Geister sehen
16. September 2007
„Jack, hast du einen Moment Zeit für mich?"
Jack sah von seiner Arbeit auf und entdeckte Toshiko in der Tür zu seinem Büro, die ihn unsicher musterte. „Natürlich, Tosh." Er winkte sie in den Raum. „Ich dachte, es wären schon alle nach Hause gegangen."
„Ich bin die letzte", antwortete sie und setzte sich Jack gegenüber.
„Was kann ich für dich tun?", fragte er, sich zurücklehnend und seine Technikexpertin aufmerksam betrachtend.
„Ich … wollte über etwas mit dir reden."
„Über das, was heute passiert ist?" Das machte Sinn, nach all dem was mit der von allen anderen so genannten Geistermaschine passiert war. Es war einfacher auszusprechen, als Quantenumwandler.
„Teilweise, ja." Toshiko atmete tief durch. „Aber das geht jetzt schon seit Tagen so und ich möchte wirklich wissen, warum du das tust."
„Was meinst du?" Jack war verwirrt.
Sie schwieg für einen Moment, als müsste sie ihre Gedanken ordnen. Dann sah sie Jack ernst in die Augen. „Ich möchte wissen, warum du Ianto abschiebst irgendwelche nebensächliche Arbeiten hier in der Basis zu machen, um Gwen mit der eigentlichen Arbeit zu bevorzugen."
Jack erstickte ein Seufzen. Er hätte wissen sollen, dass entweder Tosh oder Owen den Drachen zur Sprache bringen würde. „Ich denke, Gwen braucht das Training und -"
„Nein, Jack. Das zieht nicht." Toshikos Gesicht wurde grimmig. „Als du mich und Owen ins Team gebracht hast, haben Ianto und du uns hier in der Basis trainiert, bevor ihr uns nach draußen gelassen habt. Wir mussten die Verfahren von Torchwood kennen, die Waffen, den Zentralrechner … alles! Und dann waren entweder du oder Ianto immer dabei, um zu überwachen, wie wir uns bei der Feldarbeit verhalten haben. Ich kann mich immer noch daran erinnern, wie du Owen bestimmte Trainingseinheiten hast wiederholen lassen, wegen etwas, dass er an seinem ersten Tag draußen falsch gemacht hat. Du hast nichts davon Gwen tun lassen und du lässt Ianto nicht einmal in ihre Nähe."
Jack wollte wütend sein, aber Toshiko hatte recht. Er hatte niemand anderen Gwens Training übernehmen lassen wollen. Er könnte es rechtfertigen, sagen dass er sie eingestellt hatte und damit verantwortlich war, dass er selbst sichergehen wollte, dass sie alles wusste, um den Alltag bei Torchwood zu bestehen. Er könnte auch sagen, dass er sie selbst trainieren wollte, um den Rest des Teams damit nicht zu belasten und ihnen Zeit für ihre eigenen Arbeit zu lassen.
Aber er tat es nicht. Denn diese Gründe waren nicht wahr.
In Wahrheit sah Jack etwas in Gwen, dass nach ihm zu rufen schien. Normalerweise würde er es Lust nennen und sie verführen. Aber das hier war anders. Sie erinnerte ihn so sehr an Rose Tyler, mit ihrem Starrsinn und ihrer resoluten Haltung, ihrem Drang nach Wissen, ihrer reinen Menschlichkeit. Das war es, was er wirklich begehrte und ein selbstsüchtiger Teil von ihm wollte das mit niemandem teilen, auch wenn er sie angeblich eingestellt hatte, um das ganze Team daran zu erinnern, wofür sie kämpften.
Er hatte vor allen Dingen auch Ianto daran erinnern wollen.
Der Drache hatte sich seit Canary Wharf verändert; er hatte sich zurückgezogen und einen beinahe irrationalen Hass gegen Menschen entwickelt … oder Kurzlebige, wie er sie nannte. Er hatte aus erster Hand gesehen, wozu die menschlichen Anmaßungen führen konnten und es hatte etwas in ihm zerstört. Alles, was Jack wollte, war ihm zu zeigen, dass nicht alle Menschen schlecht waren, und dass er nicht das Handeln von einigen wenigen der ganzen Spezies vorwerfen konnte. Er hatte gehofft, dass Gwen es ihm zeigen könnte, aber bis jetzt war das ein Reinfall gewesen.
„Ich habe ihr Schießtraining gegeben", antwortete er.
Toshiko schnaubte. „Du willst dieses Gegrapsche Training nennen? Du hast das weder mit Owen noch mit mir getan. Wir haben das CCTV gesehen und was ihr beide da getan habt, war praktisch schon ein Vorspiel. Gott Jack, wenn du sie ficken willst, dann hättest du das auch tun können, ohne damit die Zusammenarbeit des ganzen Teams zu gefährden!"
Er war beleidigt über diesen Vorwurf. „Ich will sie nicht ficken, wie du es so schön ausgedrückt hat", erwiderte er aufgebracht. „Und ich verbitte mir die Unterstellung, ich würde mich in eine funktionierende Beziehung einmischen!"
„Dann hör auf dich zu verhalten, als wäre sie Beste seit der Erfindung von geschnittenem Brot und behandle sie wie den Rest des Teams", verlangte Toshiko.
Jack irritierte es, für seine Handlungen zur Rechenschaft gezogen zu werden, selbst wenn er es wirklich verdienen mochte. Er dachte darüber nach, wie seine Aufmerksamkeit gegenüber Gwen auf die anderen wirken mochte und er erkannte, wie sie es ausgelegt haben mochten. Aber das machte diese Zurechtweisung nicht besser.
„Das ändert nichts daran, dass sie neu ist", versuchte Jack zu argumentieren. „Sie braucht jemanden, der ihr zeigt, wo es lang geht."
Toshiko schüttelte ihren Kopf. „Fein. Dann zeig ihr, wo es lang geht. Aber tue es nicht auf Kosten des Teams."
„Ich vertraue darauf, dass der Rest des Teams mittlerweile weiß was zu tun ist."
„Jeder in diesem Team kennt seine Aufgaben, Jack", sagte die Technikerin und er konnte sehen, dass es sie viel kostete, ruhig zu bleiben. „Wir tun das seit Jahren. Aber Jack … du kannst dich nicht über ein Mitglied des Teams hinweg setzen, um den Held für einen Neuling zu spielen, die auf dem besten Weg ist, sich – und vielleicht auch andere – in Gefahr zu bringen, getötet zu werden."
Tat er das wirklich? Spielte er den Helden, um Gwen zu beeindrucken? Und überging er Ianto dabei? „Ich denke, du siehst etwas, das gar nicht da ist. Gwen ist ein Teil dieses Teams, auch wenn sie neu ist. Sie muss vollständig integriert werden und dazu muss sie wissen, was um sie herum geschieht. Und der beste Weg, das zu erreichen, ist sie mit raus auf Missionen zu nehmen."
„Du musst ihr das richtig zeigen. Bring ihr den Job so bei, wie du es bei Owen und mir getan hast. Lass sie alles nötige über Torchwood lernen, bevor du sie uns nach draußen begleiten lässt. Es ist offensichtlich, dass sie nicht weiß, was sie zu tun hat. Lass sie sich an all das hier und ihre neue Position gewöhnen, statt sie ins kalte Wasser zu schmeißen. Verdammt, Jack … wir wissen nicht einmal genau, was ihre Position hier ist, abgesehen davon dass die Verbindung zur Polizei halten soll … was bei er Polizei nicht sehr gut angekommen bist, wie du mitbekommen haben solltest. Hast du die Constabels gehört, die heute Nacht beim Tatort waren? Drei von ihnen haben nach Ianto gefragt und als ich ihnen gesagt habe, dass er nicht mehr der Verbindungsmann ist, waren sie nicht sehr glücklich."
„Entschuldige, aber wir sind nicht hier, um die Polizisten glücklich zu machen." Stellten jetzt schon Außenstehende seine Entscheidung in Frage? Andererseits hatte Jack wahrscheinlich einfach nicht mitbekommen, was für eine Art Beziehung Ianto zu den Autoritäten aufgebaut hatte.
„Ich sage nur, dass es uns allen helfen würde, wenn wir wüssten, warum Gwen hier ist. Auf diese Weise könnten wir dafür sorgen, dass sie die Unterstützung bekommt, die sie braucht und wann sie sie braucht. Und ich rede nicht von dem Profiling-Mist, den sie bei Carys Fletcher versucht hat. Denn obwohl sie alle Informationen über sie hatte, es war trotzdem ich, die herausfinden musste, wo das Sexgas-Alien letztendlich hingegangen ist. Und niemand versteht, warum du entschlossen bist, sie an Iantos Stelle zu setzten."
„Ich setzte niemanden an Iantos Stelle", antwortete er, der Frage nach Gwens Aufgaben ausweichend.
„Warum denkst sie dann, sie hätte mehr zu sagen als dein eigener Stellvertreter?"
Jack konnte sich nur schwer davon abhalten, zusammen zu zucken. Er hatte Ianto versprochen, Gwen klar zu machen, dass der Drache sein Stellvertreter war und er hatte es bis jetzt nicht getan. Er machte sich eine geistige Notiz, das gleich am nächsten Morgen nachzuholen. „Wie kommst du darauf, dass sie denkst, sie sei Iantos Boss?"
„Sie denkst nicht grundsätzlich, sie sei Ianto Boss. Aber sie kommandiert ihn herum, damit er ihr irgendwelche Sachen bringt, selbst wenn er mit seiner eigenen Arbeit mehr als gut beschäftigt ist. Erst gestern hat sie ihm praktisch befohlen ihr Kaffee zu machen, während er damit beschäftigt war mir mit dem Übersetzungsprogramm zu helfen. Und als er ihr gesagt hat, dass er unsere Arbeit gerade nicht unterbrechen könnte, hat sie sich aufgeführt, als wäre unsere Arbeit vollkommen unwichtig. Er hat ihr schließlich sagen müssen, dass sie nicht sein Boss ist und dass er letztendlich ihrer ist, bevor sie endlich gegangen ist. Ich bin wirklich überrascht, dass sie nicht zu dir gekommen ist, um sich zu beschweren und auszuheulen!"
Er hatte nichts davon mitbekommen und das ärgerte ihn. Ein kleinerer Punkt für seine Gründe, Gwen ins Team zu holen, war dass Ianto einen eigenen Stellvertreter brauchen würde, wenn Jack sie mit dem Doctor zusammen verlassen würde, und er hatte gehofft, sie bis zu diesem Zeitpunkt genau darauf vorbereitet zu haben. Natürlich konnte er das niemandem sagen, denn er wollte nicht dass sie von seine Plänen wussten, weil er fürchtete, sie würden es nicht verstehen, dass er Owen und Tosh bei dieser Beförderung überging. Jack dachte einfach, dass Gwen das Zeug dazu hatte, zu einem Anführer zu werden; während die anderen beiden viel mehr auf ihre eigenen Aufgaben spezialisiert waren. Außerdem war Owen zu eigenwillig und scharfkantig; und Tosh war ein ruhiger Charakter und Jack wusste, dass sie es vorzog, sich eher zurück zu halten.
Aber wenn Gwen und Ianto nicht miteinander klar kamen … nun, er wusste bereits, dass Ianto sie nicht leiden konnte und nicht mit ihrer Einstellung einverstanden war. Jack würde wohl ernsthafte Schadensbegrenzung betreiben müssen, wenn er die Situation retten wollte.
„Sieh mal, Tosh", er seufzte. „ich weiß, du glaubst mir nicht, aber Gwen wird nicht Iantos Platz einnehmen. Tatsächlich habe ich gehofft, sie könnte ihm mit einigen der Dinge helfen, die seine Aufgaben sind, weil er mehr tut, als wir anderen zusammen. Wenn ich dafür den falschen Weg gewählt habe, dann möchte ich mich dafür entschuldigen."
„Ich bin es nicht, bei dem du dich entschuldigen musst, Jack. Ich denke wirklich, dass wir über dieser ganzen Sache dabei sind, Ianto zu verlieren. Er ist der beste, den du hast, und du hast ihn vollkommen missachtet um Gwen zu bevorzugen. Du musst dir wirklich was einfallen lassen, um das wieder gut zu machen."
Etwas zog sich schmerzhaft in Jacks Brust zusammen. Ianto verlieren? Allein der Gedanke machte ihn krank. Er würde es niemals zugeben, aber er hatte sich daran gewöhnt, sich auf die stille Unterstützung und Stärke des Drachen zu verlassen, in den Jahren, die sie nun zusammen Torchwood bildeten. Zur Hölle, ohne Ianto wären sie niemals bis hier her gekommen.
Dieses Tarot-Mädchen hatte Recht gehabt: Ianto Jones war die Seele von Torchwood.
Aber Gwen Cooper könnte genauso gut das Herz von Torchwood werden.
Jack musste entscheiden, was davon wichtiger war und das konnte er nicht.
„Ich werde Gwen über Iantos Pflichten und Aufgaben hier unterrichten, sobald sie morgen früh kommt", sagte er.
Tosh sah erleichtert aus. „Gut. Denn wenn es darauf hinaus läuft sich zu entscheiden Gwen oder Ianto zu folgen … Owen und ich wissen bereits, auf wen diese Wahl fällt. Ianto hatte unsere vollkommene Loyalität. Gwen hat sich das noch nicht verdient. Wer weiß … vielleicht wird sie das eines Tages. Aber dazu ist es noch zu früh." Ihr Gesicht wurde ernst. „Und das bezieht noch nicht einmal mit ein, dass Ianto quasi hier in der Basis eingesperrt ist, seit Gwen für uns arbeitet. Er war weder bei irgendeiner Art von Bergung noch auf einer Mission dabei, obwohl er neben dir der erfahrenste von uns ist. Ich weiß, dass Owen und ich uns besser fühlen würden, wenn er uns den Rücken freihält."
„Was ist mit mir?", fragte Jack in dem Versuch, die Situation etwas aufzulockern. „Ich bin doch auch nicht ganz nutzlos, oder?"
„Das bist du nicht. Aber … es ist einfach, dass Ianto nahezu nicht zu töten ist. Er würde nicht davon ausgebremst werden, wenn jemand von uns in Gefahr ist. Das ist die Art von Back-up, die wir brauchen, Jack. Letztendlich kann jeder andere von uns sterben, er nicht. Und er würde uns beschützen, ganz egal was das bedeutet.
Jack öffnete seinen Mund, um zu widersprechen, aber dann erkannte er, dass er das nicht konnte. Tosh hatte recht. Ianto würde sich durch keine Verletzung daran hindern lassen, seine Kollegen zu beschützen.
Die Ironie war, dass für Jack das selbe galt … Er hatte nur noch niemandem von seiner Unfähigkeit tot zu bleiben erzählt. Tosh bezog ihn mit in die Kategorie der Sterblichen ein und Jack fühlte sich dadurch beleidigt, selbst wenn es sein eigener Fehler war.
„Ianto hat klar gemacht, dass er vor Gwen verbergen will, dass er kein Mensch ist", antwortete Jack. „Ich versuche nur, ihn vor einer Situation zu bewahren, in der sie es herausfinden würde."
Tosh ließ sich davon nicht überzeugen. „Suzie hat es auch nicht gewusst und Ianto war immer draußen auf Missionen mit ihr. Bring ihn zurück in den Bereitschaftsdienst für die Feldarbeit, Jack. Bitte. Wir vertrauen ihm und er weiß, was er tut." Für einen Moment sah es so aus, als würde sie noch etwas sagen wollen, schwieg aber schließlich doch.
Jack wusste trotzdem, was sie beschäftigte. Sie wollte eine Antwort darauf, warum er Ianto von der Feldarbeit abgezogen hatte.
Das Problem war, dass Jack sich selbst nicht sicher darüber war. Als eine Strafe vielleicht? Dafür, dass er Jacks Entscheidung über Gwen angezweifelt hatte? Oder vielleicht war es etwas anderes…
Er wusste natürlich, dass er Ianto viel zu nah an sich heran gelassen hatte, dass er viel zu einfach sein Herz an den Drachen verlieren könnte. Er hatte Jahre gegen diese Anziehung angekämpft; und er war mehr als einmal daran gescheitert und hatte Ianto in sein Bett geholt. Wer sonst konnte nachvollziehen wie es war weiterzuleben, während alle anderen um einen herum starben? Er wusste, er sollte sich auf Ianto verlassen. Denn trotz all ihrer Menschlichkeit würde Gwen niemals verstehen können, was seine Unsterblichkeit für Jack wirklich bedeutete.
Aber Ianto konnte das. Und das verängstigte ihn auch, denn wenn Jack jemals zu ließ, dass Ianto ihm zu nahe kam, ihm zu viel bedeuten würde, dann würde er seine Suche nach dem Doctor aufgeben.
Nein, das konnte Jack nicht tun. Er konnte nicht über einhundert Jahre des Wartens einfach wegwerfen, nur wegen des Drachen. Ianto von sich fern zu halten, würde das beste sein.
„Also gut", lenkte er ein. Abgesehen von dem leichten Gefühl des Betrugs, dass Ianto seine Entscheidung Gwen betreffend nicht akzeptierte, wusste er, dass es das richtige war, den Drachen wieder mit auf Missionen zu schicken. „Du hast ja Recht, Tosh. Es ist eine Verschwendung, Ianto in der Basis zurück zu lassen, statt ihn mit ins Feld zu schicken." Er hob seine Hand, um Tosh davon abzuhalten, etwas zu sagen. „Ich werde über den Rest nachdenken, aber ihr müsst auch akzeptieren, dass Gwen bleiben wird. Sie kann dem Team etwas bieten, dass uns fehlt, und sie hat Fähigkeiten, die uns nützlich sein werden."
Tosh seufzte. „Du meinst dieses Menschlichkeits-Ding, von dem du so schwärmst?" Sie stand auf. „Sag mir, Jack … wenn uns allen diese Menschlichkeit fehlt, warum kämpfen wir dann dafür? Wenn es uns nicht kümmern würde, wären wir nicht hier. Und trotz seiner Herkunft ist Ianto Jones der menschlichste von uns allen." Sie gab ihm keine Gelegenheit zu antworten, bevor sie das Büro verließ und zu ihrem Schreibtisch lief, um ihre Sachen einzusammeln.
Jack beobachtete sie, bis sie die Basis verließ.
