Das Vermächtnis von Canary Wharf – Kapitel Sechs

26. September 2007

„Jack."

Jack erstarrte und sah von seiner Arbeit auf. Gwen stand in der Tür zu seinem Büro und der Ausdruck auf ihrem Gesicht sagte ihm, dass das hier kein freundschaftlicher Besuch war.

Er unterdrückte ein Seufzen. Er war wirklich in der Stimmung um sich jetzt mit irgendwem auseinander zu setzen. „Ich dachte, ich hätte dich nach Hause geschickt", sagte er nicht sehr freundlich. Er richtete seine Aufmerksamkeit zurück auf das, womit er beschäftigt gewesen war: das Schwert zu reinigen, mit dem Ianto Lisa getötet hatte.

Drachentöter hatte Ianto es an dem Tag genannt, als er es Jack gegeben hatte. Er hatte dem Captain einen Weg gezeigt, ihn zu töten, hatte Jack mit diesem Wissen vertraut. Im Falle einer Notlage, hatte der Drache gesagt. Dann hatte er mit ihm geteilt, wo es herkam und es war das erste Mal gewesen, dass Jack vor dem Drachen geweint hatte.

„Das hast du", antwortete sie und Jack war irritiert davon, dass sie seine ablehnende Haltung nicht als das nahm, was sie war. „Ich wollte mit dir reden."

„Beeil dich. Ich bin müde. Es war eine lange Nacht." Es hatte Stunden gedauert alles aufzuräumen, nachdem er es letztendlich geschafft hatte, Ianto zu überreden sich in seine menschliche Gestalt zu verwandeln und ihn in Begleitung von Tosh nach Hause zu schicken. Er hatte schrecklich ausgesehen; die Augen hatten in dem bleichen Gesicht viel zu groß gewirkt, dunkel umrandet und so voller Schmerz, dass Jack nicht in der Lage gewesen ihrem Blick zu begegnen. Nachdem er sich widerstandslos hatte nach Hause bringen lassen und auch Gwen nach Hause geschickt worden war, hatten Jack und Owen sich um Lisas Körper und den dieses Wissenschaftlers, Tanizaki, gekümmert.

„Ich wollte mit dir über Ianto sprechen", sagte Gwen. Sie trat in den Raum und blieb vor Jacks Tisch stehen.

Jack sah sie an und legte das Schwert auf dem Tuch ab, das über seinen Knien lag. Sie hatte einen streitlustigen Ausdruck in ihrem Gesicht und er wusste, dass das hier unschön werden würde. „Was ist mit Ianto?"

„Was planst du mit … ihm zu tun?"

Das Zögern in ihrem Satz ließ ihn mit den Augen rollen. „Ich plane ihm Zeit zum Trauern zu geben und wenn er bereit ist, dann kommt er zurück zur Arbeit."

Gwen sah über diese Erwiderung überrascht aus. „Aber Jack … er ist ein Alien. Ich dachte, wir jagen Aliens."

Es war dieser Moment in dem Jack erkannte, dass Ianto Recht damit gehabt hatte, ihr nicht anzuvertrauen ein Drache zu sein. „Nein, Gwen … Ianto ist ein Drache. Er ist auf der Erde geboren worden, genauso wie seine Eltern und Großeltern. Zur Hölle, er kann seine Familiengeschichte fast eine Million Jahre zurück verfolgen." Er schmunzelte. „Frage ihn mal danach, wie das Oberhaupt seines Clans entschieden hat, den frühen Menschen den Umgang mit dem Feuer zu lehren … das ist zu komisch."

Jacks Versuch die Stimmung aufzuhellen schien nicht zu greifen. Stattdessen bedachte sie ihn mit einem verärgerten Blick. „Du meinst, du wusstest von ihm und hast nichts gesagt?"

Jack runzelte die Stirn. „Zum einen … natürlich wusste ich es. Es ist einer der Gründe, warum ich ihn eingestellt habe." Mehr oder weniger, dachte er bei sich selbst. Er würde Gwen nichts von dem Tarot-Mädchen erzählen; sie würde es ohnehin nicht verstehen. „Und zum anderen … Es ist Iantos Entscheidung, mit wem er das Wissen über sein wahres Wesen teilt und er hat sich entschieden, es nicht mit dir zu teilen."

„Und die anderen?"

„Sie wissen über ihn Bescheid, ja."

„Warum er mir dann nichts gesagt?"

„Oh, ich weiß nicht, Gwen", schnappte Jack. „Vielleicht, weil er sie seit Jahren kennt und du erst seit ein paar Wochen hier bist? Oder vielleicht weil er wusste, dass du genau so reagieren würdest, wie du es jetzt tust?" Natürlich hatte er sich über letzteres nicht sicher sein können, aber die Erklärung, die Ianto ihm gegeben hatte, konnte er immer noch nicht ganz nachvollziehen. „Oder vielleicht, weil du entschieden hast ihn wie … einen Teil der Einrichtung zu behandeln, statt wie meinen Stellvertreter und damit deinen Vorgesetzten?"

Gwens Augen wurden groß, dann verengten sie sich. „Er ist nur ein Kind, Jack. Er hat es sich nicht verdient, Verantwortung zu übernehmen."

Jack lachte. „Ein Kind? Gwen, dieses so genannte Kind ist über zweitausend Jahre alt. Er ist derjenige, der mir geholfen hat Torchwood zu dem zu machen, was es jetzt ist. Und, falls mir jemals irgendetwas passiert, ist er derjenige, dem ich vollkommen damit vertraue, Torchwood am Laufen zu halten. Also komm von deinem hohen Ross herunter, Miss Cooper, denn Ianto Jones ist der Mann, der meine rechte Hand ist und nichts wird das ändern."

„Aber das ist es doch … er ist kein Mann. Er hat kein Recht hier zu sein, ganz besonders nach dem, was letzte Nacht passiert ist."

Der Captain schmiss das Tuch, mit dem er das Schwert poliert hatte, auf den Tisch. „Und was glaubst du, ist hier letzte Nacht passiert?" Er war neugierig zu hören, wie sie die Ereignisse interpretierte, denn er war sich sicher, sie hatte etwas anderes gesehen, als die anderen – einschließlich Jack selbst – es getan hatten.

Gwen hob das Kinn dickköpfig. „Ich habe gesehen, wie er eine gefährliche Kreatur in die Basis geschmuggelt hat, eine Kreatur, die uns alle umgebracht hätte, wenn sie nicht aufgehalten worden wäre."

„Also gut", sagte er. Er griff nach dem Drachentöter und lehnte ihn neben sich gegen den Tisch. „Lass mich dir erklären, was wirklich passiert ist, ja? Ich habe jemanden gesehen, dessen Einsamkeit und verzweifelte Sehnsucht nach jemand anderem seiner Art ihn dazu getrieben hat, alles zu tun, um die erste seiner Art zu retten, die er seit eintausend Jahren gesehen hat. Alles zu tun, um ihr zu helfen, das zu überwinden, was die Menschen ihr angetan haben. Ich habe gesehen, wie er erkannt hat, dass er darin gescheitert ist und ich habe gesehen, wie er sie getötet hat, statt sie entkommen zu lassen. Ich habe gesehen, wie er sich selbst dabei das Herz heraus gerissen hat. Das ist es, was ich gesehen habe, Gwen. Ich habe gesehen, wie ein von Grund auf gutes Wesen jeden seiner eigenen Träume und Wünsche aufgegeben hat, um uns zu retten."

Der Ausdruck in Gwens Gesicht war ungläubig. „Du willst mich verarschen. Du willst das, was er getan hat, einfach entschuldigen?"

Jack seufzte. Sie wollte nicht einmal versuchen zu verstehen. Er musste ihr zu Gute halten, dass sie im Gegensatz zu den anderen nicht von Iantos Geschichte wusste, aber sie musste doch trotzdem gesehen habe, wie viel Qual und Trauer Ianto die letzte Nacht bereitet hatte. „Ich habe gedacht, mit all dem Mitgefühl, das du behauptest zu haben, würdest du die erste Person sein, die erkennt, was es mit Ianto getan hat, dass er letzte Nacht Lisa töten musste."

Sie wich zurück, als hätte er sie körperlich geschlagen. „Natürlich fühle ich mit ihm, dass er jemanden verloren hat -"

„Nein, Gwen. Ich denke nicht, dass du das tust." Diese Erkenntnis traf auch ihn unerwartet. „Du bist bloß wütend, weil du Iantos Geheimnis nicht gekannt hast. Und weil ich bereit bin, ihm zu vergeben. Und weil ich nicht bereit bin, dich über ihn zu stellen. Er hat durch irgendetwas deinen Stolz verletzt und das macht dich wütend."

„Das ist Schwachsinn!"

„Tatsächlich? Es ist Schwachsinn? Gwen, diese 'Kreatur', wie du sie nennst, war eine junge Frau, die von Menschen gefangen gehalten, gefoltert und mit der experimentiert wurde. Ianto hat sie aus den Trümmern von Canary Wharf gerettet. Es hat alles in seiner Macht stehende getan, um ihr zu helfen -"

„Er hat sie vor uns versteckt!"

„Ja, das hat er. Und ich bin der erste, der zugibt, dass es meine Schuld ist." Es war eine wirklich schmerzhafte Erkenntnis für Jack, zu wissen, dass er so vollständig Iantos Vertrauen in sich verloren hatte, dass der Drache sich nicht gewagt hatte, zu ihm zu kommen nachdem er Lisa gefunden hatte. All das hier hätte vielleicht ein deutlich besseres Ende nehmen können, wenn Jack nicht alles in seiner Macht stehende getan hätte, um Ianto auf Armeslänge von sich fern zu halten. Das war ein Wissen, mit dem er lernen musste zu leben und er hoffte, dass er irgendwie in der Lage sein würde, die Beziehung zu Ianto doch noch zu retten.

„Wieso ist das deine Schuld?", spottete sie.

„Das spielt keine Rolle." Er wollte mit ihr nicht seine Gefühle für Ianto teilen. „Aber was du nicht weißt, ist dass Ianto Jones der letzte Drache ist. Es gibt keine anderen mehr, neben ihm. Und es waren die Menschen, die für diesen Genozid verantwortlich sind, Gwen. Und trotzdem hat er sich entschieden sein zu Hause zu verlassen und die Nachkommen derjenigen zu beschützen, die seine Familie ermordet haben." Er hob das Schwert hoch. „Mit dieser Waffe wurde seine Mutter getötet. Er hat sie als Erinnerung daran behalten, wie schlecht die Menschheit sein kann. Sag mir ganz ehrlich … wärst du bereit für jemanden zu kämpfen, der Rhys umgebracht hat? Oder deine Eltern? Wärst du bereit all das zur Seite zu schieben, um für ein höheres Ziel zu kämpfen?"

Gwen starrte ihn einfach nur an. „Es tut mir Leid, Jack, aber das ist keine Entschuldigung dafür, warum wir hier eine Kreatur zu arbeiten haben, die uns alle töten könnte."

„Und trotzdem tut er es."

Sie drehten sich beide um und entdeckten Tosh in der Tür, ihre Arme vor der Brust verschränkt und ihr Gesicht versteinert in Wut.

Jack legte das Schwert zur Seite und trat um seinen Tisch herum. „Wie geht es ihm?"

Tosh verzog ihr Gesicht. „Er ist gegangen, Jack. Er hat eine Nachricht hinterlassen, er würde nach Hause gehen."

Jack musste gegen den Drang ankämpfen, über seine schmerzende Brust zu reiben. „Hat er gesagt, ob er zurück kommt?"

Sie nickte. „Aber ich denke nicht, dass er allein sein sollte, Jack. Er ist so gebrochen …"

Er nahm sie in den Arm, versuchte ihr den Trost zu geben, den Jack selbst nicht erhalten konnte. Das alles war sein Fehler. Er hatte Ianto weg gestoßen und nun war er gegangen, ohne sich zu verabschieden. „Wir müssen ihm Zeit geben, Tosh."

„Ich weiß", wisperte sie. Sie klammerte sich einen Moment an ihn, dann schob sie ihn von sich und ihr Blick richtete sich auf Gwen. „Ich kann nicht glauben, dass du wirklich denkst, das Herz von Torchwood zu sein", klagte sie die andere Frau an. „Wenn du es wärst, hättest du geholfen deinem Kollegen in seiner Trauer zu helfen, statt ihm in den Rücken zu fallen."

Gwen sah erschrocken aus über Toshs Ton. Jack konnte das verstehen; sein leises Computergenie verlor nicht oft ihr Temperament, aber sie war ungebrochen loyal gegenüber ihren Freunden und besonders gegenüber dem Drachen.

„Ich denke, du solltest nach Hause gehen, Gwen", schlug Jack vor, obwohl sein Ton befehlend war. „Geh und verbring den Tag mit Rhys. Denk darüber nach, was du hast und was andere verloren haben. Denk daran, lass es dir nicht entgleiten."

Sie sah aus, als wollte sie diskutieren, doch Jack war nicht bereit sich weiterhin mit ihr zu beschäftigen. Er drehte ihr den Rücken zu, legte seinen Arm um Toshs Schulter und führte sie zu dem Stuhl vor seinem Tisch. Er lehnte sich gegen die Kante, um ihr näher sein zu können. „Wirst du klar kommen?", fragte er leise.

Toshiko nickte. „Es ist nur so hart, weißt du? Er ist mein bester Freund und ich kann ihm nicht helfen..

Es erklang ein Schnauben, dann sah Jack, wie Gwen sich umdrehte und ging. Er war niemals erleichterter gewesen. „Ich weiß, Tosh." Er seufzte, fuhr sich mit den Fingern durch seine Haare. „Ich habe das wirklich versaut, was?"

„Ich wünschte, ich könnte nein sagen, Jack …"

„Nein. Wenn ich mich ihm nicht so entfremdet hätte, dann wäre er vielleicht zu uns gekommen, als er sie gefunden hat. Es war nicht, dass er dir und Owen nicht getraut hat, aber er hat mir nicht mehr vertraut."

Sie lachte traurig. „Als ich hier her kam, dachte ich, es gäbe eine Konstante, die sich niemals ändern würde: Iantos Glaube an dich."

„Ich vermisse es, Tosh. Ich vermisse ihn. Wie kann ich das jemals wieder gut machen?" Er hatte viel Zeit gehabt darüber nachzudenken, was Ianto gesagt hatte und er musste vor sich selbst zugeben, dass der Drache vollkommen Recht gehabt hatte mit seinem Urteil über Jacks 'Einsamkeit'.

„Ich glaube, im Moment hat er Angst, dass du ihm seinen Verrat nicht verzeihen könntest. Er … hat mir erzählt, was in seinem Hort passiert ist." Sie sah auf ihre Hände hinab, die zusammengefaltet in ihrem Schoß lagen.

Jack streckte seine eigenen Hände aus und umschloss ihre. „Nein, ich bin derjenige, der ihn betrogen hat." Er lehnte sich zurück, seufzend. „Natürlich, im ersten Moment war ich erschrocken darüber, dass er mit ihr gegangen ist. Aber dann habe ich begriffen, dass er sehr genau wusste, dass ich weiß, wie man diesen Raum verlassen kann. Er wusste, dass ich mich befreien und ihm folgen würde." Es gab eine Sicherheitsvorkehrung in der Tür: ein kleiner Hebel direkt unter dem Schloss an der Innenseite, der die Tür von innen öffnen konnte, sollte jemand darin eingesperrt werden. Es war eines der Dinge, die Ianto an dem großen besonders gemocht hatte, als er nach einem Ort für seinen Hort gesucht hatte. Er hatte sich nicht gesorgt, ausgesperrt zu sein … aber aus versehen eingesperrt zu werden wäre ihm wirklich unangenehm gewesen, hatte er erklärt.

Seinen Kopf schüttelnd sagte Jack traurig: „Ich hätte es für ihn getan, wenn er mich gelassen hätte."

„Ich bin mir sicher, das weiß er." Tosh griff nach seiner Hand.

Sie stand für einen Moment so da, dann zog Jack seine Hand zurück und straffte seine Schulter. „Wir müssen ihm einfach Zeit geben", sagte er. „Er wird nach Hause gehen und trauern und dann wieder kommen."

„Ich wünschte nur, er wäre nicht gegangen, bevor ich aufgewacht bin."

„Vielleicht hat er gefürchtet, du würdest ihm ausreden wollen, zu gehen?"

„Vielleicht." Tosh schnaubte. „Ich hätte ihn daran erinnert, dass er das nicht allein durchstehen muss." Sie stand auf. „Ich werde mich um meine Arbeit kümmern. Ich weiß, du hast uns allen den Tag frei gegeben, aber ich muss irgendetwas tun, um mich vom Denken abzuhalten."

Jack nickte. „Arbeite nicht zu hart", verlangte er. „Und gehe, wenn du dich danach fühlst."

„Das werde ich nicht … und das werde ich." Sie lächelte leicht. Dann zögerte sie. „Wir tun das richtige und es wird alles gut, oder?"

Er zog sie in eine weitere Umarmung. „Ja, Tosh. Es wird alles gut."

Es war ein Versprechen, von dem er entschlossen war, es zu halten.

Er dachte an das, was Ianto ihm einmal gesagt hatte … über Vertrauen. Er erinnerte sich an diese Nacht, als sie auf dem Dach des Millenium Centers gestanden hatten und darüber diskutiert hatten, Gwen ins Team zu holen und über sein – vorhandenes oder nicht vorhandenes – Vertrauen in dieses Team. Er hatte versucht Ianto dazu zu überreden, Gwen zu vertrauen … und der Drache hatte es abgelehnt. An diesem Morgen hatte Jack eine Ahnung erhalten, warum er das getan hatte.

Aber der Drache hatte ihn auch darauf hingewiesen, dass Jack Toshiko und Owen so viel länger kannte als Gwen und dass er keinem von beiden jemals die Wahrheit über seine Unsterblichkeit gesagt hatte. Natürlich hätte auch Gwen nichts erfahren, wenn sie nicht selbst miterlebt hätte, wie er vom Tod zurück gekommen war, aber das hatte der Captain ihm nicht erzählt.

Wenn Jack behauptete, Gwen mit seinem Geheimnis vertrauen zu können, warum konnte er das dann nicht mit den beiden Menschen tun, die ihn seit Jahren kannten?

Vertrauen – oder eher das Fehlen von eben diesem – war das, was zu dem Chaos der vergangenen Nacht geführt hatte.

Es war Zeit, dass Jack begann zu vertrauen. Und er konnte jetzt gleich damit anfangen.

„Tosh, es gibt da etwas, dass ich dir erzählen muss …"