Kapitel 2: Harmful life
Vor ihnen stand ein Junge mit schwarzen, ungeordneten Haaren und einer runden Brille. Er sah sich nicht um und stand schon halb im Abteil, als er zu reden begann.
„Wisst ihr eigentlich, was ich ..", dann hielt er inne, blickte June und mich an und ergänzte: „Oh, falsches Abteil."
Offensichtlich hielt er es nicht für nötig, sich zu entschuldigen. Dann musterte er mich, als ob wir uns schon einmal gesehen hätte, daran hätte ich mich bei dieser lächerlichen Brille allerdings erinnert.
„Sag mal, bist du nicht dieser Black-Junge?"
Der Tonfall, den er dabei gebrauchte, stellte unmissverständlich klar, dass er dieser Tatsache alles andere als positiv gegenüberstand. Es war nicht so, dass ich diese Reaktion noch nie erlebt hatte, aber es versetzte mir jedes Mal einen kleinen, fiesen Stich.
„Hast du ein Problem damit?", fragte ich gereizt, um zu überspielen, dass eigentlich ich derjenige war, der ein Problem hatte, zu den Blacks zu gehören.
„Oh ja, und was für ein Problem ich mit deiner verdammten Familie habe! Weißt du, es ist nicht normal für Reinblüter, dermaßen feindlich gegenüber allen Muggelstämmigen und den sogenannten Blutsverrätern zu sein. Dir und deiner ach so stolzen Familie wird dieser Wahn irgendwann noch Unglück bringen, das schwöre ich dir."
Bei diesen Worten war sein Blick voller unverhohlenem Hass, und in meinem Hals bildete sich solch ein Kloß, dass ich nicht schnell genug antworten konnte, ehe er wieder verschwunden und die Tür geschlossen war. Ich starrte noch einige Sekunden auf die Stelle, wo er verschwunden war, dann drehte ich mich weg.
„Du siehst traurig aus." June klang plötzlich alles andere als abweisend.
„Wow, June, welch Feststellung."
„Warum? Was hat der Kerl gerade gemeint? Ich verstehe nicht viel von dem, worüber sich Zauberer unterhalten. Ich weiß nicht, warum er ein Problem mit deiner Familie hat, ich weiß nicht, was Reinblüter und Blutsverräter sind. Erklär mir, was hier los war. Weißt du, ich kann gut zuhören, falls du darüber reden willst."
Ihr Verständnis verwunderte mich.
„Über meine Probleme willst du reden, aber wenn es um dich geht, blockst du komplett ab? Diesmal weiß ich nicht, was dich meine Familienprobleme angehen."
„Sirius, weißt du .. Ich glaube, wir haben mehr gemeinsam als du denkst. Ich denke, ich könnte dich vielleicht besser verstehen als ein anderer.", sagte sie, ihr Ton war weich, und ich spürte, dass sie es ernst meinte und ich meinte, ihr vertrauen zu können. Ohne weiter darüber nachzudenken, beschloss ich, mich einfach darauf einzulassen.
„Also gut. Manche Zauberer, darunter auch meine verkorkste Familie, bestimmt den Wert eines Menschen durch seinen Blutstatus. So sind ihrer Meinung nach Reinblüter mehr wert, da sie und ihre Vorfahren immer nur andere Zauberer geheiratet haben. In diesen Stammbäumen darf sich kein Muggel, also ein nicht-magischer Mensch, finden. Zauberer, die von einem oder sogar zwei Muggeln abstammen, werden als minderwertig erachtet. Diese Einstellung ist richtiger Schrott, wenn du mich fragst. Aber meine Familie schwört darauf, die sind alle total im Wahn des reinen Blutes. Als ob dein Blut dreckiger wäre als meins, so ein Schwachsinn. Und genau deswegen werde ich von vielen Zauberern verurteilt, obwohl ich ebenfalls deren Meinung bin. Du hast es gerade miterlebt. Sie hassen mich, nur weil ich Teil der Familie bin. Man kann sich doch nicht aussuchen, in welche Verhältnisse man geboren wird. Du hast keine Ahnung, wie oft in meinem Leben ich mir gewünscht habe, jemand anderes zu sein .."
Es war unglaublich, aber es tat gut, sich diese Tatsachen von der Seele zu reden, auch wenn es schwer fiel.
„Warum .. aber warum bist du so gegen die Meinung deiner Familie? Es muss doch toll sein, eine Familie zu haben, aber wenn du über sie redest .. Es klingt so abwertend."
June schien nicht zu begreifen.
„Verstehst du es denn nicht? Sie waren mir nie eine wirklich Familie. Sie waren ein Leben lang so vernarrt in ihre Wahnvorstellungen, und diese Ansichten kann ich einfach nicht teilen. Sie denken, es gibt Menschen, die mehr oder weniger wert sind als andere. Ich finde, man muss jemanden nach seinen Taten beurteilen, nicht nach seiner Abstammung. Mein Leben war nicht schön. Meine Eltern haben früh bemerkt, dass ich versuchte, mich gegen sie aufzulehnen, und mich seit jeher nur gepiesackt und versucht, mich zu bekehren. Sie akzeptieren mich nicht als ihren Sohn, ich bin das schwarze Schaf der Familie. Ich habe einen kleinen Bruder, der geht im Gegensatz zu mir gerne in den Vorstellungen meiner Eltern auf. Man muss nicht lange überlegen, um zu wissen, wer der Lieblingssohn meiner Eltern ist.
Und sobald ich dann das Haus verlasse, begegne ich nur Vorurteilen. Weißt du, diese Menschen sind im Grunde alle gleich. Auch unser kleiner Freund von gerade verurteilt mich für meine Abstammung. Du hast keine Ahnung, wie schwer das sein kann."
Ich hatte eine Menge von mir und meinen geheimsten Gefühlen preisgegeben, hatte Schwächen gezeigt vor jemanden, von dem ich bloß den Namen kannte. Aber es fühlte sich richtig an auf eine seltsame Art und Weise.
„Ich hatte nie eine Familie", sagte June unvermittelt und klang zum ersten Mal wirklich traurig.
„Warum nicht? Wo sind deine Eltern?"
„Ich weiß nicht, wer meine Eltern sind. Das heißt auch, ich weiß nicht einmal, ob ich von Zauberern oder Muggeln, wie du sie nennst, Abstamme. Ich wurde direkt nach meiner Geburt ausgesetzt. Passanten haben mich gefunden und ins Kinderheim gebracht. Ich habe in vielen verschiedenen Pflegefamilien gelebt, aber sie haben es nie lange mit mir ausgehalten. Ja, du hast recht, ich kann mein Aussehen ändern. Das und die Tatsache, dass manchmal Dinge durch das Zimmer flogen, haben den Menschen Angst gemacht. Alle sagten, dass etwas mit mir nicht stimmt. Nirgendwo blieb ich lange, niemand konnte mich als Kind akzeptieren." Ihre Stimme wurde zum Ende hin immer leiser, die letzten Worte konnte ich nur von ihren Lippen ablesen. Es schien ihr wirklich zu schaffen zu machen. Sie setzte noch einmal zum reden an.
„Außerdem wusste ich doch auch nicht, wie ich mit den seltsamen Zufällen und meiner wechselnden Haarfarbe umgehen sollte. Ich habe den Leuten irgendwann geglaubt, dass ich ein Freak war, konnte mich selbst nicht akzeptieren. Als dann schließlich der Brief von Hogwarts kam, war das zwar irgendwie mysteriös, aber es war eine riesige Erleichterung. Endlich hatte ich eine Erklärung für all die Vorkommnisse. Aber Sirius siehst du das, wir sind uns irgendwo ähnlich. Wir beide hatten nie wirkliche Eltern, wurden nie akzeptiert." Bei dieser Erkenntnis brachte sie ein bitteres Lächeln zustande. Ja, sie hatte recht, sie konnte vielleicht tatsächlich verstehen, wie es mir ergangen war. Ich jedenfalls verstand sie. Ich begann, June zu mögen. Es war, als ob wir uns schon lange kennen würden, sie war mir näher, als mir je ein anderer Mensch gewesen war, und es tat gut.
Ich war mir sicher, dass dies der Beginn meiner ersten ehrlichen Freundschaft war, frei von Vorurteilen.
Die restlichen Stunden der Fahrt vergingen erstaunlich schnell und wir waren überrascht, als ein Vertrauensschüler in unser Abteil kam, um uns aufzufordern, die Schulumhänge überzuziehen. June sah an sich herunter und lachte. Ihrer Meinung nach sah es ziemlich albern aus, in langem Umhängen herumzulaufen, sie hatte ihr Leben lang nur Muggelkleidung getragen.
Als wir aus dem Zug stiegen, war eine laute Stimme zu hören.
„ERSTKLÄSSLER ZU MIR!"
Wir sahen uns um und erblickten einen riesigen Menschen, obwohl ich mir unsicher war, ob dies überhaupt ein menschliches Wesen sein konnte. Er führte uns zu kleinen Booten, in denen je zwei Schüler Platz nahmen, und schon bald war ein riesiges pompöses Schloss zu sehen.
Ich war erstaunt und sah mich immer wieder um, schließlich war ich auch noch nie hier gewesen, aber meine Reaktion war nichts vergleichen mit der von June.
Sie bekam ihren Mund vor Staunen nicht mehr zu und schien alles mit ihren Blicken aufzusaugen, als wollte sie die Bilder wahrhaftig in sich aufnehmen. Ich habe auch später in meinem Leben nie wieder jemanden gesehen, der so fasziniert von einer neuen Umgebung war.
Nachdem wir am andern Ufer ankamen, führte uns eine Professorin mit strengen Blick und nach hinten gebundenen Haaren in eine Art Vorhalle und sagte, wir sollten warten, während man für uns alles vorbereitete. In der Menge der Erstklässler breitete sich ein nervöses Tuscheln aus. Denen, die noch nichts von Magie und Hogwarts verstanden, wurde erklärt, dass sie gleich in verschiedene Häuser eingeteilt werden würden und je nach den Vorlieben der erklärenden Person wurden abwertende Kommentare für das eine oder andere Haus abgegeben.
Ich stand da wie versteinert, mein einziger Gedanke war: „Nicht Slytherin."
Nach einigen Minuten wurden wir weitergeführt und fanden uns vor einer riesigen Menge Schülern an vier Tischen wieder, die uns alle begierig musterten. Vor Kopf der Tische stand ein kleiner Stuhl mit einem alten, ausgefransten Hut auf der Sitzfläche.
Ich wusste, dass die Einteilung unmittelbar bevorstand und zum ersten Mal seit einiger Zeit hatte ich Angst. Panische Angst, die sich kalt ihren Weg hoch in meine Brust zu meinem Herzen suchte.
