Das Vermächtnis von Canary Wharf – Kapitel Zwei

25. September 2007

Jack Harkness sah durch die Fenster seines Büros und beobachtete sein Team bei der Arbeit.

Die vergangenen Tage waren langweilig gewesen; es hatte keine Rissaktivitäten gegeben, nicht einmal einen streunenden Weevil. Damit blieb ihnen nichts anderen übrig als sich um die liegengebliebene Arbeit zu kümmern, das meiste davon waren Formulare und Berichte, die sich während der geschäftigeren Zeit angesammelt hatten. Ianto hatte bei der morgendlichen Teambesprechung sprichwörtlich mit der Hand auf den Tisch geschlagen und aufgezählt, was noch zu erledigen war und was davon die höchste Priorität hatte. Jack hatte nicht einmal gewusst, dass Owen und Gwen noch immer nicht ihre Berichte über die Geistermaschine fertig hatten, und er hatte seinem Stellvertreter darin den Rücken gestärkt und angeordnet, dass dieser Papierkram sofort erledigt werde sollte. Ja, diese Angelegenheit war für seine beiden Kollegen eine schwierige Erfahrung gewesen, aber dass entschuldigte keine Schlamperei bei den Berichten.

Natürlich hatte Ianto dann auch Jack verschiedene Akten gebracht, die er unterschreiben oder bearbeiten musste und von einem Moment auf den nächsten konnte er sich sehr gut in seine Mitarbeiter hinein versetzen.

Toshiko war an ihrem Platz, arbeitete an dem, von dem Jack wusste, dass es ihr Vorhersageprogramm für Rissaktivitäten war. Sie war die einzige von ihnen, die mit ihrer Arbeit nicht hinterher hing, also war es ihr 'erlaubt' an ihrem eigenen Projekt zu arbeiten. Jack beobachtete, wie Ianto ihr einen Becher Kaffee anbot und über etwas lächelte, das sie ihm erzählte. Er nickte und lief dann weiter, brachte auch Kaffee zu Owen und Gwen, die an ihren eigenen Plätzen saßen. Jack runzelte unwillig die Stirn, als Gwen nicht einmal auf Iantos Anwesenheit reagierte.

Und dann stand Ianto vor seiner Tür und klopfte leise. Jack drehte sich um und bat ihn herein.

„Kaffee", sagte der Drache und setzte Jacks Becher auf einem der Aktenstapel ab, die überall auf seinem Tisch lagen.

„Du bist mein Lebensretter", gelobte Jack. „Dieser ganze Papierkram macht mich schläfrig."

„Ja, wenn du es zeitnah erledigen würdest …", deutete Ianto an.

„Ja, ja … ich weiß. Aber dann würde ich dir den Spaß nehmen, darauf herum zu reiten." Jack sandte einen Blick in Iantos Richtung, der dem Drache klar machte, dass er über eine ganz andere Art von reiten sprach.

Iantos Gesicht verschloss sich augenblicklich und es legte sich eine professionelle Maske darüber, die er in letzter Zeit immer öfter zur Schau stellte. „Ich bin sicher, das ist Belästigung, Sir", sagte er fast tonlos.

Jack war überrascht solch eine Antwort auf sein Flirten zu bekommen und sagte das einzige, was ihm in den Sinn kam. „Es ist nur Belästigung, wenn du es nicht magst."

Iantos Schultern strafften sich. „Wie ich gesagt habe … Belästigung." Der Drache drehte sich auf seinen Absätzen um und lief zur Tür.

Jack konnte Ianto nicht so einfach gehen lassen. „Ianto."

Er blieb stehen, drehte sich aber nicht um. „Kann ich noch irgendetwas für dich tun?"

Der Captain konnte sich selbst nicht belügen. Irgendetwas war schon seit Wochen mit Ianto nicht in Ordnung … nein, seit Monaten. Der Drache zog sich langsam aber sicher immer weiter zurück, genauso wie er einen fast pathologischen Hass gegen die Menschen entwickelte. Nur wenige Menschen wurden noch in seiner Nähe geduldet … und Jack gehörte immer weniger dazu. Tosh hatte Recht gehabt in dieser Nacht in seinem Büro: es bestand die Gefahr, dass er Ianto verlieren könnte und Jack konnte das einfach nicht zulassen. Der Drache bedeutete ihm zu viel, auch wenn er sich davor fürchtete, das zuzugeben; und es seine Schuld war, weil er es doch in erster Linie gewesen war, der Ianto von sich gestoßen hatte.

„Wie geht es dir, Ianto?" In dem Moment, in dem die Worte seinen Mund verließen, verfluchte Jack sich selbst für diese lahme Frage.

Der Drache drehte sich noch immer nicht um, aber Jack konnte an der Veränderung in seiner Haltung trotzdem erkennen, dass Ianto von der Frage überrascht war. „Es geht mir gut, Jack. Warum sollte es das nicht tun?"

Das war eine Frage, die Jack selbst gern beantwortet haben wollte. Aber er wusste nicht, wie er sie formulieren sollte, um eine ehrliche Antwort von seinem Stellvertreter zu bekommen. „Komm her und setz dich."

Für den Bruchteil einer Sekunde fürchtete Jack, dass Ianto einfach gehen würde, aber der Drache drehte sich schließlich um und nahm auf dem Stuhl auf der anderen Seite des Schreibtischs platz. Es saß steif da, die Füße flach auf dem Boden und die Hände in seinem Schoß zusammen gefaltet. Er erinnerte Jack an jemanden, der eine Rüge erwartete.

„Wir haben in letzter Zeit nicht viel miteinander geredet", begann Jack.

Aber Ianto unterbrach ihn. „Es gibt auch nicht viel, über das es sich zu sprechen lohnen würde."

Er war erschrocken über diese Erwiderung. „Wir haben sonst über alles gesprochen."

Ianto zuckte mit einer Schulter. „Wir haben sonst eine Menge getan, das wir jetzt nicht mehr tun."

Jack nahm sich die Zeit seinen Stellvertreter zu mustern … den er selbst auch als seinen Freund ansah. Ianto sah müde aus; er hatte dunkle Ringe unter seinen Augen und seine Haut war blasser als gewöhnlich. Sein Alter schien deutlich aus seinen Augen hervor und da war etwas in ihnen, dass wie Schmerz aussah.

Du hast das getan, wurde es ihm schuldbewusst klar.

„Gibt es … gibt es irgendetwas, was ich tun kann, um zu helfen?"

Der Drache sah ihn skeptisch an. „Warum denkst du, ich bräuchte Hilfe?"

„Du siehst schlecht aus", antwortete Jack. „Ich … ich weiß, wir haben unsere Probleme in letzter Zeit, aber ich bin immer noch dein Freund."

Nicht zum ersten Mal fragte Jack sich, was er nur damit getan hatte, als er zugelassen hatte, dass Ianto ihm von Ddraig Llyn nach Cardiff gefolgt war. Er wusste, warum er Ianto hatte mitkommen lasse; weil er einer der wenigen in seinem langen Leben war, der an ihn geglaubt hatte. Jemand der ihm vertraute, obwohl er Jacks Geheimnis kannte. Und Jack hatte gesehen, dass Ianto wirklich verstehen konnte, was es bedeutete unsterblich zu sein … oder so nahe an unsterblich, wie jemand es sein konnte.

Aber der Drache hatte sich verändert. Das warmherzige Wesen, das auf sein Herz vertraute, war verschwunden, war ersetzt worden durch jemanden, der nur stumpf seinen Routinen folgte. Und Ianto hatte es deutlich gemacht, dass seine Loyalität gegenüber Jack der einzige Grund war, warum er überhaupt noch hier war.

Und Jack fragte sich, wie lange das noch andauern würde. Er erkannte erst jetzt, was er eigentlich damit tat, dass er Ianto von sich stieß, statt ihn einfach als einen vertrauensvollen Freund und Verbündeten zu akzeptieren. Aber er wusste auch, dass nur Iantos Freund sein zu wollen, Schwierigkeiten mit sich bringen würde. Und er wollte Ianto nicht zu nahe an sich heran lassen, schon allein weil er Angst davor hatte, es würde seinen Entschluss, mit dem Doctor weg zu gehen wenn es so weit war, ins Schwanken bringen.

Da war ein Ausdruck von Unglaube in Iantos alten Augen, der jedoch schnell unter einer eisigen Kälte verborgen wurde. „Ist da noch irgendetwas, was du brauchst? Ich habe auch noch meine eigene Arbeit zu tun."

Jack unterdrückte ein Seufzen. Er hatte das Gefühl, dass es bereits zu spät sein könnte. „Nein, das ist alles."

Ianto stand auf. „Dann kann ich ja gehen."

Der Drache hatte das Büro fast verlassen, als Jack ihn doch noch einmal zurück rief. „Ich plane immer noch den gemeinsamen Abend im Pub für das ganze Team heute."

Ianto drehte sich um, wich Jacks Blick aber aus. „Ich werde nicht mitkommen können. Colonel Mace von UNIT hat eine Telefonkonferenz für heute Abend angesetzt."

„Ruf ihn zurück und sag es ab."

„Nein, Jack. Das werde ich nicht tun. Wir brauchen gute Kontakte zu UNIT und das weißt du. Ich werde es nicht länger hinauszögern, als es unbedingt nötig ist und ein Kneipenabend ist kein Grund dafür. Aber ich werde nachkommen, sobald ich fertig bin, in Ordnung?" Er sah nicht sehr glücklich über sein eigenes Einlenken aus.

„Wirst du Gwen mit den Kontakten bei UNIT und dem Innenministerium vertraut machen?"

Jack übersah das Zusammenzucken bei dieser Frage nicht. „Nein, werde ich nicht. Sie ist nicht bereit dafür." Seine Stimme klang schneidend bei dieser Zurückweisung. „Sie ist nicht einmal wirklich bereit mit der örtlichen Polizei zu arbeiten. Ich werde nicht riskieren, dass sie durch ihr loses Mundwerk meine harte Arbeit und unsere mittlerweile guten Verbindungen riskiert."

Dieses Mal war es Jack, der zusammen zuckte. Es war ihm nicht entgangen, dass die örtliche Polizei beim letzten Tatort, den sie übernommen hatten, nicht sehr glücklich damit gewesen waren, mit Gwen zusammenarbeiten zu müssen. Er war vollkommen überrascht gewesen von dem Respekt, den die Polizei Ianto gegenüber zeigte, trotz der Wut, die der Drache behauptet gegenüber den Menschen zu haben. Toshs Kommentar über die Nachfrage der Polizei nach Ianto bei dem Fall von Ed Morgan dazu genommen, begann Jack sich zu fragen, ob es nicht vielleicht ein Fehler gewesen war, Gwen die Verbindungsarbeit übernehmen zu lassen.

„Jack", sagte Ianto, „auch wenn ich wirklich froh bin, dass du Gwen letztendlich doch noch darüber aufgeklärt hast, was meine Aufgaben hier sind, bin ich nicht bereit für sie zurück zu treten. Sie muss sich ihren Platz verdienen, er kann ihr nicht einfach vor die Füße geworfen werden. Und im Moment sieht es nicht so aus, als dass das sehr bald passieren wird." Er hob seine Hand bei dem ersten Anzeichen, dass Jack etwas sagen wollte. „Ich weiß, du hattest deine Gründe dafür, sie einzustellen, aber erwarte nicht, dass ich es mag. Ich bin noch immer der Meinung, dass sie nicht zu Torchwood gehört und bis sie beweist, dass ich damit falsch liege, werde ich nicht von meinem Standpunkt abweichen. Und jetzt werde ich mich um meine eigene Arbeit kümmern. Wenn du noch irgendetwas brauchst, dann habe ich mein Handy bei mir."

Damit drehte Ianto sich endgültig um und marschierte aus dem Raum, ließ Jack niedergeschlagen hinter sich zurück.

Jack hätte am liebsten auf irgendetwas eingeschlagen. Ianto schien Gwen nicht einmal eine Chance geben zu wollen. Er hatte gehofft, dass der Drache in Gwen einen weiteren Menschen sehen würde, für den es sich lohnte zu kämpfen, doch stattdessen schien er entschlossen, sie nicht leiden zu können.

Aber es gab auch Momente, in denen er das Ianto gar nicht vorwerfen konnte. Gwen hatte den vollkommen falschen Eindruck von Iantos Position in Torchwood bekommen – auch wenn er zugegeben musste, dass das seine Schuld war – und die beiden hatte ihre Beziehung einfach auf dem falschen Fuß begonnen. Er hatte Gwen nach dem Gespräch mit Toshiko in sein Büro gezogen und hatte ihr gesagt, dass Ianto sein Stellvertreter war und dass sie aufhören musste Ianto zu behandeln, als wäre sie die höher gestellte. Jack konnte sich noch sehr gut an den ungläubigen Ausdruck in ihrem Gesicht erinnern, aber sie hatte versichert, mehr Respekt zu zeigen. Wenn es eine Sache gab, die er durch seine Bekanntschaft mit Ianto Jones gelernt hatte, war das, dass er einem mit dem selben Respekt begegnete, den man selbst ihm entgegen brachte.

Aber es erschien nicht so, als würde sie sich das wirklich zu Herzen nehmen und Jack wusste genau wo die anderen in dieser Angelegenheit um Gwen Cooper standen. Es schien, als würde Owen ein wenig auftauen, aber Tosh … nun, was Ianto verletzte, das verletzte auch Tosh. Es hatte eine Zeit gegeben, in der Jack geglaubt hatte, zwischen den beiden bestünde mehr als eine gute Freundschaft, aber es hatte sich herausgestellt, dass das nicht der Fall war. Wenn es so gewesen wäre, hätte er es unterstützt, auch wenn er es nicht gemocht hätte.

Er war so sehr in Widersprüche verstrickt: er schob Ianto von sich, um ihn nicht zu nah an sich heran zu lassen, und dennoch störte sich Jack daran, wenn der Drache zu irgendwem irgendeine Art von Nähe zeigte. Wenn er es nicht besser wüsste, würde er sagen, er sei eifersüchtig. Aber Eifersucht war etwas, das Jack nicht kannte; es war einfach nicht in seinem Wesen. Nach allem entstammte er noch immer dem 51sten Jahrhundert.

Aber du hast den größten Teil deines Lebens im 19ten und 20ten Jahrhundert gelebt, wisperte ihm eine verräterische Stimme in seinem Kopf zu.

Er drängte sie zurück und versuchte sich wieder auf seine Arbeit zu konzentrieren.

Der Papierkram wurde schließlich aber doch wieder vernachlässigt, als sie sich mit einem stürmischen Baskettball-Spiel ablenkten, in das sich an einem Punkt sogar Myfanwy einmischte. Jack genoss die Zeit mit dem Team, ihr Rufe und ihr Lachen, das durch den Hauptraum der Basis hallte. Sie spielten darum, wer die Runden im Pub ausgeben musste, und Jack erlaubte es sich, sich vollkommen in dem hin und her des Spiels zu verlieren.

Es waren Moment wie diese, in denen sie wirklich ein Team waren. Es zählte nicht, wie neu Gwen war, oder was sie für Streitigkeiten hatten … sie waren ein Team. Jack versuchte zu ignorieren, dass Ianto sich ihnen nicht anschloss; er hatte es nüchtern zurückgewiesen, als sie ihn gefragt hatten, hatte behauptet die Teams wären unausgeglichen, wenn er dazu stieß. Dann war er in den Archiven verschwunden und Jack hatte ein Stechen voller Schuld gespürt. Er hatte sich in dem Spiel verloren, um sich davon abzuhalten, über seinen Stellvertreter nachzudenken, der irgendwo allein in den tieferen Ebenen war.

„Die erste Runde zahlst du, Harkness", lachte Owen, als sie das Spiel beendeten. „Mädels, schnappt euch eure Handtaschen. Wir sammeln Tea-Boy ein und dann kommen wir endlich hier raus."

„Ianto kommt nicht mit", sagte Jack. „Er wartet auf ein Konferenzschaltung mit UNIT, aber er sagte, er kommt nach."

„Das ist doch Schwachsinn", sagte Owen verärgert. „Kann er das nicht verschieben?"

„Das habe ich auch versucht ihm zu sagen, aber er wollte mir nicht zuhören."

Toshiko sah besorgt aus. „Ich kann mit ihm hier bleiben -"

„Komm schon, Tosh", unterbrach Gwen sie und legte ihren Arm und die Schultern der Japanerin. „Jack sagte, er würde nachkommen."

Sie sah noch immer unsicher aus, ließ sich aber durch das Rolltor führen und in den Gang dahinter. Owen tauschte einen kurzen Blick mit Jack, der etwas sagte, das der Captain nicht erkennen konnte, dann folgte er den Frauen nach draußen.

Jack sammelte den Basketball ein und schmiss ihn auf das Sofa, damit er nicht im Weg lag. Dann verließ er selbst die Basis mit einem letzten Blick zum Eingang des Archivs.