…

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Evans Erinnerung
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Natürlich ist ein Orchester viel besser als Musik vom Tonband, aber dass es sich so gut anhörte, wenn Lily und James mit Instrumenten im Hintergrund sangen, hätte selbst ich nicht erwartet…

Sirius kam seiner Rolle als Dirigent Satie wörtlich nach, er war von Professor Slughorn, der sich inzwischen ebenfalls für unser Projekt erwärmt hatte, zur teilweisen Leitung des Orchesters beauftragt worden, das auch ohne Musiker spielte.

Was soll ich sagen, die Arrangements waren einfach klasse!

„… Anyway the thing is what I really mean
Yours are the sweetest eyes I've ever seen
And you can tell everybody, this is your song…"

Eine der besten Nummern würde jedoch wahrscheinlich genau die werden, die wir nicht mit Musik unterlegen würden. Remus, Sirius, Lily, Lucius, James, Severus und Rodolphus gingen nun in einer Reihe auf unseren ‚Duke', Ping Chang, zu.

„… Spectacular, Spectacular
No words in the vernacular
Can describe this great event
You'll be dumb with wonderment…"

Ich kann nicht anders, als zu denken, dass die Premiere einfach großartig werden muss!

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Severus' Erinnerung
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„Glücklicherweise fiel in diesem Moment ein bewusstloser Argentinier durch mein Dach", deklamierte Potter.

Ich warf mich auf den Tisch, der als Dach dienen sollte.

Ich liebte und hasste diese Szene. Sie hatte eine gewisse Komik, allein schon von den Texten her, aber für meinen Geschmack hatte ich hier viel zu viel mit Potter und Black zu tun.

Außerdem machte ich mir Sorgen, ob das Publikum den kleinen Scherz am Schluss begreifen würde: Narcissa – oder alternierend Gwendoline – als grüne Absinthfee…

„… und ich würde zum ersten mal Absinth trinken…"

Das war mein Stichwort! Ich griff nach dem Tablett mit den fünf Gläsern, in die Narcissa kurz zuvor eine grüne Flüssigkeit eingeschenkt hatte, und ließ eine kurze Stichflamme darüber erscheinen, bevor wir alle fünf jeweils ein Glas leerten.

Unter normalen Umständen hätten wir nun zusammen mit Narcissa die verheißungsvollen Worte „The hills are alive with the sound of music" singen müssen, aber unsere Münder brannten viel zu sehr, als dass wir auch nur einen Laut hätten von uns geben können.

Was zum Teufel hatte dieses Mädchen in die Gläser gefüllt!

Lupin und Rod waren die einzigen, die zusammen mit Cissy die Worte krächzen konnten, wir anderen husteten, prusteten und sahen zu, dass wir von der Bühne runter kamen, wo uns eine lachende Angie Potter, ihres Zeichens Maskenbildnerin für unser ganzes Ensemble, erwartete.

Was war das denn?"

Das wüssten wir auch gerne", knurrte Black.

Absinth", flötete seine blonde Cousine. „Auf dass ihr das Zeug niemals freiwillig trinkt…"

Was bei Merlin hatte diese Lektion gebracht? Mal abgesehen davon, dass wir wohl tatsächlich nie wieder Absinth trinken würden…

Ich mochte Narcissa normalerweise, aber in diesem Moment hätte ich sie umbringen können!

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Bellatrix' Erinnerung
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Eins – zwei – der- vierAchtung – jetzt – mit-", schallte Lucius' übliches ‚Einzählen' durch den Verwandlungsklassenraum, bevor wir loslegten.

Jede Menge ‚pseudo-indische Bewegungen', wie Emmeline es nannte. Das Schlimmste an diesem Tanz war wohl, dass wir uns aus dem Sprung auf unsere armen Seiten fallen lassen mussten. Heute morgen, bevor es losging, haben wir Mädchen erst einmal unsere blauen Flecken an den Beckenknochen verglichen – und die Jungs beschwerten sich über schmerzende Oberschenkel…

Die Hebefiguren klappten zumindest in der Theorie inzwischen ganz gut. Abgesehen davon, dass Rabastan Mimi immer noch nicht richtig packte, Gwendoline ständig von Remus' Knien rutschte und Narcissa schlichtweg zu groß für Sirius war. Nicht, dass das ein Problem darstellte – Lucius tauschte meine Schwester einfach gegen mich aus, die ich kleiner war…

Keine gute Idee, das war und blieb meine Meinung. Meine Mutter würde, wenn sie das sah, jede Menge Bemerkungen auf ins loslassen, und da wir den Sommer in Grimmauld Place verbringen sollten, war ich nicht besonders scharf darauf, mir in dieser Sache Anzüglichkeiten von allen Seiten der Familie anzuhören.

Ich war zwar auch für unseren recht erotischen Tango zur Tanzpartnerin meines Cousins beordert worden, aber da tanzten wir wenigstens nicht in der ersten Reihe…

Überhaupt war das Tanzen mit Sirius so eine Sache. Severus hatte in letzter Zeit recht seltsame Kommentare abgelassen, was für ein attraktives Paar wir abgeben würden… Meine Antwort darauf war immer wieder gewesen, dass er mit dem Schwachsinn aufhören solle, aber in Gedanken und im Hinblick auf die Fotos, die Rita Collins bei den Proben von uns gemacht hatte, musste ich ihm insgeheim zustimmen…

Dabei hatte ich mir schon lange eingestehen müssen, dass die Gänsehaut, die mich bei jeder dieser ‚tänzerischen Tuchfühlungen' überfiel, keineswegs von den ungeheizten Räumen kam… Diese Ausrede würde ich allerdings wohl bald nicht mehr verwenden können: Der Regen war verschwunden, die Temperaturen kletterten immer höher… und je wärmer es in der Großen Halle oder im Verwandlungsraum wurde, desto weniger Kleidung benötigten wir bei den Proben… wie schon gesagt, keine guten Vorraussetzungen, um das alles unbeschadet zu überleben….

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Als ich aus der Erinnerung auftauche, sind Bellatrix und Rodolphus schon wieder da und unterhalten sich recht aufgebracht – besser gesagt: Rod redet ziemlich aufgebracht auf seine Frau ein, die zwar regelmäßig den Mund öffnet, um etwas zu entgegnen, aber nicht zu Wort kommt.

„…scheinst das ja sehr genossen zu haben!"

„Rodolphus…"

„Du gibst es ja nicht mal jetzt zu!"

„Da gibt es ja auch nichts zuzugeben! Himmel Herrgott, das ist fast zwanzig Jahre her!" Bellatrix zieht erbost ihren Bademantel enger um sich.

Rodolphus schaut sie einen Moment lang schweigend an, mit einem undefinierbaren, vielleicht verletzten Ausdruck in den blauen Augen, dann steht er auf.

„Zwanzig Jahre, ja. Und ein Jahr, seit er gestorben ist. Vier Monate, in denen dir das bewusst geworden ist und in denen dir klar geworden ist, dass sich in den zwanzig Jahren nichts an deinen Gefühlen geändert hat. Für beide von uns", fügt er leise hinzu und verlässt schon beinahe fluchtartig den Raum.

Wir bleiben stumm zurück. Bellatrix schließt für einen Moment die Augen und fährt sich mit ihrer dürren Hand durch die schwarze Haarmähne.

„Stimmt es, was er sagt?", fragte ich leise.

Sie kneift ihre Augen noch ein wenig fester zu, bevor sie sie öffnet und leicht den Kopf schüttelt. „Später… später…" Sie wischt sich mit dem Handrücken über die Augen.

Wie um sich abzulenken greift sie nach einem der losen Fotos aus dem sechsten Jahr.

Es wurmt mich tatsächlich seid über zwanzig Jahren. Diese verflixte Frage: Was fühlten Bellatrix und ihr Cousin Sirius wirklich füreinander? Es war ein Rätsel für mich gewesen, seit ich Bellas gleichsam besorgten und triumphierenden Blick nach unserer kleinen Auseinandersetzung mit den Rumtreibern gesehen hatte, die im Krankenflügel geendet hatte. Das Getanze während unserer Proben hatte meinen Verdacht gleichsam untermauert und widerlegt – wie konnten zwei Menschen, die versuchten, der ganzen Welt ihren Hass füreinander vorzuspielen, gleichzeitig vielleicht krank vor Sehnsucht nacheinander waren, so diszipliniert solchen Kontakt miteinander pflegen, wie sie es damals getan hatten?

Seltsam, wie anfällig man für Erinnerungen wird, wenn man stundenlang durch eben jene treibt. Bei dem Gedanken an disziplinierte, verliebte Menschen schleichen sich automatisch Bilder von unserer letzten Vorstellung vor mein geistiges Auge. Wir waren wirklich perfekt gewesen, und allen voran Lily und James, bei denen es damals meiner Meinung nach nichts anderes war als bei Bellatrix und ihrem Cousin. Es war wahrscheinlich unsere beste Show überhaupt…

Rodolphus, der schon während er mit geradezu akrobatischen Gesten die Ouvertüre dirigierte, tosenden Applaus empfing, bevor er sich ans Klavier setzte, Remus auf Knien die Bühne betrat und das erste Lied begann… „There was a boy, a very stange, enchanted boy…"

Der traurige Prolog durch James, der in der komischen Szene mit der grünen Absinthfee endete - diesmal mit Waldmeistersaft anstatt Absinth… Der erste tänzerische Auftritt der Mädchen, ein perfekter, lasziver Cancan und Lilys erstes Erscheinen als ‚Funkelnder Diamant' – „…those rocks don't lose their shape - diamonds are a girl's best friend…" – gefolgt von einem feurigen Samba und ihrem ersten gespielten Zusammenbruch auf offener Bühne…

Die für James und Lily gleichsam peinliche Schlaffzimmerszene, jede Menge Chaos von uns Bohemiens, Lucius und Ping verursacht, das wunderbare Medley aus Liebesliedern… Immer wieder Zusammenbrüche (der Kulisse und Lilys) und das Versteckspiel vor ‚Investor' Ping – „… If I should die this very moment, I wouldn't fear…" - das im Männerballett mündete, der Kellnertanz erster Güte… „She's so fine, and she's thine, she'll be yours till the end of time…" – und zack, krachte der Servierwagen, auf dem Lucius zu diesem Zeitpunkt saß, unter ihm zusammen und das Publikum johlte…

Der wunderbar traurige Auftakt nach der Pause… „…But I love you until the end of time. Come what may, come what may - I will love you until my dying day…" und die Dramatik, die wenig später folgte… Mimi, wie sie sich mit einem spöttischen Lächeln auf James' Schoß niederließ: „Keine Sorge, Shakespeare, du kriegst schon dein Ende – wenn der Duke sein Ende drin hat… NIMM DEINE HÄNDE VON MIR!" Unser Prolog und der folgende Tango, Lilys misslungene Vergewaltigung und ihre darauf folgende Unterredung mit Lucius… „Mein ganzes Leben lang hast du mir weisgemacht, ich wäre nur das wert, was jemand für mich bezahlt…." Ihr trauriges Duett… „…Inside my heart is breaking, my make-up may be flaking, but my smile still stays on… the show must go on…"

James gebrochenes Herz, das er bei der Premiere des Stücks im Stück wieder zusammenkleben wollte… "Men cold – girls old – and we all lose our charmes in the end…" Das herzerweichende Finale… "… come back to me – and forgive everything… I'll love you till the end of time…" und das dramatische Ende mit Lilys Bühnentod, James' Epilog und Remus' fast schon geflüsterten Worten "The greatest thing you'll ever learn is just to love and be loved in return"…

Unsere Zugabe – "…and then I go and spoil it all by saying something stupid like 'I love you'…", Lucius' ergreifende Abschlussrede, denn auch sein und Emmelines Praktikum neigte sich dem Ende entgegen, weshalb sich die beiden wenig später in den Armen lagen, so wie, nachdem der letzte Schlussapplaus verklungen war, jeder jeden umarmte: Lily fiel James um den Hals, Bellatrix wirbelte Mimi euphorisch um sich herum, Sirius und Regulus klopften sich zufrieden auf die Schultern, Dorcas und Peter beschlossen, dass es jetzt auch egal war, wenn Dorcas aufgemalte Tätowierungen abfärbten, Narcissa stürmte auf Evan zu, der sie auffing, bevor sie beide lachend auf dem Boden landeten, Gwen umarmte mich in dem ganzen Trubel geradezu vorsichtig…

Für einen Moment ist das Glücksgefühl von damals wieder in meinem Bauch – ihre Nähe während der anschließenden Party…

Jetzt, wo das alles vorbei ist, werd ich in ein tiefes Loch fallen."
– „Quatsch, spätestens ab September ist lernen angesagt, das ist immerhin unser UTZ-Jahr..."
- „Sev, kannst du eigentlich einmal an was anderes als an den Unterricht denken!"
Ihr lachen hallte in meinem Kopf wieder…

Nein! Nicht schon wieder!

Ich schüttle heftig den Kopf – als könnte das die Erinnerungen vertreiben. Dabei sollte ich doch am besten wissen, wie schwer man gravierende Augenblicke loswird, wenn sie einen ungefragt wieder einholen…

Bellatrix schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Was ist los?"

Erneutes Kopfschütteln meinerseits. „Schon gut…"

Das kurze euphorische Gefühl ist verschwunden, genauso schnell wie damals. Wen wundert es? Kein noch so langes Glücksgefühl bleibt wohl aufrecht erhalten, wenn man sich knapp anderthalb Wochen, nachdem man dachte, man sei im Paradies gelandet, vor einer zähnefletschenden Bestie wieder findet…

Ich hoffe, Bellatrix bleibt so diskret wie beim Thema Gwendoline… wir reden hier immerhin von einem der furchtbarsten Momente in meinem Leben, etwas, das ich nicht unbedingt noch einmal durchleben möchte…

A/N: Uff, das war lang… ich hoffe, euch hat's trotzdem gefallen. Wenn ja, dann lasst es mich wissen, wenn nicht, dann auch :)