Am Ende des Tages
10. September 2007
Ianto war so nah daran vor Erschöpfung zusammen zu brechen und trotzdem stand er noch zu sehr unter Strom, um nach Hause zu gehen.
Es waren anstrengende und arbeitsreiche anderthalb Tage gewesen. Zu viele Tode … zu viel Vertuschung … und es konnte alles einer Person zugeschrieben werden.
Er hatte sich nur noch nicht entschieden, ob Jack oder Gwen dafür schuldig gesprochen werden musste.
Er saß in seinem Lieblings-Pub, vor sich ein helles Bier und wünschte sich er könnte einfach nur alles vergessen. Aber er wusste, dass seine Gedanken nicht einfach von den Ereignissen los lassen konnten, er brütete über dem, was passiert war und fragte sich, wann alles so furchtbar schief gelaufen.
Ianto könnte es auf die Unerfahrenheit von Gwen Cooper schieben und ihr fast verzweifeltes Verlangen danach, sich in das Team einzufügen. Wenn sie nicht diesen ersten Fehler gemacht hätte, hätten all diese Menschen nicht sterben müssen. Sie war einen Tag zu früh zur Arbeit gerufen worden, um mit dem so genannten Meteor umzugehen, und sie hatte wirklich keine Ahnung gehabt, wo ihr Platz war. Ja, mit Dingen um sich zu schmeißen, während man vor einem unbekannten Objekt stand, war immer eine schlechte Idee und ihr Verstand hätte ihr das sagen sollen, andererseits war sie nur dem Beispiel der anderen gefolgt. Dann war da ihr Versuch als Profilerin, der vielleicht tatsächlich etwas gebracht hätte, wenn sie sich tatsächlich auf die Informationen über Carys Fletcher konzentriert hätte, statt zu versuchen irgend wen zu beeindrucken. Es hatte Tosh gebraucht, um heraus zu finden, wo das Alien, das das Mädchen besetzt hatte, hingegangen war.
Oder er könnte Jack vorwerfen, dass er sie überhaupt erst gerufen hätte. Sie hatte noch nicht offiziell begonnen für Torchwood zu arbeiten, sie hatte noch nicht eine Trainings-Stunde erhalten. Jack hatte darauf bestanden, dass er selbst Gwens Training übernahm, statt es wie gewöhnlich zwischen sich und Ianto aufzuteilen, und dann hatte er ihr überhaupt kein Training gegeben. Gwen hätte niemals mit auf dieser Mission sein sollen. Es war Jack gewesen, der sie dort hin bestellt hatte. Es hatte ihn nicht gestört, dass Ianto, Tosh und Owen ihren Einspruch dazu eingelegt hatten, versucht hatten ihn zu überzeugen, sie heraus zu lassen aus dieser Mission. Aber Jack hat in seiner Starrköpfigkeit keine Einsicht gezeigt und ihr trotzdem geschrieben, während er Ianto angewiesen hatte in der Basis zurück zu bleiben und die Überwachung zu übernehmen. Als ob es einen Sinn ergab den erfahrensten Feldagenten von Torchwood neben dem Unsterblichen selbst in der Basis zurück zu lassen, um einen Neuling mitzunehmen, der im Ernstfall nicht einmal wusste, welches Ende der Pistole auf den Feind zu richten war.
Ianto seufzte. Es war, als hätte Jack in Bezug auf diese Frau seinen Verstand verloren. Er konnte es nur einfach nicht verstehen. Er bevorzugte sie, obwohl sie nicht einmal wusste, was sie eigentlich tat. Und er hatte nichts von dieser so genannten Menschlichkeit gesehen, wegen der Jack sie doch angeblich eingestellt hatte. Abgesehen von ihrem Drang Unmengen an Papier zu verschwenden, auf die sie Informationen gedruckt hatte, die sie ohnehin nicht wirklich beachtet hatte. Verschwendung war eine sehr menschliche Schwäche.
Zum Glück schredderte und recycelte Ianto ihre Unterlagen.
Der Drache rieb sich über die Augen und fragte sich, ob er nicht lieber nach Hause zurückkehren sollte. Aber er wollte wirklich noch nicht dorthin zurück, aus verschiedenen Gründen … die meisten hatten mit seinem 'Gast' zu tun. Er begann zu denken, dass er einen Fehler gemacht hatte, aber es war mittlerweile zu spät es zu bereuen. Er konnte sie einfach nicht betrügen, obwohl er Jack damit betrog. Wenn Jack von seinen Plänen wüsste…
„Jones."
Ianto sah auf, als die vertraute Stimme erklang. „Detective Swanson", grüßte er sie. „Wollen Sie sich zu mir setzen?"
Kathy Swanson ließ sich auf den Stuhl ihm gegenüber sinken und stellte ihr eigenes Glas auf dem zerkratzten Tisch ab. Ianto hatte sie im Laufe seiner Arbeit als Verbindungsmann zwischen Torchwood und der Polizei von Cardiff kennen gelernt und sie war eine der wenigen Menschen, die er wirklich respektierte. „Es ist schön, Sie zu sehen", sagte sie lächelnd. Sie hängte ihre Jacke über die Stuhllehne.
„Es muss mein Glückstag sein", flirtete er halbherzig.
Sie rollte mit den Augen, einen Schluck von ihrem Bier trinkend. „Sie beginnen wie seine Hoheit zu klingen", sagte sie, als sie ihr Glas zurück auf den Tisch stellte.
„Oh Gott, bloß nicht", antwortete er, wissend dass sie von Jack sprach. „Erschießen Sie mich, wenn das noch einmal passiert, in Ordnung?" Nicht, dass ihm das wirklich schaden könnte, aber dass musste sie nicht wissen.
Es brachte Kathy zum lachen. „Kein Problem." Sie wurde aber schnell wieder ernst. „Also … es war ein harter Tag?"
„Das könnte man so sagen."
„Ich weiß, dass Sie nicht darüber reden dürfen und ich bin niemand der falsches Mitleid empfindet … aber ich hoffe, dass die Dinge sich für Sie bessern werden."
„Danke." Kathy Swanson wusste mehr über Torchwood, als Jack dachte und Ianto hatte niemals auch nur darüber nachgedacht, ihr Retcon zu geben. Torchwood war eines der am schlechtesten gehüteten Geheimnisse von Cardiff und wenn Ianto anfangen würde an jeden Retcon zu verteilen, der irgendetwas über sie wusste, dann würde beinahe die ganze Stadt unter partieller Amnesie leiden.
„Ich … habe gehört, wir hätten einen neuen Verbindungsmann", wechselte die Polizistin das Thema.
Natürlich konnte sie nicht wissen, dass das eines der Themen war, die ihn an diesem Tag beschäftigten. „Es war nicht meine Entscheidung", grollte er.
„Sehen Sie, das einzige, was ich wirklich über Ihren Boss weiß, ist dass er mit seinem Schwanz denkt -"
Ianto lachte darüber schnaubend.
„- aber ich verstehe einfach nicht, wie er Cooper einstellen kann. Sie ist praktisch ein vollkommener Neuling und sie hat wirklich keine Fähigkeiten, an denen eine Spezialeinheit interessiert sein könnte."
„Würde es Sie überrasche, wenn ich sage, dass ich darin Ihrer Meinung bin?"
„In welchem Punkte?"
„In allen."
Kathy kicherte. „Würde es Ihnen helfen, wenn ich ein gutes Wort für Sie einlege?"
„Das würde den Captain wohl eher noch bestärken."
„Verdammt. Die Neuigkeiten machen bereits die Runde und der Chief ist nicht sehr glücklich darüber, Sie zu verlieren. Ich habe ihn sagen hören, dass die Verbindungen zwischen der Polizei und Torchwood niemals besser gewesen sind. Und er kann sich noch an die Zeit erinnern, bevor Sie und Harkness aufgetaucht sind."
Ianto erfüllte das mit Stolz. Er war überzeugt gewesen, seinen Job gut gemacht zu haben, aber zu hören, dass Kathys Vorgesetzter das genauso sahen, war eine Bestätigung, über die er sich freute. „Wir werden abwarten müssen, wie sie damit umgeht."
„Auf dem Revier machen sie Scherze darüber."
Der Drache verzog das Gesicht. Das war genau das, was Torchwood brauchte. „Wunderbar."
„Das ist nur eine freundliche Warnung, aber ich fürchte, Ihre Leute werden eine schwierige Zeit an Tatorten haben. Es wird nur schlimmer werden, wenn sie heraus finden, dass Sie von dem Job abgezogen wurden, um Platz für eine ehemalige Streifenpolizistin zu machen." Sie schüttelte ihren Kopf. „Ich kann verstehen, dass ihr einen Polizisten in eurem Team haben wollte, aber warum niemand mit mehr Erfahrung? Jemand, der respektiert wird?"
„Vertrauen Sie mir; wenn ich gewusst hätte, dass der Captain jemanden einstellen wollte, dann hätte ich sicher gestellt, dass er Ihre Akte auf seinem Tisch findet." Und er meinte es genau so. Der einzige Grund, warum er ihr nicht erzählte, dass er ein Drache war, war der, dass er nicht wollte, dass die Geheimnisse vor ihren Vorgesetzten wahren musste.
Kathy schnaubte. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen dafür danken oder sie schlagen sollte."
„Ich denke, Sie sollten den Schlag bevorzugen."
Das ließ sie lächeln und sie prostete ihm mit ihrem Glas zu. „Aber mal ehrlich", sagte sie, nachdem sie getrunken hatte, „eine Menge der hiesigen Polizisten respektieren Sie. Sie sind der einzige Woody, mit dem wir reden, abgesehen von eurem Captain, und Sie behandeln uns immer mit Respekt. Seine Hoheit platzt einfach herein und schmeißt mit Anweisungen um sich…"
Iantos Augenbrauen wanderten in die Höhe, bei dem spöttischen Spitznamen. „Ich war immer davon überzeugt, wenn man jemanden mit Respekt behandelt, wird man selbst genauso behandelt." Er mochte sich nicht wirklich um die meisten Kurzlebigen scheren, aber jemanden zu behandeln, als würde er nicht zählen, war niemals richtig.
Aber sie hatte Recht, was Jack betraf. Er hatte die Angewohnheit einfach irgendwo hinein zu platzen und mit seinen Anweisungen um sich zu schmeißen und es gab Momente, in denen es Iantos ganzes Taktgefühl und Verhandlungsgeschick bedurfte, um die Wogen wieder zu glätten. Als er Jack das erste Mal deswegen zur Rede gestellt hatte, hatte der Unsterbliche nur mit den Schultern gezuckt und seinen Satz 'unabhängig von der Regierung und jenseits der Polizei' aufgesagt, auf den er so stolz war. Es war dieser Punkt gewesen, an dem Ianto erkannte hatte, dass Jack ein großes Stück Größenwahnsinn in sich trug und dass das zusammen mit dem angeborenen Narzissmus des Unsterblichen wohl dazu führte, dass er nicht dazu zu bewegen war, sich ein bisschen netter zu verhalten.
Und dann war da noch das ständige flirten. Wenn Jack nicht dabei war, die Menschen mit seinem Verhalten haltlos zu verärgern, dann war er hinter allem her, das sich bewegte. Meistens endete es darin, dass Jack eine Telefonnummer zugesteckt bekam oder auf einen Drink eingeladen wurde, und Ianto hatte gar nicht mehr sehen müsse, um zu wissen, dass Jack sie letztendlich alle ins Bett bekam.
Manchmal wunderte Ianto sich wirklich, wie er selbst so für Jack fühlen konnte, wie er es nun einmal tat. Aber dann erkannte er immer wieder, dass er in die selbe Harkness-Falle getappt war, wie jeder anderer seiner Affären. Er fühlte sich schäbig deswegen und dennoch wusste er, dass es nahezu unmöglich sein würde 'Nein' zu sagen, wenn Jack nach ihm rief.
„Manche Menschen sehen einfach gern auf die von uns herab, die wirklich für ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen." Kathy seufzte. Es musste etwas in Iantos Blick gelegen haben, denn sie hob abwehrend die Hände. „Ich sage nicht, dass Sie nicht arbeiten", beeilte sie sich zu sagen. „Ich sage nur, dass es Leute gibt, die denken besser zu sein als andere und mehr Rechte zu haben. Seine Hoheit ist so jemand. Aber ich weiß, dass Sie nicht dazu gehören. Und wir werden sehen, zu welcher Art Mensch Cooper gehört, auch wenn ich keine große Hoffnung für sie habe."
„Ich … verstehe, Detective." Er konnte ihr nicht sagen, dass es eine Zeit gegeben hatte, in der er verehrt worden war und es alles andere als genossen hatte. Er war kein Wesen, dass Aufmerksamkeit genoss, im Gegensatz zu Jack. „Wenn Sie jemals etwas brauchen, haben Sie meine Nummer. Oh, und ich muss Ihnen für den Tipp wegen dem Club danken." Es war ihr Anruf gewesen, der das Team auf die Spur von Carys Fletcher gebracht hatte und des Aliens, das sie besetzt hatte.
„Kein Problem. Es schrie geradezu nach Torchwood." Sie leerte ihr Glas, nahm ihre Jacke und stand auf. „Ich muss mich dann verabschieden. Passen Sie auf sich auf, Jones." Sie machte sich auf den Weg zum Ausgang, drehte sich dann aber noch einmal um. „Für Sie gilt das gleiche. Wenn Sie etwas brauchen, wissen Sie, wie sie mich erreichen können. Aber das gilt nur für Sie, Jones. Ich könnte mich nicht weniger um seine Hoheit oder irgendjemand anderen sorgen."
Ianto nickte ihr dankend zu. Er leerte seinen eigenen Drink. Er wusste, dass es auch für ihn Zeit war nach Hause zu gehen.
Er zog sich seinen Mantel über – auch wenn die Kälte dieses Septemberabends ihn nicht störte – und dann suchte er sich das nächste Dach eines hohen Gebäudes, auf dem er sich verwandeln konnte, um nach Hause zu fliegen.
