Kapitel 1: Escape

Meine Geschichte beginnt zu dem Zeitpunkt, an dem ich begann zu leben. Es war ein erster September, und ich befand mich an einem für die meisten Menschen unsichtbaren Bahnsteig.

Ich schob meinen Gepäckwagen durch die Menge von hunderten Zaubererkindern mit ihren Eltern. Man erkannte auf den ersten Blick, wer sein erstes Jahr in Hogwarts vor sich hatte, wer gleich zum allerersten mal in den magischen Zug steigen würde. Aufregung, Nervosität und bei manchen sogar ein Funken Angst spiegelte sich in ihren Augen wider. Bei mir war das anders. Ich hatte keine Angst, war voller Euphorie, in Hogwarts endlich neu anfangen zu können, mein bisheriges Leben hinter mir zu lassen.

Ich hetzte umher, angestrengt, niemanden anzurempeln, bei dem Versuch, möglichst viel Abstand zwischen mich und meine Eltern zu bringen. Ich hatte sie im Gedränge zwischen den vielen Muggeln am Bahnhof King's Cross bereits abgehängt, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie mich wiederfinden würden.

Von weitem sah ich die Malfoys, die uns unglücklicherweise oft Besuche im Grimmauldplatz Nr. 12 abstatteten. Lucius würde wahrscheinlich sein 5. oder 6. Jahr in Hogwarts antreten, ich war mir nicht ganz sicher. Aber natürlich gehörte er in das Haus Slytherin, wie alle aus meiner Familie und deren Bekanntenkreis. Für meine Eltern gehörte das zum guten Ton. Ich wusste, was mir blühen würde, sollte ich in eines der anderen Häuser eingeteilt werden.

Ich steuerte etwas weiter nach rechts, um ihnen nicht über den Weg zu laufen. Es würde doch nur wieder Kritik hageln, über mein Auftreten, meine Einstellung, mein Leben.

Bei diesem Versuch war ich etwas zu unaufmerksam, und ich fuhr unabsichtlich einem Mädchen von hinten gegen die Beine. Sie hatte dunkelrote Haare und auffallend grüne Augen. Sie stand dort mit ihren Eltern, Muggel, wie leicht zu erkennen war, und einem weiteren Mädchen. Der Größe nach zu urteilen waren sie ebenfalls in meinem Jahrgang. Der Rotschopf blickte mich verwundert an, ihre Freundin beachtete mich gar nicht und analysierte weiterhin Stück für Stück ihre Umgebung. Das verwunderte mich. Sie war allein hier, ihr Gepäckwagen war nur sporadisch beladen, ein Haustier hatte sie nicht dabei. Ich war mir recht sicher, dass sie ebenfalls keine magischen Eltern hatte. Und doch schien sie nicht ängstlich oder verunsichert, ihr Blick signalisierte bloß unverhohlene Neugier und gleichzeitig Misstrauen.

Aus einigen Metern Entfernung hörte ich die energischen Rufe meiner Mutter, sie bahnte sich einen Weg durch die Menge zu mir. Ich entschuldigte mich noch schnell und entfernte mich, so schnell ich konnte. Dass ich jetzt doch eine Leute seitlich anstieß, interessiert mich nicht mehr. Ich wollte meine Eltern nicht mehr sehen, bevor der Zug abfuhr, wollte mir nicht ein weiteres Mal anhören müssen, wie sie mir eine Predigt darüber hielten, wie wichtig es war, in Slytherin zu landen, nur reinblütige Freunde zu finden und mich ja von Muggelstämmigen, Schlammblüter, wie sie sie nannten, fernzuhalten. Diese Grundsätze versuchten sie mir schon mein ganzes Leben lang einzubläuen, bisher jedoch erfolglos. Ich lief und lief, und erntete dabei den einen oder anderen abfälligen Blick, denn ich war in der magischen Welt kein unbekannter. Die einen sahen mich als schwarzes Schaf der Familie, derjenige, der sich weigerte, an Familientraditionen festzuhalten. Die anderen verbunden mich nur mit dem Nachnamen Black, der zu einer der reinblütigsten und gleichzeitig muggelfeindlichsten Familien Englands gehörte.

Ich war fast am Ende des Bahnsteigs angelangt, ich hörte, wie meine Eltern laut fluchten und sich über ihren unmöglichen Sohn ärgerten. Ich gab nochmal Gas, nahm meine zwei Gepäckstücke vom Wagen und sprintete hinein in den Hogwartsexpress. Dort machte ich nicht halt, sondern suchte mir schnellstmöglich ein leeres Abteil. Erst dort ließ ich mich in den Sitz fallen und bemühte mich, dass man mich von draußen nicht hinter dem Fenster sehen konnte. Insgeheim machte ich mich gefasst, einen Heuler direkt nach meiner Ankunft zu bekommen. Das war sicher Rekord.

Bald hörte ich das Pfeifen des Zuges, welches signalisierte, dass es in wenigen Augenblicken losging. Ich riskierte einen kleinen Blick aus dem Fenster und sah, wie die Schüler, die noch am Bahnsteig standen, hektisch wurden, sich eilig von ihren Eltern verabschiedeten und in den Zug sprangen. Ich konnte weder meine Mutter noch meinen Vater erblicken, was mich in gewisser Weise beruhigte.

Der Zug fuhr los, und ich schloss die Augen. Ich fühlte mich besser bei jedem Meter, den ich mich von meiner Heimat entfernte und in meinem Bauch kribbelte es bei dem Gedanken, in wenigen Stunden in Hogwarts anzukommen. Ich musste eingeschlafen sein, denn als es nach einiger Zeit an der Tür meines Abteils klopfte, schreckte ich hoch. Für einen Augenblick verwirrt, überlegte ich, ob ich das Geräusch nur geträumt hatte, doch kurz danach öffnete sich die Tür langsam ein Stück.

„Verzeihung, aber würde es dich stören, wenn ich mich zu dir ins Abteil setze? Alle anderen sind schon besetzt."

Durch den Spalt der offenen Tür lugte jenes Mädchen, welches ich bereits auf dem Bahnsteig gesehen hatte, obwohl es mir so vorkam, als wäre irgendetwas an ihr anders, aber ich kam nicht darauf.

„Ehm .. nein, natürlich macht mir das nichts aus. Dich hab ich doch vorhin schon einmal gesehen, mit dem rothaarigen Mädchen auf dem Bahnsteig, oder?"

Sie kam herein, schloss die Tür hinter sich und setzte sich mir gegenüber.

„Ich weiß nicht, kann sein. Es war so viel los, das wird mir wohl entgangen sein."

Ja, das wusste ich, hatte sie mich doch nicht einmal angesehen.

„War da nicht noch eine Freundin bei dir? Wieso sitzt du nicht mit ihr in einem Abteil?"

„Das war Lily. Ich hab sie erst hier am Bahnsteig kennengelernt. Sie hat sich zu einem Typen gesetzt, den sie wohl schon länger kennt. Er sieht aus wie eine übergroße Fledermaus und ist verdammt unsympathisch, mit dem hab ich es nicht ausgehalten."

Sie drehte sich mit dem Kopf zum Fenster und wurde wieder still.

Sie schien in komplizierte Gedanken versunken zu sein, denn sie blickte angestrengt, als würde ihr etwas zu schaffen machen. Ich entschied mich jedoch vorerst, sie nicht darauf anzusprechen. Auch ich sah aus dem Fenster, und als ich gerade wieder die Augen schließen wollte, bemerkte ich etwas, ganz am Rand meines Blickwinkels. Ich hatte nicht genau erkannt was es war, aber irgendetwas in ihr war schon wieder anders. Jetzt konnte ich nicht mehr anders, ich musste sie einfach anstarren und beobachten.

„Was guckst du denn so? Hab ich Dreck auf der Nase?", ihr Ton klang gereizt.

„Wie hast du das gerade gemacht?", fragte ich voller Erstaunen.

„Was gemacht?", sie schien verwirrt zu sein.

„Jaah .. Nun, ich weiß auch nicht. Aber irgendwas hast du gerade gemacht, ganz sicher."

„Sag mal was soll denn das?", wollte sie entrüstet von mir wissen, sie schien zu denken, ich wollte mich über sie lustig machen. In diesem Moment sah ich es ganz genau: Ihre hellbraunen Augen wurden um einige Nuancen dunkler, ihre dunkelblonden Haare nahmen einen Rotstich an.

„Da! Ich hab es doch genau gesehen! Du kannst dein Aussehen verändern. Bist ein ein Metamorphmagus?", rief ich in heller Aufregung.

„Meta- was?", sie wusste nicht, wovon ich redete.

„Nun hör aber mal, das muss dir doch auch schonmal aufgefallen sein, dass deine Haare ihre Farbe verändern", sagte ich. Jetzt war es an mir, verwirrt zu sein.

„Lass mich damit in Ruhe", fauchte sie entrüstet, und drehte sich erneut weg.

Das warf mich ein wenig aus der Bahn. Hatte ich denn etwas Falsches gesagt? Zumindest war mir nichts dergleichen aufgefallen. Ich ließ es darauf beruhen, denn wenn sie nicht darüber reden wollte, wollte ich es akzeptieren.

Während die Zug weiter Richtung Hogwarts fuhr, blieb es also ruhig. Zwischendurch kam nur eine Hexe herein mit dem Süßigkeitenwagen und fragte, ob wir etwas bräuchten. Mir fiel auf, wie fasziniert das Mädchen wieder schaute, und in diesem Moment bemerkte ich, dass ich nicht einmal ihren Namen kannte. Ich beschloss, dass unverfängliche Themen ja wohl erlaubt sein würden und sprach sie erneut an.

„Ich bin Sirius."

Sie sah mich an, als würde sie überlegen, ob sie mir antworten sollte. Nach einigen Sekunden sagte sie schließlich „June, June Bartlett."

„Freut mich, June. Woher kommst du?"

„Ich lebe mal hier, mal da. Ich bleibe nie lange an einem Ort." Als sie dies sagte, klang sie verbittert.

„Und wieso bist du allein hergekommen?" Ich muss zugeben, dass ich recht neugierig war. Irgendetwas an June war anders, und damit interessant.

Etwas, das für eine Sekunde wie Schmerz aussah, huschte über ihr Gesicht.

„Wüsste nicht, was dich das angeht. Dich wird es auch gar nicht wirklich interessieren. Du als eines der Kinder, die in diesen Zaubererfamilien leben, schon seit Jahren wissen, dass sie besondere Dinge können, deren Eltern sich liebevoll um sie gekümmert und sie dabei unterstützt haben, die immer wussten, wo sie wirklich hingehören .. Ihr habt ja keine Ahnung wie es ist, wenn jemand nicht so ein Glück hat", sagte sie vorwurfsvoll und hatte ja keine Ahnung, wie falsch sie lag. Ich setzte gerade zu einer Antwort an, als die Abteiltür ein weiteres Mal geöffnet wurde und mich unterbrach. Diesmal jedoch fragte niemand höflich, ob es erlaubt war, hereinzukommen.