Der Pakt – Kapitel Eins
25. Oktober 2007
„Ianto! Komm doch rein!"
Estelle Cole lächelte zu ihm hinauf und hielt dem Drachen die Tür auf. Ianto erwiderte ihr Lächeln; sie war wirklich eine seiner liebsten Kurzlebigen, mit ihrer wahren Liebe und dem verdienten Respekt gegenüber der Erde und ihrer Kreaturen.
Sie führte ihn ins Wohnzimmer. „Es ist eine Weile her, seit du das letzte Mal hier warst. Möchtest du Tee?"
„Bitte", sagte er, sich auf das Sofa setzend. Moses, Estelles Kater, sprang sofort zu ihm und rollte sich auf seinem Schoß zusammen, laut vernehmlich schnurrend. Ianto rubbelte energisch durch sein Fell, was Moses nur lauter schnurren ließ. „Es tut mir Leid, dass ich nicht so oft hier war in letzter Zeit …"
Er konnte hören, wie Estelle geschäftig in der kleinen Küche herum lief, als sie den Tee zubereitete. „Es ist schon in Ordnung", antwortete sie, ihre Stimme ein wenig erhoben, damit er sie aus dem anderen Raum hören konnte. „Ich weiß, wie sehr Torchwood euch beschäftigt halten kann."
Ianto grinste. Estelle Cole war eine der scharfsinnigsten Personen, die er kannte; sie hatte fast augenblicklich erkannte, was Jack und er mit Torchwood zu tun hatten. Und sie hatte auch sehr schnell Jacks Geschichte durchschaut, sein eigener Sohn zu sein. Wie Jack hatte denken können, das würde tatsächlich funktionieren, hatte der Drache nie verstanden.
„Eigentlich", räumte Ianto ein, als Estelle in den Raum zurück kam und den Tee auf dem Tisch abstellte, „ist vor einer Weile etwas passiert. Und … es hat mich einige Zeit gekostet, um damit klar zu kommen. Tatsächlich war ich in den letzten vier Wochen zu Hause. Ich bin gestern erst zurück gekommen."
Estelle musterte ihn aufmerksam. „Ich sehe … da sind Schatten in deinen Augen."
„Ich habe einen anderen meiner Art gefunden." Er erzählte ihr alles, wie er Lisa gefunden hatte und was vor einem Moment in der Basis passiert war, während sie zusammen Tee tranken und Estelles hervorragenden Kuchen aßen.
„Oh, Ianto", murmelte sie, als er seine Geschichte beendete. „Wie schrecklich." Sie erhob sich aus ihrem eigenen Sessel und setzte ihn zu sich auf das Sofa, legte seine Arme um sie, um ihm Trost zu spenden.
Ianto nahm es an, lehnte sich in ihre Umarmung. Er erinnerte sich an das erste Mal, als er sie getroffen hatte; sie hatte Jacks Geschichte mitgespielt, dass er und Ianto zusammen arbeiteten und zufällig gerade in der Nachbarschaft waren, bis der Captain den Raum verlassen hatte, weil er ins Bad musste. Dann hatte Estelle sich zu ihm gelehnt und Ianto ruhig gesagt, dass sie sehen konnte, dass er kein Mensch war und dass er ihr vertrauen konnte. Es hatte damit geendet, dass er sich noch einmal ohne Jack besucht und sie tatsächlich ins Vertrauen gezogen hatte. Seit dem waren sie gute Freunde.
Sie saßen so für einige Minuten, bis Ianto sich zurück lehnte. „Danke", sagte er, küsste ihre Stirn.
„Keine Ursache", erwiderte sie. Sie setzte sich zurück in ihren Sesseln. „Wofür sind Freunde denn da? Aber ich verstehe nicht, warum du Jack nicht damit vertraut hast. Er hätte dir geholfen."
Ianto zuckte zusammen. Er wollte vor Estelle wirklich nicht schlecht von Jack sprechen, aber wenn jemand seine Fehler kannte, dann sie. „Die Dinge stehen zwischen uns seit einer Weile nicht sehr gut. Ich … habe mein Vertrauen in ihn verloren.
Estelle kniff die Augen zusammen. „Hat Jack sich mal wieder wie ein Idiot verhalten?"
Das ließ den Drachen lachen. „Naja, er war nicht der einzige."
„Ja, aber ich habe das Gefühl, du hast nur auf seine Dummheit reagiert."
„Er ist so frustierend. Ich weiß einfach nicht, wo ich mit ihm stehe."
„Ianto", sagte Estelle seufzend. „Du bist Jack sehr wichtig. Das Problem ist, dass er auch Angst hat und unsicher ist. Ich kann verstehen, warum er sich gegenüber uns sterblichen so verhält, aber das sollte er dir gegenüber nicht müssen. Wahrscheinlich ist er es einfach nicht gewohnt, jemanden um sich zu haben, der so lange leben könnte, wie er selbst. Oder es geht etwas anderes, seltsames in seinem Kopf vor sich, aber ich weiß sicher, dass du ihm eine Menge bedeutest."
Einmal mehr war Ianto überrumpelt davon, wie weise Estelle war. „Du hättest ein Drache sein sollen, weißt du?"
„Das ist das größte Kompliment, dass du mir machen könntest."
Sie lachten beide und der Drache genoss die Freundschaft mit dieser Frau. Er hatte auf den ersten Blick gesehen, warum Jack sie liebte; Sie war so erfrischend und voller Leben, dass man sich einfach zu ihr hingezogen fühlen musste, wie eine Motte zum Licht. „Wie auch immer. Ich werde mich um diese Dinge kümmern, wenn ich ihn sehe", fuhr Ianto fort.
„Du hast ihm noch nicht gesagt, dass du zurück in der Stadt bist?"
„Nein. Ich wollte erst einmal wieder ankommen. Ich werde bis Montag nicht zurück auf Arbeit erwartet. Und um ehrlich zu sein, auch wenn Jack und ich ein paar Mal miteinander gesprochen haben in den letzten Wochen, bin ich … ein bisschen unsicher, ihm wieder gegenüber zu stehen. Kannst du das verstehen?"
„Das kann ich. Hör mal, ich halte am Samstag einen Vortrag. Warum hilfst du mir nicht dabei?" Ihr Augen funkelten. „Du kannst dir das Thema wahrscheinlich denken."
Ianto musterte sie aufmerksam. „Lass mich Raten: Feen."
Estelle lächelte. „Du kennst mich zu gut."
Der Drache konnte kaum ein Seufzen zurück halten. Estelle dachte, sie wüsste was de Fae – oder Feen – waren, aber sie wusste genauso wenig darüber, wie Jack. Beide sahen die Fae nur in Schwarz oder Weiß und Ianto wusste, dass viel mehr dahinter steckte. Die Fae waren ein Teil der Grundfesten dieser Welt und standen weit über diesen kleinlichen Einteilungen. Aber einen von beiden dazu zu bringen, das einzusehen … Manchmal, wenn sie und Jack in eine ihrer 'Discussionen' über Feen vertieft waren, fühlte Ianto sich, als sei er gefangen zwischen zwei Streitenden, die beide nur die Hälfte der Fakten hatten und die entschlossen waren, dem anderen nicht zu glauben.
Aber Ianto wusste es besser. Sein Vater hatte mit den Fae zu tun gehabt und er hatte Geschichten und Lektionen über sie und das Verlorenen Land weitergegeben, in dem die Fae lebten.
„Ich habe sie gesehen", fuhr Estelle fort, „im Roundstone Wood. Sie haben dort über den Steinen getanzt." Ihr Augen glänzten, als sie sich an ihre Beobachtung erinnerte. „Sie haben geleuchtet und ihr Lachen war voller Freude. Es hat mich wünschen lassen, mich ihnen anschließen zu können."
Ein Schauer wanderte über Iantos Rücken und seine Finger griffen reflexsartig in Moses Fell, was den Kater dazu veranlasste unwillig zu miauen. Der Drache entspannte sich und das Tier begann wieder zu schnurren. „Estelle", sagte er langsam, „bitte versprich mir, dass du in ihrer Nähe vorsichtig bist."
Sie rollte mit den Augen. „Du bist genauso schlimm wie Jack."
Nein, das bist du, wollte er zu ihr sagen. Warum keiner von beiden verstehen wollte, was Ianto ihnen zu erklären versuchte, konnte er nicht verstehen. „Ich bin nur besorgt, das ist alles."
„Das brauchst du nicht." Sie lächelte glücklich. „Ich habe neue Bilder, die ich bei meinem nächsten Vortrag zeigen werde. Bitte versprich mir, dass du kommst."
„Natürlich werde ich das." Er hatte nicht wirklich eine Wahl.
Die Dunkelheit brach herein zu der Zeit, als Ianto den Roundstone Wood erreichte. Er parkte seinen Wagen in einer Seitenstraße und betrat den Wald, ohne eine Taschenlampe mit zu nehmen. Seine scharfen Sinnen würden ihm auch ohne Licht gute Dienste leisten.
Wenn die Fae wieder aktiv waren, dann konnte es dafür nur einen Grund geben.
Er schritt zwischen den Bäumen hindurch und ließ sich von seinen Sinnen leiten. Menschen waren beschränkt in dem, was sie fühlen konnten; ihre Wahrnehmung war auf die greifbare Welt gegründet. Aber für die wenigen, alten Rassen, die es noch gab – einschließlich der Drachen – roch dieser Wald geradezu nach Macht: eine uralte Macht, die schon hier gewesen war, bevor die Menschen auch nur in die Nähe dieses Landes gekommen waren und noch bevor die Kontinent vor Millionen von Jahren auseinander gedrifteten waren. Roundstone Wood war das Überbleibsel eines längst vergangenen Waldes und die Bäume flüsterten Ianto ihre Geheimnisse zu, als Ianto unbeirrbar seinem Weg zum Zentrum dieses magischen Ortes folgte.
Jack lachte spottend über die Idee, dass Magie existieren könnte, und zitierte die Clarkschen Gesetze, um eine wissenschaftliche Erklärung für unerklärliche Ereignisse zu liefern. Ianto hatte es nachgeschlagen, nachdem der Captain sie das erste Mal angeführt hatte und es war an Ianto gewesen, zu spotten. Sicher konnte er verstehen, worüber Arthur C. Clark sprach und der Drache konnte verstehen, dass es durchaus Momente gab, in denen eine Technologie tatsächlich wie Magie erscheinen konnte.
Aber dennoch gab es noch immer Dinge im Universum, die so alt und so mächtig waren, dass auch Technologie nichts damit zu tun haben konnte. Und hier, unter dem dunklem Blätterdach von Roundstone Wood konnte Ianto eine Macht fühlen, die unter der Oberfläche der Dinge verborgen lag, als würde die greifbare Welt wie eine Decke darüber liegen, um es vor Blicken zu verbergen.
Das Verlorene Land.
Die Steine kamen in Sicht. Sie glühten praktisch vor seinem inneren Augen, durchtränkt mit der Magie der Schöpfung. Seine Umgebung veränderte sich während er näher kam; als der Mann sich in den Drachen verwandelte, änderte sich auch das Land um ihn herum; von Feuer zu Eis, von Meer zur Wüste, von der Ebene zum Wald. Ianto faltete seine Flügel aus, als er die langen Äonen der Geschichte durchquerte, je näher er den Steinen kam, die dort von starken Händen einst tief in das Grundgestein des Planeten selbst getrieben worden waren. Dies war ein Ort, an dem alle Zeiten zugleich existierten, und der Drache spürte die Zeit gegen seinen Körper prasseln wie goldener Regen.
Er konnte sie sehen. Sie hockten in den Bäumen, auf großen Schollen von Gletschereis, schwommen im Meer und ritten auf den Wellen der Lava von längst verschwundenen Vulkanen. Die Fae, halb verborgen in hohem Grad und begraben in tiefem Sand, existierten in allen Zeiten, so wie dieses Stück der alten Welt es tat. Sie beobachteten ihn, als er die Steine erreichte, versuchten mit ihren glitzernden Augen seine Seele zu lesen, seinen Geist zu erkennen. Er konnte sie ohne Probleme draußen halten. Der Verstand eines Drachen war wie ein Labyrinth für sie und ließ sie sich verirren.
„Warum bist du gekommen, altes Wesen?"
Ein größerer Fae kauerte auf einem der Steine und der Drache blieb davor stehen, senkte seinen Kopf zum Gruß. „Ich bin gekommen um die Fae an den alten Pakt zwischen eurem Volk und meinem zu erinnern."
Lachen, das klang wie trockene Blätter, antwortete auf seine Worte. „Der Pakt ist Staub und Asche, genau wie dein Volk Staub und Asche ist. Belästige uns nicht damit. Verlasse unser Land."
„Der Pakt existiert so lange da noch einer meiner Art und einer eurer Art ist", antwortete der Drache. „Ich fordere von euch, ihn einzuhalten."
„Was kann ein einsames Drachenkind tun, um uns zu zwingen, den Pakt einzuhalten?", forderte die Fae zu wissen.
Der Drache straffte seinen Rücken, breitete seine Flügel weit aus. Er hob den Kopf und sprach in der alten Sprache von Erde, Stein und Macht. Der Boden erbebte, als er die Worte sprach, und die Fae kreischten in Unbehagen.
„Hast du diese Frage wirklich gestellt?", erwiderte er und setzte sich zurück.
Der große Fae zischte. „Die alte Sprache ist tot, dennoch werden wir gehorchen. Benenne sie."
Das Herz des Drachen begann schneller zu schlagen, als er zu sprechen begann: „Owen Harper. Toshiko Sato. Kathy Swanson. Gwen Cooper." Er hoffte, dass sie sein leichtes Zögern vor Gwens Namen nicht bemerkten. „Estellte Cole." Dieser Name sorgte für Getuschel unter den anwesenden Fae. „Jack Harkness."
Jacks Name sorgte für Chaos unter den Fae. „Nein!", rief ihr Sprecher. „Benenne ihn nicht! Er trägt noch immer die Schuld für den Verlust eines Erwählten!"
„Nein, das tut er nicht", erwiderte der Drache. Jack hatte ihm die Geschichte erzählt, wie seine Soldaten von den Fae getötet worden waren, damals 1909, um Ianto davon zu überzeugen, dass er sich über die Feen nicht irrte. „Ihr habt diejenigen bestraft, die für den Tod eures Erwählten verantwortlich waren. Jack Harkness hatte damit nichts zu tun."
„Sie waren seine", schnappte der Fae.
„Aber sie haben nicht nach seinen Befehlen gehandelt. Ich benenne ihn. Ich müsst dem Pakt folgen."
Der Fae zischte. „Einverstanden. Und du musst dem Pakt ebenso folgen. Es braucht nur einen, ihn zu brechen, altes Wesen. Nur einen."
Der Drache nickte. „Nur einen. Es ist abgemacht."
Er drehte sich um und ging, lief durch die Reihen der versammelten Fae, die hasserfüllten Blicke ignorierend, mit denen sie ihn bedachten. Sie hatten sich an den Pakt zu halten; seine Macht ließ ihnen keine andere Wahl.
Die Macht schwand, je weiter er lief, und ohne weiter darüber nachzudenken, wandelte er sich zurück in seine menschliche Gestalt. Ianto lief zu zurück zu seinem Wagen. Er spürte seine Erleichterung, hervorgerufen durch das, was er gerade getan hatte.
Nur einer.
Es war abgemacht.
