Liebe Leser, es tut mir sooo leid! Ich sollte keine zeitlichen Angaben für das nächste Kapitel – geschweige denn für den Epilog – aufstellen – es klappt einfach nicht. Vor den Ferien Schulstress, der jetzt auch schon wieder anfängt, und in den Ferien, wo ich eigentlich Zeit gehabt hätte, gab es jede Menge private Probleme, die einen Großteil der guten Ideen erstmal aus meinem Kopf gefegt haben.
Ich habe allerdings auch eine gute Nachricht: Die meisten Gedanken sind mir gekommen, als ich sie nicht aufschreiben konnte, aber in der Zeit haben sich einige Charaktere sehr gut entwickelt, z.B. Evan, Rodolphus, Gwendoline und Adrienne. Das vereinfacht das Schreiben einiger Szenen :)

Vielen Dank an alle für die Reviews zum letzten Kapitel!

Eilantha: Danke für's Toi Toi Toi, zu dem Zeitpunkt war's noch rechtzeitig und hat auch geholfen :)

Kapitel 10: Wendekreis

Waiting for someone to snatch a bag of memories
How come you call it destiny?
When the cross you bear's your only company…

I believe that you are gonna save me
Somehow I got a notion
Just a little affection on this cold and windy road
Save me, from a state of un-emotion
Just a little affection on this windy road."

Edguy – Save me

Bellatrix macht sich nicht mehr die Mühe, die Tränen zurückzuhalten.

Trotzdem versucht sie, sie mit einer Hand zu verstecken. Die andere liegt leicht zitternd auf dem Einband des Memoiren-Albums.

Ich weiß indes nicht, wie ich darauf reagieren soll. Einerseits möchte ich den Arm um sie legen und sie trösten, wie schon so oft vor so vielen Jahren. Andererseits bin ich mir sicher, dass sie das nicht zulassen würde – es würde ihr noch klarer machen, dass sie sich diesen Schmerz mehr oder weniger selbst zuzuschreiben hat.

Schließlich belasse ich es dabei, kurz ihre Hand zu drücken – woraufhin sie so stark zusammenzuckt, als hätte ich ihr eine Ohrfeige verpasst - , doch ich kann dieses leise Stimmchen in meinem Hinterkopf, das irritierenderweise wie Evan klingt, nicht ignorieren, das mit einer Mischung aus Häme und Traurigkeit wispert: „Wir bringen doch alle unsere Engel zu Fall, nicht wahr, Severus?"

Nicht einmal der aufmüpfigste Teil von mir ist imstande, einen sarkastischen Kommentar abzugeben – zu schmerzhaft durchfahren mich diverse Erinnerungen…

Adrienne hat WAS?"…
Ganz egal, was du jetzt sagst, es wird nichts mehr ändern." …
Was ist mit seinem Herzen?" – „Er braucht keins mehr." …
Legilimens!" …
Beruhige dich, Severus, es ist alles in Ordnung." – „In Ordnung? Es ist für dich in Ordnung, jemandem das Herz bei lebendigen Leibe rauszureißen!" …
Wie lange, denkst du, hältst du das noch durch, ohne zusammenzubrechen? Wie lange, denkst du, wird es dauern, bis es jemand schafft, hinter deine Maske zu blicken? Und wie lange, denkst du, wirst du danach noch am Leben sein?"…
Wenn Sie bereit sind… wenn Sie willens sind…"

Bellatrix hat inzwischen den Kopf auf ihren angezogenen Knien abgelegt und beobachtet mich erneut, während sie versucht, die Tränen zurück zu halten. Ich muss wohl ziemlich bitter dreinschauen, denn sie fragt mit einem wackligen Lächeln: „Bist du okay?"

Wieder nicke ich nur, spare mir aber jedes überflüssige Wort. Viel zu klar sind die Bilder vor meinen Augen aufgetaucht - von Evan, Gwendoline, Adrienne – und Albus Dumbledore.

Vier Menschen, die mir sehr nahe standen, drei von ihnen sind unwiederbringlich tot, einen von ihnen habe ich persönlich in eine andere Welt befördert. Ausgerechnet denjenigen, dem ich meine Chance auf einen neuen Anfang zu verdanken hatte.

Und, was hat es genützt, Albus? Du bist durch dein Vertrauen in mich gestorben, und unsere Welt ist dem Abgrund näher denn je. Wie soll das alles bloß enden?

Seit den Geschehnissen fühle ich mich immer mehr genauso wie damals, im Oktober '79: Unerträgliche Schuldgefühle, schlaflose Nächte, ein mehr als pessimistischer Blick in die Zukunft.

Bloß, dass ich im Gegensatz zu damals wenigstens einen Funken Hoffnung habe, auf Albus' Intelligenz bauend und darauf gerichtet, dass wir nicht umsonst gekämpft, sondern Harry Potter den Weg zum Sieg über den Dunklen Lord frei geräumt haben – und dass wir so viele Menschen wie möglich lebend aus diesem Krieg herausbringen können.

Das ‚besser als nichts' spare ich mir geflissentlich…

°°°°°
Flashback
°°°°°

Im Herbst 1979 platzte das St. Mungo's aus den Nähten Die Heiler hatten alle Hände voll zu tun, Lily und ich mussten unsere Forschungen auf Eis legen, denn wir kamen kaum mit dem Brauen von Schmerzlinderungs-, Beruhigungs-, Abschwelltränken und Murtlap Essenz hinterher.

Das Krankenhaus musste einige Veränderungen in der Personalverteilung vornehmen, was dazu führte, dass Lily und ich, die wir durch unsere nicht allzu gründliche Ausbildung zu Medimagiern eher ungeeignet für den direkten Umgang mit Patienten waren, pendelten zwischen Labor und Krankenzimmern hin und her. Auch Bellatrix war bald kaum noch an ihrem eigentlichen Arbeitsplatz, der Kinder- und Säuglingsstation, sondern in den überfüllten Sprechzimmern zu finden, um die Verletzten zu verarzten.

Es war nicht mehr zu übersehen, und nicht einmal mehr das Ministerium konnte die Augen davor verschließen und die Angelegenheit herunterspielen: Der Krieg war nicht im Vorstadium – er war in vollem Gange.

Und ich musste mit taubem Entsetzen feststellen, dass beinahe mein kompletter Bekanntenkreis darin verwickelt war. Nicht einmal diejenigen, die sich raushalten wollten, blieben verschont; so befand sich unter den Patienten zwischenzeitlich sogar meine Mutter, die bei einem Kampf zwischen Todessern und Auroren dazwischen geraten war. Sie wusste genau, auf welcher Seite ihr Sohn stand, aber sie sprach mich nie darauf an. Sie hatte bloß ein seltsames Glitzern in den Augen, als ich einen Trank zur Linderung ihrer Schmerzen brachte.

Zum ersten Mal erkannte ich auch bei Evan Zweifel, ob wir das Richtige taten – und unter meine Erleichterung, mit meinen Ansichten nicht allein dazustehen, mischte sich rasch ein Anflug von Panik: Wie ich, konnte auch mein bester Freund seinen Geist nicht vor den Übergriffen unseres Herrn verschließen.

Doch vielleicht waren es gerade diese Zweifel, die eine andere Person auf unsere Seite zog: Gwendoline. Ich konnte immer häufiger beobachten, wie dieser misstrauische Ausdruck aus ihren Augen verschwand – soweit sie denn den Blickkontakt einmal länger als zwei Sekunden hielt – und sie sich geradezu zwang, nicht allzu offen zu reden – zumindest vor Evan. Zwischen den beiden schien es fast wieder zu sein wie früher.

Ich dagegen musste feststellen, dass es mir fast schon unangenehm war, alleine in einem Raum mit ihr zu sein, denn inzwischen war auch sie in meinen nächtlichen Alpträumen aufgetaucht – ihr vorwurfsvoller, enttäuschter Blick und die Mutmaßungen, was im Gefangenenlager mit ihr geschehen war.

Ihr fiel es ebenfalls sichtlich schwer, ein Gespräch am Leben zu halten. Wir hatten wohl beide Bedenken, zu viel preiszugeben.

Mitte Oktober jedoch geschah etwas, das uns zum Sprechen zwang: Eine Familienzusammenkunft der Rosiers.

Evan hatte bereits eine Woche vorher vermutet, warum sein Vater ihn auf seinen Landsitz rief, und sein Gesichtsausdruck, als er mir dies erzählte, ließ mich Böses ahnen.

Sein Onkel gehörte schließlich nicht umsonst zu den Todessern der ersten Stunde und Evan schien tatsächlich zu viel preisgegeben zu haben, als er vor seinen Eltern die Richtigkeit der Reinblüter-Ideologie anzweifelte.

So hockten Gwendoline und ich also an jenem Freitagabend, nachdem wir uns verabschiedet hatten Evan via Flohpulver verschwunden war, im Wohnzimmer und hingen unseren düsteren Gedanken nach.

Glaubst du, sie tun ihm etwas an?", durchbrach Gwen schließlich das Schweigen.

So abrupt aus meinen Überlegungen gerissen, blickte ich sie irritiert an. „Was?"

Sie wiederholte ihre Frage. „Wenn sein Onkel wirklich so ein hohes Tier bei euch ist, wird er wohl kaum Rücksicht auf seinen Neffen nehmen", fügte sie mit einem besorgten Blick hinzu.

Er war doch schon immer das schwarzes Schaf."

Ich erhob mich, durchquerte das Zimmer und warf einen langen Blick aus dem Fenster. Die Nacht war über London hereingebrochen.

Er hat keinen Beruf in der magischen Gemeinschaft, wie seine Eltern es wollten, er hat sich geweigert, zu heiraten, bloß weil es gut für den Ruf der Familie wäre… Er hat ja nicht mal aus Überzeugung dem dunklen Lord angeschlossen, er wollte mehr über die dunklen Künste lernen, und das Drängen seines Onkels hat das Übrige getan… und wenn er das jetzt auch noch aufgibt…"

Ich zog es vor, nicht weiter zu sprechen.

In Glas der Fensterscheibe spiegelte sich Gwendoline, die das Gesicht in den Händen vergrub.

Das habe ich nie verstanden", murmelte sie durch ihre Finger. „Wie können Familien nur so grausam mit ihren Kindern umgehen? Wenn ich schon an Sirius denke!" Ihre Stimme nahm einen wütenden Ton an.

Ich drehte mich zu ihr um. „Sie haben eben Angst. Sie wollen ihr Blut bewahren, die Familienehre nicht beschmutzen…"

Gwen hob den Kopf und schaute mich kurz mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ein leichtes Grinsen huschte über ihre Lippen. „Und du meinst, Rebellen wie Sirius und Andromeda Black oder Evan Rosier sind da fehl am Platz? Gut, dass das wenigstens nur ein halbherziger Verteidigungsversuch für diesen Schwachsinn war."

Für einen Moment fühlte ich mich zurückversetzt an jenen Heiligabend vor zwei Jahren, an dem wir die Nacht fortgeredet hatten. Auch damals hatte sie des Öfteren sanft ihre liberalen Spitzen ausgefahren.

Bloß war sie sich damals nicht bewusst darüber gewesen, dass ich als Todesser eigentlich möglichst alle liberal denkenden Personen zu meiden – oder zu töten hatte.

Dieser Gedanke riss mich in die Gegenwart zurück.

Nicht allen sind ihre Familien so egal wie dir", entgegnete ich in Anspielung auf ihre eigene Sippe, von der sie sich, laut eigener Aussage, inzwischen fast gänzlich abgenabelt hatte. „Für Evan, Bellatrix oder Rodolphus ist die Familie die oberste Priorität. Kannst du es ihnen wirklich verübeln, dass sie sich nicht durch Anders-Denken ausschließen wollen?"

Gwendoline seufzte. „Nein. Und natürlich hat auch die Tatsache, dass die komplette reinblütige Gemeinde sich die Mäuler über sie zerreißen würde, nichts damit zu tun, dass sie kuschen", fügte sie sarkastisch hinzu.

Ich schwieg. Es bedurfte keiner weiteren Worte; wir waren uns beide darüber im Klaren, dass die Sprösslinge der alten reinblütigen Familien in dieser konservativen Gesellschaft keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen würden, wenn sie sich einmal von ihrer Familie abgeseilt hatten.

Und so eigensinnig und selbstständig Evan oder Rodolphus auch schienen, sie waren trotzdem auf ihre Familien angewiesen – gesellschaftlich, seelisch, und natürlich auch finanziell.

Allerdings sprach Gwendolines skeptische Mine Bände: Sie wollte sich nicht damit abfinden, dass die Familie so viel Macht über einen Menschen hatte, dass sie ihn zu Dingen drängen konnte, gegen die sich dieser Mensch sträubte.

Ich hoffe wirklich, dass sie Evan in Ruhe lassen", murmelte sie.

Die Rosiers hatten ihren jüngsten Ableger zumindest körperlich unversehrt gelassen, stellten wir fest, als er am Sonntag zurückkehrte.

Worte schienen jedoch alles nötige erledigt zu haben: Evan ließ zwar nicht von seinen Zweifeln ab, doch er hatte beschlossen, in den Reihen der Todesser zu bleiben.

Ob ich jetzt weglaufe oder mit dieser Einstellung bleibe – es ist beides lebensgefährlich. Und wenn ich in den Diensten des Dunklen Lords bleibe, kann ich vielleicht noch ein bisschen länger leben", erklärte er uns.

Avery, Adrienne, Rodolphus, Bellatrix und ich hatten uns in der Schule oft gefragt, was Evan, mit all seiner Toleranz, seiner Offenheit und seinen freundschaftlichen Kontakten zu den anderen Häusern, nach Slytherin gebracht hatte. Es war genau das, was sich jetzt vor meinen Augen abspielte, das ihn zu einem Slytherin machte: Wenn es hart auf hart kam, würde er seinen eigenen Kopf aus der Schlinge ziehen. Egal, ob er weiterhin auf Befehl des Dunklen Lords foltern und töten musste – solange er dabei überlebte, konnte er damit umgehen.

Ich beneidete ihn beinahe um diese Einstellung, denn ich hatte keine Familie, die mich derart unter Druck setzte, dass ich mit einem weniger schlechten Gewissen weitermachen konnte. Es wäre einfacher gewesen, wenn meine Mutter mich dazu gedrängt hätte, meine eigenen Zweifel zu vergessen, anstatt jedes Mal, wenn ich sie sah, dieses Glitzern in den Augen zu haben, dass ihre Erleichterung, dass ich überhaupt noch lebte, mehr als deutlich zeigte.

So aber stand ich Tag für Tag im St. Mungo den Menschen gegenüber, von denen ich wusste, dass mein eigenes Nicht-Einschreiten sie so zugerichtet hatte. Und das Gefühl, dass mich bei diesem Anblick jedes Mal überfiel, ließ mich wünschen, dass meine Mutter diesen Funken der Erleichterung erst wieder in den Augen hatte, wenn sie meine Todesanzeige im Tagespropheten fand.

Das eine oder andere Mal kam mir der Gedanke, Lily anzusprechen. Sie hatte immer noch engen Kontakt zu Bellatrix und mir, trotz der dunklen Ahnungen ihres Ehemannes, und ich zweifelte nicht daran, dass sie wusste, dass wir nicht auf der Seite des Ministeriums standen, auch wenn sie vermutlich nicht damit gerechnet hätte, dass wir auf die Gegenseite geschlagen hatten.

Doch gerade das, so fürchtete ich, würde jeglichen verständnisvollen Gedanken auslöschen; ich hatte sie immerhin über zwei Jahre hintergangen, indem ich gegen den Phönixorden arbeitete, dem sie und James sich schon kurz nach ihrem Abschluss angeschlossen hatten.

Ich hatte das Gefühl, in einem dunklen, kalten Ozean zu treiben, und das Land immer weiter aus den Augen zu verlieren. Da war nichts, woran ich mich festhalten konnte, um der Finsternis zu entkommen, auf die ich unaufhaltsam zuströmte.

Und doch, da gab es etwas - oder besser: jemanden – der wie ein Holz im Wasser auftauchte und den Strom verlangsamte.

Gwendoline war entsetzt über Evans Einstellung – und doch zog sie sich nicht vor uns zurück. Sie stützte uns geradezu. Wenn sie bei uns war, spielte sie mit Worten und erhellte damit den düsteren Horizont. Sie hatte eine seltsame Art und Weise, uns aus unseren Tiefs herauszuziehen. Sie munterte uns auf, ohne uns zum Weitermachen, wie wir es bisher getan hatten, zu ermuntern. Es war immer klar, dass sie unsere Einstellung komplett ablehnte, dass sie versuchte, uns zu einer Umkehr zu bewegen, jedoch ohne uns zu drängen.

Ich will euch als Menschen nicht verlieren", antwortete sie auf meine erschöpfte Frage, warum sie das überhaupt alles mache, als sie nach dem Überfall auf Caradoc Dearborn zu uns kam.

Sprach's und wich meinem Blick aus.

Anfangs redete sie meistens mit uns beiden, doch sie tauchte immer öfter auch dann auf, wenn Evan nicht zu Hause war.

Bei unseren Gesprächen zu zweit vermieden wir es meistens, über den Krieg und über unsere Rollen darin zu diskutieren. Ich stellte zu meiner Überraschung fest, dass ich es genoss, mit ihr zusammen zu sein, zu reden oder einfach nur die Minuten verstreichen zu lassen und einer Kerze dabei zuzusehen, wie sie langsam dahin schmolz und sich in der Dunkelheit verlor.

Was für mich zu Beginn wie eine Flucht vor der Realität gewesen war, entwickelte sich immer mehr zu einer Kehrseite der Medaille – wie es sein könnte, ohne den Dunklen Lord, ohne den Krieg, ohne die Unterschiede des Blutes.

In einem anderen, in einem normalen Leben.

Sie vermied es, über sich zu reden, oder über das, was in den Monaten ihrer Abwesenheit mit ihr geschehen war, ebenso, wie sie unnötige Berührungen und zu langen Blickkontakt vermied (obwohl letzterer zwischen uns immer länger wurde).

Trotzdem erfuhr ich eine Menge über sie – durch ihre Art zu reden, sich zu bewegen oder durch ihre Sichtweisen – und ich war auf gewisse Weise fasziniert davon, wie wenig sie von sich preisgeben wollte, und wie viel sie unbewusst trotzdem verriet.

Erst als Evan, der uns manchmal einfach nur beobachtete, anstatt selbst zu sprechen, mich darauf ansprach, wurde mir klar, dass ich dasselbe tat. Ich versuchte, an mir zu arbeiten, und sie antwortete ihrerseits mit gleicher Offenheit.

Ich lernte sie besser kennen, stellte Veränderungen gegenüber der Gwen fest, die mir damals in Hogwarts von ihrem Ärger und Kummer erzählt hatte.

Sie bemühte sich ihrerseits hartnäckig, hinter meine Maske aus Kälte und Gleichgültigkeit zu blicken, die ich der Welt zeigte – oder zeigen wollte. Ich kann nicht sagen, ob sie dahinter fand, wonach sie suchte, aber sie schien nicht abgeschreckt zu sein.

Und irgendwann brach die Barriere in sich zusammen. Dass Gwen meinen Blick erwiederte, anstatt ihm auszuweichen, machte mich auf eine eigenartige Art glücklich.

Als ich feststellte, dass der Dunkle Lord bei seinen Streifzügen durch meinen Geist nicht nach Erinnerungen dieser Art suchte, sondern nur nach solchen, die ihm verrieten, ob ich Informationen unterschlug oder nicht, konnte ich zumindest ein wenig aufatmen. Es war nur ein winziges Gewicht, das damit von meinen Schultern verschwand, aber die Sicherheit, dass zumindest dieses kleine Glücksgefühl Ihn nicht zu interessieren schien, war eine Erleichterung.

Wenn auch nur eine kleine.

Der November zog ins Land und der Todes- und Vermisstenanzeigenteil des Tagespropheten dehnte sich immer weiter aus. Auf beiden Seiten des Krieges gab es Verluste, doch die Waage begann ungleich zu werden: Während der Phönixorden schon eine ganze Reihe Mitglieder hatte einbüßen müssen, stellten die Malfoys, Lestranges und Notts auf unserer Seite erfreut fest, dass ihre Familien noch komplett und unverwundet waren und in der Gesellschaft noch immer in einem guten Licht dastanden.

Ich kam nicht umhin, froh zu sein, dass meine Freunde aus jenen Familien noch lebten – und trotzdem wünschte ich gut die Hälfte ihrer Sippen ein paar Meter unter die Erde.

Das Ministerium versuchte die Bevölkerung zu beruhigen, aber niemand glaubte daran, dass man dieses Jahr ein ruhiges Weihnachtsfest verbringen würde. Auf der Straße hörte ich die Menschen über die „Herrschaften da oben" reden, und stimmte ihnen innerlich zu: Hätte Millicent Bagnold wichtige Ämter nicht mit mehr oder weniger unfähigen Menschen besetzt, hätte der Dunkle Lord nicht so leichtes Spiel gehabt, Britannien mit Terror zu überziehen.

Dass sich Barty Crouch und seine Assistentin Elisabeth Habsbourg abmühten, den Verlust an Auroren zu verringern, war ein aussichtsloses Unterfangen, fanden die Hexen und Zauberer im Tropfenden Kessel. Sogar die Auroren in Ausbildung schwebten, kaum dass sie einen Fuß vor die Aurorenakademie gesetzt hatten, in akuter Lebensgefahr.

Die Welt war kalt geworden, und das lag nicht nur am beginnenden Dezember.

Und seltsamerweise hatten wir in unserer Wohnung einen Funken Wärme gefunden, einen Ort ohne ständige Bedrohung, einen Platz, an dem wir zumindest ein wenig von unserer Anspannung ablegen konnten.

Evan arbeitete, wenn er zu Hause war, an seinen musikalischen Werken – seine eigene Welt, in die er sich flüchtete, wenn er Druck der Realität zu groß wurde.

Ich saß über meinen Aufzeichnungen von Zaubertränken und Formeln, die ich in meiner Schulzeit aufgestellt hatte, überarbeitete sie gegebenenfalls – wenn nicht zufällig Gwendoline auftauchte, um mit einer Art spöttischer mütterlicher Sorge zu fragen, ob alles in Ordnung bei uns war.

War es kein ‚bei uns' sondern ein ‚bei mir' – sprich: wenn Evan mal wieder auf einer Mission oder bei seinem Orchester war -, wagten wir uns inzwischen aus der Wohnung heraus, machten einen Spaziergang und redeten – oder genossen einfach nur das Gefühl der Schneeflocken, die sich sanft auf unsere Schultern legten, verloren uns in Erinnerungen an bessere Zeiten… und rückten dabei näher aneinander.

Das Merkwürdige war, dass wir beide die Berührungen zunächst nicht ertragen konnten, als wir endlich bereit dazu waren. Ich zuckte zusammen, als sie zaghaft ihre Hand auf die meine legte, hatte das Gefühl, dass sich ein Feuer von der Stelle ausbreitete, auf der mich ihre Finger berührt hatten – kein angenehmes, wärmendes Feuer, sondern ein Höllenfeuer, das meinen Verstand zu versengen drohte.

Ihrerseits trieb ihr jede allzu sanfte Berührung einen schmerzlichen Ausdruck in die Augen. Wir sprachen nicht darüber, unser eigenes Verhalten als Antwort auf die Berührungen sprach für sich.

Es war, als könnten wir es beide nicht aushalten, dass uns jemand andere, tiefere Gefühle als Hass, Ablehnung, Gleichgültigkeit oder Freundschaft entgegenbrachte.

Vielleicht war es diese seltsame Reaktion auf die Annäherung, die mich darauf brachte, dass es tatsächlich keine Freundschaft war, die ich Gwen gegenüber empfand. Das war es nie gewesen. In Hogwarts war sie eben eine unauffällige Jahrgangskameradin gewesen, die mir nicht näher stand als Frank Longbottom oder Dorcas Meadowes.

Und nach dem Abschluss, als sie aufgrund ihrer Zusammenarbeit mit Evan so oft bei uns gewesen war, da war es eine entfernte Bekanntschaft, die vielleicht enger geworden oder sich noch weiter distanziert hätte, wäre sie nicht verschwunden.

Dann war es Mitleid und Sorge und Schuldbewusstsein gewesen, die mich zwar dazu gebracht hatten, sie von der Straße fortzubringen, mich aber auch gleichzeitig auf Distanz gehalten hatten.

Wir hatten die Freundschaft übersprungen, sie durch Faszination und Offenheit ersetzt

Und jetzt war es eine Art Reflex, den ich nicht einmal benennen konnte, für den ich mich schlagen wollte und der mich dazu brachte, mich jedes Mal zurückzuziehen, wenn die Nähe – oder ein Gefühl, dass ich ebenfalls weder benennen noch zuordnen konnte – zu groß wurde.

. Die Frage war, in was für einem Zustand wir uns jetzt befanden.

Dasselbe schien Gwendoline ebenfalls durch den Kopf zu gehen, als wir am 28. Dezember erneut durch die Gassen unseres Viertels streiften. Wir waren uns beide im Klaren darüber, dass es nicht besonders vernünftig war, nachts im Dunklen durch diesen Teil Londons zu laufen, doch die Gefahr, dass uns ein Muggeljunge auflauerte, der sich für einen Gangster hielt, war eher gering.

Die Welt hatte andere Sorgen.

Warum muss man gerade bei den Menschen, die einem am Herzen liegen, immer Angst haben, verletzt zu werden?", fragte Gwen aus heiterem Himmel. Der Wind stricht ihr das dunkle Haar aus dem blassen Gesicht.

Weil diejenigen, die man liebt, einen am schlimmsten verletzen können." Das hatte zumindest meine Mutter behauptet, damals, als wir nach der Beerdigung am Grab meines Vaters standen…

Ich bemerkte, dass Gwen mich von der Seite her musterte. „Weise Worte… Hast du die Erfahrung schon gemacht?"

Nein", antwortete ich hastiger, als ich wollte.

Sie nickte kurz. Für einen Moment glaubte ich, dass es der Wind war, der durch die Büsche fuhr, stellte aber dann fest, dass sie es war, die kaum hörbar „Ich auch nicht" wisperte.

Sie räusperte sich und meinte etwas deutlicher: „Andererseits muss man so eine Erfahrung vielleicht auch nicht unbedingt machen."

Doch sie konnte die Bitterkeit nicht aus ihrer Stimme verbannen, und als ich sie anschaute, stand es ihr im Gesicht geschrieben, dass sie sehr wohl der Meinung war, dass man diese Erfahrung gemacht haben sollte.

Schweigend gingen wir weiter. Der Wind fegte um die Häuser und wirbelte die Schneeflocken durch die Luft. Meine Gedanken schweiften unaufhaltsam zu dem am folgenden Tag anstehenden Todessertreffen. Nur eine weitere Tortur, nur ein weiterer Eingriff in meinen Geist… und ich war machtlos gegen die Bilder, die vor meinen Augen auftauchten – überall Verletzte, zwei Menschen, die nach einer Folter kraftlos am Boden zusammenbrachen –

Plötzlich blieb das Knirschen von Gwens Schritten auf dem verschneiten Asphalt aus. Als ich mich zu ihr umdrehte, bemerkte ich, dass sie an der dunkelsten Stelle zwischen zwei Straßenlaternen stehen geblieben war, die Arme um ihren Oberkörper geschlungen, als wäre ihr kalt, das Gesicht kaum erkennbar.

Das ist doch Schwachsinn", murmelte sie, ihre Stimme war nur ein leiser Hauch in der Dezembernacht.

Was ist Schwachs-?"

Berührungen", meinte sie leise, während sie sich wieder in Bewegung setzte, „sind keine Verletzungen-" Sie klang als müsse sich selbst zu diesen Worten zwingen… „- eine Umarmung verbrennt einen nicht-" … und doch, als sei sie vollkommen überzeugt von ihrer Bedeutung. „- und Zuneigung ist verdammt noch mal keine Sünde-"

Sie bleibt keinen halben Meter von mir stehen – und mir wird schlagartig klar, dass wir uns seit langem nicht mehr so nah waren. Erst recht nicht, seit sie aus dem Gefangenenlager zurück ist… Nicht, seitdem ich so viel Schaden angerichtet habe… Sie ist zu nah.

- wovor also Angst haben?"

Ich konnte sie nur anschauen. Das Gefühl war wieder da – und der Reflex, mich zurückzuziehen. Doch genau das konnte ich diesmal nicht. Das Gefühl war stärker, und ich wusste, wenn es Überhand nahm, die bekannten Grenzen überschritt, würde es mich in ihre Richtung schubsen, meine Angst ignorierend, dass sie zurücktreten und ich in ein bodenloses, schwarzes Nichts fallen würde.

In Gwendolines Augen spiegelte sich, dass sie dasselbe fürchtete.

Das Gefühl überschritt die bekannten Grenzen. Keine Schritte zurück, nur nach vorne.

Und wir fielen nicht – wir fingen uns gegenseitig auf.

°°°°°
Flashback Ende
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Bellatrix' Kopf liegt noch immer auf ihren Knien. Ob nun an ihre schweren Augenlider und die von natur aus blasse Gesichtsfarbe Schuld sind oder die fortgeschrittene Zeit – sie sieht so müde und erschöpft aus, wie ich sie selten zu Gesicht bekommen habe.

„Bist du sicher, dass du nicht noch ein bisschen schlafen möchtest?", frage ich leise.

Sie hebt den Kopf. Dar schwarze Haar ist inzwischen getrocknet und rutscht über ihre Schulter, als sie einen Blick auf den Wecker wirft, der zwischen unseren Weingläsern auf dem Nachttisch steht.

„Das lohnt sich nicht mehr", stellt sie mit einem schiefen Grinsen fest. „Und abgesehen davon, dass es schon fünf Uhr ist, haben wir heute Nacht zu sehr in denNachttisch steht.n. nbar.e Erfahrung gemach Erinnerungen gestochert." Sie wischt sie mit dem Handrücken über ihre Augen. „Ich würde mich die ganze Zeit fragen, was ich anders gemacht hätte, wenn ich es damals besser gewusst hätte… Und erzähl mir nicht, dass es dir großartig anders gehen würde."

Wieder dieses Lächeln. Es ist beinahe dasselbe wie bei jener Kissenschlacht an unserem ersten Abend in Hogwarts…

„Weit du, ich denke, wir beide haben so viele Fehler gemacht, wie hätten nicht mal die Hälfte davon verhindern können, wenn wir es damals besser gewusst hätten", antworte ich, ohne dieses Lächeln zu erwidern.

„Genau das habe ich auch gedacht, irgendwann in den Jahren in Askaban." Ihre blaugrauen Augen wirken nüchterner und klarer als die ganze vergangene Nacht. „Das ist der Grund, warum ich nicht bereue. Und warum ich auch eigentlich keine Ausflüge in die Vergangenheit unternehme."

Ich hebe überrascht die Augenbrauen. „Was meinst du denn damit? Dass du nach heute Nacht doch wieder Gewissensbisse bekommst?"

„Nein", erwidert sie ernst. „Das macht Sirius nicht mehr lebendig und bringt die Longbottoms nicht wieder zu Verstand. Ich werde so oder so in der Hölle landen – warum sollte ich mich also ernsthaft mit ‚was-wäre-wenn-Fragen' auseinandersetzen?"

Ich starre sie bloß mit ausdrucksloser Mine an. Schließlich senkt sie den Blick.

„Das muss ich nicht auch noch bei vollem Bewusstsein haben. Es reicht schon, dass meine Träume machen, was sie wollen…"

Oh, Bellatrix, wenn du wüsstest, wie sehr ich weiß, was du meinst…

°°°°°
Flashback
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Das Blut war überall, als Lily und ich die Aurorenzentrale im Ministerium erreichten.

Es war offensichtlich, dass hier nicht nur, aber auch unverzeihliche Flüche eingesetzt wurden – und das nicht zu knapp.

Das Notfallkommando, dass vom St. Mungo's sofort hergeschickt worden war, musste sich nicht einmal durch einen Pulk von schaulustigen Beamten kämpfen – zu entsetzlich war der Anblick der verletzten Auroren und der Leichen. Neben diesen war da Alastor Moody, der hartnäckig behauptete, er sei in Ordnung (was ihm beim Anblick seiner leeren Augenhöhle selbstverständlich niemand glaubte), James Potter und Alice Longbottom – beide mit übel aussehenden Schnittwunden - , die einem ziemlich angeschlagenen Frank auf die Beine halfen, Sirius Black, der sich mit zitternden Beinen auf den Schreibtisch stützte, der noch so stand, wie er sollte.

Und da waren Gideon und Fabian Prewett, die sich mit einer unverletzt aussehenden Molly Weasley – Merlin weiß, was sie hier zu suchen hatte – über eine am Boden liegende Person beugten.

Mein Herz stand für einige Sekunden still, als ich sie erkannte – dort lag, ziemlich übel zugerichtet, niemand anderes als meine Mutter.

Was ist hier passiert?", fragte ich und war zu aufgekratzt, um die Panik in meiner Stimme wirklich wahrzunehmen.

Todesser", würgte Alice hervor. Sie zitterte fast so sehr wie Black – ich tippte auf Cruciatus. „Weiß der Himmel, wie die hier rein gekommen sind."

Augenblicklich verbarg sie das Gesicht in den Händen und ihre Schultern zuckten von den Schluchzern, die sie nicht zurückhalten konnte.

Wir versorgten die Verletzten notdürftig und schafften sie ins St. Mungo's.

Sobald wir als Sanitäter die Verantwortung an die Heiler übergeben konnten und sie in ein Krankenzimmer gebracht wurde, wich ich meiner Mutter nicht mehr von der Seite.

Allerdings konnte ich nicht viel für sie tun als die Murtlap-Essenz auf ihren Wunden nachzutupfen und zu hoffen, dass sie wieder aufwachen würde.

Meine Frage, was sie und Molly Weasley überhaupt in der Aurorenzentrale zu suchen hatten, beantwortete mir Gideon Prewett, bevor mein Trank ihn einschlafen ließ: Die beiden waren einfach besorgt gewesen – Molly um ihre Brüder, meine Mutter um ihre Mitbewohner – und hatten nach dem rechten sehen wollen.

Und nun waren die Prewetts mehr oder weniger mit dem Schock davon gekommen, während meine Mutter seit Stunden nicht zu Bewusstsein kam…

Als wäre der Anschlag auf die Zentrale nicht schon schlimm genug gewesen, kam von Bellatrix gegen Mitternacht eine Hiobsbotschaft, die mir meine mühsam zusammengehaltene Fassung raubte.

Reifenspuren!"

Bellatrix nickte. „Ich habe sie verschwinden lassen, aber das hat mich doch sehr nachdenklich gemacht…"

Nachdenklich! Bellatrix, es gibt nicht viele Leute im Ministerium, die sich auf Reifen bewegen – was kann man daraus schließen? Jemand der im Rollstuhl sitzt war da! Und mir persönlich fällt gerade ganz spontan Adrienne ein!"

Psst!" Bellatrix schloss hastig die Tür des Pflegerzimmers. „Denkst du, das weiß ich nicht?", flüsterte sie wütend. „Aber deshalb kann ich doch nicht warten, bis die anderen Auroren die Spuren entdecken. Wenn die rausbekommen, dass Adrienne da war, ist das Risiko ziemlich hoch, dass wir bald dran sind. Oder denkst du, Moody weiß nicht, mit wem sie so engen Kontakt hält? Er hat sie doch schon lange im Auge."

Entschuldige bitte, dass ich nicht allzu begeistert bin, dass unsere liebe Freundin vielleicht meine Mutter auf dem Gewissen hat", zische ich sarkastisch zurück.

Wir wissen doch noch gar nicht sicher, was sie überhaupt da wollte."

Ich bitte dich, du glaubst doch wohl nicht-"

Unser Gespräch wird abrupt beendet, als die Tür aufgeht.

Gegen Morgen kam meine Mutter schließlich wieder zu sich. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als sie mich sofort erkannte – zumindest schien sie keine Amnesie zu haben.

Sie war jedoch sehr schwach, das Sprechen viel ihr schwer und sie hatte nicht die Kraft, sich aufzusetzen.

Etwas schien ihr jedoch so wichtig zu sein, dass sie den Rat, den ihr ein Heiler kurz zuvor gegeben hatte, in den Wind schlug.

Severus", wisperte sie. „Du weißt, dass ich nie etwas dagegen gesagt habe, dass du diesen Kerl unterstützt. Jetzt wünschte ich, ich etwas getan. Es ist falsch. Ich habe Adrienne gesehen, kurz bevor ich außer Gefecht gesetzt wurde-"

Also war sie es wirklich – diese schreckliche Gewissheit hallte in meinem Kopf wieder und in diesem Moment konnte ich nicht anders, als meiner Mutter zuzustimmen – es war falsch. Es war alles falsch.

- und daraus schließe ich, dass ihr tatsächlich alle mit drin hängt. Ich habe immer gehofft, dass ihr zur Vernunft kommt, aber das hier…"

Mum", setzte ich an, doch sie unterbrach mich.

Junge, ich habe Angst! Wenn deine engsten Freunde zu so etwas fähig sind, wer sagt mir dann, dass ich beim nächsten Mal nicht fremde Leute, sondern dich vor mir stehen habe?"

Das-"

Sev, tu irgendetwas! Ich weiß, dass das alles nicht Spurlos an dir vorbeigeht, ich weiß dass du deine Zweifel hast. Wie lange, denkst du, hältst du das noch durch, ohne zusammenzubrechen? Wie lange, denkst du, wird es dauern, bis es jemand schafft, hinter deine Maske zu blicken? Und wie lange, denkst du, wirst du danach noch am Leben sein?"

Mum, das ist nicht so einfach! Selbst, wenn Er mich nicht wegen Untreue tötet – was, glaubst du, machen Leute wie Crouch mit Überläufern? Ab nach Askaban!"

Crouch kannst du vergessen, der Mann ist genau so eine Pfeife wie die anderen aus dem Ministerium. Aber wenigstens scheinst du bereit für diesen Schritt zu sein…"

Für welchen Schritt denn? Ich werde die Todesser bestimmt nicht für diese Schwachköpfe verlassen – die können ja nicht mal jetzt etwas gegen den Dunklen Lord ausrichten!"

Dann geh zu Dumbledore! Man sagt, er ist der einzige, den Du-weißt-schon-wer je gefürchtet hat, er kann bestimmt mehr ausrichten als die Flaschen aus dem Ministerium. Und so wie ich ihn kennengelernt habe, wird er dich nicht für das verurteilen, was du getan hast."

Zu mehr als einem skeptischen Stirnrunzeln ließ sie mir keine Zeit.

Versprich mir, dass du etwas unternimmst. Um deinetwillen. Ich kenne dich, Severus, ich weiß, dass du all das nicht mehr lange aushältst. Versprich es mir."

Das ist das letzte, was sie sagte, bevor sie in die Kissen zurück sinkt und in einen tiefen Schlaf fiel.

Ihre Worte schwirrten in meinem Kopf herum und füllten ihn noch aus, als ich später in unsere Wohnung zurückkehre, wo Evan und Gwen, mit einem aufgeschlagenen Sonderausgabe des Tagespropheten vom 16. Februar vor sich, besorgt im Wohnzimmer sitzen und auf mich warten.

Ich bringe kaum einen vernünftigen Satz heraus, doch das Wesentliche scheint halbwegs verständlich zu sein. Allerdings bringe ich es nicht über mich, Evan davon zu erzählen, dass Adrienne an dem Anschlag beteiligt war. Er ist schon entsetzt genug über das, was ich zu berichten hatte. Auch den Wunsch meiner Mutter erwähne ich erst, als Gwen und ich zu zweit in meinem Zimmer sitzen.

Auf ihr Gesicht legte sich ein seltsamer Ausdruck, als ich schließlich endete. Ihre Augen sprachen das, was sie dachte, beinahe deutlicher aus, als Worte es getan hätten: Siehst du, ich bin nicht die einzige, die sich Sorgen macht.

Wirst du es tun?", fragte sie schließlich.

Ich vergrub das Gesicht in den Händen.

Ich weiß es nicht… es ist so riskant… und es ist ja nicht so, als gäbe es nach einem Seitenwechsel mehr Sicherheit – im Gegenteil, von unserer Seite aus wäre ich vogelfrei."

Sie legte mir eine Hand auf die Schulter, was mich dazu bringt, aufzuschauen. „Das bist du auch, wenn deine Maske zusammenbricht", sagte sie leise. „Deine Mum hat Recht, wenn die erst mal dahinter kommen, wie du wirklich denkst, bist du so gut wie tot. Ich glaube nicht, dass Er einen großen Unterschied zwischen Zweifel und Seitenwechsel macht."

Sie lehnte die Stirn gegen meine Schulter.

Und ich glaube nicht, dass du das Ganze ohne eine Hoffnung noch lange durchhältst. Entweder wirst du getötet oder du tust dir selbst etwas an."

Ich starrte sie nur an. Ihr Gesicht war so verängstigt wie ich mich fühlte. „Die Chance, auf Dumbledores Seite zu überleben, ist minimal", murmele ich schließlich, mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Krächzen.

Und damit fast noch größer als auf Seiner Seite."

Dieser Satz löste eine Flut von Bildern vor meinem geistigen Auge aus – erst Bilder von dem, was ich gesehen hatte, seitdem ich das Dunkle Mal trug: Gewalt, Grausamkeit, Folter – und das nur für das Wissen über die dunklen Künste. Unter diese mischten sich Bilder von einem Leben, das nie meins gewesen war – das es jedoch werden könnte, wenn ich diesen Schritt wagen würde. Eine Nacht ohne Albträume. Ehrliche Freude, ohne gleichzeitig von Gewissensbissen überrollt zu werden. Die schlichte Abwesenheit von Angst.

Wenn ich nur einen kleinen Teil dazu beitragen konnte, die Herrschaft des Dunklen Lords zu verringern – oder gar ganz zu beenden.

Dieser Satz hallte in meinem Kopf wieder, als ich mich am 24. Februar auf den Weg nach Hogwarts machte.

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Flashback Ende
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„Ich hoffe bloß, dass Rabastan heute seine blöden Kommentare für sich behält", meint Bellatrix, nachdem sie herzhaft gegähnt hat.

„Wie, du möchtest freiwillig auf einen stichelnden Lucius verzichten?", frage ich spöttisch.

„Eher auf einen spöttischen Avery." Ihre Mine verdüstert sich. „Und nach heute Nacht kann ich ehrlich gesagt darauf verzichten, dass Rodolphus sich von irgendwelchen Gerüchten aufregen lässt."

„Wenn sie sonst nichts haben, worum sie sich Sorgen machen können…"

Ich persönlich habe weitaus größere Sorgen als die Gerüchte, die Rabastan, Avery oder wer auch immer in die Welt setzen könnte – das am Abend anstehende Todessertreffen sollte eigentlich jeden zittern lassen.

Dass das Dunkle Mal genau in diesem Moment anfängt zu brennen, macht die Sache auch nicht besser. Der Dunkle Lord ruft uns nicht, aber durch das Mal sind wir bestens über Extremen in seinem Gemütszustand informiert.

Wenn er schon so früh am Morgen vor Wut schäumt, kann es gut sein, dass der Abend für einige seiner Todesser sehr schmerzhaft endet…

Ich hätte definitiv mehr schlafen sollen - schon um konzentrierter zu sein, wenn Er seinen üblichen Okklumentik-Spaziergang vornimmt…

Aber Bellatrix hat Recht – es lohnt sich nicht mehr. Alles, was für heute Abend helfen kann, ist Glück – und ein Denkarium.

A/N: Oh, das ist sehr lang geworden… Ich hoffe, ich habe euch mit der Länge des Kapitels und der Wartezeit nicht vergrault. Falls ihr hier unten angekommen seit, wäre ich euch für Reviews sehr dankbar :)