XXXI.
Lieutenant Sheckil wanderte durch den Hauptkorridor von Deck 32/A, eine große Einkaufstüte in der rechten Hand und ein flaches, sorgfältig verpacktes Paket unter seinen linken Arm geklemmt. Er bahnte sich seinen Weg durch Scharen von technischem Personal, Soldaten und Offizieren und achtete gleichzeitig darauf, dass er nicht über einen von diesen verflixten Mausdroiden stolperte, die überall herum sausten wie besessen. Und während er das tat, grübelte er darüber nach, warum die unangenehmeren Aufträge von Lord Vader immer ausgerechnet bei ihm landeten.
Das konnte unmöglich ein Zufall sein! Es gab vier Adjutanten, die ihren Dienst als persönliche Assistenten Seiner Lordschaft in einer 6-Stunden-Rotation versahen. Aber jedes Mal, wenn irgendeine Aufgabe zu erfüllen war, die besonders eilig, arbeitsintensiv oder einfach nur lästig war, dann traf es Sheckil. Immer!
Er fragte sich, ob Lord Vader ihn aus irgendeinem rätselhaften Grund auf dem Piek hatte, es auf ihn abgesehen hatte – eine furchtbare Vorstellung! –, aber seine Kollegen, mit denen er dieses Thema schon mehrfach ausdiskutiert hatte, hatten ihm versichert, dass er nur an Verfolgungswahn litt. Sie hatten ihm wieder und wieder erklärt, dass Leute, auf die der Chef es wirklich abgesehen hatte, erfahrungsgemäß eine sehr begrenzte Lebenserwartung hatten – ein Argument, dessen Logik Sheckil durchaus einleuchtete. Darüber hinaus waren seine Kollegin sogar der Meinung, dass seine offensichtliche Bevorzugung eher eine Art Auszeichnung darstellte – eine Sichtweise, die Sheckil nicht nachvollziehen konnte. Nicht wirklich …
Er dachte an all die Glückwünsche, die er empfangen hatte, als er vor einem Jahr Vaders persönlichem Stab zugeteilt worden war. Man hatte ihm gratuliert – teilweise mit einem ziemlich neidischen Unterton! –, ihm die Hand geschüttelt, ihm auf die Schulter geklopft und ganz allgemein behauptet, dass er jetzt ein gemachter Mann sei.
Sei froh, Jimm! Sei dankbar für diese einmalige Chance! Jetzt machst du blitzschnell Karriere, haben sie zu mir gesagt, dachte Jimmory Sheckil wehmütig. Wenn die wüssten!
Es war nicht so, dass Vader Unmögliches von seinen Adjutanten verlangte – obwohl er das manchmal bei anderen tat. Aber es war einfach nervenzermürbend, längere Zeit in seiner Gegenwart zu verweilen – und das ließ sich leider nicht vermeiden, wenn man zu seinem Stab gehörte.
Der Mann hatte nicht nur dieses hitzige Temperament, das immer wieder mal aufflammte und ihn zu einer wandelnden Gefahrenzone machte. Nein, er hatte auch noch diese sprunghaften Stimmungswechsel, diese unerklärlichen und für gewöhnlich unvorhersehbaren Launen, die ganz plötzlich über ihn kamen und sich ebenso abrupt wieder verflüchtigten.
Obwohl es immerhin gewisse subtile Anzeichen gab, wenn man Lord Vader nur lange genug kannte. Wenn er zum Beispiel auf einmal immer schneller ging und geradezu in einen Sturmschritt verfiel, so dass man als sein Begleiter hinter ihm her joggen musste, um auch nur einigermaßen mit ihm Schritt zu halten... Oder wenn er länger als fünf Minuten mit auf dem Rücken verschränkten Händen brütend vor irgendeinem Fenster stand ... Dann war eindeutig Vorsicht geboten!
Das Problem dabei war, dass man meistens nicht wusste, warum er gerade eine von seinen kapriziösen Phasen hatte und wie lange sie andauern würde. Es war nämlich nicht immer so offensichtlich wie gestern Abend, als sie die Inhaftierungsebene verlassen hatten. Dass Lord Vader nach dem Zwischenspiel mit diesem impertinenten Rebellen wütend gewesen war, konnte man ihm ja nun wirklich nicht verdenken. Tatsächlich wunderte sich Sheckil immer noch darüber, dass der Rebell seinen unglaublich frechen Auftritt überlebt hatte. Er hatte noch nie gesehen, dass jemand sich Vader gegenüber so dreist und respektlos verhielt, ohne gleich anschließend seinen letzten Atemzug zu tun.
Aber Seine Lordschaft hatte aus unerfindlichen Gründen eine bemerkenswerte Zurückhaltung an den Tag gelegt (obwohl Sheckil jetzt wahrhaftig nicht in der Haut des Rebellen oder des haarigen Affen-Dings in seiner Zelle stecken wollte!). Doch danach war Vader durch die Executor gefegt wie eine Gewitterfront und hatte jeden mit Blitz und Donner überzogen, der das Pech gehabt hatte, ihm in die Quere zu kommen, was zum Glück nur wenige gewesen waren. (Die meisten Leute machten ganz automatisch einen großen Bogen um den Chef, wenn sie ihm zufällig begegneten – sicher war sicher.)
Auch Jimm Sheckil hatte einen Teil des Donnerwetters abbekommen und zwar in Form eines völlig unverdienten Rüffels: Als er extra höflich gefragt hatte, ob er jetzt gleich gehen sollte, um Commander Skywalker abzuholen, oder ob er noch auf weitere Anweisungen warten sollte, da hatte Lord Vader ihn angeschnauzt. Er hatte Jimm gefragt, ob er schwerhörig sei oder schwer von Begriff oder beides zugleich und warum er (Vader) eigentlich jeden simplen Befehl wiederholen musste, bevor er (Jimm) ihn endlich ausführte.
Das war nun wirklich nicht fair, wie Sheckil fand. Aber man widersprach Lord Vader nicht (das machte ihn nämlich erst recht wild!), also hatte er den ungerechten Anpfiff schweigend hingenommen, woraufhin der Chef ihn spürbar ungnädig weggescheucht hatte und alleine weiter gestürmt war, um sich an einem anderen Blitzableiter zu entladen oder seine Aggressionen sonst wie auszutoben.
Und Jimm Sheckil hatte sich leicht geknickt zu Deck 2 hinunter begeben, wo er gleich darauf von einem ebenfalls ziemlich gereizten Skywalker in Empfang genommen worden war. Er hatte einen recht gestressten Eindruck gemacht, was vermutlich mit dem goldfarbenen Protokolldroiden zu tun hatte, dessen abmontierter Kopf auf dem Arbeitstisch gelegen hatte, was ihn keineswegs davon abgehalten hatte, unaufhörlich vor sich hin zu quasseln. Sheckil hatte schon viele Droiden dieser Kategorie gesehen, aber noch keinen, der so viel plapperte und ganz allgemein so neurotisch wirkte. Doch als er hilfsbereit angeboten hatte, dem Droiden ein Update zu verpassen, das den offensichtlich bestehenden Laufzeitfehler in seiner Verhaltensmatrix beheben würde, da hatte auch Skywalker ihn angeblafft und ihm gesagt, dass er gefälligst seine imperialen Pfoten von dem C-3PO lassen und sich auch sonst um seine eigenen Angelegenheiten kümmern sollte.
Sheckil, der es wirklich nur gut gemeint hatte, hatte auch das hinuntergeschluckt und sich damit getröstet, dass man es manchen Leuten einfach nicht Recht machen konnte, egal wie viel Mühe man sich gab …
Und jetzt war er auf dem Weg ins Lazarett, wo er Lord Vaders Tochter seine Aufwartung machen sollte – und das war eine Konfrontation, auf die er wirklich lieber verzichtet hätte. Seine erste und bisher letzte Begegnung mit Prinzessin Leia war nicht gerade eine seiner Sternstunden gewesen und er war ein wenig besorgt, wie sie auf seinen Anblick reagieren würde – falls sie sich überhaupt noch an eine so belanglose Person wie ihn erinnerte.
Sheckil blieb vor dem Eingang des Lazaretts stehen und überprüfte sein makelloses Erscheinungsbild mit Hilfe der spiegelnden Glastür, bevor er eintrat. Im Vorraum stand zum Glück gerade der diensthabende Oberarzt herum und zankte einen anderen Arzt und zwei Pfleger aus. Nach seiner Patientin befragt (was natürlich absolute Priorität hatte!), wies der Oberarzt, irritiert über diese Unterbrechung, nur mit einer vagen wedelnden Handbewegung in die Richtung des Raums, in dem die Prinzessin untergebracht worden war, dann zeterte er weiter auf seine Untergebenen ein.
Jimmory Sheckil ging auf den bezeichneten Raum zu und blieb auch vor dessen Tür noch einmal stehen, aber dieses Mal, um sich mental auf das Gefecht vorzubereiten, das ihm jetzt wahrscheinlich bevorstand. Er atmete tief durch, hob den Kopf, straffte seine Schultern und marschierte dann betont energisch hinein. Es war wichtig, das Schlachtfeld mit militärischer Entschlossenheit zu betreten – nur niemals Feigheit vor dem Feind zeigen!
Der Feind … das heißt die Prinzessin ... saß aufrecht in einem Bett, dessen Kopfteil in einem 30-Grad-Winkel hoch gestellt worden war, um ihr als Rückenlehne zu dienen. Sie nestelte gerade an einem ihrer hüftlangen und ziemlich zerrauften Zöpfe herum. In dem formlosen weißen Krankenhaushemd, das man ihr gegeben hatte, sah sie unwahrscheinlich klein, jung und zart aus – ungefähr wie eine zerzauste Elfe, die rein aus Versehen aus ihrem Zauberwald heraus geflattert war und dank irgendeinem magischen Unfall ausgerechnet auf der Executor eine unfreiwillige Notlandung hingelegt hatte.
Doch ihr finsteres Gesicht passte irgendwie nicht ganz zu diesem zerbrechlichen Eindruck – und es verfinsterte sich gleich noch viel mehr, als sie Sheckil entdeckte.
„Was?!" sagte sie schroff. (Sie war sichtlich verärgert über die neueste imperiale Invasion in ihr Refugium.)
Das war kein guter Auftakt …
Sheckil beschloss, es mit einem kleinen Lächeln zu versuchen, um seine friedlichen Absichten kundzutun, bevor sie ihm den Kopf abriss. Also lächelte er – wenn auch ein bisschen verkrampft. (Er konnte nicht aufhören an Lord Vader zu denken, der ihm ganz sicher den Kopf abreißen würde, wenn er das hier versiebte.)
„Guten Tag, Ma'am. Ich bin hier, um Ihnen ein paar Sachen zu bringen."
Er stellte seine Tüte auf dem Fußende ihres Bettes ab und legte das Paket daneben.
Die Prinzessin machte sich nicht die Mühe, sein Lächeln zu erwidern.
„Was ist das?" fragte sie argwöhnisch.
„Ein paar Toilettenartikel und etwas zum Anziehen für Sie … Ma'am", antwortete Sheckil und fragte sich gleichzeitig, ob diese Anrede überhaupt korrekt war. Ob er sie vielleicht doch lieber Hoheit nennen sollte? Die Einhaltung des Protokolls war ja so wichtig …
Doch die Prinzessin verschwendete offenbar keinen Gedanken an Fragen der Etikette. Sie schnappte sich zuerst das Paket und riss die mit einem imperialen Abzeichen gestempelte weiße Kunststoffhülle auf wie ein zorniges Kind, das sich keinerlei Illusionen über den enttäuschenden Inhalt eines langweilig verpackten Geschenkes machte. Grauer Stoff flutete über die weiße Bettdecke. Sie faltete das erste der beiden Objekte auseinander und starrte ungläubig auf das nur allzu vertraut aussehende Jackett unter ihren Händen. Gleich darauf heftete sie ihre flammenden dunklen Augen auf Sheckil wie einen Zwillings-Laserstrahl.
„Eine Uniform? Eine imperiale Uniform?!"
Jimm Sheckil wusste nicht recht, was er dazu sagen sollte. Was hatte sie erwartet? Eine Rebellenuniform? Ein Abendkleid?
„Ich hoffe, dass sie Ihnen einigermaßen passt, Hoheit", sagte er unsicher. „Das ist die kleinste Größe, die wir auf Lager haben. Nicht einmal unser Admiral ist so winz … äh … zierlich … Ich meine ..."
Seine Stimme versickerte, als er mit einem Blick bedacht wurde, der Durastahl zum Schmelzen gebracht hätte.
„Ich ziehe das nicht an! Niemals!"
„In der Tüte ist auch noch ein Trainingsanzug. In dunkelblau. Und ganz neutral. Vielleicht ..." Sheckil brach erneut ab, als er noch einen dieser tödlichen Blicke erntete.
Leia aber sah den Lieutenant in diesem Moment zum ersten Mal richtig an – als Individuum, nicht nur als wandelndes Feindbild. Aber was sie da sah, gefiel ihr auch nicht besonders. Bohnenstange, langes Pferdegesicht, buschige blonde Augenbrauen … Irgendwie sah auch er verdächtig vertraut aus! Sie runzelte die Stirn.
„Kennen wir uns nicht irgendwo her?"
Jetzt war es also so weit! Sheckil wappnete sich für das nächste Donnerwetter. Er klappte die Hacken zusammen und stand noch ein bisschen strammer. Immer Haltung bewahren …
„Ich hatte bereits auf Bespin das Vergnügen, Ma'am … Hoheit."
„Ach ja, jetzt weiß ich es wieder. Sie sind doch dieser Flegel, der mich in Cloud City durch die Gegend gezerrt und mir dabei beinahe den Arm ausgekugelt hat!"
„Es … es war mir eine Ehre, Hoheit … Ma'am!" stammelte Sheckil.
Er hatte schließlich nur seine Pflicht getan. Und wer hätte damals ahnen können, dass diese zappelige widerspenstige kleine Kampfmaus Lord Vaders Tochter war? Und wer hätte damit rechnen können, dass er dank Calrissian, diesem hinterhältigen Wendehals, gleich darauf selber in einer Zelle landen würde? (Über diese Demütigung war Jimm Sheckil bis heute noch nicht hinweg!) Das Leben war wirklich voller unerwarteter Wendungen …
„Für mich war es das nicht!" erwiderte Leia scharf.
„Es tut mir wirklich sehr Leid, Lady Vader. Ich..."
Weiter kam der unglückselige Lieutenant nicht. Er duckte sich gerade noch rechtzeitig oder die Schnabeltasse, die die Prinzessin nach ihm warf, hätte ihn mitten ins Gesicht getroffen. Das graue Jackett und die dazugehörige Hose flogen gleich hinterher.
„SPRECHEN SIE MICH NIE WIEDER MIT DIESEM NAMEN AN!" schrie Leia. „SPRECHEN SIE MICH ÜBERHAUPT NIE WIEDER AN!"
Sie sah sich rachsüchtig nach weiteren Wurfgeschossen um, aber Sheckil ergriff hastig und gänzlich frei von militärischer Entschlossenheit die Flucht, bevor sie fündig wurde. (Ein geordneter Rückzug hatte nichts mit Feigheit vor dem Feind zu tun – absolut gar nichts!)
Es war übrigens nicht das erste Mal, dass er von einer aufgebrachten jungen Dame aus Lord Vaders Umfeld mit Gegenständen beworfen wurde. Vielleicht war das Jimmory Sheckils Schicksal …
Oder vielleicht waren einfach alle, die zu Lord Vaders Umfeld gehörten, ein klein wenig unausbalanciert! Emotionale Instabilität ... Es mochte ein genetisch bedingtes Familienmerkmal sein – und es war offenbar sogar ansteckend!
Und Lieutenant Sheckil pilgerte trübselig zurück in sein Büro, um seinen Kollegen sein neuestes Leid zu klagen …
Leia schäumte immer noch vor sich hin, als ihr Bruder eine Weile später hereinspazierte.
Nicht einmal der erfreuliche Umstand, dass er mit 3PO im Schlepptau anrückte, konnte sie beruhigen oder gar aufmuntern, zumal der Droide gleich nach der Begrüßung („Königliche Hoheit! Es tut ja so gut, Sie entgegen aller Wahrscheinlichkeit immer noch voll funktionsfähig zu sehen!") damit anfing, eine pausenlose Folge von düsteren Prophezeiungen von sich zu geben wie ein Katastrophen-Orakel auf Beinen.
Er stand ganz und gar unter dem Eindruck seiner traumatischen Erlebnisse auf Endor und war nicht von der fixen Idee abzubringen, dass ihm und allen anderen Anwesenden eine endgültige Deaktivierung bevorstand oder sogar Schlimmeres, was seine Gesellschaft noch strapaziöser machte als sonst.
„Wir sind verloren! Dieses Mal gibt es kein Entkommen mehr für uns", jammerte er. „Man wird uns alle terminieren und desintegrieren … und dann wahrscheinlich einschmelzen!"
An diesem Punkt schaltete Luke ihn auf Standby-Modus, weil seine Schwester mit jeder Sekunde nervöser und angespannter aussah.
Doch nun begann Leia mit ihrem Lamento über die neuesten imperialen Untaten.
Luke hörte ihr geduldig zu, nickte an den richtigen Stellen und bekundete auf jede nur denkbare Weise sein Mitgefühl. Und als sie fertig war, sagte er tröstend: „Mach dir nichts daraus. Es ist doch nur für ein paar Tage."
„Und wenn es nur für eine Stunde wäre... Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich in einer imperialen Uniform herumlaufe? Ausgerechnet ich?!"
„Aber irgendwas musst du schließlich anziehen", sagte Luke. (Er war geradezu aufreizend vernünftig und pragmatisch in letzter Zeit – und zwar immer gerade dann, wenn man am wenigsten damit rechnete!)
„Ja! Meine eigenen Sachen. Ich will sie wieder haben. Sofort!" erklärte Leia kategorisch.
„Das geht nicht. Sie haben sie weggeworfen, als du hier eingeliefert wurdest."
„Weggeworfen?!"
„Natürlich. Sie waren schmutzig und voller Blut. Und deine Bluse war kaputt. Sie mussten sie immerhin aufschneiden, um an deine Wunde ran zu kommen."
Aber so schnell gab sich Leia nicht geschlagen. Sie fischte in der Tüte herum, die immer noch auf ihrem Bett stand, und zog mit spitzen Fingern ein kleineres Päckchen heraus, um es ihrem Bruder zu zeigen.
„Und was soll ich damit anfangen?"
Luke betrachtete die Slips (schwarz-weißes Fischgrätmuster und ein unbestreitbar maskuliner Schnitt), die ihm direkt unter die Nase gehalten wurden, und unterdrückte einen Seufzer. Er hatte sie übrigens selbst ausgesucht, als er mit Lieutenant Sheckil gestern einkaufen gewesen war, aber das würde er seiner angriffslustigen besseren Hälfte jetzt ganz sicher nicht auf die Nase binden.
„Das hier ist ein Kriegsschiff, Leia. Es gibt keine Frauen in der Besatzung. Warum sollten sie also Damen-Unterwäsche im Angebot haben? Wenn du rosafarbene Seide mit Spitzenrüschen oder so was haben willst, dann musst du wohl warten, bis wir auf Coruscant landen."
„Diese Dinger werde ich jedenfalls nicht tragen!"
Es war schwer, auch darauf eine Antwort zu finden, die sich einigermaßen mitfühlend oder wenigstens verständnisvoll anhörte, also hielt Luke den Mund.
Doch das hatte unweigerlich zur Folge, dass Leia ihren Bruder beäugte, wobei ihr natürlich auffiel, dass sich seine Kleidung inzwischen ebenfalls verändert hatte – nicht viel, aber immerhin. Er trug immer noch die Hosen und die Stiefel, die sie schon vorher an ihm gesehen hatte, aber dieses schimmernde schwarze Seidenhemd war mit Sicherheit neu oder jedenfalls fremd.
„Du hast ja offenbar keine Probleme mit deinem Outfit", sagte sie honigsüß.
„Äh … ja. Das ist übrigens eines von seinen Hemden. Er hat es mir geliehen."
„Natürlich ist es sein Hemd. Das sieht doch jeder. Es ist dir fünf Nummern zu groß. Du siehst lächerlich darin aus!"
Luke zupfte verlegen an den Ärmelmanschetten, die ihm tatsächlich fast bis zu den Fingerknöcheln reichten, wenn er sie nicht umkrempelte, was womöglich wirklich ein wenig lächerlich aussah.
„Na ja … Aber ich habe auch eine Uniform bekommen, falls dich das beruhigt. Die passt auch viel besser als das hier, aber ich wollte sie heute noch nicht tragen, um dich nicht unnötig aufzuregen."
„Wie rücksichtsvoll von dir!" sagte Leia sarkastisch.
„Ich kann dir ein paar von seinen Hemden abgeben, wenn du willst", schlug Luke vor, ganz brüderliche Großmut.
„Was?! Also lieber würde ich mich splitterfasernackt in einer Wüste aussetzen lassen!"
„Und ich dachte, nach unserem kleinen Ausflug auf Tatooine wüsstest du, wie unangenehm es ist, halbnackt in einer Wüste ausgesetzt zu werden", sagte Luke in dem Versuch, die Stimmung durch einen kleinen Witz aufzulockern.
Leia errötete. Das ausgesprochen dürftige Tanzmädchenkostüm, das Jabba seiner Teilzeit-Sklavin aufgezwungen hatte, war ihr immer noch peinlich. (Es war nur gut, dass Han sie nicht in dieser Aufmachung gesehen hatte, denn er hätte niemals damit aufgehört, sie deswegen aufzuziehen. Vermutlich hätte er nach diesem Anblick eine ganze Serie von neuen absurden Titel für sie ausgebrütet, so etwas wie „Euer Langbeinigkeit" oder „Euer Frivolität" oder sonst was.
Ach, wie sehr sie Han vermisste ... Hoffentlich behandelten ihn diese Imperialen anständig. Falls nicht, würde sie gewissen Leuten die Hölle heiß machen, sobald sie es herausbekam!)
Und natürlich hatte sie sich damals auf Tatooine im Handumdrehen einen Sonnenbrand geholt. Und erst diese grässlichen Sandkörner überall. Sie blendete die unangenehme Erinnerung schnell wieder aus.
Außerdem hatte Luke Recht, so unerfreulich das auch war. Letzten Endes war alles besser als halbnackt durch dieses Schiff zu laufen! (Dieser Krankenhauskittel ließ der männlichen Fantasie nämlich nichts zu wünschen übrig: Er war hinten komplett offen und erlaubte freien Blick auf ihre königliche Kehrseite, sobald sie sich umdrehte.)
„Also gut", sagte sie missmutig. „Du hast gewonnen. Ich muss wohl in den sauren Apfel beißen."
„Braves Mädchen", lobte Luke.
Sie schnitt ihm eine Grimasse und zupfte erneut an ihren Zöpfen, die inzwischen in einem Zustand vollständiger Auflösung waren.
„Meine Haare. Ich muss irgendwas damit machen", murmelte sie.
„Soll ich dir helfen?"
„Ja, bitte. Ich würde es alleine machen, aber ich bin noch nicht beweglich genug. Ist zufällig eine Bürste da drin?" Sie zeigte auf die Tüte.
Luke dachte im Stillen, dass auch der Bedarf an Haarbürsten auf einem Sternzerstörer eher gering war. Für den hier typischen Militärschnitt reichte ein Kamm – oder notfalls sogar die Finger. Aber ein Kamm war immerhin tatsächlich in der Tüte. (Er wusste es, weil er ihn selbst eingepackt hatte.) Er holte das gewünschte Utensil hervor und hielt es ihr unter die Nase.
„Aber Haarspangen sind nicht dabei", sagte er, um weiteren Beschwerden gleich vorzubeugen. "Auch keine Haarschleifen oder Haarbänder oder Haargummis ..."
„Und was bitte sehr ist meinen Haarnadeln passiert?"
„Die haben sie auch weggeworfen", sagte Luke schnell, obwohl er in Wirklichkeit keine Ahnung hatte, was damit geschehen sein mochte.
„Sie hatten Angst, dass du deinen Arzt damit erstichst, sobald du wieder wach und kampfbereit bist. Ich habe ihnen geschworen, dass du imperiale Ärzte grundsätzlich nur dann erstichst, wenn sie dir eine Spritze geben wollen – also sozusagen aus reiner Notwehr –, aber sie haben mir nicht geglaubt", fuhr er mit todernstem Gesicht fort, doch seine Augen glitzerten vor Schelmerei.
„Ha!" sagte Leia kriegerisch. (Den unerträglich herablassenden Oberarzt, der sie behandelte wie die hoffnungslos demente Insassin einer Klapsmühle für die höheren Zehntausend, hätte sie übrigens wirklich gerne erstochen – aber ganz bestimmt nicht aus Notwehr!)
Luke lachte und begann damit, ihre zerzausten Zöpfe behutsam zu entwirren. Danach striegelte er ihre offenen Haare durch. Er versuchte es jedenfalls …
„Aua! Nicht so fest … das ziept. Pass doch auf!"
„Ich gebe mein Bestes."
„Dann ist dein Bestes eben nicht gut genug!"
„Also es ist nicht meine Schuld, dass deine Haare zwei Meter lang sind!"
„Sei kein Idiot! So lange sind sie doch gar nicht."
„Nein, aber fast", erwiderte Luke. „Wie wirst du bloß jeden Tag damit fertig? Hast du je über eine andere Frisur nachgedacht? Ich meine, so etwas in Schulterlänge würde dir bestimmt auch gut stehen..."
„Sollte irgendwann irgend jemand mit einer Schere in der Hand meinen Haaren zu nahe kommen, dann werde ich ihn wirklich erstechen – und zwar mit allem, was ich gerade zur Hand habe", sagte Leia energisch.
Luke dachte insgeheim, dass er allmählich gewisse Ähnlichkeiten zwischen Vater und Tochter entdeckte, aber er äußerte sich vorsichtshalber nicht dazu. Sonst kam Leia vielleicht noch auf die Idee, ihn zu erstechen, mit den Zinken des Kamms oder so etwas …
„So, fertig. Was jetzt? Wieder Zöpfe?"
„Nein, mach mir lieber einen Pferdeschwanz. Das geht schneller und lässt sich besser managen, wenn ich liegen muss."
„Ganz wie die Dame wünscht ..."
Luke teilte Leias üppige Mähne in drei halbwegs gleich dicke Stränge auf und begann einen einzelnen Zopf daraus zu winden. Er stellte sich dabei etwas ungeschickt an. Immerhin hatte er sich noch nie zuvor als Kammerzofe betätigen müssen.
Außerdem beschränkten sich seine Erfahrungen in der Kunst des Flechtens auf eine einzige Handarbeitsstunde in der Grundschule von Anchorhead, wo man ihn dazu gezwungen hatte, aus einem Dutzend Fäden bunter Banthawolle ein Lesezeichen zu knüpfen – ein einmaliges Erlebnis, das Luke genauso wenig Spaß gemacht hatte wie das Häkeln von zwei windschiefen Topflappen als Winterfestgeschenk für Tante Beru. Und dass das für Onkel Owen bestimmte Lesezeichen sein Dasein schließlich als schmuddeliger Pfeifenreiniger beendet hatte, hatte sich auch nicht gerade positiv auf Lukes Bereitschaft zu textilen Bastelarbeiten ausgewirkt.
Nein, die handwerklichen Talente von Luke Skywalker lagen ohne jeden Zweifel eher im mechanischen Bereich…
Aber er zog es durch. Und als er mit der Prozedur fertig war (und ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis), fixierte er das untere Ende seines Kunstwerks mit einem Streifen Verbandsmull, den er von der Rolle auf Leias Nachttisch abriss. Nach einem Augenblick der Überlegung machte er auch noch eine hübsche Doppelschleife (wegen der besseren Haltbarkeit) und präsentierte seiner Schwester sein Meisterstück voller Stolz.
„Na, was sagst du jetzt?"
„Es geht einigermaßen. Zum Glück war Friseur nie dein Traumberuf ..."
„Nein, ganz sicher nicht", entgegnete Luke. Er war ein wenig enttäuscht von ihrer lauen Reaktion.
Leia bereute ihre Undankbarkeit sofort. Sie beugte sich zu ihm hinüber und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
„Tut mir Leid, dass ich so ein Biest bin. Das hast du nicht verdient." Sie rückte die Mullschleife ein wenig zurecht und lächelte zu Luke hinauf. „Es ist in Ordnung, wirklich … und ich fühle mich damit viel besser als vorher. Du bist der beste kleine Bruder, den man sich nur wünschen kann."
„He, wer sagt denn, dass ich nicht der große Bruder bin?"
„Mein Gefühl. Und du weißt doch, wie bossig ich immer bin. Typisch große Schwester eben", sagte Leia leichthin.
„Du hast ja so Recht. Ich kenne nur ganz wenige Leute, die noch bossiger sind als du", sagte Luke liebenswürdig.
Leias nachgiebige Laune verpuffte sofort wieder.
Sie schleuderte ihren Pferdeschwanz mit einem aggressiven Schwung über ihre Schulter, lehnte sich in ihrem Bett zurück und sagte gallig: „Es besteht ja wohl kein Zweifel daran, wer hier der Bossigste von allen ist."
Uuups! Ich muss wirklich jedes Wort auf die Goldwaage legen, dachte Luke.
Obwohl er Leias Empfindlichkeit nur zu gut nachvollziehen konnte, machte das den Umgang mit ihr nicht gerade leichter.
Aber sie hatte einen schwierigen Tag hinter sich und brauchte offensichtlich eine Pause. Und Luke auch, wenn er ehrlich war. Er stand auf.
„Ich komme morgen wieder, okay?"
„Wenn dein Daddy es dir erlaubt", erwiderte Leia giftig.
„Leia, bitte ..."
„Sag jetzt lieber nichts!"
„Also gut. Dann bis morgen."
Und Luke gab Fersengeld, bevor ihr die nächste spitze Antwort einfiel …
3PO, jetzt wieder eingeschaltet und prompt voller neu erwachtem Mitteilungsdrang, stakste eifrig hinter ihm her und kommentierte alles, was er unterwegs sah. Seine ziemlich undiplomatischen Äußerungen, die er in einem Theaterflüstern von sich gab, das jeder im Umkreis von zehn Metern hören konnte, erregten mindestens genauso viel Interesse wie sein Besitzer, der sich bald wünschte, er hätte einen unbeweglichen und vor allem stummen 3PO auf einen Trolley gepackt und ihn einfach ganz unauffällig vor sich her gerollt.
„Oh je, oh je! So viele schießwütige imperiale Rohlinge auf einem Haufen. Das ist unser Untergang! Ganz bestimmt!"
„Nicht so laut!" zischte Luke aus dem Mundwinkel. „Und beruhige dich endlich, 3PO. Wir sind hier völlig sicher."
Doch der Droide war wie immer unempfänglich für subtilere Kommandos, vor allem dann, wenn sie in Form von Ermahnungen an seine Adresse gerichtet wurden.
„Sind Sie ganz sicher, dass wir hier sicher sind? Ich fürchte, man wird gleich wieder versuchen, uns zu eliminieren", blökte er. „Ich denke dabei natürlich nur an Sie, Master Luke. Es wäre doch zu schade, wenn Sie mich schon wieder reparieren müssten, nachdem Sie mich doch gerade erst fertig gestellt haben … Ich bin nämlich ganz sicher, dass diese imperialen Grobiane Übles im Schilde führen!"
Ein Offizier, der bis dahin ein Stück vor ihnen den Korridor entlang marschiert war, blieb stehen und drehte sich zu ihnen um. Und er war nicht der einzige …
„Oh nein, oh nein! Wie sie uns alle anstarren! Dieser Major da vorne sollte übrigens schnellstmöglich eine Diät machen, er liegt 8,6 Kilogramm über dem zulässigen Standard-Normgewicht für Militärpersonal. Außerdem sind seine zentralen Kapillargefäße stark erweitert, das kann man an seiner Gesichtsfarbe sehen. Ich bin natürlich nur ein bescheidener Dolmetscher, kein Medi-Droide, aber ich erkenne die Anzeichen für einen Schlaganfall, wenn ich sie sehe."
„Wenn du jetzt nicht endlich still bist, 3PO, dann siehst du gleich bei mir Anzeichen für einen Schlaganfall!"
Aber der Droide ließ sich nicht so leicht aus dem Konzept bringen. Jedenfalls nicht von seinem Begleiter.
„Also dieser Sturmtruppensoldat da drüben sieht genau in unsere Richtung und seine Körperhaltung strahlt zweifellos eine gewisse Feindseligkeit aus. Er zieht bestimmt jeden Moment seine Waffe. Erst schießen, dann fragen. Das tun Sturmtruppensoldaten immer, diese Rüpel, das weiß ich aus Erfahrung.
Ich frage mich, ob Sie nicht lieber Ihr Lichtschwert bereit halten sollten, um uns im Ernstfall zu verteidigen, Master Luke. Ich will Sie ja nicht beunruhigen, aber bei einem direkten Treffer auf diese kurze Entfernung liegt das Risiko einer erneuten Amputation eine Ihrer Extremitäten bei neun zu eins."
„Danke für den Hinweis, 3PO. Jetzt fühlen wir uns doch alle gleich viel besser."
Doch Lukes Sarkasmus prallte wirkungslos an dem Droiden ab, denn er hatte schon einen neuen Grund zur Aufregung entdeckt …
„Ach du meine Güte! Das ist ja die reinste Stolperfalle. Ich habe ja immer gedacht, R2 wäre die Geißel meiner Existenz und die schlimmste Prüfung meiner Schaltkreise, aber er rollt mir wenigstens nicht immerzu zwischen die Füße.
Ich sage Ihnen, Master Luke, die Programmierung dieser Mausdroiden ist äußerst mangelhaft. Sie sind eine Gefahr für jeden Zweibeiner hier und vor allem für mich, was wieder mal so typisch ist für die Geringschätzung, die das Imperium jeder Daseinsform entgegen bringt. Nein, was für schrecklich aufdringliche kleine Dinger! Und so rücksichtslos!
Ich werde bestimmt gleich straucheln und hinfallen. Das ist ja so schlecht für meine Politur. Und die Wahrscheinlichkeit einer ernsthaften Beschädigung liegt immerhin bei 23,7 Prozent, was nun wirklich viel zu hoch ist, Master Luke. Oh nein, nicht schon wieder! Das ist ja wie ein Hindernislauf..."
Für Luke fühlte es sich eher wie ein Spießrutenlauf an, was allerdings nicht an den Mausdroiden lag, sondern an 3POs Dauerbeschallung. Und wie immer in den letzten Tagen war er erleichtert, als er es endlich zu den sehr viel privateren und exklusiveren Regionen der Executor geschafft hatte.
Als sie vor dem exklusivsten Bereich überhaupt ankamen oder vielmehr vor dessen Eingang, wandte er sich seinem Gefährten zu und sagte eindringlich: „Hör mir jetzt gut zu, 3PO, denn das ist wirklich wichtig. Du wirst gleich meinem Vater begegnen und er … na ja … er wird garantiert noch weniger Geduld mit dir haben als Han."
„Es ist mir unbegreiflich, welches Problem General Solo mit mir hat", ereiferte der Droide sich sofort. „Ich bin immer bemüht, sogar die ungewöhnlichste Aufgabe, die mir übertragen wird, nach bestem Wissen zu..."
„Ich weiß. Hör mir zu! Ich will, dass du jetzt mal ein bisschen auf die Bremse trittst. Halt dich einfach ein wenig zurück. Also bitte kein Blabla mehr und vor allem keine Bemerkungen über die Schwachpunkte von imperialen Droiden, imperialen Verhaltensweisen, imperialen Gesundheitszuständen oder sonst was. Sei einfach nur höflich! So höflich wie möglich."
3POs Videosensoren flackerten ein wenig, was ganz den Eindruck erweckte, als hätte er vor Irritation geblinzelt.
„Ich verstehe nicht, was Sie damit zum Ausdruck bringen wollen, Master Luke. Ich bin ein Protokolldroide. Ich bin immer höflich", erklärte er in dem zimperlichen Tonfall, den Han Solo so gerne als seine Professorenstimme bezeichnete.
„Ja, das habe ich gerade mitbekommen …"
„Höflichkeit gehört zu meiner Basisprogrammierung, die absolut perfekt ist, Master Luke."
Luke verdrehte schon die Augen, aber 3PO war natürlich noch nicht fertig.
„Die allgemeinen Anstandsregeln und die Sitten und Gebräuche der meisten bekannten Spezies und eine damit einher gehende sozial kompetente Verbindlichkeit in meinem ganzen Benehmen und Auftreten machen mich zweifellos zu einem idealen ..."
An diesem Punkt fiel Luke ihm einfach ins Wort. „Weißt du noch, was Han zu dir gesagt hat, als du R2 dabei helfen wolltest, Chewie im Holoschach zu besiegen?"
„General Solo hat mich darauf hingewiesen, dass Wookies die höchst bedauerliche Angewohnheit haben, ihren Gegnern die Arme auszureißen, wenn sie bei einem Spiel besiegt werden."
„Riiichtig", schnurrte Luke. „Und mein Vater hat die höchst bedauerliche Angewohnheit jeden mit einem Lichtschwert zu bearbeiten, der das Imperium kritisiert oder ihm sonst wie auf den Sender geht. Also sei so verbindlich und sozial kompetent wie du nur kannst – oder es besteht eine Wahrscheinlichkeit von 99,9 Prozent, dass du in ungefähr fünf Minuten wirklich desintegriert und eingeschmolzen wirst und zwar von Darth Vader persönlich! Verstehst du, was ich damit zum Ausdruck bringen will?"
„Oh … oh … oooh!" ächzte 3PO.
„Ja, genau", sagte Luke herzlos und öffnete die Tür. „Komm schon."
Und 3PO zockelte fügsam (und für ein paar Sekunden tatsächlich schweigsam) hinter ihm her.
Vader saß an dem riesigen Schreibtisch, der eine Ecke des Wohnzimmers beherrschte, und war völlig auf den Computerbildschirm konzentriert, der das Zentrum der massiven Greelholzplatte einnahm. Hinter ihm waberten und wirbelten die endlosen Lichtstrudel des Hyperraums und bildeten wie ein kosmisches Kaleidoskop immer neue hypnotische Muster, die einen Betrachter leicht in den Bann ziehen und ihn in einen tranceartigen Zustand versetzen konnten.
Erst als die Executor das Endor-System verlassen hatte, hatte Luke begriffen, warum Vaders Schreibtisch das einzige Möbelstück in seinen Räumen war, das so platziert war, dass man mit dem Rücken zu diesem enormen Panoramafenster saß, abgeschirmt und unempfänglich für seinen verführerischen Ausblick. Die Sterne waren schon faszinierend genug, aber die unablässige Folge von psychedelischen Formen, die der Hyperraum lieferte, war beinahe unwiderstehlich, ein visueller Sirenengesang und eine betörende Zerstreuung, aber zugleich eine unablässige Ablenkung für jeden, der hier ernsthaft zu arbeiten versuchte.
Auch Luke riss sich jetzt nur mit Mühe von den sich dahin schlängelnden bläulichen Lichtströmen los, die seinen Blick sofort gefesselt hatten, und richtete seine Aufmerksamkeit mit bewusster Anstrengung auf die noch viel intensivere Energie-Vortex direkt vor sich.
Er kam näher, magisch angezogen, spähte über den Rand des Monitors hinweg und entdeckte, dass sein Vater über Tabellen voller langer Zahlenkolonnen brütete, die langsam über den Bildschirm krochen. Vader bedachte ihn mit einen vagen Lächeln.
„Ah, da bist du ja wieder, Junge. Und wie ich sehe, hast du inzwischen Fortschritte gemacht. Was ist mit dem Astromech?"
„R2 ist erst morgen an der Reihe. Für heute habe ich genug. Ich bin schon froh, dass ich den hier wieder zum Laufen gebracht habe."
Luke winkte dem Droiden zu, der vorsichtshalber gleich hinter der Tür stehen geblieben war wie gelähmt. 3PO kam seiner Aufforderung nach und stolzierte mit seinen charakteristisch ruckartigen Bewegungen auf sie zu, allerdings trotz seiner Bereitwilligkeit gerade langsam genug, um einen gewissen Widerwillen erkennen zu lassen. Luke konnte sich ein Schmunzeln nicht ganz verkneifen.
„Vater, das ist 3PO, der zweifellos berühmteste Protokolldroide der Galaxis."
„Wohl eher der berüchtigtste", erwiderte Vader und betrachtete den goldfarbenen Droiden mit flüchtigem Interesse. „Aber immerhin der begehrteste. Ich wette, Armand Isard würde jeden falschen Zahn hergeben, um ihn in die Finger zu bekommen und ihn auseinanderzunehmen."
„Wer ist Isard?" fragte Luke.
„Niemand von Bedeutung. Nur der amtierende Chef des imperialen Geheimdienstes."
„Oh … oh … oooh!" quiekte 3PO. (Die Kombination von so unheilschwangeren Begriffen wie „auseinandernehmen" und „imperialer Geheimdienst" lösten in ihm unweigerlich das gleiche Selbsterhaltungs-Subprogramm aus wie eine eventuell fatale Begegnung mit dem gleichfalls berüchtigtsten Sith der Galaxis.)
Vader zog eine Augenbraue hoch.
„Jetzt wird mir langsam klar, warum du so an ihm hängst, Junge. Er ist irgendwie … originell."
„Oh ja, das ist er", sagte Luke und hoffte gleichzeitig inständig, dass der Droide nicht noch mehr Beweise für seine Originalität erbrachte. „3PO, das ist mein Vater – Lord Vader!" fügte er mit einem warnenden Unterton hinzu.
3PO spulte sofort seinen üblichen und inzwischen oft erprobten Begrüßungstext ab, gegen den erfahrungsgemäß kein halbwegs vernunftbegabtes humanoides Wesen etwas einwenden konnte – nicht einmal General Solo … oder Jabba der Hutt … oder irgendein Sith...
„Guten Tag, Sir. Ich bin C-3PO, Experte für Mensch-Cyborg-Verständigung und Dolmetscher. Ich beherrsche sechs Millionen Kommunikationsformen und stehe Ihnen jederzeit gerne zu Diensten."
Er hielt einen Moment lang inne, aber als keine Antwort kam, fuhr er enthusiastisch fort: „Es ist mir eine überaus große Ehre, endlich Master Lukes Erbauer kennenlernen zu dürfen, Mylord. Und wenn ich mir die Freiheit nehmen darf, ein kleines Kompliment auszusprechen: Er ist Ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten, wie man so schön sagt. Derselbe Konstruktionsplan, das sieht man sofort. Und er war und ist immer so bestrebt, Ihrer Richtschnur zu folgen, das heißt in Ihre Fußstapfen zu treten. Sie müssen sehr stolz auf ihn sein."
Luke griff sich in einer Geste stummer Verzweiflung an die Stirn. Es war unglaublich, mit welch nachtwandlerischer Sicherheit 3PO trotz seiner perfekten Basisprogrammierung (und trotz all seiner Schleimerei!) von einem Fettnäpfchen ins andere trampelte.
Doch 3PO, der sich das ominöse Schweigen des Siths nicht anders erklären konnte als mit früheren Fehlfunktionen oder vielmehr Fehltritten seinerseits, sagte hastig: „Und Sie können selbstverständlich davon ausgehen, dass ich keinerlei Absichten hege, mich jemals wieder in irgendeiner Form illegal zu betätigen, Euer Lordschaft. Ich versichere Ihnen, dass ich unter normalen Umständen ein überaus korrekter Droide bin. Sollte ich in der Vergangenheit also jemals ein missliebiges oder sogar gesetzwidriges Verhalten an den Tag gelegt haben, so tut mir das ganz außerordentlich Leid. Es wird bestimmt nie wieder vorkommen."
Und als Vader ihn weiterhin nur kommentarlos anstarrte, in einem panischen Wortschwall: „Es war sowieso alles nur R2-D2s Schuld! Dieser renitente kleine Schmierölklumpen hat mich dazu gezwungen! Ich würde niemals aus eigenem Antrieb einen Diebstahl begehen, mich einer rechtmäßigen Regierung widersetzen oder sonst etwas Kriminelles tun! Es besteht also wirklich absolut kein Grund dazu, mich einzuschmelzen, Mylord!"
Luke griff ein, bevor dem Droiden vor lauter Stress eine Sicherung durchbrannte oder er auch noch auf die Idee kam, sich vor Vader auf den Boden zu werfen und sechs Millionen verschiedene Versionen von einem Kotau vorzuführen, was seinen Auftritt zweifellos wirkungsvoll abgerundet hätte.
„Danke, das reicht jetzt, 3PO", sagte er. „Geh doch nach nebenan und lass dein Diagnoseprogramm noch mal durchlaufen. Oder schalt dich einfach für eine Weile ab."
„Ja, Master Luke."
Der Droide stelzte gehorsam davon und verschwand in Lukes Quartier. Vater und Sohn sahen ihm nach, beide mit etwas gemischten Gefühlen.
Schließlich sagte Vader: „Redet er immer so viel Unsinn?"
„Na ja … normalerweise redet er noch viel mehr."
„Großer Sith! Wie hältst du das bloß die ganze Zeit aus?"
„Man gewöhnt sich irgendwann daran", erwiderte Luke achselzuckend.
„Also ich nicht!" sagte Vader und er sagte es ziemlich energisch. „Du hältst diese Nervensäge besser von mir fern."
„Das werde ich ganz bestimmt."
„Gut. Und weil wir gerade von Nervensägen reden..."
„Was machst du da eigentlich, wenn ich fragen darf?" sagte Luke rasch und zeigte auf Vaders Computer. (Es ging nichts über ein geschicktes Ausweichmanöver.)
Dieses Mal wanderten gleich zwei Augenbrauen in die Höhe.
„Netter Versuch, Junge", sagte Vader trocken. „Aber ich gebe nie auf, das solltest du inzwischen wissen."
Luke seufzte. Es war offenbar unmöglich, seinen Vater an der Nase herumzuführen. „Leia ist einfach noch nicht so weit. Lass ihr doch noch ein bisschen Zeit."
Vader lehnte sich in dem hohen Ledersessel zurück, der eher wie ein Thron aussah als wie ein Schreibtischstuhl, und verschränkte die Arme über der Brust.
„Wir haben nicht mehr viel Zeit, Junge. Unsere Schonfrist läuft bald ab. Und dir ist doch wohl klar, dass ich unbedingt mit deiner Schwester reden muss, bevor wir Coruscant erreichen?"
„Nein. Warum?"
„Weil der Imperator euch bestimmt so schnell wie möglich sehen will, wenn wir ankommen."
„Uns beide?" fragte Luke bestürzt. „Ich habe eigentlich gehofft, dass wir ihm das mit Leia verschweigen."
„Also das kommt gar nicht in Frage", sagte Vader entschieden. „Das wäre viel zu gefährlich. Für uns alle!"
„Wieso?"
„Weil Palpatine wahrscheinlich schon längst Bescheid weiß. Und es hätte verheerende Folgen, wenn ich versuchen würde, ihm so etwas zu verheimlichen."
„Woher soll er das wissen?"
„Er hat überall seine Schnüffler."
„Sogar hier auf der Executor?!"
„Natürlich."
Luke sah sich unwillkürlich voller Unbehagen um. Wenn er daran dachte, mit welcher Freimütigkeit sie hier über die Beseitigung des Imperators gesprochen hatten …
„Keine Sorge. Mein Quartier ist garantiert nicht verwanzt. Ich überprüfe das jeden Tag. Mehrmals! Der Agent, der es schafft mich abzuhören, muss erst noch geboren werden", erklärte Vader mit einer gewissen Selbstgefälligkeit.
„Aber das heißt ja, dass wir nur hier sicher reden können. Damit habe ich nicht gerechnet." Luke zögerte. Es fiel ihm trotz seiner wachsenden Unruhe nicht leicht, einen Fehler zuzugeben, aber in Anbetracht der Umstände war es höchste Zeit für eine Schadensbegrenzung – falls das überhaupt noch möglich war.
„Ich fürchte, ich habe etwas ziemlich Dummes gemacht", gestand er. „Ich wollte Leia nur ein bisschen aufmuntern, also habe ich ihr erzählt, dass wir den Imperator schon irgendwie erledigen werden. Wenn irgend jemand das wirklich mitbekommen hat, dann sind wir erledigt."
Doch Vader nahm seine Beichte überraschend gelassen auf.
„Mach dir deswegen keine Gedanken. Palpatine rechnet sowieso damit, dass du aufsässig bist und irgendwas versuchst, wenn du ihm das erste Mal gegenüberstehst. Immerhin bist du ein überzeugter Rebell, also so etwas wie Aufsässigkeit im Quadrat. In seinen Augen ist es völlig normal, dass du ihn glühend hasst und ihm den Tod wünschst. Er würde eher misstrauisch werden, wenn du sofort vor ihm auf die Knie fällst und den bekehrten Sith-Lehrling spielst." Vader legte eine kurze Denkpause ein, bevor er fortfuhr: „Eigentlich ist er immer misstrauisch. Er vertraut niemandem. Nicht einmal mir."
„Was?!" Luke starrte seinen Vater ungläubig an. „Ich habe gedacht, der Imperator sieht in dir seinen treuen Gefolgsmann und Thronfolger oder was auch immer."
„Na und? Das eine schließt das andere doch nicht aus. Letzten Endes haben alle Herrscher Angst vor ihren Thronfolgern – und das für gewöhnlich mit gutem Grund. Es ist so was wie ihr Berufsrisiko", sagte Vader in aller Ruhe.
Doch Luke war kurz davor, die Fassung zu verlieren. Es schien da einiges zu geben, was sein Vater ihm vorenthalten hatte – wichtige Dinge. Elementar wichtige Dinge.
„Aber … wenn er sogar dich verdächtigt... ich meine, jetzt schon … wie sollen wir dann jemals an ihn rankommen, wenn es so weit ist? Das ist doch unmöglich!"
„Je weniger du dir darüber den Kopf zerbrichst, desto besser. Überlass das einfach mir."
Luke schob eigensinnig den Unterkiefer vor und wenn er jemals nach Aufsässigkeit im Quadrat ausgesehen hatte, dann jetzt.
„Unmöglich!" rief er. (Meister Yoda hätte zweifellos ein Deja-vu erlebt.)
Dominant und autokratisch vom Scheitel bis zur Sohle war Vader wahrhaftig nicht daran gewöhnt, Erklärungen abzugeben. (Es war schon schlimm genug, dass er sich vor dem Imperator rechtfertigen musste!) Aber er sah ein, dass sein Sohn in diesem Augenblick des Zweifels etwas brauchte, woran er sich festhalten konnte. Vielleicht sogar eine Richtschnur, wie diese absurde Quasselstrippe von einem Protokolldroiden es genannt hatte.
„Palpatine bildet sich ein, alles und jeden kontrollieren zu können und das für immer und ewig. Er hält sich für unfehlbar und unbesiegbar, für unverletzlich und unsterblich. Er hält sich praktisch für einen Gott. Seine Arroganz ist seine größte Schwäche. Und genau das ist unsere Chance und gleichzeitig unser Sicherheitsnetz. Wenn es so weit ist und wir zuschlagen, wird er es nicht einmal kommen sehen – weil er es für unmöglich hält, dass Götter gestürzt werden können. Aber genau das werden wir tun, Junge."
Luke sah ihm direkt in die Augen.
„Bitte sag mir, dass du einen konkreten Plan hast."
Vader erwiderte seinen Blick kühl, aber unerschütterlich.
„Den habe ich nicht. Noch nicht. Aber ich habe ein paar wirklich gute Ideen."
„Ein paar Ideen?! Ist das alles?"
„Das ist nicht alles", sagte Vader. „Ich habe natürlich auch schon gewisse Vorbereitungen getroffen und die Dinge entwickeln sich günstig für unser Vorhaben, soviel kann ich dir sagen, falls dich das beruhigt. Aber es ist noch zu früh, um hier ins Detail zu gehen."
Und als sein Sohn ihn nur stumm anstarrte: „Ich habe nie behauptet, dass es einfach wird, Junge. Wenn es einfach wäre, dann hätte ich es schon getan. Aber zusammen werden wir es schaffen. Wichtig ist nur, dass wir jetzt an einem Strick ziehen. Wir alle."
Und es war vollkommen klar, wen er in den Begriff „wir alle" mit einbezog. Trotzdem musste Luke genau das hinterfragen.
„Und wie kommt Leia dabei ins Spiel?"
Vader schwieg einen Moment lang. Dann sagte er: „Ich muss wissen, auf welcher Seite sie steht."
„Nicht auf deiner Seite, das kann ich dir sagen!" Und als die Miene seines Vaters sich prompt verdüsterte, hastig: „Aber sie steht auch garantiert nicht auf Palpatines Seite. Also hast du vielleicht doch eine Chance, sie herumzukriegen."
„Selbst für den Fall, dass ich sie nicht herumkriege, muss ich sie wenigstens auf Kurs bringen", sagte Vader hart. Und als sein Sohn unwillkürlich auffuhr: „Wenn deine Schwester einen Fehler macht … wenn sie vor Palpatine aus der Rolle fällt und unverschämt wird, dann ist sie tot."
„Du meinst, dass der Imperator Leia vor ein Erschießungskommando stellen wird?" fragte Luke alarmiert.
„Nein, ich meine, dass er sie umbringen wird. Er selbst. Eigenhändig. Einfach so", sagte Vader schlicht. „Und das wollen wir doch lieber vermeiden, oder nicht?"
Eine Antwort darauf war vollkommen überflüssig, wie Luke fand. Stattdessen fragte er: „Und was genau bedeutet auf Kurs bringen?"
„Leia muss begreifen, was auf dem Spiel steht..."
„Das weiß sie selber. Sie ist ja nicht auf den Kopf gefallen", erwiderte Luke schroff.
„... und was für eine Rolle sie dabei übernehmen muss – ob sie will oder nicht", fuhr Vader unerbittlich fort.
„Das wird ihr nicht gefallen."
„Nein. Und deshalb werde ich ihr unmissverständlich klar machen müssen, dass sie einmal in ihrem Leben zu parieren hat – ganz egal, was sie davon hält!"
Luke wusste jetzt schon, wie Leia auf eine derartige Ankündigung reagieren würde.
„Dein Glück, dass du Han als Trumpfkarte im Ärmel hast", brummte er.
„Das ist wahr." Der Gedanke an diesen Trumpf gefiel Vader offensichtlich – er strahlte übersehbar eine katzenhafte Zufriedenheit aus. „Bei Verhandlungen ist es immer gut, wenn man noch ein Druckmittel … ein unschlagbares Argument in der Hinterhand hat."
Dieser Aussage war nichts mehr hinzuzufügen, also lenkte Luke die Diskussion lieber auf ihren Ausgangspunkt zurück.
„Aber heute nicht mehr! Leia ist gerade ziemlich aufgebracht."
„Das ist sie doch immer. Vierundzwanzig Stunden am Tag", kommentierte Vader.
„Von wem sie das bloß hat?" murmelte Luke mit gespielter Ernsthaftigkeit.
„Also von mir nicht! Ich bin der ausgeglichenste Mensch, den ich kenne", teilte der Sith mit.
Luke hielt es für klüger, nicht auf diese ziemlich gewagte Behauptung einzugehen, die so weit von der Realität und jeder Form der Selbsterkenntnis entfernt war wie nur möglich. (Obwohl er nicht umhin konnte, sich über Vaders Einschätzung seines eigenen Naturells zu wundern.)
„Einigen wir uns auf morgen? Morgen Abend?", erkundigte er sich. Er wollte Leias Schonfrist zumindest noch um diese kleine Atempause verlängern.
„Also gut. Dann eben morgen Abend. Aber noch länger werde ich es nicht rauszögern. Es muss sein, Junge."
„Ich weiß", seufzte Luke. Es führte wohl kein Weg mehr daran vorbei. „Sagst du mir jetzt endlich, was du da machst?"
Und Vader gelangte zu der Erkenntnis, dass sein Sohn ebenfalls nie aufgab – eine durch und durch positive Eigenschaft, die Luke ganz bestimmt nur von einem Elternteil haben konnte.
„Bevor du vor lauter Neugier vergehst..."
Vader krümmte seinen Zeigefinger in einer Geste der Einladung. Luke umrundete seinen Schreibtisch, stellte sich neben ihn und fixierte die Zahlenreihen auf dem Monitor. (Er war wirklich neugierig!)
„Treibstoffabrechnungen?" fragte er erstaunt, als er den Sinn und Zweck der Tabelle erfasst hatte. „Um so etwas kümmerst du dich?"
„Eigentlich kümmert sich Piett darum. Aber da am Ende auch meine Unterschrift unter dem Quartalsbericht steht, muss ich wohl wenigstens ab und zu einen Blick darauf werfen. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser."
Obwohl diese Einstellung natürlich wieder absolut typisch für den Sith und das allgemeine imperiale Betriebsklima war, war Luke doch einigermaßen verblüfft. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, dass so banale Verwaltungstätigkeiten wie die Überwachung von Materialverbrauch oder der entsprechenden Kosten zu Vaders Tagespensum gehören mochten. Wenn er sich seinen Vater überhaupt jemals bei der Arbeit vorgestellt hatte, dann hatte er ihn vor seinem geistigen Auge immer auf der Brücke der Executor gesehen, wie er seine Untergebenen mit einer unaufhörlichen Salve aus Befehlen und Drohungen auf Trab hielt, das Ganze untermalt mit dramatischen Atemzügen und ein paar nicht weniger theatralischen abrupten Kehrtwendungen, die seinen Umhang dekorativ flattern ließen. (Die beunruhigenderen Aspekte von Vaders Tätigkeit wie zum Beispiel gewisse Disziplinierungsmaßnahmen gegenüber besagten Untergebenen oder die Verhöre von Gefangenen – von seinem Umgang mit Familienmitgliedern ganz zu schweigen – hatte Luke dagegen zugunsten seines Seelenheils lieber verdrängt.)
Erneut mit den eher unerwarteten Seiten von Vaders Alltag konfrontiert, fragte Luke sich nicht ohne Ehrfurcht, welche Enthüllungen ihm wohl in Zukunft noch bevorstanden. Er hoffte, dass keine davon ihn völlig überfordern würde …
„Du schaffst es immer wieder, mich zu überraschen."
„Ich gebe mir eben Mühe", sagte Vader trocken.
Aus dem Nebenraum war ein Poltern zu hören und dann ein Krachen, gefolgt von einem doppelten Wehgeschrei.
„Ach du meine Güte! Oh je, oh je!"
„Ich glaube, ich sollte lieber mal nach 3PO sehen", sagte Luke.
„Ja, das Gefühl habe ich auch", erwiderte Vader.
Er wartete, bis Luke die Tür erreicht hatte, dann rief er ihm nach: „Ach, übrigens, Junge: Was auch immer dein verrückter Droide da drinnen zertrümmert, du wirst auch das reparieren."
„Und wenn ich es nicht mache, dann gibt es wahrscheinlich Stubenarrest für mich, was?"
Das war eigentlich gar nicht als Scherz gedacht, aber Vader grinste trotzdem ein wenig, halb ironisch, halb nachsichtig, was ihn auf einmal irgendwie sehr viel menschlicher und vor allem sehr viel väterlicher aussehen ließ als je zuvor …
Und plötzlich hatte Luke einen ziemlich deutlichen Eindruck davon, wie es wohl gewesen wäre, nach irgendeinem kindischen Streich oder einer klassischen Teenager-Missetat vor diesem Mann zu stehen und einfach blind darauf zu vertrauen, dass die Standpauke und die Strafe einigermaßen glimpflich ausfallen würden, weil es immer so war …
Der Gedanke versetzte ihm einen Stich und hinterließ eine Spur von Schwermut, eine kleine Melancholie, die all dem galt, was hätte sein können und was nun unwiederbringlich verloren war … Oder vielleicht doch nicht?
„Du sagst es, Junge. Und jetzt geh lieber, bevor dein 3PO es noch schafft, den Feueralarm auszulösen. Ich muss das hier durchsehen und zusammen mit meinem Computer von der Sprinkleranlage überflutet zu werden, wäre dabei keine große Hilfe."
Luke musste lachen – die Vorstellung von Vader, der bis zum Kinn in einem blubbernden Schaumbad aus Löschmitteln saß, war unwiderstehlich komisch.
Und plötzlich war alles sehr viel einfacher. Zumindest für diesen einen Moment ...
„Na dann … Bis später", sagte er leichthin und ging um zu sehen, was 3PO jetzt wieder angestellt hatte...
