Disclaimer ist nochmal fällig: Die Figuren gehören Joanne K. Rowling, abgesehen von Gwendoline, Elisabeth, Angie und Emilina Potter.
Wichtige Anmerkung:
Wie ihr gemerkt hat, hab ich eine kleine Ewigkeit für das neue Kapitel gebraucht, und dafür möchte ich mich erstmal entschuldigen. Neben dem ganzen schul- und bühnenbedingten Stress war ich so unzufrieden mit einigen Stellen im Kapitel, dass ich teilweise den Faden verloren habe. Hätte ich in dem Zustand, wie es bis dahin war, nicht gerne online gestellt.
Allerdings war die lange Wartezeit auch ein wenig beabsichtigt.
Dank eines bestimmten Pairings, das sich einfach nicht fügen wollte, ist mein ganzer Plan für diese FF über den Haufen geworfen worden – das Pairing passt einfach nicht mehr in den Rahmen, den ich mir für „Abendröte" aufgestellt hatte. Aus diesem Grund muss ich es, so Leid es mir tut, in die nächste geplante FF abschieben. Da ich aber nicht drei FFs auf einmal schreiben kann, habe ich beschlossen, jetzt erst einmal „Löwenstern" so schnell wie möglich zu beenden, damit ich sowohl die ersten Kapitel vom neuen Projekt als auch die nächsten Kapitel von dieser Geschichte in besseren Abständen weiter schreiben kann.
Deshalb wird es hier wahrscheinlich in nächster Zeit weiterhin etwas langsamer voran gehen.
Aber wer weiß – vielleicht komme ich in den Sommerferien ja endlich wieder regelmäßiger zum Schreiben ;) Ich hoffe jedenfalls, dass ich euch mit den langen Wartezeiten nicht vergrault habe.
Vielen Dank für die Reviews an Eilantha und Nyarna!
Eilantha: Ist ein bisschen kürzer als die letzten geworden, ich hoffe, es gefällt die trotzdem ;)
Nyarna: An dich geht ein Extra-Danke. Nachdem ich dein Review gelesen hatte, hab ich mich endlich aufgerafft, das Kapitel fertig zu schreiben und die schlimmen Stellen auszubessern. Keine Sorge, ich habe auf jeden Fall vor, die Geschichte zu ende zu schreiben. Wenn alles gut geht, ist spätestens Mitte August der Epilog online. Daumendrücken :)
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Kapitel 9: Negativ
„Wanna breathe
Wanna move
Wanna move and not ever feel afraid
Wanna live in a place
Where the truth still finds a way
To rise and advise
And when everything is lies you break
Cause there's nowhere you can run and still feel safe.
I think the world's gone crazy."
Anastacia – I do
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Prompt verdreht Bellatrix die Augen. „Du gibst nie auf, oder?"
„Die Antwort kennst du doch."
Daraufhin schüttelt sie bloß den Kopf, auf ihrem Gesicht zeigt sich eine seltsame Mischung aus Resignation und Belustigung, wobei letztere ziemlich schnell verschwindet.
„Ich frag mich immer noch, warum dich das alles so interessiert", sagt sie schroff. Ihre Müdigkeit scheint mit einem Schlag verschwunden zu sein.
Tja, das frage ich mich inzwischen auch… vielleicht, weil ich mir diese einfache, profane Neugier eigentlich nicht eingestehen will. Passt nicht zu mir, gibt meinem Selbstbild einen Knacks.
Also werde ich einen Teufel tun und etwas Wahrheitsgemäßes erwidern. Eine abgewandelte Version meiner Gedanken muss reichen.
„Ich bin eigentlich nur an der Bestätigung einer Theorie interessiert."
Sie hebt spöttisch die Augenbrauen. „Seit wann haben deine Theorien was mit unpassenden und verirrten Pseudo-Romanzen zu tun?"
„Was hat die Frage nach der Existenz deines Herzens mit einer… Pseudo-Romanze zu tun? Ich fand den Gedanken bisher eigentlich eher deprimierend, besonders wenn ich mir überlege, dass es eine meiner engsten Freunde ist, die vielleicht so herzlos ihren lieben Cousin getötet hat."
Bellatrix zuckt zusammen, als ich diese Worte ohne jegliche Emotionen von mir gebe.
„Gut, okay, ich denke ich hab's verstanden." Sie wischt sich kurz mit dem Handrücken über die Augen.
Es ist immer wieder seltsam, wenn man so darüber nachdenkt. Die ganze Nacht schon ist es ein einziges Pingpong-Spiel, in dem unsere Worte in unseren Herzen gegenseitig abwechselnd immer wieder Wunden aufreißen. Der eine triumphiert über den anderen, bis das Gespräch auf den eigenen Dreck zurückkommt und man am liebsten in ein Mauseloch kriechen will, um nicht darüber reden zu müssen.
Man sollte es nicht für möglich halten, dass sich (ehemalige?) Freunde so etwas antun und dabei noch Genugtuung empfinden können…
„Und?", frage ich schließlich und ernte einen fragenden Blick. „Cousin oder doch große Liebe?"
Sie antwortet mit einem Schulterzucken. „Alles und nichts, und beides muss wohl verflucht sein. Außerdem gehört zur Liebe auch eine ganze Portion Hass."
Na, das kann ich mir bei den beiden bestens vorstellen, in Hogwarts bin ich davon immerhin regelmäßig Zeuge gewesen. Aber später? Ich hatte immer den Eindruck, dass da nur noch eine Menge Verachtung von den ganzen Auseinandersetzungen übrig geblieben wären…
„Nein, das war mehr als Verachtung", entgegnet Bellatrix. „Da gab es eine Begebenheit… im April 1979. Du erinnerst dich vielleicht, dass Emilina Potter damals das Zeitliche segnete? Du weißt schon, James Potters älteste Cousine."
„Selbstverständlich. Auroren sind zu dem Zeitpunkt beliebte Opfer von Avery und Co gewesen."
„Und Adrienne hätte sicherlich in diesem speziellen Fall auch gerne Hand angelegt."
Stirnrunzeln meinerseits. Sie will doch nicht etwa sagen…
„Ich denke, du weißt, was ich meine. Emilina Potter war die Aurorin, die den Fluch auf Adrienne losgelassen hatte, wegen dem sie im Rollstuhl landete. Ich habe ihr damals versprochen, mich um die Sache zu kümmern. Es hat zwar länger gedauert als erwartet, Potter alleine anzutreffen, aber irgendwann hat es geklappt."
„Dann warst du es, die sie getötet hat?" Überraschen würde es mich nicht…
„Oh, nein", wehrt sie jedoch sofort ab. „Ich bin auf meinem Spezialgebiet geblieben. Ein paar mal Cruciatus. Und schau mich nicht so an, sie war nicht so schlimm dran wie die Longbottoms."
Mein Augenrollen und den Ausdruck des Missfallens, den ich prinzipiell auf dem Gesicht trage, wenn sie vom Cruciatus-Fluch spricht (was eigentlich jedes Mal eine Art Schwärmen ist), ignoriert sie geflissentlich.
„Auf jeden Fall waren wir nicht alleine in dieser Londoner Gasse. Irgendwann stieß noch eine Todesserin zu mir, maskiert, ich konnte nicht erkennen, wer sie war. Mit Potter war ich inzwischen fertig, sie hatte immerhin das Bewusstsein verloren, und die Dame wollte es beenden. Ich verstehe bis heute nicht, weshalb, normalerweise bleiben Cruciatus-Opfer immer liegen, bis sie gefunden werden oder bis sie von selbst wieder auf die Beine kommen.
Ich jedenfalls wandte mich von den beiden ab – und als ich mich umdrehte…" Bellatrix zögert einen Moment, als versuche sie, sich ganz genau an die Situation zu erinnern.
„Da stand Sirius. Er musste gerade um die Ecke gekommen sein und starrte auf das, was er vorfand. Ich hab keine Ahnung, ob er die letzten Flüche noch gesehen hat. Vielleicht kam er auch nur deshalb dorthin, weil er die Schreie gehört hat. Ich weiß es wirklich nicht. Aber sein Blick…" Ihre Augen weiten sich bei der Erinnerung. „Zuerst schien er einfach nur geschockt zu sein. Und als er mir dann in die Augen sah… Ich trug keine Todesserkleidung, aber für ihn war es auch so offensichtlich. Ich kann gar nicht genau beschreiben, was da für Emotionen waren… Enttäuschung… Entsetzen… Hass… Er sah all seine Vorbehalte gegen die Familie – gegen mich – bestätigt.
Wir wurden dann beide vom Avada-Fluchlicht abgelenkt. Das war das Ende von Emilina Potter. Die andere Todesserin hat ihr noch irgendwas abgenommen, ein Armband, glaub ich… dafür hatte ich in dem Moment allerdings keinen Kopf."
Bellatrix atmet tief durch. Spielt mir das Licht der immer kleiner werdenden Kerzen einen Streich, oder glitzern ihre Augen verdächtig?
„Ich habe selbst genug Hass in mir gehabt. Viel anders kann sich Potter beim Anblick meiner Augen auch nicht gefühlt haben. Aber ich… für mich war es ein schreckliches Gefühl, diesen Hass aus seinen Augen sprühen zu sehen. Es war wie in einen Spiegel zu schauen. Hast du eine Ahnung, was das für ein Gefühl ist?"
Habe ich. Eine Erfahrung, die ich des Öfteren machen musste. James, Moody, Gwen, Lilys Sohn… mein eigenes Spiegelbild, spätestens nach allem, was auf dem Astronomieturm geschehen ist…
Neben mir beißt sich Bellatrix auf die Lippen.
„Ich verstehe bis heute nicht, warum er mich nicht sofort in der Aurorenzentrale gemeldet hat. Er hat nur Emilinas Leiche fortgebracht. Du kennst mich ja, ich hab die Folter an ihr nicht bereut. Keine Albträume, wie viele andere sie nach solchen Aktionen haben. Aber Sirius' Augen… mit all diesen Emotionen… das hat mich nächtelang verfolgt." Sie wischt sich hastig mit dem Bademantelärmel über die Augen.
Das erstaunt mich nun doch.
Obwohl es bei Bellatrix eigentlich nicht weiter verwunderlich ist.
Normale Leute – ich nehme mir die Freiheit, mich in diesem speziellen Fall dazu zu zählen – werden nachts mit ihrer Schuld konfrontiert und von ihrem Gewissen fast in den Wahnsinn getrieben und können den Menschen, die sie lieben, kaum noch in die Augen schauen. Bellatrix treibt Leute ohne Schuldbewusstsein in den Wahnsinn und wird nachts von den anschuldigenden Augen ihres Geliebten (ist er das denn nun?) heimgesucht.
Ihre Geschichte sollte mich eigentlich zumindest verwundern, aber sie ist nicht neu für mich, bis auf die Sache mit Sirius. Ich kann mir sein Gesicht bildlich vorstellen, als er herausfand, dass seine liebe Cousine tatsächlich die Todesserin ist, die er immer in ihr sehen wollte – und gleichzeitig auch nicht.
Aber ich habe eine solche Geschichte schon einmal gehört. Bloß war es da ein anderes Opfer, das von mehreren Todessern gefoltert wurde. Ein Opfer, dass ich später im St. Mungo Hospital traf und durch das ich einen Einblick in die Gedanken und Gefühle der Gepeinigten bekam: Gwendoline.
Durch ihre Schilderungen weiß ich auch, um wen es sich bei der maskierten Mörderin Emilina Potters handelte: Elisabeth Habsbourg, die Hexe aus der Abteilung für Magische Strafverfolgung, die Frau, die zur Schlichtung der Kämpfe zwischen Auroren und Todessern beitrug.
Aber immer der Reihe nach. Diese Art von Vertrauen begann schließlich mit einer großen Portion Misstrauen.
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Flashback
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Das Gewissen kann ein lästiges Ding sein, wenn man zwanghaft versucht, es zu ignorieren.
Ich verbrachte das Frühjahr 1979 damit, die Aufträge meines Herrn auszuführen und gleichzeitig genau das vor Lily und meine Zweifel vor meinen Freunden zu verbergen. Keine leichten Aufgaben.
Um alles noch schlimmer zu machen, lief ich die ganze Zeit über Gefahr, dass der Dunkle Lord herausfand, dass ich seine Ideale nicht mehr unterstützte.
Das Einzige, was mich dazu brachte, es dennoch zu tun, war die Tatsache, dass ich meine Opfer nicht persönlich kannte – und selbstverständlich die Angst.
Nächtelang zerbrach ich mir den Kopf über einen Ausweg aus dieser Lage, doch alle Überlegungen waren zwecklos – man konnte nun mal nicht einfach seine Kündigung beim Dunklen Lord einreichen. Solange er, als ausgezeichneter Legilimentor, nach Belieben in meinen Geist eindringen konnte, stellte jegliche Gegenwehr einen Auftakt zum Todesurteil dar.
Lange schon war ich mir im Klaren darüber, dass ich in Seine perfekte Falle geraten war: Von meinen Wissensdurst getrieben, hatte ich mich freiwillig in Seine Klauen begeben, aus denen Er mich nicht mehr fortließ. Er hatte mir genug beigebracht, um mein Vertrauen für eine gewisse Zeit zu gewinnen und zu halten, um mich an sich zu binden und für ihn zu arbeiten – und zu wenig, um mich aus seinem Netz befreien zu können.
Meine einzige Möglichkeit, zu verhindern, dass er herausbekam, wie sehr mich meine Dienste für ihn inzwischen anwiderten, bestand darin, meine Aufträge möglichst fehlerfrei und überzeugend auszuführen.
Ich brachte es nicht mehr über mich, meinen Opfern in die Augen zu schauen. Wer hätte das gedacht? Ausgerechnet ich, der so ziemlich jeden niederstarren könnte, wich den Blicken jener Menschen aus, wissend, dass mich ihre Augen in den wenigen verbliebenen Schlafstunden heimsuchen würden, wenn ihre Besitzer schon längst im St. Mungo waren – oder unter der Erde.
So verging einige Zeit.
Sowohl Rodolphus und Bellatrix als auch Lily und James beschlossen, ihre Hochzeit nicht mehr allzu lange heraus zu schieben.
Je deutlicher Adrienne spürte, wie sehr sie unter ihrer verlorenen Lauffähigkeit litt, desto mehr klammerte sie sich an Evan, dem das Ganze langsam über den Kopf zu wachsen schien.
In den Zeitungen wimmelte es vor Vermissten- und Todesanzeigen.
Der Dunkle Lord war mehr als erfreut über die Vorgänge im Zaubereiministerium, was für mich unverständlich war.
Wir waren schon nicht sonderlich begeistert gewesen, als wir von den Beförderungen erfuhren. Als uns dann auch noch die Anwesenheitspflicht für die Ehrung am 17. Juli 1979 aufgebrummt wurde, war die Stimmung bei Lily und mir auf dem Tiefpunkt.
Nicht, dass es sonderlich spannend gewesen wäre – wir bekamen ohnehin kaum etwas von dem eigentlichen Vorgang mit. Ministeriumsbeamte und St. Mungo- Angestellte standen auf dem großen Platz vor dem Ministerium, während sich der Himmel langsam zuzog, und warteten, dass die Herrschaften nach draußen kamen.
Es hatte ja gerade die richtigen getroffen: Cornelius Fudge und Bartemius Crouch senior mit ihren neuen Assistentinnen Dolores Umbridge und Elisabeth Habsbourg.
Wenn wir jedoch schon nicht besonders angetan waren (was auch an dem langen, sinnlosen Herumgestehe liegen konnte, jeder, der die Situation kennt, kann sich unsere Genervtheit ausmalen), dann waren es die Leute, die sich nun vor dem Tor zum Ministerium aufbauten, erst recht nicht.
Es waren vier Leute, zwei Frauen und zwei Männer. Sie waren zu weit entfernt, als dass ich sie hätte erkennen können, aber jeder Anwesende verstand ihre Botschaft: Sie hatten etwas gegen die vier Ministeriumsleute, die heute befördert wurden, und das demonstrierten sie recht lautstark – jedoch, wie ich zugeben musste, auf sehr stilvolle Weise.
Mich traf jedoch fast der Schlag, als eine der Frauen, nachdem sie ihren Protest beendet hatten, auf die Ehrenloge zuschritt, in der sich wichtige Menschen wie Albus Dumbledore oder Lucius Malfoy aufhielten, und sich dort ohne Schwierigkeiten unter die Ehrengäste mischte. Dies war übrigens nicht der Grund für mein Erstaunen, sondern die Tatsache, dass ich die Frau erkannte, als sie einem Sicherheitszauberer ihren Ausweis vorzeigte: Es war Gwendoline Rockhome.
Was tat sie hier? Sollte sie nicht in Deutschland sein? Und warum protestierte sie gegen ihre ehemalige Schlafsaalkameradin?
Gerade als ebenjene aus dem Ministerium kam, zusammen mit Fudge, Crouch, Umbridge und Ministerin Bagnold, und allen möglichen Leuten die Hände schüttelte, spürte ich, wie ein seltsamer Anflug von Euphorie durch meine Adern rauschte – eine Euphorie, die nicht von mir selbst stammte. Das konnte nur eins bedeuten: Durch das Dunkle Mal konnten alle Todesser immer auf gewisse Weise die Stimmung unseres Herrn erahnen. Warum nur war Er so erfreut über diese Beförderungen?
Natürlich, Fudge war – gelinde gesagt – in der Meinung vieler Menschen ein unfähiger Trottel und eine Menge Leute verstanden nicht, warum ihm die Leitung für die Abteilung für Magische Katastrophen aufgetragen wurde – für unsere Seite jedoch war es ein unbestreitbarer Vorteil. Im Gegensatz zu der Tatsache, dass der für seine Erbarmungslosigkeit bekannte Barty Crouch zum Leiter der Abteilung für Strafverfolgung gemacht wurde.
Ich war froh, als ich endlich von meinem Platz verschwinden und mit der Heuchelei aufhören konnte. Wie konnte man erwarten, sich für Barty Crouch zu freuen, während sein Sohn und seine Frau ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter machten? Passend dazu hätte ich bei dem Sturm, der langsam aufzog, nicht länger vor dem Ministerium bleiben wollen. Noch einmal hielt ich kurz Ausschau nach Gwendoline (und wunderte mich gleichzeitig darüber, dass ich es tat), die jedoch plötzlich wie vom Erdboden verschluckt schien.
Ich stolperte dann schließlich ein paar Stunden später geradezu über sie, an der Ecke zwischen Winkel- und Nokturngasse. Als sie bemerkte, wen sie vor sich hatte, schrak sie hastig ein paar Schritte zurück und ihr Blick verdüsterte sich. Anstatt einer Begrüßung sagte sie leise: „Warum stoße ich heute eigentlich den ganzen Tag mit Leuten zusammen?"
„Seit wann bist du denn wieder hier?", erwiderte ich.
„Das müsstest du eigentlich besser wissen als ich." Während der paar Sekunden, in denen sie sprach, schaute sie mir in die Augen, dann wich sie meinem Blick aus – wie immer.
Was meinte sie damit? Warum war sie so kühl? „Ich weiß nicht was du meinst."
Sie hob die dunklen Augenbrauen. „Seltsam." Damit drehte sie sich auf dem Absatz um.
Ich war mir nicht sicher, was mich dazu brachte, ihr zu folgen. Vielleicht war es ihre mitgenommene Art, vielleicht fühlte ich mich einfach wieder an unser Gespräch in den Weihnachtsferien des letzten Schuljahrs erinnert durch diesen resignierten Ausdruck in ihren Augen.
Als ich sie schließlich einholte und am Arm fasste, zuckte sie zusammen und trat mit einem „Was willst du eigentlich?" abermals ein paar Schritte zurück.
Erst jetzt fielen mir einige Dinge an ihr auf, die mich schon früher hätten stutzig machen müssen. Da war zum einen ihre Haltung und ihr Gang; sie schien zu humpeln und Schmerzen zu haben und auch jetzt stand sie irgendwie geduckt.
Zum anderen schienen ihre seltsam stumpf wirkenden Ozeanaugen aus dunklen Löchern heraus zu blicken, so dunkel waren sie umschattet. Ihre Haut war sehr bleich und sie wirkte insgesamt sehr ungesund, als hätte sie die letzten Monate in vollkommener Dunkelheit verbracht.
Was mich ebenfalls erschreckte, war ihr Blick – sie schaute mich feindselig, enttäuscht und zugleich… nun ja, irgendwie verschreckt an. Bloß konnte ich mir beim besten Willen den Grund dafür nicht erklären, zwischen uns war nichts vorgefallen, was diesen Blick oder ihr distanziertes Verhalten rechtfertigen würde.
„Was ist mit dir los?", fragte ich, nichts Gutes ahnend, „was ist passiert?"
Gwendoline schnaubte und schüttelte kurz den Kopf, als wäre jedes weitere Wort verschwendete Zeit. Dann machte sie so scharf und unvermittelt einen Schritt auf mich zu, dass es an mir war, zusammenzuzucken, erst recht, als sie wortlos nach meinem linken Arm griff, den Ärmel nach oben schob und damit das Dunkle Mal freilegte. „Das ist passiert", antwortete sie, die Stimme nur noch ein Flüstern.
Als sie sich unserer Nähe bewusst wurde, ließ sie mich abrupt los und ein unangenehmes Schweigen breitete sich aus. Bildete ich es mir bloß ein, oder schwand noch ein wenig mehr Farbe aus ihrem ohnehin schon blassen Gesicht?
Schließlich holte ich tief Luft, um zu einer Entgegnung anzusetzen, aber Gwen fiel mir sofort ins Wort.
„Hast du eigentlich eine Ahnung, was ihr den Leuten antut?" Auch wenn sie mich wieder nicht anschaute, sondern stattdessen die Straße musterte; ihre Stimme machte ihren Abscheu so deutlich, dass ein Blick in ihre Augen unnötig gewesen wäre. „Hast du nur einmal in die Augen der Menschen in den verdammten Lagern geschaut?"
„Was für Lager?" Ich war ehrlich ahnungslos, was die Realität anging. Allerdings fielen mir die Gerüchte ein. Mulcibers Erzählungen über ‚Gefangeneneinrichtungen'. Aber das konnte doch weder sein noch ihr Ernst sein, dass der Dunkle Lord tatsächlich Lager für seine Gefangenen eingerichtet haben sollte… Andererseits, überlegte ich, verschwanden mehr als häufig Menschen aus den so genannten minderwertigen Gruppierungen, irgendwo mussten diese ja untergebracht werden…
Auf Gwens Gesicht zeigte sich für einen kurzen Moment Unsicherheit, als würde sie sich fragen, ob ich tatsächlich keine Ahnung hätte. Doch wenige Augenblicke später kehrte ihre düstere Miene zurück. „Tu doch nicht so, als wüsstest du nicht, wovon ich spreche! Die… Au!" Plötzlich zuckte sie zusammen und fasste sich reflexartig an den Kopf. Von ihren offensichtlichen Schmerzen ließ sie sich jedoch nicht lange unterbrechen. „Die Todesser, die da waren, haben sogar von dir geredet. Und von Evan, und von Wilkes."
Ich kam erst gar nicht dazu, mein entsetztes „Wie bitte!" von mir zu geben.
„Man muss zusehen, was den Leuten da angetan wird", stieß sie hervor, ihre Stimme klang mit einem Mal seltsam hoch und dünn und sie schwankte ein wenig. „Und dann hört man auch noch, dass ihr daran beteiligt seid…"
Gwendoline kniff die Augen zu, schwankte erneut, atmete durch und es wirkte wie die größte Anstrengung.
Sie brach im selben Moment zusammen, als Evan in mein Blickfeld trat. Es waren keine Worte, nur ein einziger Blick zur Verständigung notwendig, bevor er zu uns gelaufen kam und wir uns zu Gwendoline herunterbeugten.
Sie war noch bei Bewusstsein, doch sie wirkte nicht so, als würde dieser Zustand noch lange anhalten. Ihre Kraftlosigkeit hätte nicht offensichtlicher sein können.
Trotzdem blickte sie mit verschreckt aufgerissenen Augen zwischen Evan und mir hin und her.
„Was machst du für Sachen?", murmelte mein bester Freund besorgt und legte Gwendoline eine Hand auf die Stirn, woraufhin diese zusammenzuckte.
„Wir sollten sie ins St. Mungo bringen", sagte ich leise. Evan nickte und wollte schon nach seinem Zauberstab greifen, doch die junge Frau vor uns schüttelte so heftig den Kopf, wie es ihre Schmerzen erlaubten.
„Nicht ins St. Mungo", gab sie mit überraschend lauter und erschreckend flehender Stimme von sich. „Keine Heiler…"
Mit diesen Worten verlor sie endgültig das Bewusstsein.
Evan suchte unschlüssig meinen Blick. „Sollen wir…?"
„Du willst sie doch nicht allen Ernstes in unsere Wohnung bringen!" Ich starrte ihn ungläubig an. „Sie kriegt doch schon die Krise, wenn sie uns nur sieht, wie denkst du, reagiert sie, wenn sie bei uns wieder aufwacht?"
„Vor den Heilern scheint sie aber richtiggehend Angst zu haben", erwiderte er. „Den Eindruck hat sie jedenfalls vorhin auf mich gemacht."
Auf meinen verdutzten Blick meinte er nur: „Ich erklär es dir später. Aber jetzt hilf mir erst mal, sie von hier weg zu bringen."
Im Nachhinein konnte ich nicht mehr sagen, ob es Evans eindringlicher Tonfall, Gwendolines mitgenommener Anblick oder meine innere Aufgewühltheit war, die mich wider besseren Wissens dazu brachte, ebenfalls meinen Zauberstab zu ziehen und Evan zu helfen, die Bewusstlose in unsere Wohnung zu transportieren.
Während sie auf unserem Wohnzimmersofa langsam wieder zu sich kam, versuchte ich meine Gedanken zu ordnen.
Merlin, was ging hier bloß vor?
Was tat Gwen hier, nachdem sie vor über einem Jahr das Land verlassen hatte? Und wie viel Wahrheit steckte in dieser Geschichte mit den Gefangenenlagern? Ich hatte den Gerüchten nie Glauben geschenkt. Doch Gwendolines Worte machten mich nachdenklich – sie war schließlich nicht grundlos dermaßen am Ende ihrer Kräfte. War es tatsächlich möglich, dass sie den Kontinent überhaupt nicht erreicht hatte sondern in einem dieser Lager gelandet war? Wenn dem so war, was war dort bloß mit ihr passiert, dass sie nun mehr tot als lebendig wirkte, wie sie drüben auf dem Sofa erfolglos versuchte, sich aufzurichten?
Eine Frage, die mir ebenfalls keine Ruhe ließ, war die nach dem Wissensstand meiner Freunde. Wussten Bellatrix und Rodolphus bescheid? Womöglich auch Adrienne und sogar Evan?
Letzteres bezweifelte ich allerdings. Evan war, wie er mit später erzählte, noch vor mir mit Gwendoline zusammengestoßen, mit einer ähnlichen Reaktion wie bei mir. Jedoch schien sie ihm ein wenig mehr anvertraut zu haben – und nach dem Entsetzen meines Freundes zu urteilen, war er im Bezug auf die Gefangenenlager genauso ahnungslos gewesen wie ich.
Es stellte sich als schwierige Aufgabe heraus, Gwendoline davon zu überzeugen, dass wir ihr nichts tun wollten. Es war offensichtlich, dass sie sich dort, wo sie war – in der Wohnung zweier Todesser – alles andere als wohl fühlte, und es war Evans Worten zu verdanken, dass sie sich schließlich überreden ließ, die Nacht auf unserem Sofa zu verbringen. Sie schwieg sich jedoch sowohl darüber aus, was mit ihr passiert war, als auch darüber, warum sie unter keinen Umständen ins St. Mungo wollte, was ich noch immer für unverantwortlich hielt.
Überraschenderweise hielt sie den Kontakt zu Evan, nachdem sie einen Tag, nachdem wir sie aufgesammelt hatten, unsere Wohnung verließ – ein Beweis für die Tiefe der Freundschaft, die sie in Hogwarts aufgebaut hatten.
Auf diese Weise sah auch ich sie wieder des Öfteren.
Ihre Beweggründe waren und blieben mir allerdings ein Rätsel. Sie begegnete uns mit ständigem Misstrauen, die Enttäuschung verschwand nicht aus ihrem Blick – und genau deshalb ergab die Tatsache, dass sie überhaupt unseren Kontakt suchte, für mich keinerlei Sinn
Dass sie uns weiterhin verschwieg, was während ihrer Abwesenheit mit ihr geschehen war, machte es mir noch schwerer, . mich selbst zu den Diensten für den Dunklen Lord zu zwingen. Ihre Worte schwirrten durch meinen Kopf, während eine junge Hexe aus dem Ministeriums-Fluch aufhörte, sich gegen den Imperius zu wehren, oder als Bellatrix und Rodolphus zum ersten mal als Ehepaar eine mehr oder weniger öffentliche Folter vornahmen: „Hast du eigentlich eine Ahnung, was ihr den Leuten antut?
Man muss zusehen, was den Leuten da angetan wird und dann hört man auch noch, dass ihr daran beteiligt seid…"
Schließlich bestanden meine größten Bemühungen darin, meine sorgfältig aufgebauten Fassaden aufrecht zu erhalten und niemanden dahinter schauen zu lassen – weder meine Kollegen aus dem Hospital und die anderen Todesser, noch die Menschen, die mir nahe standen: Meine Mutter. Die Lestranges. Evan. Lily.
Das Gewissen kann ein lästiges Ding sein, wenn man zwanghaft versucht, es zu ignorieren. Aber noch viel lästiger und vor allen Dingen gefährlicher ist es, wenn du es nicht vor demjenigen, der es als Stempel für dein Todesurteil verwenden könnte, nicht verbergen kann.
Eine Sache wurde mir immer klarer: So konnte es auf Dauer nicht mehr weitergehen.
Ich musste etwas unternehmen.
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Flashback Ende
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„Sev?", reißt mich Bellatrix aus meinen Gedanken.
Ich hebe die Augenbrauen um zu zeigen, dass ich sie höre.
„Es… es ist vielleicht besser, wenn du Rodolphus nichts sagst von… na ja, von dem, was ich dir vorhin erzählt habe." Sie streicht sich eine schwarze Haarsträhne aus den Augen. „Er reagiert sowieso immer so allergisch auf… auf dieses Thema… und es…" Sie schließt kurz die Augen und seufzt. „Vergiss es. Binde es ihm einfach nicht auf die Nase, okay?"
Ich nicke und mustere sie. Woher diese plötzliche Rücksicht auf ihren Ehemann? Wenn ich da an seinen Abgang von vor ein paar Stunden denke… an seine Verletzlichkeit…
Selbstverständlich ist es schmerzhaft für Rodolphus, das Wissen, nie die erste Wahl in Bellatrix' Herz gewesen zu sein.
Denn eins ist für mich nach Bellas Schilderung endgültig klar: Ihre Gefühle für ihren Cousin entsprachen nicht bloß reiner Verwandtschaftsliebe. Interessant zu wissen, dass schon die Erinnerung an Sirius' Hass in jener Nacht ihr Tränen in die Augen treibt. Gefühlsausbrüche lässt sie normalerweise nur dann zu, wenn der Dunkle Lord im Spiel ist.
Es wundert mich kein Bisschen, dass Rodolphus es nicht ertragen kann, dass die Frau, die er liebt solche Gefühle für jemand anderes als ihn in sich trägt – auch jetzt noch, nach so langer Zeit. Und ihm bleibt nichts anderes, als es geschehen zu lassen, egal in welche Höhen sich sein Hass auf Rivalen steigerte – auf Sirius, auf seinen Herrn… - und auf seine Frau selbst.
Bellatrix hat es nie zugelassen, dass er sie verletzte. Bei seinen zahlreichen Versuchen, ihr den seelischen Schmerz, den sie ihm während ihrer Ehe zugefügt hat, physisch zurückzuzahlen hat er es nur ein einziges Mal geschafft, an ihrer Würde und an ihrem Stolz zu kratzen.
Meiner Meinung nach haben die beiden nach allem, was sie angerichtet haben, diese seelischen Schmerzen verdient, die ihnen die Klarheit der Abwesenheit von Askaban aufbürdet. Die Erkenntnis ist schmerzhaft. Seltsam nur, dass sie zwar langsam realisieren, wie sehr sie sich gegenseitig verletzen, dass sie jedoch nicht begreifen, was sie sich selbst antun: Bellatrix mit ihrer fanatischen Treue zum Dunklen Lord, Rodolphus mit seinen verzweifelten Versuchen, seine Treue nicht mit seiner Liebe zu seiner Frau zu gefährden.
Sie verdienen es wirklich.
Trotzdem ist es beruhigend zu wissen, dass ihre Schmerzen auf Liebe beruhen, zu wissen, dass sie fähig sind, dieses Gefühl zu empfinden – so stark, dass sie derartig darunter leiden können.
Bellatrix macht sich nicht mehr die Mühe, die Tränen zurückzuhalten.
