Ein Weihnachtswunder für unglückliche Slytherins
Der Wind peitschte gegen ihre Wangen, zerrte an ihrem Schal, den sie sich über die Nase gezogen hatte, und ließ ihn hinter ihr hervorflattern. Schnee rieselte auf den Boden, knirschte unter ihren Füßen und gefror an ihren Wimpern. Trotzdem reichte die Kälte nicht aus, um die Aufregung zu dämpfen, die in Hermines Herz wuchs, als sie den gewundenen Pfad nach Hogsmeade hinunterging; nachdem sie sie monatelang nicht gesehen hatte, würde sie ihre Jungs endlich wiedersehen.
Hermine senkte den Kopf, schützte ihre rosige, erfrorene Haut vor dem Wind und beschleunigte ihre Schritte. Sie hatte Harry geschrieben, dass sie sich am Samstag um die Mittagszeit in einem der Räume über dem Drei Besen treffen sollten. Ihre Angelegenheit war heikel, und sie wollte keine neugierigen Augen und lauschenden Ohren riskieren. Das konnten sie nicht gebrauchen.
Als sie hineinschlüpfte, wurde sie sofort von der Wärme des Pubs verschluckt, und sie stieß einen leisen Seufzer aus, zog sich die frostige Mütze vom Kopf und wickelte ihren Schal ab. Im Raum herrschte reges Treiben, Gruppen von Schülern und Gästen drängten sich um kleine Tische, in den Sitzecken, Feuer loderte und Getränke rutschten die Bar hinunter. Hermine fuhr sich mit der Hand durch die Haare und ließ ihren Blick über die Szene schweifen. Sie sah die Treppe im hinteren Teil und begann, sich einen Weg durch das Meer von Schülern zu bahnen. Sie ging schnell einen Schritt zurück, als jemandes Getränk über ihre Schuhe schwappte, und wich nur knapp einem Mann aus, der offensichtlich schon seit dem Frühstück am Trinken war, als er Madam Rosmerta in seine Arme nahm und mit ihr tanzte, wobei ihr Lachen von dem Lärm verschluckt wurde. Sie flüchtete die Treppe hinauf, umklammerte ihre Mütze und ihren Schal und rannte fast zu Zimmer Nr. 3. Hermine holte tief Luft und klopfte.
Als die Tür aufschwang, spürte sie, wie die Jahre vergingen, und sie war wieder ein elfjähriges Mädchen, das im Hogwarts-Express hin- und herlief und zwei Jungs, einer mit einem roten Haarschopf und einer Explosion von Sommersprossen, der andere mit einer Blitznarbe, fragte, ob sie Nevilles Kröte gesehen hätten. Harry stand vor ihr, nicht mehr der schmächtige Junge von unter der Treppe. Er hatte sich die Haare wachsen lassen und hinter die Ohren gesteckt, und an seinem Kinn wuchs ein zerzauster Bart. Er trug die gleiche Brille, die seine grünen Augen umrahmte, und sein Grinsen war immer noch das eines Kindes. Gekleidet in eine schwarze Hose, ein weißes Hemd und eine graue Weste, den Zauberstab im Gürtel, eine verblasste, aber immer noch sichtbare Narbe, ein Blitz auf der Stirn, sah Harry Potter, der Junge, der lebte, der Auserwählte, erwachsen aus, anders als in ihrer letzten Erinnerung, sicherer, wer er in dieser Welt war.
Trotzdem stieß er bei ihrem Anblick einen kleinen Laut aus, zog sie zu sich heran und keuchte ihren Namen in ihre Haare. Hermine klammerte sich an ihn. Sie schloss die Augen und atmete ihn ein, genoss die Tatsache, dass er immer noch nach frischer Luft vom Quidditch-Training und dem Rauch des Feuers im Gryffindor-Gemeinschaftsraum roch.
„Ich habe dich vermisst.", murmelte er mit warmer, tiefer Stimme an ihrem Ohr. „Ich habe dich so sehr vermisst."
„Oh, Harry.", hauchte sie.
„Wie geht es dir?", fragte er mit durch ihre Haare gedämpfter Stimme. Hermine drückte ihn fester an sich.
„Oh Gott, es geht mir gut! Mir geht's gut", antwortete sie und ließ ihn endlich los. „Und wie geht es dir?"
Harry grinste. „Gut. Besser, jetzt wo ich dich gesehen habe."
„Verdammt, und wer bin ich? Großtante Muriel?"
Hermine spähte über seine Schulter. Ihr Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, und sie drängte sich an Harry vorbei in den Raum, wobei sie Ron Weasley fast in die offenen Arme sprang. Er stieß ein Lachen aus und sie schlang ihre Arme fester um seinen Hals. Er war breiter als in ihrer Erinnerung, größer, kräftiger. Seine Haare waren immer noch knallrot, wenn auch ein wenig dunkler, seine Augen waren heller, die Farbe eines Frühlingshimmels. Hermine lehnte sich nach hinten, die Hände glitten zu seinen Wangen und drückten ihm einen harten Kuss auf die Stirn. „Ronald."
Ron rollte mit den Augen und schlang die Arme locker um sie, aber sein Grinsen und die Art, wie er tiefrot wurde, verrieten ihn. „Ehrlich.", sagte er. „Man könnte meinen, wir wären immer noch Erstklässler, die ihre Hausaufgaben nicht rechtzeitig abgeben!"
Harry lachte, und die unbekümmerte Heiterkeit in seinen Augen blieb noch lange, nachdem das Geräusch verklungen war.
„Wenn ich mich recht erinnere –", sagte Hermine und stellte sich wieder neben das Bett, wobei sie ihren Schal vor der Brust zusammenknüllte, „– habt ihr eure Hausaufgaben während der gesamten Schulzeit nicht pünktlich abgegeben, nicht nur im ersten Jahr."
Die drei Freunde standen einen Moment lang still zusammen. „Mensch, ich habe euch so sehr vermisst.", keuchte sie. Hermine wollte weinen, denn sie hier in echt zu sehen, verscheuchte alle Sorgen, die sie gehabt hatte. Die ersten Wochen zurück in Hogwarts waren so schwierig gewesen, ohne die Jungs an ihrer Seite zu haben, und dann die Sache mit Draco – es war schön, auf vertrautem Boden zu sein, auch wenn sie so viel älter aussahen als bei ihrem letzten Besuch, sie waren immer noch dieselben, immer noch ihre Jungs.
Harry lächelte sie schief an. „Wir haben dich auch vermisst."
„Mehr als das.", sagte Ron und steckte die Hände in die Hosentaschen. Er trug ein Flanellhemd über einem schwarzen Oberteil zusammen mit einer Jeans, sein Zauberstab ragte aus seinem Stiefel. Er hatte sich die Haare geschnitten, wie sie vage bemerkte, sie waren immer noch zottelig, nur kürzer, fielen ihm über die Augen und streiften seine Ohren. „Wir haben deine Organisation vermisst, deinen Verstand, deine Kochkünste, deine Hilfe. Wirklich, Mione, es war egoistisch von dir, zurückzugehen. Wir hätten alleine sterben können!"
Hermine lachte. „Aber das seid ihr nicht. Ich bin so stolz auf euch beide, für alles, was ihr getan habt."
Die Jungs warfen sich einen stolzen Blick zu. Nachdem sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, ging Harry weiter in den Raum und gestikulierte in ihre Richtung: „Zieh deinen Mantel aus. Du kannst ruhig ein bisschen Unordnung machen, das ist Rons Zimmer."
Ron rollte mit den Augen. „Charmant."
„Ich bin überrascht, dass es so aufgeräumt ist.", sagte sie und grinste, als er ihr einen finsteren Blick zuwarf.
„Wir sind erst zehn Minuten vor dir hier angekommen. Er hatte noch keine Zeit, Unordnung zu machen."
Hermine legte ihren Schal und ihren Hut über den Stuhl in der Ecke des Raumes und schlüpfte auch aus ihrem Mantel. Sie spürte, wie die Wärme sie einhüllte und sie in die bequemen Arme der Vertrautheit schloss. Das Zimmer war gemütlich und klein, mit tiefroten Möbeln, einem kleinen Doppelbett in der Mitte und einem Sessel in der Ecke neben einem runden Couchtisch. Harry setzte sich auf das Bett und tätschelte den Platz neben sich. „Komm schon, wir müssen einiges nachholen."
Sie hatten bereits Getränke für alle drei bestellt, und als es an der Tür klopfte, rannte Ron geradezu los, um sie zu öffnen. Seine Ohren färbten sich rosa, als Madam Rosmerta kommentierte, wie erwachsen er aussah, ihm das Tablett reichte und ihm ein Lächeln schenkte. Harry machte eine Bemerkung, bevor die Tür richtig geschlossen war, woraufhin Ron ihm den Mittelfinger zeigte, in den Sessel gegenüber plumpste und so aussah wie in ihrem sechsten Schuljahr, als er versehentlich einen Liebestrank zu sich genommen hatte. Die Jungs bedienten sich an ihren Feuerwhiskys, während Hermine an ihrem Butterbier nippte und sie lachten, als hätte sich nichts verändert, als hätten sie nicht in einem Krieg gekämpft, als wären sie immer noch Kinder.
„Ich fürchte, ich habe nicht viel zu erzählen.", sagte Hermine, als Ron sie fragte, was sie so getrieben hat. „Ich bin sicher, Ginny hält euch ausreichend auf dem Laufenden."
Harry sah daraufhin ein wenig schuldbewusst aus. Er hielt die Flasche zwischen seinen Knien, beugte sich vor und sah zu ihr auf. „Sie hat gesagt, dass du nicht isst, nicht schläfst und dein Zimmer eigentlich nur verlässt, um zum Unterricht oder in die Bibliothek zu gehen."
Sie stieß einen langen Seufzer aus. Das stimmte nicht ganz. Sie ging auch oft in die Küche, und sie wusste, dass Harry das wusste, denn er gab zu, dass er sie mit der Karte im Auge behielt. Aber das waren Details, kleine Details, die keinen Unterschied machten; sie erholte sich nur langsam, aber sie erholte sich, das war das Wichtigste.
Hermine presste ihre Lippen zu einem Strich zusammen und sah zwischen den beiden hin und her. Sie sagte: „Ich werde nicht lügen und sagen, dass ich super zurechtgekommen bin. Das bin ich nicht. Aber ich weiß, dass du es auch nicht bist. So ist es nun einmal."
„Und jetzt?", fragte Harry gleichmütig.
„Es geht mir besser." Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln, um es zu beweisen.
„So viel hat sich in zwei Monaten verändert?" Rons Stimme war angespannt und skeptisch.
Hermine sah auf den Boden und zeichnete die Muster im Teppich nach. „Es hat sich viel verändert." Sie schluckte, schüttelte den Kopf und sagte: „Aber was ist mit euch? Ich habe nichts von euch über eure Arbeit gehört. Auroren! Ich kann nicht glauben, dass es euch nach all dem immer noch Spaß macht, euer Leben in Gefahr zu bringen."
Sie verneinten es hastig, aber Hermine bemerkte, wie ihre Augen aufleuchteten, und ihr Herz sank ein wenig. Was konnten sie nur so aufregend daran finden, sich dabei gut zu fühlen? Früher hatte sie geglaubt, dass sie denselben Funken in sich trug, dieselbe Verzweiflung nach etwas Leidenschaftlichem und Wirbelndem, das Bedürfnis, ihr Herz schneller schlagen und ihr Leben in ihren Händen pochen zu spüren. Jetzt war Hermine sich nicht mehr sicher. Nachdem sie fast alles verloren hatte, würde sie es nicht wagen, das Schicksal noch einmal herauszufordern. Man konnte nur so viel Glück haben. Es gab nur eine bestimmte Anzahl von Gelegenheiten, bei denen man sein Leben verwetten und es zurückgewinnen konnte. Eines Tages würden die Karten gegen einen stehen.
Etwas wurde warm in ihrer Tasche, und Hermine runzelte die Stirn, als sie den das Pergament herauszog. In ihren Händen, auf ihrer Haut, brannte es nicht, sondern es kribbelte nur. Sie entfaltete es und sah, wie die Worte plötzlich auftauchten, fast so langatmig wie seine Stimme:
Mir ist langweilig.
Sie stieß ein Lachen aus. Als sie die Jungs ansah, bemerkte sie, dass sie sich über einen Fall unterhielten, mit dem sie erst letzte Woche zu tun gehabt hatten. Hermine kramte in ihrer Manteltasche nach einem Stift und kritzelte ihre Antwort.
Kannst du dich wirklich nicht ein paar Stunden lang alleine beschäftigen?
Sie verstaute sowohl das Papier als auch den Stift unter ihrem Bein, lächelte und nickte, als würde sie zuhören. Schnell wurde es wieder warm.
Wie lange wirst du brauchen? Nicht lange, hoffe ich. Du könntest feststellen, dass ich dahinschwinde und nur noch Hamlet lese.
Hermine erwiderte: Du lieber Gott. Das Grauen! Versuche, die Qualen zu überleben. Ich habe in letzter Zeit genug Tod gesehen.
Das Papier war einen Moment lang leer.
Haben wir das nicht alle?
Sie spürte, wie ihre Kehle trocken wurde, griff nach ihrem Butterbier und nahm einen weiteren Schluck.
„Hermine?"
„Hm?"
„Ich habe gefragt, ob es wahr ist, dass du versuchst, Malfoy zu retten?", fragte Ron mit großen, suchenden blauen Augen. Ein schwaches Grinsen kräuselte seine Lippen, als hätte sie es nur als Witz gemeint und er wartete gespannt darauf, dass sie die Pointe lieferte. „Ich habe es nicht glauben können, als Harry es mir gesagt hat. Er hat gesagt, du seist verrückt geworden. Na ja, verrückter als du es davor schon warst."
Hermine schluckte und umklammerte fest ihr Glas. Sie schaute Harry an und konnte die Neugierde in seinen hellen Augen aufblitzen sehen. Als klar war, dass sie sich nicht um eine Antwort drücken konnte, seufzte sie, zuckte mit den Schultern und sagte dann, ehrlich, weil sie nichts anderes verdient hatten: „Ja."
Die aufkeimende Belustigung in Rons Gesicht erstarb in dem Moment, in dem die Bestätigung über ihre Lippen kam. Seine Augenbrauen schossen in die Höhe. „Malfoy?", wiederholte er. „Der Schleimscheißer aus der Schule? Er hat zugesehen, wie seine bekloppte Tante dir den Arm aufgeschlitzt hat, dieser Malfoy?"
„Ich weiß, dass es für euch schwer zu verstehen ist.", begann Hermine und zog abwesend ihren Ärmel herunter. Harry bemerkte es. Ron wurde sofort blass. „Aber ihr wart noch nicht in Hogwarts. Ihr habt nicht gesehen, was der Krieg mit ihm gemacht hat. Er hat ihn fast gebrochen."
Beide starrten sie nur an. Sie wollte, dass Ron den Mund aufmachte, und sei es nur, um sie anzuschreien und verzweifelt zu versuchen ihre Meinung zu ändern, denn er war nie still (er war seit dem Krieg nicht mehr still gewesen, und sie wusste, dass er die Erinnerung an die Stille nicht ertrug), und das machte sie nervös.
Aber es war Harry, der das Schweigen brach und leise fragte: „Fast?"
Sie zögerte. „Ich denke, wenn man trotz allem noch versuchst zu überleben, dann kann man unmöglich gebrochen sein. Gebrochen bedeutet, dass man nichts mehr hat, und Malfoy –", sie unterbrach sich kurz. „Malfoy hat noch etwas, für das es sich zu leben lohnt."
Du bist das Einzige, was mich am Leben hält, Granger.
Hermine sagte nicht, was es war. Sie wusste es nicht mit Sicherheit. Sie wusste nur, dass etwas in seinen Augen lag, wenn er sie ansah, wie ein Ertrinkender, der zum Ufer blickt, das sie glauben ließ, dass noch Leben in ihm war.
„Er hat noch etwas, für das es sich zu leben lohnt.", wiederholte sie.
Er hat mich.
Wurde ihr plötzlich klar. All die Mühen, die sie auf sich genommen hatte, all die Dinge, die sie getan hatte, jede Nacht, die sie nach dieser ersten Begegnung durch die Korridore gewandert war, nur für den Fall, dass er auch dort war, und er war es gewesen, jedes Mal, jeden Moment, den sie an seinem Krankenbett verbracht hatte, jedes Mal, wenn sie ihn durch das Schloss gejagt hatte, ihn auf irgendeine kleine Art und Weise an sich gedrückt hatte, ob es sein Gesicht war, seine Hand, seine Seele. Alles nur, um sicherzustellen, dass es ihm gut ging. Selbst wenn er nichts mehr auf der Welt hatte, wofür es sich zu leben lohnte, er hatte sie.
Die Stille schien um die drei herum zu hallen, und Hermine war froh darüber, denn sie befürchtete, dass sie, wenn sie sprechen würde, etwas Tieferes preisgeben würde, etwas, das sie nicht aussprechen konnte. Sie konnte nur ihre Augen auf die ihren gerichtet halten, flehend gegen alle Vorbehalte, die sie dort aufkeimen sah. Ron durchbrach die Schwere, wie er es gewöhnlich tat, stieß einen langen, halb amüsierten Atemzug aus und ließ sich nach hinten gegen die Lehne fallen. Er schüttelte ungläubig den Kopf.
„Du willst mir sagen, dass du und Malfoy Freunde seid?"
Hermine lachte ein wenig, und Harry rollte mit den Augen, obwohl er grinste. Alles um sie herum entspannte sich, und ihre Schultern fielen wieder an ihren Platz. Sie erinnerte sich an Malfoys Abscheu, als sie ihm dieselbe Frage gestellt hatte, und das reichte aus, um ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern.
„In gewisser Weise.", gab sie zu.
Ron stieß ein kurzes, amüsiertes Schnauben aus. Er schaute Harry ungläubig an. „Ich hätte nie gedacht, dass ich den Tag erlebe.", murmelte er.
„Oh, Ronald.", sagte Hermine, und Harry unterdrückte ein Grinsen angesichts des vertrauten Tons in ihrer Stimme. „Wir sind jetzt erwachsen! Natürlich haben sich die Dinge geändert."
Harry legte seinen Arm um Hermine, und sie schmiegte sich an seine Seite und legte ihren Kopf auf seine Schulter.
„Von wegen verändert.", sagte Ron und beobachtete seine Freunde von seiner ausgestreckten Position aus mit einem trägen Lächeln. „Eher um die eigene Achse gedreht und verdammt aus dem Gleichgewicht gebracht!"
Hermine lächelte daraufhin ein wenig, aber das Lächeln verschwand schnell. Sie schluckte und sagte: „Ich habe Dumbledore gesehen."
Sie spürte, wie Harry erstarrte. „Sie haben sein Porträt im Büro der Schulleiterin aufgehängt. Er hat mit mir gesprochen." Sie blieb, wo sie war, mit dem Kopf an Harrys Schulter, und kaute auf ihrer Lippe, weil sie nicht sehen wollte, wie sie auf das reagierten, was sie gleich sagen würde. „Er hat mir seine Erinnerung an die Nacht seines Todes gezeigt, aber sie war unvollständig, sie stammt aus der Zeit nach seinem Tod. Sie muss ihm herausgerutscht sein. Er hat mir gesagt, dass Draco Malfoy damals gerettet werden konnte und dass er auch heute noch gerettet werden kann, aber ein toter Mann, Dumbledore, seine Aussage würde vor Gericht keinen Bestand haben. Nicht nach allem, was er getan hat. Nicht nachdem was dieses Miststück Rita Skeeter getan hat. Da ist mir klar geworden, dass es in dieser Nacht zwei Menschen gegeben hat, die auf unserer Seite gewesen sind."
Hermine zog sich zurück, griff nach seinen Händen und drückte sie fest. „Harry." Sein Kiefer war angespannt, seine Augen zu ernst für jemanden, der noch so jung war, aber er hatte sich diesen ernsten Ausdruck schon vor langer Zeit angeeignet, seit dem Moment, als er zum Sterben verdammt worden war. „Ich weiß, was ich von dir verlange. Ich weiß, dass es eine Menge ist. Ich weiß, was du über ihn weißt und –"
Schlammblut Granger.
Seine Stimme hatte sie verfolgt, seit Dumbledore ihr die Erinnerung gezeigt hatte, die Vergangenheit, die sich ihren Weg in die Gegenwart bahnte, aber dann, lauter, sanfter, hörte sie ihn wieder: ‚Du bist das Einzige, was mich am Leben hält, Granger. Ich glaube nur an dich.'
Hermine schloss für einen Moment die Augen. „Aber er hat es nicht verdient zu sterben. Draco Malfoy ist ein guter Mensch. Er ist mein Freund und er liegt mir sehr am Herzen."
Es herrschte eine Stille im Raum, eine Stille, in der Hermine die Sekunden zählte. Sie wollte keinen der beiden ansehen, weil sie wusste, was sie verlangte, aber sie zwang sich, in Harrys Augen zu sehen, den Schatten zu verfolgen, den jede Wimper auf seiner Wange hinterließ, und zu hoffen, zu beten, dass er genauso war, dass sein Herz genauso groß war, dass sein Wunsch, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, genauso stark war.
Er nickte. Hermine glaubte nicht, dass sie es richtig gesehen hatte, und sie zog sich zurück und drückte seine Hände. „Was?"
„Okay.", sagte Harry. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Ron sich ein wenig aufrechter hinsetzte. Er war so entschlossen; sie suchte in seinen Augen nach irgendwelchen Zweifeln, aber da war keiner. „Ich werde dir helfen. Ich werde dir meine Erinnerung geben. Wir werden einen Weg finden, Malfoy zu retten."
Hermine stürzte sich auf ihn und schlang ihre Arme so fest um seinen Hals, dass er nach oben greifen und ihre Ellbogen festhalten musste, denn noch fester, und sie würde ihn erwürgen. „Oh, danke.", flüsterte sie. „Danke, danke. Ich erwarte nicht, dass ihr Freunde werdet, ich erwarte nicht einmal, dass ihr mit ihm redet –"
Harry lachte, löste sie von ihm und schob sich die Brille weiter auf die Nase. Hermines Wangen waren rosa und sie merkte, dass sie leicht weinte. Ron stöhnte, warf den Kopf zurück und sagte: „Ehrlich, Hermine. Warum konntest du dich nicht einfach bei den verdammten Hauselfen bleiben?"
Jeden Mittwoch gibt es ein neues Kapitel, das nächste kommt am 15.03.
