Das Vermächtnis von Canary Wharf – Kapitel Eins

Hey,

Das hier ist die Version von 'Cyberwoman' im Drachen-Universum. Ich habe so mit allen gelitten, während des Lesens und des Übersetzens … Viel Spaß damit. ^^

lg

Bythia


25. September 2007

Ianto Jones träumte.

In seinen Träumen lebte seine Familie noch. Er konnte sie genau vor sich sehen: sein Vater, der sehr beschützende blaue Drache; seine Mutter, ihre Haut so grün wie Smaragde; und seine Schwester, die das beste von beiden ihrer Eltern in sich vereinte, die Farbe ihrer Schuppen war der des klaren Sees am Fuße der schneebedeckten Berge fast gleich. Sie waren glücklich, lebten im Tal von Ddraig Llyn, umgeben von freundlichen Kurzlebigen und in Frieden mit ihren Nachbarn. Seine Schwester wurde von einem feurigen, roten Drachen aus dem Süden umworben und ihr Vater hatte gerade erst sein Einverständnis zu ihrer Bindung gegeben. Er träumte von seiner Familie und es waren gute Träume.

Er würde lächelnd aus ihnen erwachen.

Aber deutlich öfter wurde er von Alpträumen verfolgt. Bilder voll von Blut und Schreien und davon, zwischen den geschlachteten Leichen seiner Familie aufzuwachen, die von den so genannten christlichen Rittern gejagt und ermordet worden waren, die um das große Freudenfeuer tanzten, in dessen Flammen die Überreste seiner Mutter knackend verbrannten, obwohl die Hitze ihren lebenden Körper nichts hätte antun können. Er träumte von Schreien voll Wut und Schmerz, davon wie sein eigenes, inneres Feuer die Ritter überrascht hatte und wie der Gefährte seiner Schwester ihn schließlich gefunden hatte, eingerollt in der kalten Asche der Mörder und umgeben von den Überresten seiner Familie, verloren im Lied der Trauer.

Diese Alpträume verfolgten ihn in der Finsternis seines Schlafes und er würde allein daraus erwachen, sein Herz zerrissen von dem Verlust.

Da gab es aber noch immer andere Träume.

Träume von ihm im Flug der Bindung mit einem wunderschönen, blau-grauen Drachen, das Lachen in dessen blauen Augen trieb ihn höher und höher, bis der Himmel von einem dunklen Blau war und die Sterne hart wie Diamanten über ihnen. Sie würden zusammen kommen, in dem sinnlichen Tanz ihrer Art, Flügel und Klauen ineinander verschlungen und das Lied der Ewigkeit auf ihren Lippen, dass nur zwei von ihnen teilen konnten, die für immer füreinander bestimmt waren.

Das waren die Träume aus denen er mit Tränen in seinen Augen und auf seiner Schnauze erwachen würde, die Qual über das, was niemals passieren würde und was ihm für immer entrissen worden war, tief in sein Herz gegraben. Und sie ließen seine Seele noch zerrissener zurück, als sie ohnehin schon war.

Es waren diese Tage, an denen er sich fragte, warum er überhaupt noch am Leben war; warum ihn der Schmerz und die Trauer und die Einsamkeit noch nicht umgebracht hatten und warum er nicht längst einen der wenigen Wege gewählt hatte, die es gab um einen Drachen zu töten, um sich seiner lang verlorenen Familie anzuschließen. Dann dachte er zurück an alles was passiert war und an die Menschen aus Ddraig Llyn, die sich um ihn gekümmert hatte, die ihn hatten heilen lassen und die sich so bemüht hatten, ihm einen neuen Sinn in seinem Leben zu geben. Und er hatte ihre Freundlichkeit und ihre Akzeptanz betrogen, um einem unsterblichen Mann in die Welt der Kurzlebigen zu folgen, in dem Glauben dort etwas ändern zu können. Aber alles was passiert war, war dass die Außenwelt ihn verdorben und befleckt hatte und sein Herz hatte hart werden lassen.

Und es war genau eine dieser Nächte.

Ianto lag zusammengerollt in seinem Bett aus Kissen, den Kopf hoch erhoben und aus dem großen Deckenfenster blickend, dass er hatte einbauen lassen, nachdem er nach Cardiff gekommen war. Er konnte nicht so viele Sterne sehen, wie er es von zu Hause gewohnt war; das grelle Licht der großen Stadt färbte den Himmel in einem merkwürdigen Orange und verdeckte alles, außer die hellsten Sterne.

Trotzdem starrte er hinaus in das, was in diesen Tagen Dunkelheit genannt wurde, während seine rauen und scharfen Gedanken durch seinen Kopf wirbelten. Ianto wünschte, er hätte seine Heimat nie verlassen, dass er noch immer seinen Gasthof bewirtschaften würde für die wenigen Leute, die sich in das kleine Dorf verirrten. Dass er noch immer zwischen den Kurzlebigen leben würde, die seine Freunde waren und zwischen denen er Frieden gefunden hatten.

Aber nein … er hatte Jack Harkness folgen müssen. Er hatte seinem Herzen geglaubt, wie seine Mutter es ihm einst gelehrt hatte. Sie hatte gesagt, Ianto hätte eine große Fähigkeit zu lieben und das sein Herz ihn immer in die richtige Richtung lenken würde. Das hatte sich immer als wahr erwiesen, aber dann hatte er den unsterblichen Captain getroffen und war seinem Herzen einmal mehr gefolgt … direkt in seinen Ruin. Ianto hatte an Jack geglaubt, hatte an die Prophezeiung geglaubt, die diesen Mann in Iantos Tal geführt hatte, und war ihm gefolgt ohne über die Konsequenzen nachzudenken.

Und was hatte es ihm gebracht? Er hatte sein Herz an die eine Person verloren, die verstehen sollte, wie schwer die langen Jahre auf einer einsamen Seele lasten konnten, aber die nicht das selbe wie der Drache empfand.

Und er hatte eine Wut gegenüber den Menschen entwickelt, die ihn fast so sehr wärmte, wie seine innere Flamme es tat.

Ianto seufzte. Natürlich gab es gute Menschen dort draußen: Tosh und Kathy Swanson und sogar Owen Harper, auch wenn er es mochte den sarkastischen Bastard zu spielen. Er konnte sie zu seinen Freunden zählen.

Aber diese wenigen verschwanden fast vollkommen in der Masse der engstirnigen, bedeutungslosen Individuen, mit denen Ianto in den letzten Jahren zu tun gehabt hatte.

Dann war Canary Wharf gekommen.

Ianto legte seinen Kopf auf seinen gekreuzten Vorderbeinen ab, als seine Gedanken immer dunkler wurden. Es hatte ihm die erschreckenden Höhen des falschen Stolzes und Ansprüche der Kurzlebigen gezeigt, als er die Ruinen des Turms erreicht hatte, in dem die Leichen von nahezu eintausend Menschen begraben waren. Sie hatten zu hoch gegriffen, hatten gewagt etwas für sich zu beanspruchen, dass sie lieber in Ruhe gelassen hätten. Und es hatte ihnen den Tod oder die Umwandlung in Cyberman eingebracht.

Jack hatte ihn gewarnt; er musste das dem Captain anrechnen. Als Jack ihn und Suzie und Owen in diese Hölle geschickt hatte, die einst Torchwood Eins gewesen war, hatte er sie alle gewarnt, dass es schrecklich werden würde. Sie hatten gehen müssen, um sicherzustellen, dass, was immer London dort versteckt hatte, niemals in die falschen Hände fallen würde.

Ianto war sich nur nicht sicher, ob Torchwood Drei die richtigen Hände waren.

Ein schwaches Seufzen zog seine Aufmerksamkeit auf sich; seine geschlitzten Augen blinzelten zu dem Bett in Menschengröße, dass er in sein Loft gebracht hatte – auch wenn es niemals jemand benutzt hatte, bis er aus London zurückgekehrt war – und der schmalen Gestalt unter der Decke.

Es schien, dass sie eine genauso schlechte Nacht hatte, wie Ianto.

Der Drache konnte sich noch sehr genau daran erinnern, wie er diesen Gang im Keller des Torchwood Towers hinunter gelaufen war auf der Suche nach Überlebenden. Er hatte das leichte Kribbeln gespürt, bevor er die verschlossene Tür erreicht hatte. Sein Herz hatte sich schmerzhaft zusammen gezogen bei diesem Gefühl, das gar nicht hatte da sein können, weil niemand mehr da war, der es hätte auslösen können. Das hatte er gedacht …

„Ianto?"

Er drehte sich zu ihr. „Du solltest schlafen", sagte er leise.

„Ich … kann nicht. Kann ich … mich zu dir legen?"

Er wollte nicht wirklich, dass sie das tat. Es fühlte sich falsch an, sie an seine Seite gelehnt zu spüren und zu wissen, dass sie nicht in dieser Gestalt der Kurzlebigen gefangen sein sollte. Aber es gab nichts, was er dagegen tun konnte … bis jetzt.

Aber er konnte sie auch nicht zurückweisen. „Komm her."

Sie richtete sich müde auf, schob die Decke von ihrem dünnen, fragilen, menschlichen Körper. Ianto kam ihr nicht zu Hilfe, denn er wusste, dass sie es nicht mögen würde.

Der viel zu kalte Körper lehnte sich gegen seine Seite, eine zierliche Hand legte sich auf seine Schulter. „Es tut mir Leid", wisperte sie.

„Es ist in Ordnung", erwiderte er. Er bewegte seinen Körper so, dass sie bequemer liegen konnte.

„Ich habe geträumt … über meine Familie."

„Es scheint eine Nacht für Träume zu sein." Er teilte nicht mit ihr, worüber er geträumt hatte.

„Denkst du, ich werde irgendwann frei sein?"

„Dr. Tanizaki wird morgen ankommen … oder eher heute Abend, nachdem es nach Mitternacht ist", antwortete Ianto. „Ich denke, wenn irgendjemand uns helfen kann, dann ist es er." Ianto wollte hoffen, aber da war ein Teil von ihm, der wusste, dass er dieses Gefühl schon vor langer Zeit verloren hatte.

Sie seufzte. „Ich habe Angst, Ianto. Ich will nicht so leben, wie jetzt. Versprich mir, wenn er nicht helfen kann -"

„Ich werde so etwas nicht versprechen", wisperte er. „Ich glaube nicht, dass ich das könnte."

Er wird dein Herz vier Mal brechen.

Es war die Karte des Mondes gewesen: ein schwarzer Drache im Flug, der Vollmond im Himmel hinter ihm.

Er hatte niemals geglaubt, dass er die Bedeutung dieser Karte in den Ruinen der menschlichen Hochmut entdecken würde, in einer winzigen Zelle im tiefsten Keller des Torchwood Towers. Es war erst das Auftauchen von Gwen Cooper gewesen, dass ihn hatte erkennen lassen, dass die Vorhersage aus dem Tarot letztendlich wahr wurde und was die Karten bedeuteten.

Ianto wusste, wie all das Enden würde, wenn das Mädchen tatsächlich Recht behielt. Dass das, was der Drache sich so verzweifelt herbeisehnte, niemals eintreffen würde.

Ianto wollte diesen Fluch brechen. Er wollte, dass Tanizaki in der Lage war, ihr zu helfen und rückgängig zu machen, was die Kurzlebigen ihr angetan hatten. Es würde auch ihm die Freiheit zurückgeben, die er verloren hatte, als er Jack Harkness nach Cardiff gefolgt war, um der stellvertretende Leiter von Torchwood Drei zu werden.

Der Drache wollte nach Hause zurückkehren.

Er wusste, dass er sein Wort gegenüber Jack brechen würde, wenn er ging. Er hatte nicht geglaubt, das jemals zu tun. In den sieben Jahren, die er bei Torchwood war, und egal wie schrecklich die Dinge zwischen ihm und dem Captain gestanden hatten, hatte er niemals gedacht, ihn betrügen zu können. Aber das war vor seiner schicksalhaften Entdeckung in London gewesen.

Aber er konnte auch nicht sagen, dass Jack ihn nicht gewarnt hätte. Der Unsterbliche hatte ihm erzählt, wie grausam Yvonne Hartman sein konnte und was passieren würde, sollte sie jemals von Iantos wahrer Natur erfahren. Aber es gab einen Unterschied dazwischen, etwas erzählt zu bekommen und es selbst zu sehen und es hatte ihn angewidert. Die Kurzlebigen waren barbarisch und sie verdienten den Schutz nicht, den er ihnen in den vergangenen Jahren hatte zukommen lassen.

Seine Mutter wäre erschrocken über diesen Wandel in ihrem sanften, liebenden Sohn.

Es gab Moment, in denen ihm immer noch der Geruch ihrer brennenden, einst grünen Haut in die Nase stieg und das vertrieb jedes Wissen darüber, dass sie enttäuscht von ihm wäre.

Ianto musste diesen Fluch brechen, der auf ihm lag. Er hatte niemals geglaubt, dass das Schicksal solch eine Bürde sein könnte.

„Du musst schlafen", ermahnte er.

„Meine Gedanken kommen nicht zur Ruhe …"

„Ich weiß. Aber du brauchst die Ruhe. Es wird ein anstrengender Tag werden, schon allein dich in die Basis zu bringen …" So sehr er es auch bevorzugt hätte, Tanizaki hier in seinem zu Hause arbeiten zu lassen, würde der Arzt doch die Ausstattung von Torchwood benötigen.

Wenn er denn überhaupt helfen konnte. Ianto wollte daran glauben, aber seine Verzweiflung war überwältigend groß. Aber es hielt ihn nicht davon ob, es trotzdem zu versuchen und sich zu wünschen, es würde erfolgreich sein.

„Erzähl mir von zu Hause, Ianto." Die leise Bitte riss ihn aus seinen dunklen Gedanken.

„Es ist wunderschön", antwortete er. „Unverdorben, unberührt … und die Menschen dort sind rücksichtsvoll und fürsorglich." Er fuhr leise damit fort zu erzählen, wissend dass seine sanften Worte sie zurück in den Schlaf wiegen würden.

Ihr sanftes Atmen war friedlich, aber Ianto selbst konnte nicht wieder schlafen. Es ging ihm viel zu viel durch den Kopf, darüber ob ihr geholfen werden konnte, ob dieser japanische Arzt sie von dem befreien konnte, was Torchwood ihr angetan hatte. Ianto wollte so verzweifelt gegen das Schicksal gewinnen, um den Fluch zu bekämpfen, den das Mädchen über ihn gelegt hatte. Dann konnten sie in seine Heimat zurückkehren und die weite Welt der Kurzlebigen hinter sich lassen; Sie sich selbst überlassen.

Die einzige Hoffnung, die er hatte, war dass das Wesen in der Gestalt eines jungen Mädchen sich auch darüber geirrt hatte, dass Ianto der letzte seiner Art war. Für ihn bedeutete das, dass die Zukunft noch immer geändert werden konnte.

Ein Teil des Drachen fühlte sich schuldig dafür so egoistisch zu sein und für seinen Betrug. Ianto schob diese Schuld so weit zurück wie möglich, damit es ihn nicht von dem stoppen konnte, was er zu tun gedachte.

Der Drache schloss seine Augen in der Hoffnung doch noch etwas Schlaf zu finden, bevor er zur Basis aufbrechen musste. Aber der Schlaf entzog sich ihm; das Bild davon, wie er mit seinem Gefährten im Flug der Bindung tanzte glitt durch seine Gedanken und er erstickte das Lied der Trauer, das in seiner Brust heranwuchs. Sein Herz verkrampfte sich schmerzhaft.

Diesen Flug würde es niemals geben.

Weil Jack kein Drache war. Und weil er Ianto nicht liebte.

Er musste dafür sorgen, dass sie gesund wurde und dass es ihr gut ging. Um die Person zu ersetzen, von der er mehr als alles andere wollte, dass sie sein Gefährte wäre.

Es war nicht fair, so zu denken. Ianto wusste das, aber er konnte sich nicht dagegen wehren. Sie beide zusammen hatte eine Chance auf eine Familie und auf Glück, selbst wenn Iantos Herz einem anderen gehörte.

„Es wird alles gut werden, Lisa", murmelte er in die Nacht. Er hoffte, es klang nicht so sehr wie eine Lüge, wie es sich anfühlte.