Obwohl Sirius Black es als Jugendlicher genossen hatte, die volle Aufmerksamkeit zu haben, wenn er die Große Halle in Hogwarts betreten hatte, war ihm das jetzt, 25-jährig und 4 Jahre Azkaban reicher, unangenehm.
Als er hinter Dumbledore und neben Remus – Moony – in die festlich geschmückte Halle eintrat und zwischen den Haustischen zum Lehrertisch lief fühlte er sich unwohl. Ironischerweise dachte er daran, wie schön es wäre, sich jetzt in seiner Zelle (ehemaligen Zelle!) in Azkaban zusammenzurollen. Er war nämlich ein, unregistrierter, Animagus und konnte die Gestalt eines riesigen schwarzen Hundes – Padfoot – annehmen. Sirius verwarf den Gedanken sofort wieder, aber nicht ohne die mentale Notiz, in nächster Zeit seine geistige Gesundheit überprüfen zu lassen. Er meinte ab und zu ein paar Schüler seinen Namen flüstern zu hören, beschloss es aber zu ignorieren. Einige Momente später setzte er sich zwischen Remus und Dumbledore und atmete tief durch. Dumbledores Ansprache zu Halloween blendete er aus und merkte erst wieder auf die Stimme der charismatischen Schulleiters, als dieser seinen Namen nannte.
„..ius Black. Genaueres zu den Umständen seiner Freilassung könnt ihr morgen im Propheten lesen. Und nun haut rein."
Remus war nicht weniger nachdenklich als sein langjähriger Freund. Er wusste gar nicht, was er denken und fühlen sollte. Dankbarkeit? Enttäuschung? Sirius hatte sie nicht verraten, dafür aber Peter. Was war geschehen, dass dieser unscheinbare Junge von damals sich Voldemort angeschlossen hatte und zu dessen Spion wurde? Was wurde ihm versprochen?
Plötzlich, als wäre es gestern gewesen, erinnerte sich Remus an das Gespräch mit einem Todesser in einer Ecke der Winkelgasse kurz vor Harrys Geburt. Es war fast schon an der Tagesordnung, dass ein Todesser Remus anwerben wollte, da er ein recht mächtiger Zauberer war und zudem eine Kreatur der Dunkelheit. Damals wurde ihm ein Heilmittel gegen seine Lykanthropie versprochen. Doch der junge Werwolf war selbstbewusst genug, um seine Loyalität zu Dumbledore zu betonen, so dass der Anhänger Voldemorts letztendlich, jedoch nicht ohne zu drohen, von dannen zog. Je mehr er darüber nachdachte, desto schmerzlicher wurde ihm bewusst, dass Peter nicht viel später begann sich komisch zu benehmen. Er verschwand immer wieder plötzlich, verhielt sich in Anwesenheit von James und Lily komisch und so weiter.
Sie alle hätten es merken müssen. Wie konnten sie nur so kurzsichtig sein. Voldemort hatte den besten Zeitpunkt gewählt, um einen Verräter in ihren Reihen zu platzieren. Zu dieser Zeit waren sie alle vom kleinen Harry so entzückt, dass keiner so recht bemerkte, dass sich ihr Freund komisch benahm.
Und was war der Preis dieser Blindheit? James und Lily waren tot, Harry wuchs bei Verwandten auf, die in ihm einen Freak sahen und Sirius saß 4 Jahre unschuldig in Azkaban, einem Ort, von dem die meisten Zauberer nicht einmal zu sprechen wagten. Aber anscheinend meinte es das Schicksal gut mit ihm oder wollte sich entschuldigen. Entschuldigen dafür, dass es Remus in einer Nacht alle Freunde genommen hatte und ihn allein zurückließ.
Wie oft hatte er in den ersten Tagen nach dem 31.10.1981 daran gedacht, seiner erbärmlichen Existenz ein Ende zu setzen? Er konnte es gar nicht mehr zählen. Aber er wusste, dass er wegen Harry weitermachen musste. Wer sollte dem Jungen den sonst irgendwann mal von seinen Eltern erzählen? Seine die Zaubererwelt verachtenden Verwandten? Wohl kaum.
Aber jetzt würde alles besser werden. Sirius war frei und er nicht mehr allein. Kaum hatte er das gedacht, wurde ihm schlagartig bewusst, dass Sirius vielleicht nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Vielleicht würde er seinen Schulfreund dafür verachten, dass er ihn nicht zu befreien versucht hatte. Andererseits hatten sie sich vorhin in Dumbledores Büro gegenseitig gestützt. Vielleicht bestand ja doch noch Hoffnung.
Remus wurde jedoch aus seinen Gedanken gerissen.
„Na, Lupin, dafür, dass du deinen Blutsverräterfreund wieder hast, siehst du aber nicht sehr fröhlich aus."
„Severus!" Diese schleimige Stimme konnte ja nur einem gehören. „Ich wusste gar nicht, dass dein Wortschatz so etwas wie fröhlich beinhaltet. Du unterrichtest hier?"
„Nun ... Werwolf," das letzte Wort war fast ein Flüstern. „Im Gegensatz zu dir habe ich einen Job. Ich bin der Nachfolger Slughorns ... in beiderlei Hinsicht."
„Na dann Glückwunsch Schniefelus. Ein fetthaariger Giftmischer und Schlangenvorstand. Ich wusste gar nicht, dass das erlaubt ist."
„Sirius ... Bitte ..."
„Black, Black, Black. Ich dachte Azkaban hätte dir deine spitze Zunge augetrieben. Nun ja, du kannst dich ja mit deinem Halbmensch-Freund zusammentun und in einer Höhle hausen. Das dürftet ihr beide ja gewöhnt sein."
„Schniefelus, ich warne dich." Sirius Hans wollte nach seinem Zauberstab greifen, wurde aber von Remus zurückgehalten. Dieser sah ihn nun auch noch eindringlich und bittend an.
„Meine Herren, wir wollen uns doch kultiviert verhalten." Diese Worte Dumbledores genügten, dass sich die Wogen zwischen den beiden Erzfeinden glätteten, verhindert aber nicht, dass noch einige sehr giftige Blicke zwischen den beiden schwarzhaarigen hin und herflogen.
Bis auf diese kleine Auseinandersetzung verlief der Rest des Halloweenfestes ereignislos. Sirius und Remus begaben sich danach schweigend in das ihnen von Dumbledore zur Verfügung gestellte Gästequartier. Dort angekommen setzten sie sich, immer noch schweigend, einander gegenüber in die Sofaecke. Nach weiteren Minuten des Schweigens fingen beide an zu sprechen.
„Remus ..."
„Sirius ..."
„Du zuerst Sirius."
„Gut. Remus, es tut mir leid. Alles. Und ich möchte mich für all das entschuldigen. Dafür, dass wir dich nicht in den Wechsel eingeweiht hatten, dafür, dass ich Peter gejagt habe, dafür, dass James, Lily und ich dich zurückgelassen haben. Remus, es tut mir so leid. Ich kann verstehen, wenn du nichts mehr mit mir zu tun haben willst. Mit mir, dem Mörder ..." Der Animagus sah währenddessen nur auf den Boden.
„Sirius, du bist kein M ..."
„Mörder? Oh doch. Ich habe James überzeugt den Geheimniswahrer zu tauschen und dir nichts zu sagen. Weißt du, ich hab dich in der Winkelgasse gesehen, mit diesem verdammten Todesser. Ich dachte bis Halloween, dass du der Verräter wärst. Bis ich bei Peter die Maske gefunden habe. Remus, ich bin ein Mörder. Ich habe zwar nicht selbst gemordet, aber ich habe meinen besten Freund an einen Mörder ausgeliefert." Mit diesen Worten sah Sirius Remus an und der letztere konnte Tränen in den Augen seines Freundes glitzern sehen.
„Sirius. Ich habe mich auch zu entschuldigen. Dafür, dass ich mich mit dem Todesser unterhalten habe, dafür, dass ich nicht versucht habe, dir einen Prozess zu beschaffen, dafür, dass ich dich für den Verräter gehalten habe. Ich kann es auch verstehen, wenn du nichts mehr mit mir zu tun haben willst." Zu Ende war Remus immer leiser geworden.
„Remus, wieso sollte ich nichts mehr mit dir zu tun haben wollen?" Sirius stieg über Tisch, setzte sich neben Remus und nahm dessen Hände in seine. „Meinst du Dumbledore hat dich von sich aus gerufen? Nein, ich habe ihn darum gebeten. Er wollte, dass ich zu dir gehe, aber ich habe ihm gesagt, dass es wohl besser wäre, wenn wir uns auf neutralem Boden treffen. Ebenso wenig hätte ich dich in dem Büro nicht umarmt, wenn ich nichts mehr mit dir zu tun haben wollte."
Remus drückte Sirius Hände.
„So ähnlich ging es mir auch. Ich hätte dich sofort von mir weggedrückt, wenn ich nichts mehr mit dir zu tun haben wollte. Es ist nur so, dass meine Version des 31.10.1981 innerhalb weniger Minuten zerbrochen ist. Tote wurden zu Todessern, Verräter zu Betrogenen und plötzlich standest du hinter mir. Das musste ich erst mal verdauen."
„Wieder Freunde, Moony?"
„Beste Freunde, Padfoot."
Nach dieser Freundschaftsbekundung nahmen beide ihr Glas mit Feuerwhiskey und tranken Bruderschaft.
Ein paar Gläser, oder besser gesagt Flaschen, hob Sirius zu sprechen an.
„D ... Duuuuu, Mooooonyyyyy?"
„Hmmmm?"
„Wassat diesa Tod ... Todesser dir ang'bot'n?"
„Heilmittel gegen Lykato ... Lykanproto ... den Wolf."
„Aha ... gibt's so was?"
„Nö. Und jetzt lass mich schlafen."
