Das Vermächtnis von Canary Wharf – Kapitel 4
25. September 2007
Jack sah zum dritten Mal in fünfzehn Minuten auf seine Uhr und seine Gedanken glitten von der eigentlich wirklich anregenden Unterhalten zwischen seinen Kollegen zu seinem Stellvertreter.
Es war etwas über eine Stunde her, dass sie die Basis verlassen hatten und Jack hatte erwartet, Ianto wäre längst zu ihnen gestoßen. Sein Gespräch mit UNIT konnte unmöglich so lange dauern, oder? Natürlich waren einige dieser Idioten von UNIT sehr langatmig, aber Mace war einer der wenigen, mit denen auch Jack klar kam und aus Erfahrung wusste er, dass dieser Mann weder für Smalltalk noch für langatmige Ausführungen zu haben war. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass dieser Anruf tatsächlich so lange dauern konnte.
Und das bedeutete, dass Ianto nicht kommen wollte.
Er nahm einen Schluck von seinem Wasser und versuchte damit auch wegzuspülen, dass er sich davon verletzt fühlte, dass Ianto ihn darüber belogen hatte, sich ihnen anzuschließen. Er hätte es wirklich erwarten sollen, nachdem der Drache sich in letzter Zeit so sehr vom Team distanziert hatte … und von ihm selbst auch. Jack hätte glücklich darüber sein sollen, dass er letztendlich damit erfolgreich war, Ianto auf Abstand zu halten – aber er war es nicht.
Gefühle waren einfach viel zu kompliziert.
Das erste Mal in all den Jahren, in denen sie sich nun kannte, dachte Jack wirklich darüber nach, Ianto zu erzählen, worauf er wartete und warum er den Drachen nicht zu nahe an sich heran lassen konnte. Wenn der Drache über den Doctor und Jacks Bedürfnis Antworten zu erhalten Bescheid wüsste, vielleicht würde es dann besser werden. Und vielleicht konnten sie dann zu der Freundschaft zurückkehren, die sie geteilt hatten, bevor Jack seinem Verlangen nach Ianto nachgegeben und ihn in sein Bett geholt hatte.
Aber nein. Jack konnte das nicht tun. Es würde bedeuten, Ianto auch zu erzählen, dass er vor hatte ganz mit dem Doctor zu gehen. Er wollte nicht riskieren, dass der Drache versuchte seine Entscheidung darüber, zu gehen, zu ändern. Wenn Jack ehrlich zu sich selbst war, dann wusste er, dass der Drache gute Chancen hatte, damit erfolgreich zu sein.
Ein durchdringendes Piepen riss ihn aus seinen Gedanken. Er sah hinüber zu Tosh, die in ihrer Tasche wühlte. Sie zog ihren PDA heraus, die Nachrichten darauf kontrollierend. „Eine UFO-Sichtung über Cardigan Bay", berichtete sie. „Sieben Meldungen bei der Notrufzentrale."
„Können wir wenigstens unser Bier austrinken?", wollte Owen gereizt wissen.
„Natürlich", antwortete Jack. „Du hast zehn Sekunden."
Er leerte sein Glas, während die anderen es ihm gleich taten. Insgeheim war er froh über den Alarm; er gab ihm die Möglichkeit in die Basis zurück zu kehren und nach Ianto zu sehen, ohne sich eine Ausrede dafür einfallen lassen zu müssen.
Die anderen nahmen ihr Gespräch wieder auf, als sie zurück zur Basis liefen. Jack hörte nur mit halben Ohr zu, als die Frauen mit Owen darüber diskutierten, wer den SUV fahren durfte. Er wollte sich dem Gespräch anschließen, aber seine Gedanken ließen sich nicht von Ianto Jones los reißen.
Er musste irgendetwas tun. Er hoffte nur, er hatte noch nicht alle seine Brücken zu dem Drachen eingerissen.
Der Hauptraum der Basis war leer.
Jack war nicht sehr glücklich darüber. Ianto musste bereits nach Hause gegangen sein, statt zu ihnen in den Pub zu kommen. Irgendwie fühlte es sich an, als sei das der letzte Nagel in dem Sarg, der ihre Freundschaft – oder was immer sie auch hatte – begrub. Er hoffte, niemand bemerkte seine schweren Gedanken, als er Anweisungen gab, herauszufinden, was das für Sichtungen waren. Sie brauchten nicht lange, um heraus zu finden, worum es sich handelte.
„Das ist ein UFO?", fragte Gwen. Sie starrte skeptisch auf das unschwarfe Objekt, das auf Toshs Bildschirm zu sehen war.
„Ein arkanischer Freizeitkreuzer der ersten Generation", antwortete Jack abwesend. „Das ist ein Sammlerstück, man sieht davon nicht mehr viele heutzutage. Tosh, schicke ihnen eine höfliche Nachricht; es ist schön sie zu sehen, aber sie sollen sich bitte aus unserer Atmosphäre verziehen, sie erschrecken die Einheimischen."
Toshikos Finger flogen bereits über die Tastatur. „Erledigt", sagte sie grinsend.
„Sollten wir sie nicht festnehmen?", fragte Gwen.
Jack fühlte sich von der Frage gestört. „Dafür besteht gar kein Grund. Sie sind keine Bedrohung."
„Außerdem", fügte Owen hinzu, „sind Arkaner zum größten Teil flüssig. Du würdest die Zellen danach nicht reinigen wollen."
Jack öffnete den Mund um etwas zu sagen, als er ein sehr leises Geräusch wahr nahm. „Habt ihr das gehört?"
Die drei anderen sah ihn verwirrt an. „Was gehört?", fragte Gwen.
Er verfluchte stumm, dass das menschliche Gehör im 51sten Jahrhundert besser entwickelt war, als zu dieser Zeit. „Es klang wie ein Schrei, von irgendwo weiter unten … Tosh, scan die unteren Ebenen …"
Tosh folgte seiner Bitte, währen Gwen sagte: „Du musste dir etwas eingebildet haben, Jack."
„Nein", antwortete er. „Ich weiß, dass ich etwas gehört habe." Er war ein wenig besorgt darüber, dass es Ianto gewesen sein könnte, den er gehört hatte und dass der Drache durch irgendetwas verletzt worden war. Er wusste, dass es nicht viel gab, dass ihm wirklich Schaden konnte, aber es gab außerirdische Artefakte, von denen sie nicht wussten, was sie tun konnten, und er könnte sich an einem davon verletzt haben …
„Jack", verlangte Tosh nach seiner Aufmerksamkeit. „Sieh hier."
Er drehte sich zu ihr um und sein Herz begann schneller zu schlagen.
„Zwei Signale?", fragte Owen.
„Und ein drittes … dort." Tosh deutete auf eine andere Hitzesignatur, welches zu den anderen beiden zurück eilte. „Zwei davon sind nach den Scans zu urteilen deutlich heißer als es gewöhnlich ist." Sie sah zu Jack und er konnte die Frage in ihren Augen lesen.
Jack sah auf die Darstellung auf ihrem Bildschirm. Die zwei Punkte waren in Iantos Hort. Eines davon hatte normale, menschliche Temperatur … auch wenn es schwächer zu werden schien. Der andere … Ianto hatte eine höhere Körpertemperatur als ein Mensch außerdem war der Punkt deutlich größer.
Aber wenn das größere Signal Ianto war, wer war die wärme Signatur, die im Moment genau zu diesem Raum lief?
„Ich fürchte, wir werden angegriffen." Es war das einzige, was Sinn machte. „Unsere Schutzmaßnahmen sind durchbrochen worden." Jack zog seine Webley aus dem Holster unter der Weste und lief zum Eingang des Archivs. „Setzt die Kampfprotokolle in gang."
„Das ist unmöglich", rief Toshiko. „Niemand kommt hier herein, ohne sieben verschiedene Alarmsysteme auszulösen."
„Es sieht so aus, als müssten wir unser Sicherheitssystem überarbeiten." Jacks Gedanken rasten. Er wusste eines der Hitzesignale – das im Hort – musste Ianto sein. Der Drache war der einzige, der einen Grund hatte dort zu sein. Aber der andere … er hatte nicht einmal den Ansatz einer Vermutung.
„Ich begleite dich", sagte Owen, seine eigene Waffe überprüfend.
„Und ich auch", sagte Gwen.
„Nein, Gwen", befahl Jack. „Du bleibst mit Tosh hier oben. Ich will, dass niemand irgendwo allein ist, so lange wir nicht wissen, was vor sich geht."
Gwen sah aus, als wollte sie widersprechen, nickte aber schließlich einfach nur.
Jack drehte sich um und rannte durch die Archive in Richtung des Horts. Er betete, dass mit Ianto alles in Ordnung war; aber er fragte sich auch, warum der Drache nicht nach Hilfe gerufen hatte, wenn er angegriffen wurde. Er griff nach dem Kommunikator, den er am Ohr trug. „Ianto? Ianto, ich muss wirklich deine süße, walisische Stimme hören …"
Es kam keine Antwort.
Er konnte nicht sagen, ob sein Herz wegen der Anstrengung oder aus Angst so schnell schlug. Ianto war dort unten, allein und in Gefahr. Wenn ihm irgendetwas passiert …
Nein, Jack sollte nicht darüber nachdenken.
Er und Owen erreichten die Ecke zum Hort … und sahen Ianto davor stehen, die Hände an der Tür.
Jack war niemals zuvor in seinem Leben so erleichtert gewesen. „Ianto!"
Der Drache drehte sich um, als er Jack hörte. Der Captain bemerkte sofort, dass das Gesicht seines Stellvertreters viel zu bleich war und die blauen Augen erschrocken geweitet. Er öffnete den Mund um etwas zu sagen, aber ein lautes Pochen gegen die Tür in seinem Rücken hielt ihn davon ab.
Jack war verwirrt. Wenn Ianto vor der Tür stand, zu wem gehörte dann die große Hitzesignatur in dem Raum?
Durch das schmale Fenster in der Tür, konnte er etwas dunkles erkennen. Jakcks Finger schlossen sich fester um seine Waffe, während Owen leise fluchte.
„Ianto", sagte Jack, bemüht darum ruhig zu bleiben, „weißt du, was hier vor sich geht?"
Plötzlich erklang hinter der Tür eine Stimme. „Ianto? Sind das deine kurzlebigen Freunde?" Ein großes, dunkles Auge, geschlitzt wie das einer Katze, erschien hinter dem kleinen Fenster. „Da ist etwas … seltsames, an dem einen. Er stinkt nach Zeit."
Jack erschauderte bei dem Klang der Stimme. Sie war eindeutig weiblich, mit dem selben grollenden Unterton, den auch Iantos Stimme besaß, wenn er sich verwandelt hatte in …
Ein Drache.
Da war ein anderer Drache hinter der Tür.
„Das ist unmöglich", wisperte er.
Ianto hob den Kopf, eine ruhige Maske legte sich über sein Gesicht, das vorher von Panik verzerrt gewesen war. „Ich versichere dir, dass es absolut möglich ist."
„Verdammte Scheiße." Owen schnappte nach Luft, als ihn die Erkenntnis traf. „Hast du nicht gesagt, du wärst der einzige, der noch übrig ist?"
„Wo kommt sie her?" Jack hatte das Gefühl, dass er die Antwort nicht mögen würde.
„Ich habe sie gefunden", antwortete Ianto stolz. „Sie war in Gefangenschaft von Torchwood London. Ich habe sie aus Canary Wharf gerettet. Sie haben Experimente mit ihr gemacht … haben sie gefoltert. Und dann … haben sie dieses Ding befestigt, dass sie in ihrer menschlichen Gestalt gefangen gehalten hat."
Jacks Herz zog sich zusammen. Wie war Yvonne Hartman an einen Drachen gekommen? Und ihn zu zwingen so lange in menschlicher Gestalt zu bleiben … Ianto hatte ihm erzählte, wie unangenehm er sich fühlte, wenn er für lange Zeit keine Möglichkeit hatte, sich in seine Drachengestalt zu verwandeln. So lange in menschlicher Gestalt gefangen zu sein, musste eine Folter für sich selbst gewesen sein, dessen war Jack sich sicher.
„Wie hast du sie an Suzie und mir vorbei gebracht?", fragte Owen.
Ianto erstickte ein Lachen. „Suzie war zu fasziniert von jedem bisschen Technologie, über das sie gestolpert ist. Und du warst zu beschäftige damit, mit den 'süßen UNIT-Dinger' zu flirten, wenn ich mich richtig daran erinnere, wie du sie genannt hast. Abgesehen davon war es einfach sie unter die Verletzten zu schmuggeln und sie dann nach Cardiff zu bringen."
„War sie die ganze Zeit hier?" Jack war entsetzt. Wenn Ianto es geschafft hatte, über Monate hinweg einen anderen Drachen hier in der Basis zu verstecken, ohne dass er etwas bemerkt hatte -
„Nein. Ich habe sie in meinem Haus unterbracht bis heute morgen. Ich habe mich um sie gekümmert."
„Warum hast du nichts gesagt?" Jack mochte den flehenden Ton in seiner eigenen Stimme nicht. Er konnte nicht verstehen, warum der Drache niemandem im Team etwas gesagt hatte.
Ianto reckte sein Kinn in die Höhe. „Ich habe angenommen, die Antwort darauf sei offensichtlich. Ich vertraue dir nicht, Jack."
Das war wie ein Schlag ins Gesicht und Jack taumelte, als hätte es ihn tatsächlich körperlich getroffen. Toshs Worte aus dieser Nacht fielen ihm wieder ein und Jack erkannte, dass ihre Ermahnungen bereits zu spät gekommen waren: Sie hatten Ianto bereits verloren. Er hatte sich entschieden Jacks Vertrauen zu verraten … aber Jack hatte Iantos Vertrauen zuerst verraten.
„Und es tut mir Leid, Owen", wandte der Drache sich an den Arzt. „Ich habe darüber nachgedacht, mit dir zu reden, aber ich wollte nicht riskieren, dass Jack so davon erfährt. Außerdem dachte ich, was mit Lisa getan wurde, läge außerhalb deines Wissens und deiner Möglichkeiten."
„Du hättest mir vertrauen können, Ianto", murmelte Jack. „Ich hätte nichts getan, was einen von euch verletzt hätte."
„Aber du hast mich verletzt", schnappte der Drache. „Du tust, als seist du so allein, als hättest du niemanden. Du bist so entschlossen darin, jeden von dir zu stoßen, obwohl du es nicht müsstest." Er wies mit der Hand zu Owen. „Du bist umgeben von deinesgleichen, Jack. Jeder um dich herum ist menschlich, du kannst dich mit ihnen verbinden … aber du hast entschieden, es nicht zu tun."
Er atmete tief durch. „Aber ich bin der einzige Drache, der noch übrig ist … oder zumindest habe ich das gedacht, bis ich Lisa gefunden habe. Ich würde niemals einem Wesen meiner Art nahe sein können … würde niemals meine eigene Sprache mit jemanden teilen können oder mich mit jemandem verbinden können, der so wie ich ist. Ich werde … niemals in der Lage sein mit jemandem den Flug der Bindung zu teilen, den ich … liebe."
Die Pause vor dem Worte 'liebe' war kaum vorhanden, aber Jack hatte sie bemerkt. Sein Herz wurde schwer. Hatte Ianto gemeint …
„Und dann ist da …" Ianto schluckte, seine Augen huschten zu Owen und zurück zu Jack. Jack wusste, was Ianto unter all dem verbarg: Wir sind beide unsterblich, wir haben das geteilt, und trotzdem hast du mich von dir gestoßen.
Dann straffte der Drache seine Schultern. „Alles was wir wollen, ist zu gehen. Lisa braucht Zeit zum heilen und der beste Ort dafür ist weit weg von den Kurzlebigen. Bitte Jack … wenn wir jemals Freunde waren, dann gewähre mir nur das. Lass uns gehen."
Jack öffnete den Mund und schloss ihn wieder, öffnete ihn erneut, aber kein Ton kam heraus. Es fühlte sich an, als würde sein Leben auseinander fallen, in einer Art, wie er es sich niemals vorgestellt hatte. Ianto wollte gehen … und Jack wusste, es war seine Schuld.
„Wenn … wenn es das ist, was du willst", schaffte er es schließlich zu sagen, während all die Anschuldigungen auf ihn einstürmten.
Iantos Kopf fiel nach vorn und ihm entwich ein schwaches Seufzen. „Danke." Der Drache drehte sich zur Tür um, drehte den Schlüssel im Schloss und zog die Tür auf. „Komm raus, Lisa."
Der andere Drache war verschwunden, ersetzt durch eine zierliche, dunkelhäutige Frau mit kuzrgeschorenem Haar. Sie trug ein altmodisches Nachthemd und ihre Füßen waren nackt. „Ist es sicher?", fragte sie zitternd.
„Ja. Sie lassen uns gehen", antwortete er. Dann sah er an ihr vorbei. „Wo ist Dr. Tanizaki?"
„Er ist immer noch dort drin", antwortete sie und Jack könnte schwören, da war ein schadenfroher Ton in ihren Worten.
„Wer ist Dr. Tanizaki?", wollte Jack wissen, als er sich an den dritten Hitzesignatur erinnerte, den die Scanner aufgedeckt hatten.
„Er ist der Wissenschaftler, den Lisa und ich gefunden haben", erklärte Ianto. „Er ist derjenige, der Lisa von dem Ding befreit hat, das sie in ihrem Kopf angebracht hatten."
Jack seufzte. Sie würden ihm Retcon geben müssen. „Dann sollten wir uns um ihn kümmern." Er trat um Lisa und Ianto herum, den Hort betretend.
Was er sah ließ ihn nach Owen rufen.
Die Überreste eines Menschen lagen zerschlagen etwa in der Mitte des Raums. Owen lief laut fluchend an ihm vorbei. Der Captain hörte Ianto Lisa fragen, warum sie das getan hatte …
Und dann hörte er das plötzliche, laute Zuschlagen der Tür. Der Klicken im Schloss der Tür hatte etwas endgültiges an sich.
