Vielen Dank an Eilantha für das Review :)

Eilantha: Tja, dieses Kapitel ist (eher ungewollt…) auch wieder so lang geworden #g# Ja, und Bella, Sirius und Gwen gibt's diesmal auch :) Was meinst du mit ‚drittes Theaterstück'? Spielst du auch Theater? Vielen Dank für die Kekse und den Tee, war gut für die Nerven #lol#

So, in diesem Kapitel gibt es den bis jetzt wohl längsten Flashback, ein bisschen Gwendoline, mehr Voldy, mehr Bella und ihre Gefühle und Lilys und James' erstes ‚Entkommen' vor Voldemort…

Kapitel 7: Hinter den Masken

Never opened myself this way
Life is ours, we live it our way
All these words I don't just say
and nothing else matters

Trust I seek and I find in you
Every day for us something new
Open mind for a different view
and nothing else matters

Metallica – Nothing else matters

°°°°

Ich hoffe, Bellatrix bleibt so diskret wie beim Thema Gwendoline… wir reden hier immerhin von einem der furchtbarsten Momente in meinem Leben, etwas, das ich nicht unbedingt noch einmal durchleben möchte…"

Aber natürlich – wir reden hier von einer geborenen Black und noch dazu von einer Freundin – bleibt sie ausgerechnet in diesem Punkt nicht diskret.

Als hätte sie meine Gedanken gelesen, spricht mal wieder die Worte aus, die mich von Seiten meiner Freunde seit meinem sechsten Jahr verfolgen:

„Ich begreife es immer noch nicht – ein Jahr lang war es zwischen dir und den… Rumtreibern geradezu friedlich. Und dann, nachdem ihr nicht mehr aufpassen musstet, ob ihr vielleicht potenzielle Tänzer verletzen könntet, geht ihr euch wieder an die Gurgeln. Was ist damals passiert?"

Nun bin ich es, der leicht den Kopf schüttelt. Natürlich will sie den wahren Grund wissen, warum mein Hass gegen ihren Cousin und Konsorten damals so plötzlich wieder aufflammte – aber eigentlich will sie von Rodolphus' verletztem Abgang ablenken (vor allem sich selbst). Wenn es schon mit dem Bild, das sie immer noch in der Hand hält, nicht funktioniert.

Wie gesagt, ich will es einfach nicht noch einmal erleben.

Ich wiege mich schon in Sicherheit, wenn ich keine Albträume von dieser verdammten Nacht habe. Obwohl ich ja inzwischen weitaus mehr Auswahl für Albträume habe – aber damals war es eben das Furchtbarste, wovon ich träumen konnte, und bei meinen Schlafsaalkameraden blieb mein regelmäßiges Aufschrecken mitten in der Nacht natürlich nicht unentdeckt.

Ich scheine meine Gedanken ausnahmsweise mal auf dem Gesicht zu tragen, anders kann ich mir Bellas schiefes Grinsen nicht erklären.

„Du guckst genau wie damals, als wir dich darauf angesprochen haben. Was ist denn Schlimmes passiert, dass es dir so schwer fällt, darüber zu reden?"

Du würdest auch nicht darüber sprechen wollen, wenn du das erlebt hättest", rutscht es mir heraus.

Verdammt! Ich, Severus Snape, meines Zeichens Spion für den Orden des Phönix, setze mit meiner Aufgabe regelmäßig mein Leben aufs Spiel, verhindere ebenso oft, dass der Dunkle Lord bei einem Okklumentik- Spaziergang durch meine Gedanken alles entdeckt und kann meine Zunge nicht im Zaum halten, wenn sie mich auf diese vermaledeite Sache anspricht! Wunderbar!

„Merlin und Agrippa, was erwartest du denn? Dass du… gefressen wirst?"

Warum verwundert mich dieses Wortspiel, das so erschreckend nah an der Wirklichkeit liegt, von der sie nichts weiß, kein bisschen? Vielleicht liegt es daran, dass mir gerade eine mögliche Offensive einfällt…

„Was erwartest du, wenn du damit herausrückt ob Rodolphus recht mit dem hat, was er über denen lieben Cousin denkt? Hunde, die bellen, beißen nicht, und tote Hunde erst recht nicht."

Jetzt habe ich sie. Das wissen wir beide. Sie weiß um meine Neugier und ich um ihre. Sie seufzt und starrt mir direkt in die Augen.

„'Einfach' ist ein Fremdwort für dich, oder?"

„Genau wie ‚Privatsphäre' oder ‚Höflichkeit' Fremdwörter für dich sind. Hör auf damit!" Mittels Okklumentik vertreibe ich die inzwischen nicht mehr grinsende schwarzhaarige Teufelin aus meinen Gedanken, in die sie gerade unverschämterweise eingedrungen ist, und genehmige mir einen großen Schluck Wein. Bellatrix scheint nachzudenken.

„Zeig mir deine Erinnerung und ich zeig dir meine", bringt sie mich schließlich wieder in Versuchung. Seltsam, dass sie ausgerechnet die den Blacks zueigne Arroganz und Selbstverständlichkeit, Dinge einfordern zu können, die sich nichts angehen, in Askaban nicht verloren hat. Genau diese Eigenschaften spiegeln sich bei ihren folgenden Worten auf ihrem Gesicht wieder.

„Wenn du es dir nicht nochmal antun willst, musst du ja nicht, aber – bei aller Freundschaft – du hast uns fast 20 Jahre lang mit ziemlich fadenscheinigen Ausreden abgespeist, und wenn es Sirius betrifft, habe ich ein Recht darauf, zu erfahren, was damals los war. Als deine Freundin und als seine Cousine."

Der Punkt geht an sie. Denn im Gegensatz zu mir hat sie durch ihre Beziehungen zu uns tatsächlich mehr Recht auf eine Erklärung für den damals plötzlich wieder aufgeflammten Hass zwischen ihrem Vetter und mir, während es mich eigentlich nichts angeht, was zwischen den beiden gelaufen ist. Verflucht sei meine Neugierde… diese Eigenschaft hat mich ja zu meiner Schande auch damals in die Bredouille gebracht. Erneutes Seufzen meinerseits. Bellatrix schaut mich weiterhin interessiert aus ihren blaugrauen Augen an, ich rolle mit meinen Schwarzen.

„Ich zeig dir meine Erinnerung, du machst keine unpassenden Kommentare, wie bei deinem lieben Mann, und ich werde bei dir auch keine machen", verlange ich. Sie nickt und murmelt seltsam deutlich: „Versprochen."

Nach ein paar tiefen Atemzügen greife ich nach dem Memoiren-Album und suche eine freie Stelle. Ich werde diese Erinnerung auf keinen Fall noch einmal durchleiden! Soll sie sich allein dem Werwolf gegenüber wieder finden.

Wie damals beim Urexemplar der Alben erstelle ich ein silbern glänzendes Erinnerungsfeld und leitete, ähnlich wie bei einem Denkarium, den ebenso silbernen Faden meiner Erinnerung an jene Nacht in dieses Feld. Erstaunlich, wie gut es noch klappt, nachdem ich so lange Zeit nichts mehr in dieser Richtung in meinem eigenen Album vorgenommen habe. Schade, dass bei diesem Vorgang nicht die ganze Erinnerung aus dem Gedächtnis verschwindet… ich hätte jedenfalls nichts dagegen.

Im Memoiren-Album erscheint ein dunkles Abbild des Gedankenfetzens.

Ein fragender Blick von Bellatrix, mein düsteres Nicken als Antwort, dann taucht sie in meine Erinnerung und ich sitze alleine auf ihrem Bett.

Es wäre gelogen zu behaupten, ich wäre gespannt auf ihre Reaktion. Ich bin mir allerdings sicher, dass sie keine spöttische Bemerkung dafür übrig haben wird. Schließlich ist es nichts Peinliches – es hätte das Ende meines Lebens sein können!

Der enge Gang schien langsam zu Ende zu gehen, er stieg an, und das nicht mal wenig steil. Gleich würde ich wissen, was diese verdammten Rumtreiber hier verbargen… Nur noch ein wenig Geduld… Hörte ich da Stimmen? Nein, ich musste mich täuschen… Einbildung…

Was war das! Dieses Knurren vor mir war keine Einbildung, da war ich mir ziemlich sicher…

Was zum Teufel versteckten die vier hier?

Ein genervtes Stöhnen kann ich nicht mehr unterdrücken. Warum überfallen mich denn hier ausgerechnet die Gedanken, die ich eigentlich zu verdrängen versuche?

Um mich abzulenken, greife ich nach dem Foto, das Bellatrix vorhin angeschaut hatte. Schon auf den ersten Blick überkommt mich eine Gänsehaut – welch Kombination!

Eindeutig, das Bild ist nach einer Moulin-Rouge-Vorstellung entstanden, alle vier Personen, die es zeigt, tragen noch ihre Kostüme.

Da ist Bellatrix, noch in ihrem Hindi-Rock, verschwitzt und mit verlaufener Schminke, sie steht dicht neben Regulus, der Schulter an Schulter mit seinem Bruder lehnt. Sirius, in seinem Dirigenten-Anzug, hat den Arm um Elisabeth Habsbourg gelegt, die eigenwillige Hufflepuff, zu jener Zeit besser bekannt als unser ‚Requisitendrache'. Alle vier strahlen in die Kamera und mir fällt einmal mehr die Ähnlichkeit zwischen den Black- Brüdern auf.

Regulus und Sirius waren in unserer Schulzeit immer darauf bedacht gewesen, sich nicht allzu nahe zu kommen, besonders nach Sirius' Bruch mit der Familie Black. Aber Blut ist eben dicker als Wasser.

Die beiden waren sich so ähnlich und doch so unterschiedlich…

Es grenzt an die berühmte Ironie des Schicksals - in diesem Fall eher am einen makaberen Scherz - beide so strahlend mit ihren Mörderinnen vereint zu sehen.

Sirius, wegen einem Verrat und Morden, die er nicht begangen hat, für zwölf Jahre in Askaban begraben und schließlich von seinem eigenen Blut ins Grab befördert, und Regulus für sein eigenes Fleisch und Blut und seine große Liebe sein Leben aufs Spiel setzte und schließlich von einer Frau ermordet wurde, die die für die komplette magische Gemeinde als Licht am Ende des Tunnels galt.

Beides gute Männer, die schließlich, man kann es tatsächlich als makaber bezeichnen, von Frauen getötet wurden, von denen sie sowohl fasziniert als auch abgestoßen waren…

Im Falle von Regulus kann man wohl ein sehr treffendes Zitat aus unserem siebten Schuljahr erwähnen: Only the good die young.

Eine traurige Wahrheit, von der damals wohl niemand erwartete, dass sie irgendwann auf unseren halben Jahrgang zutreffen würde…

Nein, damals dachte wohl noch niemand daran, weder an den Tod, der uns alle so plötzlich ereilen konnte, noch an die Gefahren, die außerhalb der Schule auf uns lauerten, denn unser letztes Jahr in Hogwarts war ein gutes Jahr. Zumindest für die meisten von uns…

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Flashback
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Das Schuljahr fing schon turbulent an: Überall herrschte Aufregung über das neue Schülersprecherpaar: Lily Evans und James Potter. Lily war ja akzeptabel, sie war wenigstens ein gutes Beispiel für die Jüngeren. Aber Potter! Ganz Slytherin war empört über diese offensichtliche Bevorzugung Gryffindors, und ich war seit letztem Juni – seit diesem Werwolfvorfall – sowieso alles andere als gut auf Potter zu sprechen, immerhin hätte mich sein verdammter Streich umbringen können!

Ebenfalls für Aufregung sorgte unser neuer Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste. In den letzten Jahren hatte der Lehrer für dieses Fach ständig gewechselt, umso gespannter waren wir auf die neue Besetzung. Professor Octavianus Rookwood würde uns also in diesem Jahr unterrichten. Sein Sohn Augustus hatte erst drei Jahre zuvor seinen Abschluss gemacht.

Was soll ich sagen – Professor Rookwood wirkte auf den ersten Blick zwar nett und umgänglich, aber irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass etwas Seltsames an ihm war. Er schien eine gewisse Abneigung gegen Muggelgeborene zu haben (was ihm sofort Averys Sympathie einbrachte).

Lily zog schon in der ersten Stunde seine Abneigung auf sich. Hätte sie geahnt, was sie mit ihrer spitzen Zunge später heraufbeschwor, hätte sie wahrscheinlich den Mund gehalten…

Uns alle überfiel, kaum dass wir wieder in Hogwarts waren, ein ungemeiner Stress. Neben den Unmengen an Hausaufgaben, den regelmäßigen Ermahnungen unserer Lehrer, uns frühzeitig um Bewebungsgespräche zu bemühen, dem Training für die Mitglieder der Quidditch-Teams und den teilweise weiterhin gepflegten Häuserrivalitäten mussten wir bald damit beginnen, für unsere UTZ- Prüfungen zu lernen.

Gerade das artete bei einigen meiner Jahrgangskollegen in kleinere oder größere Katastrophen aus:

Potter war und blieb eine Gefahrenquelle im Zaubertränkeunterricht – Pech für ihn, schließlich brauchte er das Fach, wenn er tatsächlich Auror werden wollte, aber meine Schadenfreude konnte und wollte ich mir nicht verkneifen.

Rodolphus fiel mit Schrecken auf, dass er den Geschichtsstoff aus unserem zweiten Jahr kaum noch beherrschte und musste sich oft genug Adriennes und Bellatrix' Spötteleien darüber anhören.

Gwendoline Rockhome, eine Hufflepuff, erlitt fast einen Nervenzusammenbruch, als sie zum wiederholten Male feststellte, dass sie trotz der vielen Stunden, die sie für dieses Fach büffelte, in Arithmantik, meinem dritten Lieblings- und ihrem ungeschlagenen Hassfach, einfach auf keinen grünen Zweig kam. Einmal mehr wunderte ich mich, warum sie das Fach überhaupt gewählt hatte…

Frank Longbottom war der Erste, der freiwillig Nachhilfe in Verteidigung gegen die Dunklen Künste nahm – zuerst äußerst widerwillig bei Professor Rookwood, später um einiges motivierter bei Evan.

Lily und ich arbeiteten weiterhin für Zaubertränke zusammen, wobei wir allerdings so wenig über Sachfremde Dinge redeten, dass keiner von uns dazu kam, nachzufragen, was der jeweils andere mit seinem großen Talent für die Tränke anstellen wollte. Ich wurde allerdings nun ebenfalls Opfer der anklagenden Blicke von Adrienne, Avery und Rodolphus, mit denen die drei ‚Hausverräter' generell bedachten. Bellatrix war für sie schon schlimm genug, aber dass ich es wagte, mich ebenfalls mit Lily zusammenzutun, und war es auch nur um zu lernen, trieb eine Art Keil zwischen uns und ich wurde immer vorsichtiger mit meinen Äußerungen, um die drei nicht noch mehr zu verärgern.

Was die Differenzierungskurse anging, so schienen wir, die wir mit Französisch geschlagen waren, als einzige am Rand der Verzweiflung zu stehen: Während das Orchester bereits für das lange Abschlussstück, das am Ende des Jahres vor der ganzen Schule gespielt werde sollte, probte, und die Leute aus dem Kunstkurs erfolgreich das Thema der magischen Architektur abschloss, quälten wir uns mit Mühe und Not durch diese Sprache.

Allgemeine Erleichterung ging herum, als wir erfuhren, dass wir in diesem Fach keine Abschlussprüfung ablegen mussten. Nur Elisabeth meinte: „Wunderbar, und wofür haben wir uns das Ganze dann vier Jahre lang angetan?"

Kurzum: Wir freuten uns über jede freie Minute, in der wir nicht lernen mussten – was so gut wie nie vorkam.

Die ersten zwei Monate in der Schule vergingen wie im Flug. Wie nichts war es Mitte Oktober und wir fanden eine Ankündigung für einen Maskenball zu Halloween am Schwarzen Brett, für Schüler des sechsten und siebten Jahrgangs.

Es war das erste Aufatmen in diesem Schuljahr. Es sollte, so antwortete Lily auf meine Nachfrage, eine kleine Party werden, die mit der Abnahme der Masken um Mitternacht enden sollte.

So erschienen wir also am 31. Oktober in gediegener Kleidung und maskiert in der Großen Halle. Obwohl den jüngeren Schülern die Notiz am Schwarzen Brett nicht entgangen war, starrten sie uns aufgrund unserer Aufmachung während des Festessens recht unverhohlen an. Als sie dann gegen neun Uhr verschwanden, sorgten wir mit wenigen Schwüngen unserer Zauberstäbe dafür, dass die Tische an die Wand rückten. Das Schülersprecherpaar, das entgegen allen Freundlichkeiten im letzten Schuljahr seltsam kühl miteinander umging – hatten die beiden sich schon wieder gestritten? -, sparte sich eine lange Rede, wünschte uns viel Spaß und eröffnete damit den Ball.

Ich erkannte nur meine Freunde, da ich mit ihnen nach oben gekommen war. Bei allen anderen hätte ich nicht einmal sagen können, ob sie nun aus unserem oder aus dem Jahrgang drunter waren.

Alles in Allem wurde es ein angenehmer Abend. Ich hatte zwar keine Ahnung, wer das Mädchen war, mit dem ich mich gegen Ende des Balls unterhielt und mit dem ich tanzte, aber das störte weder mich noch sie. Wir verstanden uns hervorragend, und ich fragte mich unbewusst, warum mir diese meeresblauen Augen so bekannt vorkamen.

Leicht unangenehm wurde es erst, als wir gegen Mitternacht, als sich die Meisten auf der Tanzfläche aufhielten, aufgefordert wurden, die Masken abzunehmen. Nicht nur ich hatte Bedenken vor einem bösen Erwachen.

Mich erwartete entgegen meinen Befürchtungen eine angenehme Überraschung: Meine Tanzpartnerin stellte sich als Gwendoline Rockhome heraus, dem Hufflepuff- Mädchen aus Evans Band.

Weniger begeistert sah Avery aus, der Dorcas Meadowes in seinen Armen wieder fand.

Süffisantes Grinsen – auch meinerseits – ernteten jedoch Sirius Black und… Bellatrix von den Umstehenden. Im Nachhinein fragte ich mich, ob die beiden vorher bewusst so eng miteinander getanzt oder ob sie sich tatsächlich nicht erkannt hatten. Dem Entsetzen auf ihren Gesichtern nach zu urteilen, traf jedoch eher Letzteres zu.

Trotzdem schien es, als könnten sie den Blick nicht voneinander abwenden. Sie standen einfach voneinander und starrten sich beinahe fasziniert an. In dem schwummrigen Licht fiel es mir schwer, den Ausdruck in Bellatrix' Augen zu erkennen, aber… täuschte ich mich, oder war es Sehnsucht? Ihr Cousin schien innerlich mit sich zu ringen, aus welchem Grund auch immer, aber sein Blick schwamm in Emotionen, von denen ich mir sicher war, dass er sie den gaffenden Leuten um ihn herum nicht zeigen wollte – und erst recht nicht Bellatrix, was durch die unmittelbare Nähe der beiden jedoch so gut wie unmöglich war.

Schließlich war es Sirius, der seinen Blick, scheinbar mit viel Mühe, losriss und sich zu den anderen Gryffindors zurückzog, und wenig später verließ Bellatrix geradezu fluchtartig die Große Halle.

Dem raschelnden Geräusch nach, dass ich in der Nacht von Rodolphus' Bett vernahm, war ich nicht der Einzige, dem diese kleine Szene Kopfzerbrechen bereitete.

Die beiden Blacks bedachten sich bei jeder Gelegenheit mit wenig schmeichelhaften Äußerungen – was war heute Abend geschehen, dass sie plötzlich so… verbunden wirkten? Wäre nicht das Entsetzen in ihren Blicken der Faszination in die Quere gekommen, hätte man sie für ein verliebtes Pärchen halten können…

Es war und blieb ein Rätsel für mich.

Abgesehen von dem Stress verlief die Zeit bis zu den Weihnachtsferien recht ereignislos. Wie auch immer sie es geschafft hatten: Mitte November kamen Lily und James zusammen. Für ihr komplettes Umfeld bedeutete dies ein Aufatmen, da die Funken, die zwischen den beiden so oft flogen, nicht selten die ohnehin gereizte Stimmung in Brand gesetzt hatten.

Kurz vor Weihnachten bekamen wir endlich die lang ersehnte Eule, auf die wir schon seit Mai warteten: Lucius übermittelte uns den Termin für ein erneutes Treffen mit dem Dunklen Lord. Anfang Januar sollten unsere Lektionen in den Dunklen Künsten beginnen. Diese Nachricht hob unsere Stimmung und trieb uns in den letzten Tagen noch einmal zu schulischen Höchstleistungen.

Die Feiertage vergingen seltsam ruhig, obwohl verhältnismäßig viele Schüler über Weihnachten in der Schule geblieben waren. Aus unserem Schlafsaal waren jedoch nur noch Evan und ich übrig, und da wir nicht unbedingt auf die Gesellschaft der Zweitklässler angewiesen sein wollten, taten wir uns mit den übrigen Jahrgangskollegen zusammen und verbrachten so als recht lustige Gemeinschaft die Feiertage.

Die Orchestermitglieder kehrten kurz vor Silvester zurück nach Hogwarts, da sie an Neujahr ein kleines Konzert für die Lehrer spielen sollten.

Die einzige Ausnahme war Gwendoline: Ihr lief ich schon am Abend des zweiten Weihnachtstages über den Weg. Was hatte sie denn so früh hier verloren?

Die Frage beschäftigte mich nicht weiter, jedoch fiel sie mir wieder ein, als ich zwei Tage später abends auf dem Weg zur Bibliothek durch den unterkühlten Zauberkunstkorridor lief und plötzlich Musik vernahm.

Eine Gitarre – und eine schöne, weibliche, etwas brüchig klingende Stimme, die sich ihren ganzen Kummer von der Seele zu singen schien.

Wer verzog sich um diese Zeit in den kalten Zauberkunstraum?

"…None of my pain and woe
Can show through
But my dreams, they aren't as empty
As my conscience seems to be…"

Ich folgte dem Klang der Musik und öffnete vorsichtig die angelehnte Tür zum Klassenraum ein Stück weiter. Was ich sah überraschte mich: Gwendoline hockte mit ihrer Gitarre auf einem der Tische und spielte und sang vor sich hin. Ihre Augen waren rot und wässrig, aber auf ihren Wangen waren keine Spuren von Tränen.

"…No one knows what it's like
To be the bad man
To be the sad man
Behind blue eyes."

Gwendoline hatte mich bemerkt, wie ich da im Türrahmen lehnte, beeindruckt von ihrer Stimme und verwirrt über ihren Zustand; noch immer standen Tränen in ihren Augen, aber sie fanden nie den Weg durch ihre Wimpern. Sie versuchte es mit einem Lächeln, versagte dabei aber kläglich. „Was machst du hier?", fragte sie schließlich. Ihre Stimme klang noch brüchiger als vorher.

Was ist mit dir los?" Ich beachtete ihre Frage nicht.

Es ist nichts", murmelte sie abweisend, strich noch einmal über die Saiten der Gitarre und rutschte von dem Tisch herunter.

Ich konnte nicht einmal sagen, warum es mich so interessierte, was mit ihr los war, ich hatte in den ganzen sieben Jahren kaum etwas mit ihr zu tun gehabt. Und trotzdem…

Deswegen verkriechst du dich also in einem eiskalten Klassenraum und singst deinen Frust weg?"

Sie seufzte kurz, packte ihr Instrument und kam auf die Tür zu.

Erstens ist es nicht eiskalt-" Allein schon die Gänsehaut auf ihrem nackten Unterarm strafte ihre Worte Lügen. „- zweitens wüsste ich nicht, was dich das angeht, und drittens… warum interessierst du dich eigentlich dafür?"

Dass sie keine Antwort erwartete war offensichtlich, denn sie versuchte, sich an mir vorbei auf den Korridor zu drängen, aber ich ließ sie nicht durch.

Weil ich weiß, wie es ist, wenn man nicht über seine Probleme reden kann", antwortete ich. Es war die Wahrheit, seit ich mit Lily zusammenarbeitete, war das ja tatsächlich ein Dauerzustand zwischen Avery, Rodolphus und mir.

Gwendoline erstarrte, wie sie da zwischen dem Türrahmen und mir stand. Sie wich meinem Blick aus und biss auf ihrer Unterlippe herum.

Merlin weiß, warum es genau dieser Moment war, in dem ich mich fragte, was ich eigentlich von ihr wusste. Die Antwort war einfach: So gut wie nichts.

Die hasste Arithmantik und Wahrsagen, liebte Verwandlung, Zauberkunst und ihre Arbeit im Orchesterkurs, hatte dort im Chor an ihrer Stimme gearbeitet, bis sie geradezu eine Sirene geworden war. Sie liebte es, mit Evan und den anderen in der Band zu spielen und war eine passable Tänzerin, wie ich im letzten Jahr und an Halloween gemerkt hatte.

Reichlich unbedeutende Dinge, wie mir klar wurde.

Sie hatte nie ihre politische Meinung geäußert, sprach überhaupt recht wenig, zumindest, wenn sie ihrem Gesprächspartner dabei bewusst in die Augen schauen musste oder ihn nicht gut kannte, und schien immer sehr scheu, wenn sie in einer Gesellschaft war, die sie nicht gut kannte.

Was in Agrippas Namen bedrückte sie so sehr?

Ist eine blöde Frage, aber…hast du einen Vater?", meinte sie schließlich, ohne mich anzuschauen.

Er ist tot", lautete meine knappe Antwort.

Oh, tut mir leid."

Ich konnte mir ein Augenrollen und meine übliche Phrase bei dieser Frage nicht verkneifen: „Danke für die Anteilnahme, aber … sagen wir's so, ich hab mich nicht besonders gut mit meinem Vater verstanden."

Ein kurzes Grinsen blitzte über ihr Gesicht. „Manchmal ist das besser so. Man sieht sich…"

Mit gesenktem Kopf ging sie an mir vorbei, hinaus auf den Korridor.

Ich fragte mich ernsthaft, was plötzlich in mich gefahren war. Seit wann nahm ich Anteil an den Problemen von Menschen, mit denen ich kaum etwas zu tun hatte! Wie auch immer, ich rief ihr nach: „Hey, manchmal tut es einfach gut, zu reden."

Nicht, dass ich da aus eigener Erfahrung sprach, wann immer ich mit anderen über meine Probleme gesprochen hatte, waren sie mir danach noch schlimmer erschienen, aber zumindest bei Rod hatte es geholfen…

Endlich schaute sie auf. Ihre ozeanblauen Augen waren immer noch rot und wässrig, und noch immer schien es, als würde sie mit den Tränen kämpfen.

Sie schien erschöpft. Sie gab auf.

Ich verstehe zwar immer noch nicht, warum es dich interessiert, aber… gut…"

Wir gingen zurück in den leeren Klassenraum, zündeten ein paar Kerzen an und ich belegte uns beide mit einem Wärmezauber, bevor sie zu sprechen begann. Über ihre Probleme mit ihren Eltern, über ihren Muggelvater, der der eigentliche Grund dafür war, dass sie Arithmantik gewählt hatte, das einzige Fach, dass er als wichtig anerkannte, egal wie gut sie in den anderen Fächern war. Über ihre Mutter, die sich zwar über die Gefahr, in der alle Hogwartsschüler momentan schwebten, bewusst war, der es aber vollkommen egal zu sein schien, ob ihre Tochter dieses Jahr überleben würde. Über ihre geliebte Tante, die kurz vor Weihnachten tot aufgefunden wurde, mit einem seltsamen, über der Leiche schwebenden Mal, einem Totenkopf mit Schlangenzunge. Über den Druck in Hufflepuff und über die ständigen Spannungen unter ihren Hauskameraden, die ihr nach sieben Jahren an die Substanz gingen.

Gwen saß einfach neben mir und starrte zu Boden, während sie redete. Wie ich sie so im Kerzenlicht betrachtete, fiel mir zum ersten mal ihr Aussehen auf. Sie war keine außergewöhnliche Schönheit, aber da gab es einfach Aspekte, die mir in diesem Moment besonders auffielen. Das dichte dunkle Haar, das sie zu einem Knoten gebunden hatte. Die tiefen blauen Augen, die inzwischen nicht mehr in Tränen schwammen. Die erdbeerfarbenen vollen Lippen.

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir auf diesem Tisch im Klassenzimmer hockten und ich ihr einfach nur zuhörte, aber danach war mir klar: Vor mir saß eine junge Frau, die an ihre Grenzen stieß. Druck von allen Seiten und kaum eine Möglichkeit, um diesen abzubauen. In mir meldete sich ein seltsames Gefühl, ihr helfen zu wollen – aber wie sollte ich jemandem helfen, über den ich eigentlich nichts wusste, mit dem ich eigentlich rein gar nichts zu tun hatte?

Das Reden hatte ihr gut getan, das merkte ich. Sie aufzumuntern, das schaffte jedoch erst Evan, der etwas später auftauchte und sie scheinbar mühelos in ein Gespräch verwickelte, das schließlich in ein kleines Konzert ausartete, wieder nur Gitarren und Stimmen.

Die beiden waren in dieser Hinsicht wie Seelenverwandte – die Musik war einfach die beste Medizin, die es für sie gab.

Anfang Januar wurden ich von meinen Grübeleien über Gwendoline abgelenkt. Wir begannen wie geplant unsere Lektionen bei jenem Mann, den inzwischen die ganze magische Gesellschaft fürchtete.

Wir aber brauchten keine Angst vor ihm zu haben. Noch nicht.

Unsere Treffen fanden zunächst abends und nachts im Wald statt. Der Dunkle Lord stellte unsere Stärken und Schwächen fest und richtete schließlich getrennte Stunden ein, um uns individuell fördern zu können. So kam es, dass wir später in Zweiergruppen zu ihm apparierten. Allerdings nahm er uns einen Schwur ab, außerhalb dieser Zweiergruppen nicht über seinen Lehrstoff zu sprechen.

Evan und mir lehrte er unter anderem die Unverzeihlichen Flüche und die Legilimentik. Es schien, als wolle er uns zeigen, was er zu Beginn jeder Lektion mit uns tat, uns aber nur so viel beibringen, dass wir uns nicht dagegen wehren konnten. Er gab uns die Macht, in die Gedanken anderer einzudringen, aber nicht die, uns gegen seinen Eingriff wehren zu können.

Bellatrix und Rodolphus kamen immer sehr zufrieden von ihren Lektionen zurück, und in Adriennes und Averys Augen flackerte irgendwann ein erregtes Glühen, wenn sie wieder zu uns stießen. Trotzdem konnten wir nicht miteinander über das Gelernte reden, selbst wenn wir es versuchten. Bellatrix war wohl die gelehrsamste Schülerin des Dunklen Lords. Nach zwei Monaten beorderte Er sie für Einzelunterricht zu sich, der sie oft so sehr erschöpfte, dass sie sich danach kaum noch auf den Beinen halten konnte.

Was allerdings ihre Begeisterung von diesem Mann nur noch mehr steigerte.

Gleichzeitig griff Er draußen nach der Macht, wovon wir in Hogwarts dank eines Ministeriumserlasses nur unzureichend in Kenntnis gesetzt wurden. Was sollte unser Schulleiter auch sagen, ohne eine Panik auszulösen? Also beschied er sich auf Allgemeinheiten und Ermahnungen und wirkte dabei, als würde er uns lieber die schonungslose Wahrheit sagen als um den heißen Brei herumzureden.

Wir hatten allerdings kaum Zeit, um uns Dumbledores warnende Worte zu Herzen zu nehmen, denn auch unser normales Schulleben ging weiter und wir mussten noch härter arbeiten, um unsere hohen Ränge in den Notenbüchern der Lehrer nicht zu verlieren.

Der Schwierigkeitsgrad des Unterrichtsstoffs erreichte seinen Höhepunkt – und in Verbindung mit unseren schwarzmagischen Lektionen laugte er unsere Clique noch mehr aus. Waren die Gryffindors, Hufflepuffs und Ravenclaws schon erschöpft, so mussten wir den anderen vorkommen wie Halbtote.

Dieser Zustand brachte bei uns seltsame Gemütszustände zutage, und zumindest Avery dazu, sich bald wieder seinem Lieblingsthema zuzuwenden: Dem (teilweise spärlich vorhandenen) Liebesleben seiner Schlafsaalkameraden.

Für mich gab es da nicht viel zu sagen, ich war in dieser Hinsicht nicht gerade aktiv und war damit auch ganz zufrieden. Mal abgesehen davon, dass ich mir erst gar keine Hoffnungen machte, die Zuneigung eines Mädchens bekommen zu können. Das lag am fehlenden Interesse meinerseits, dem Mangel an vernünftigen weiblichen Wesen (und ich hatte nicht vor, es mir mit den Wenigen, die ich kannte, zu verderben, nur weil meine Hormone sich ab und an kaum kontrollieren ließen) - und mein niedriger Beliebtheitsgrad spielte mit Sicherheit auch eine Rolle.

Während Evan meinte, wir sollten ihn einfach ausspinnen lassen, fand ich mich immer öfter schimpfenderweise mit Bellatrix auf dem Fensterbrett unseres Schlafsaals wieder.

Wir, die wir inzwischen immer öfter Opfer von albernen Kommentaren wurden, verloren schlicht und ergreifend die Nerven. Ich weiß nicht, ob es tatsächlich so war, doch für mich zumindest hatte es den Anschein, als würde sie durch diese kleinen Spitzen immer wieder an etwas erinnert, dass sie eigentlich verdrängen wollte…

Abgesehen davon hatten wir schon vor zwei Jahren gehofft, dass Avery endlich genug von diesen Gesprächen gehabt hätte.

Falsch gedacht…

Das wir die Nerven verloren, ist übrigens wörtlich zu nehmen.

Vielleicht lag es an der allgemeinen Aggression, die in diesem April sowohl zwischen den verschiedenen Häusern als auch in unserer Clique herrschte. Ohne sie wären wir vermutlich nicht von besagter Fensterbank aus im Bett gelandet, zumindest hielt ich es für unwahrscheinlich.

Keiner von uns beiden hatte es darauf angelegt, aber gleichzeitig war auch keiner von uns abgeneigt, auf diese Weise die ganzen unerfreulichen Dinge um uns herum einfach für eine Weile zu vergessen.

Es war zwar nicht mein erstes Mal, aber Bellatrix hatte genug Erfahrung, um mir noch jede Menge beizubringen. Doch irgendetwas war seltsam. Vielleicht war es die Tatsache, dass sie meine beste Freundin war, vielleicht war sie einfach zu perfekt mit ihrer seidigen Haut und ihrer leicht rauen Stimme…

Aber wahrscheinlich lag es daran, dass ich die meiste Zeit ein paar ozeanblaue Augen vor mir sah anstatt ihren Stählernen, wie sie bei den Blacks üblich waren, und daran, dass ich das Gefühl nicht loswurde, dass sie in Gedanken bei jemand anderem war… Und ich kam nicht um den Gedanken herum, dass es vielleicht mit ihrem letzten Tanz am Halloweenball zu tun hatte.

Es war ein zweimaliges Erlebnis, und im Nachhinein waren wir uns einig, dass es gar nicht hätte passieren dürfen. Wir beide, Evan, Adrienne und Avery taten später so, als wäre nichts passiert, aber Rodolphus reagierte geradezu eifersüchtig, weshalb er sich schließlich mit Bellatrix persönlich anlegte.

Natürlich bemerkte auch der Dunkle Lord, dass es allgemein kriselte, als unsere Leistungen – wenn auch minimal – nachließen.

Wahrscheinlich war es die Tatsache, dass er mit seinen Worten die Wogen glättete und wir kurze Zeit später alle besser miteinander zu recht kamen als je zuvor, weswegen ich ihm noch mehr vertraute. Hatte ich anfangs Bedenken gehabt, mich im wahrsten Sinne des Wortes in die Hände des dunkelsten Magiers dieses Jahrhunderts zu begeben, so wurden diese Bedenken langsam aber sicher ausgelöscht, je mehr sich das Jahr dem Ende entgegen neigte.

Ich sah in Ihm immer mehr einen Menschen, dem ich vertrauen konnte und war gleichzeitig von einer Dunkelheit umfangen, die mich ganz ausfüllte – ich liebte dieses Doppelleben, auf der einen Seite ein normaler Hogwartsschüler zu sein und auf der anderen Ihm zu folgen, dessen Ideale für mich zwar immer noch nicht ganz das Wahre waren, die für mich jedoch immer greifbarer wurden.

Wir konnten dieses Doppelleben fast problemlos führen und flogen noch nicht einmal auf, als der Dunkle Lord mit einer kleinen Anzahl von Dienern an einem Hogsmeade- Wochenende im Dorf auftauchte.

Niemand erkannte ihn, da sein Gesicht tief unter seiner Kapuze versteckt war, und trotzdem spürten wir, dass er es war, als wir ihn in der ‚Welkenden Alraune' bemerkten, bevor wir den Pub verließen.

Wir erfuhren erst später von Lily, was drinnen vorgefallen war: Der Wirt hatte irgendwann zwei Krüge zu ihr und Potter gebracht, die sie nicht bestellt hatten. Beide hatten sie keinen Tropfen angerührt. Dafür hatte sich ein ziemlich angetrunkener Gast darauf gestürzt, als sie aufstehen wollten. Noch bevor er den ersten Krug geleert hatte, war er leblos zusammengebrochen.

Lily und James waren zutiefst erschrocken – sie waren überzeugt, dass das Gift für sie bestimmt gewesen war, woraufhin Adrienne Potter als paranoid und Rodolphus das Ganze als Unsinn betitelte.

Für uns lag auf diesem Plan die Handschrift unseres Herrn, wie wir ihn schon damals nannten. Nur mich und Bellatrix beunruhigte die Möglichkeit der Tatsache, dass der Dunkle Lord es vielleicht tatsächlich auf Lily abgesehen haben könnte.

Besonders mich interessierte Potter recht wenig. Hätte ich damals gewusst, was für eine Bedeutung es für die beiden haben würde, lebend aus dem Wirtshaus herauszukommen…

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Flashback ende
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Nun ja, in diesem Sinne war der Tod damals vielleicht doch gegenwärtiger als wir dachten…

Es ist doch wirklich makaber, dass man quasi zuschauen kann, wie seine Freunde vor den eigenen Augen beinahe ermordet werden, und man denjenigen, der es um ein Haar verschuldet hätte, trotzdem weiterunterstützt. Es war ja nicht nur Lily, auch Avery und Narcissa hätten durch Ihn sein Leben verloren, wenn Er nicht im letzten Moment mit seiner Folter aufgehört hätte…

Ich könnte mein siebzehnjähriges Ich noch immer ohrfeigen, dafür, dass es nicht schon damals durchschaut hat, was der ‚verehrte Dunkle Lord' wirklich plante! Da gibt es kein Verständnis für meine damalige Jugend und Unwissenheit – es gibt keine Entschuldigung dafür, sich einer rassistischen Organisation anzuschließen, deren Haltung man nicht vertritt und für die man trotzdem die schrecklichsten Dinge tut, selbst wenn das Gefühl, das Richtige zu tun, irgendwann verschwindet.

Vor mir taucht jemand aus meiner Erinnerung auf, die besagte Haltungen und Ideale durchaus vertritt.

Bellatrix ist noch bleicher als sonst, sie starrt mich entsetzt an. „Das war es also? Das ist das große Geheimnis?"

Mehr als mein düsteres Nicken bekommt sie nicht als Antwort.

„Und das… das hast du… davon … warum hast du uns nichts gesagt!" Sie scheint teils empört, teils geschockt zu sein.

„Dafür gibt es verschiedene Gründer, der Einfachste ist wohl, dass Dumbledore mich schwören ließ, niemandem etwas von Lupins… Lykantrophie zu erzählen."

„Severus! Du hättest nicht mal Namen nennen müssen, aber dass du beinahe gefressen worden wärst, ist ja wohl eine Sache, die du uns hättest sagen können!" Bellatrix zittert, sie zieht ihren Bademantel noch enger um sich.

„Hättest du etwas gesagt?", entgegne ich kühl. „Vor Adrienne, die wirklich alles verspottet hätte, vor Rodolphus, der wahrscheinlich gerade mal an dem Spannungsfaktor interessiert gewesen wäre?"

Sie schweigt und schaut einen Moment auf das Memoiren-Album, bevor sie mich wieder direkt anblickt. „Ja", sagt sie mit fester Stimme. „Ich hätte zumindest dir oder Evan etwas gesagt. Ich hätte denjenigen von meinen Freunden, denen ich genug vertraue, so viel gesagt, dass es von der Seele weg wäre und trotzdem niemanden verrät."

„Also ist es für dich eine Frage des Vertrauens?", fragte ich und hebe eine Augenbraue.

„In gewissem Sinne schon. Ich meine, natürlich kann man nicht erwarten, dass jeder jedem alles erzählt, aber das hier ist kein Pappenstiel!" Sie deutet aufgebracht auf das Album. „Ich zumindest hätte erwartet, dass du uns genug vertraust, um uns so etwas anzuvertrauen."

Ich atme tief ein. „Es reicht, dass du es jetzt weißt. Können wir jetzt das Thema wechseln? Es ist zwar so lange her, aber ich bin trotzdem nicht besonders erpicht darauf, die Sache jetzt noch stundenlang zu diskutieren."

Bellatrix starrt mich an; sie sieht nicht aus, als würde sie das Thema wechseln wollen. Kein Wunder, sie weiß ja auch, auf was ich zu sprechen kommen will…

„Also, du hast meine Erinnerung gesehen, jetzt bist du dran."

Ihr Blick spricht Bände und ich sehe ihr an, dass sie mir mein leichtes Grinsen am liebsten aus dem Gesicht schlagen will. Sie verzieht kurz den Mund und seufzt.

„Warum interessiert dich das Ganze eigentlich so brennend?", versucht sie einen schwachen Ablenkungsversuch. Na schön, selbst wenn ich drauf eingehe, wird das nicht lange anhalten, dafür hat sie mir selbst die Munition geliefert.

„Wenn du es so willst, ist das auch eine Vertrauensfrage. Dein Verhalten deinem Cousin gegenüber hat nicht nur mir ganz schöne Rätsel aufgegeben, aber du hast dich nie dazu geäußert, auf unausgesprochene Fragen oder auf Andeutungen von Rodolphus."

Ihr Blick ist jetzt mörderisch, jedoch mischt sich zu meiner Verwunderung schnell etwas Trauriges hinein. „Was bringt es denn, jetzt noch in alten Wunden zu stochern? Sirius ist tot."

Es klingt, als wäre sie sich dieser Wahrheit zum ersten mal wirklich komplett bewusst.

Sind das Tränen in ihren Augen treten?

„Manchmal tut es einfach gut, zu reden", höre ich mich sagen. Bemerkenswert, dass auch unbewusst immer noch in eigenen Wunden herumstochern muss… Diese Worte hatte ich bisher immer nur an Gwen gerichtet…

Bellatrix schüttelt den Kopf. „Schau es dir an, wenn du willst… ich… ich kann einfach nicht darüber reden… Noch nicht…" Sie greift nach ihrem Weinglas und blättert gleichzeitig zu den letzten Seiten des Memoiren-Albums. „Begnüge doch erstmal mit dem ersten Mal, dass ich überhaupt gewagt habe, so zu denken…"

Was genau sie meint, lässt sie offen im Raum stehen.

Die Abbilder auf diesen letzten Seiten sind bunt gemischt, ohne Chronologie. Sie scheint sie heute Abend eingefügt zu haben, bevor ich zu ihr gekommen bin. Sie deutet auf eine Erinnerung von unserem Abschlussball. Jede Menge Paare in Abendkleidung und Festroben…

Warum sollte sie ausgerechnet an diesem Abend was genau zum ersten Mal gedacht haben? Ist es eine gute oder eine schlechte Erinnerung?

Sollte es eine Schlechte sein, dann ist sie in diesem Punkt stärker als ich: Sie taucht mit mir in diese Erinnerung hinein.

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Bellatrix' Erinnerung
°°°°°

Der letzte Monat in der Schule war so schnell herumgegangen… Unsere Lektionen, Rodolphus' Heiratsantrag, den ich angenommen hatte und natürlich unsere Höchstleistungen was das schulische Engagement anging.

Und trotzdem hat es nicht gereicht. Zwei Punkte! Zwei Punkte hätten gefehlt, um den Hauspokal zu gewinnen. Hätte Alice McKinnon nicht noch in letzter Minute eine handvoll Punkte verliehen bekommen, wären wir mit einem Häusersieg von der Schule gegangen, aber so war Gryffindor dermaßen haarscharf an uns vorbeigezogen, dass die meistern Slytherins es als Beleidigung ansahen

Für mich bedeutete dieser Ausgang des Häuserwettkampfes immense Selbstbeherrschung gegenüber Lily und Mimi. Ich konnte schließlich meinen verletzten Stolz nicht so weit gehen lassen, dass ich meine besten Freundinnen damit vergrätzte – es war doch natürlich, dass sie ihren Sieg feierten, ich hätte es an ihrer Stelle genauso getan. Aber es war verdammt ärgerlich.

Zu erwähnen wäre natürlich auch das triumphierende Grinsen meines lieben Cousins, als das Ergebnis verkündet wurde. Ich hätte ihn erwürgen können, aber anderseits wäre ja dann sein hübsches Lächeln dahin… Ich vertrat weiterhin die Meinung, dass Gryffindor keinen guten Einfluss auf ihn hatte, aber nach sieben Jahren war da wohl nichts mehr zu machen.

Umso mehr Grund fand ich einen Anlass, an diesem allerletzten Abend in der Schule die Blicke auf mich zu ziehen. Es gab schließlich trotzdem Grund zum Feiern: Die ersten sechs Plätze in Verteidigung gegen die Dunklen Künste gingen allesamt an uns, ich hatte es geschafft, Jahrgangsbeste in den Fächern Verwandlung und Kräuterkunde zu werden, was gute Vorraussetzungen für meinen Wunschberuf waren, und würde bald in eine Familie einheiraten, die, was ihren Rang in der magischen Gesellschaft anging, meiner eigenen um nichts nachstand.

All das war für mich Grund genug, mich in Schale zu werfen und den Abend trotz der Niederlage gegen Gryffindor zu genießen.

In der Großen Halle herrschte ein reges Gedränge. Es war nicht das übliche Meer aus schwarzen Umhängen, sondern ein buntes Feld aus Festumhängen und Abendkleidern. Unsere kleine Gruppe ließ sich an einem Tisch in dem Teil der Halle nieder, in dem normalerweise der große Slytherintisch stand. Was folgte, war das übliche Festessen und eine zugegeben wirklich ergreifende Rede von Lily und James. Mir wurde schmerzhaft bewusst, dass dies wirklich das allerletzte Fest war, dem ich in den Mauern von Hogwarts beiwohnen würde…

Ein Blick zu Mimi sagte mir, dass sie genau dasselbe dachte. Und ein Blick auf die Person zwei Plätze weiter bestätigte, dass sich auch Sirius innerlich schon von Hogwarts verabschiedete.

Es war auch der letzte Blick, den ich heimlich in seine Richtung warf, wie ich es in den letzten Jahren getan hatte, wenn ich sicher war, dass mich niemand beobachtete.

Ich tanzte die meiste Zeit mit Rodolphus, es war das erste mal, dass er mich auf den Bällen in Hogwarts zum Tanz aufforderte und ich tatsächlich ja sagte.

Er schien nicht zu bemerken, dass ich irgendwie nicht bei der Sache war. Ich beobachtete über seine Schulter die anderen Pärchen.

Da waren Mimi und Remus, die einfach ein süßes Paar abgaben. Alice, die sich an Frank schmiegte. Lily und James wagten sich erst nach zwei Feuerwhiskey auf die Tanzfläche und Adrienne schien in Evans Armen zu schweben. Severus saß meistens in einer Ecke, neben ihm Gwendoline.

Und die ganze Zeit über suchte ich unbewusst nach meinem Cousin. Hatte ich ihn gefunden, behielt ich ihn so lang wie möglich im Auge. Er tanze mit diversen Mädchen – darunter allerdings einige Male Dorcas Meadowes –, aber er schien den Abend nicht wirklich zu genießen, das zumindest schloss ich aus seiner Miene.

Wie gerne würde ich mit ihm tanzen anstatt mit Rodolphus, schoss es mir durch den Kopf. Ich versuchte, den Gedanken zu verscheuchen. Obwohl ich schon lange begriffen habe, dass ich mich nicht gegen diese Gefühle wehren kann… Aber das hinderte ja den Verstand nicht daran, noch ein Wörtchen mitzureden.

Es war einfach unmöglich! ‚An Halloween war es aber möglich', wisperte eine leise Stimme der Sehnsucht durch die mühsam aufgebaute Mauer aus Vernunft. ‚An Halloween haben wir aber nicht erkannt, mit wem wir es zu tun hatten', erwiederte ich. Es war einfach undenkbar. Nicht nur wegen der Spannungen sowohl zwischen unseren Häusern als auch zwischen uns selbst – ich war mir sicher, dass ich für nichts mehr garantieren könnte, wenn ich mich wieder in seinen Armen befinden würde. Es war schon im letzten Jahr so gut wie unmöglich gewesen, so zu tun, als würde mich seine Nähe nicht aufwühlen.

Was würde er bloß denken, wenn von den Dingen wüsste, die er mit jedem Blick und jedem Wort, das er an mich richtete, in mir auslöste? ‚Was soll er schon denken' meldete sich die Stimme in meinem Kopf. ‚Er empfindet doch nichts anderes für dich, hast du nicht seine Augen gesehen, als du mit ihm getanzt hast?'

Was spielte das schon für eine Rolle? Es war vollkommen egal, ob er diese Empfindungen, diese Sehnsucht, dieses Verlangen, dass mich schon so lange quälte, teilte. Er war der Schandfleck unserer Familie. Ich müsste ihn schon allein dafür hassen, dass er einfach von zu Hause weggelaufen und ausgerechnet bei Potter untergekommen ist. Außerdem kannte ich mich und ich kannte ihn (zumindest glaubte ich das). Beide würden wir unsere Gefühle nie voreinander zugeben, dafür waren zu viele Dinge zwischen uns geschehen, die uns, zumindest in den Augen unserer Freunde, zu Todfeinden hätten machen müssen.

In den Augen unserer Freunde?

Was tat ich hier eigentlich? Ich dachte in den Armen meines baldigen Ehemannes über Dinge nach, die niemals passieren würden – niemals passieren durften!

Rodolphus schien meine innere Unruhe zu bemerken und führte mich zu unserem Tisch zurück. Nicht, dass es in irgendeiner Weise half, mich an einem Gespräch mit Evan zu beteiligen. Meine Gedanken und Blicke schweiften unkontrollierbar immer wieder zu Sirius' Gesicht. Diese graublauen Augen, wie meine eigenen, der fein geschnittene Mund, der sich an diesem Abend so selten zu einem Lächeln verzog…

Ich betete das Ende des Balls herbei, und je mehr ich mich woanders hin wünschte, desto langsamer schien die Zeit zu vergehen. Es wurde ein wenig besser, als ich mich in weiblichere Gesellschaft begab – sprich: Lily und Mimi, die sich für kurze Zeit von ihren Freunden lösten – und endlich, nach einer Ewigkeit, kündigte Dumbledore den letzten Tanz an – und zog damit noch einmal meine ganze Abneigung auf sich. Denn er konnte es natürlich nicht bei einem einfachen Abschluss des Balls belassen – nein, er verlangte ein friedliches Auseinandergehen von Gryffindor und Slytherin. Im Klartext: Pärchenbildung zwischen den beiden Häusern.

Leider fand ich Rodolphus zu spät, denn insgesamt waren wir zu wenig Mädchen, als dass es tatsächlich ausschließlich ‚gemischte' Paare hätte geben können. So stand er bereits vor Alice. Ich verfluchte inbrünstig das Schicksal, als ich bemerkte, dass nur noch Adrienne, Pettigrew und Sirius übrig waren.

Adrienne nahm mir jegliche Streitereien mit meinem Gewissen ab, indem sie augenrollend auf meinen Cousin zuschritt. Ich atmete auf. Der Kelch war an mir vorüber gegangen. Die letzte Chance mit ihm zu tanzen, ihm nahe zu sein und meine Augen verraten zu lassen, dass er für mich mehr war als nur der Schandfleck der Familie… dass er so viel mehr für mich war…

Allgemein zeugten die wenig begeisterten Gesichter aller Beteiligten davon, dass dieser letzte Tanz eine von Dumbledores schlechteren Ideen gewesen war. Mein Glück, dass ich nicht unbedingt zum Rotwerden neigte, denn der Anblick, den Pettigrew und ich boten, war mit Sicherheit nicht der Erhabenste, immerhin war er gut einen Kopf kleiner als ich.

Und dann war alles vorbei. Der Ball, die Zeit in Hogwarts, die Kindheit… der Ernst des Lebens würde nun unweigerlich beginnen, das ging mir zum wiederholten Male durch den Kopf, als ich in dem Strom meiner Mitschüler in die Eingangshalle kam. So kühl ich das alles nach außen aufzunehmen schien, so sehr ging es mir tatsächlich zu Herzen…

Ich stand noch etwas verloren in der Eingangshalle herum, als er auf einmal auf mich zukam. Sirius. So, wie ich ihn kannte, mit federndem Schritt, schwarze glänzende Haarsträhnen fielen ihm in die Augen.

Ich war selbst überrascht, wie kühl und gelassen meine Stimme blieb.

Was willst du?"

Ich wollte mich verabschieden, Cousinchen. Wenn ich das morgen am Bahnhof mache, kratzt mir entweder deine oder meine Mutter die Augen aus." Das brachte auch nur er fertig, den Unfrieden in unserer Familie auch noch zu belächeln. Doch ich bemerkte, dass sich auch meine Mundwinkel hoben.

Tja, dann… was hast du nach der Schule vor?" Merlin, kannte ich ihn so schlecht, dass ich nicht mal wusste, welchen Beruf er ausüben wollte? Obwohl, ich hatte da so eine Vermutung…

Ich bin an der Aurorenschule angenommen worden…"

Er lachte, als ich die Augen verdrehte. „Das war klar, Hauptsache du kannst der Welt beweisen, wie wenig du noch mit deinem Clan zu tun haben willst."

Darauf bekam ich keine Antwort, aber ich wusste auch so, dass es stimmte. Es war typisch für ihn.

Wir standen etwas verlegen voreinander und hielten Augenkontakt. Er war viel zu nahe… ich spürte seinen Atem auf meinem Gesicht. Seinen Augen glänzten, als würden sie versuchen, mir etwas zu sagen, das sein Mund nicht fertig brachte. Sie drückten so viel aus… Verzweiflung, Traurigkeit, und gleichzeitig lag irgendetwas Hoffnungsvolles darin…

Seltsam, das Einzige, was ich dachte, war ‚Als was nimmst du mich wahr, Sirius? Als dein Cousinchen?'

Und in diesem Moment wünschte ich mir nichts anderes, als dass er mich als das wahrnahm, was ich war: Als Frau. Als Frau, bei der er keine Bedenken haben musste, ob irgendeine Verwandte ihm die Augen dafür auskratzte, wenn er sich mir auf mehr als einen Meter näherte…

Schließlich brach er das Schweigen. Seine Stimme klang rauer als sonst, als er sagte: „Also dann… vielleicht läuft man sich ja in der Winkelgasse mal über den Weg…"

Bestimmt, so groß ist die schließlich nicht", antwortete ich, meine Stimme war so freundlich, nicht zu zittern. Und dann tat er es tatsächlich: Er umarmte mich.

So nah waren wir uns seit dem Tanzen im letzten Jahr nicht mehr gewesen, und wenn es damals eine süße Folter war, dann wurde ich jetzt zur Masochistin…sein ganz eigener Duft stieg mir in die Nase und seine Wärme und Nähe brachte mich fast um den Verstand…

Ich erwiederte seine Umarmung und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange, als er sich von mir löste.

Pass auf dich auf", sagte ich.

Du auch", murmelte er, bevor er sich umdrehte und mich mit meinen aufgewühlten Gefühlen allein ließ.

°°°°°

„Da hast du's", murmelt Bellatrix, als wir wieder auf ihrem Bett sitzen.

Ich bin nicht sonderlich überrascht von dem, was ich gesehen habe. Überrascht ist nicht das richtige Wort. Verwundert trifft es schon besser. Bellatrix Black Lestrange, die sich so aus der Fassung bringen lässt, zumindest innerlich, das war vor Askaban ein wirklich seltener Anblick. Es ist jedoch erstaunlich, wie gut sie ihre wirklichen Gefühle hinter dieser kühlen Fassade verstecken konnte.

Ich habe sie und ihren Cousin nach unserem Abschluss nur noch selten zusammen gesehen, aber wenn, dann wirkten sie beide, als wären sie Fremde. Fremde, die sich auf den ersten Blick ineinander verlieben, wohlgemerkt, denn ihre Augen sprachen immer wieder das aus, was sie mit Worten nicht sagen konnten oder wollten. Und genau das macht es so schwer, als Außenstehender festzustellen, was wirklich zwischen ihnen war.

„Vielleicht hast du recht", sagt Bellatrix leise.

„Was meinst du?" Das überrascht mich wirklich – sie gibt selten anderen Leuten Recht.

„Dass es gut tut, wenn man einfach drüber redet… oder eben andere daran teilhaben lässt..." Sie schaut mich aus ihren tief liegenden Augen an und scheint milde überrascht, dass es tatsächlich stimmt.

Ich öffne gerade den Mund, um etwas zu sagen, doch sie scheint zu wissen, dass ich eine Aufforderung loswerden will und unterbricht mich.

„… aber lass mir ein bisschen Zeit, wenn du nicht willst, dass ich gleich als heulendes Wrack hier hocke."

Nun ja, es ist erst halb zwei, wir haben Zeit.

Die Weinflasche ist noch nicht leer, und ich bin durchwachte Nächte gewöhnt.

Warum sich also nicht mit Albträumen sondern mit Erinnerungen wach halten?