Heul, nur Julia hat sich was gewünscht. Dabei hätte ich euch so schöne Variationen schreiben können. Jetzt müsst ihr halt mit meiner Vorlieb nehmen. Ich hoffe, sie gefällt euch.
Tausend Dank an Julia!
Das Ziel
Kagome hörte einen gellenden Schrei, der sich über das Tosen der Schlacht erhob, das Klirren der Waffen, das Brüllen der Monster übertönte. Sie stand wie gelähmt da und starrte in die goldenen Augen des Wesens, das vor ihr auf dem Felsen stand. Langsam kam sie zu sich und registrierte, dass sie selbst schrie und dass diese Augen ihrem Freund gehörtem, der vor ihr stand, wehrlos und vollkommen überrascht, weil sie selbst ihn angegriffen hatte, ihren Pfeil auf ihn abgeschossen hatte. Die quälenden Kopfschmerzen waren schlagartig verschwunden und mit ihnen der seltsame Nebel, der Inu Yasha verborgen gehalten hatte...und der Umstand, dass sie gemeint hatte, ihren ärgsten Widersacher dort zu sehen.
Sie hatte schnell gehandelt und gedacht, sie könnte ihn zur Strecke bringen, diesen widerlichen Kerl. Und nun stand sie da und musste erkennen, dass er sie erneut nur gefoppt hatte. Und sie war darauf herein gefallen. Sie hörte das miese Gelächter, wie es von der Höhe herunter klang, und ein kurzer Blick nach oben bestätigte, dass Naraku dort in seiner Schutzschildblase hing und sich schüttelte vor Lachen, vor Häme, sie wieder herein gelegt zu haben. Wut ergriff sie, unbändige Wut, und sie schrie erneut, aber diesmal aus Rache, aus Ärger, aus Verzweiflung. Sollte dieser Dreckskerl es wieder schaffen, dass Inu Yasha angegriffen und nieder gemacht wurde von einer Frau, die ihn eigentlich liebte? Was würde der Pfeil bewirken, wenn er seinen Körper traf? Die hell schimmernden Kristalle, gefüllt mit gereinigter Energie des Kristalls würden seine dämonischen Mächte vernichten. Er würde Mensch werden, voll und ganz und für immer. Er könnte Tessaiga nicht mehr benutzen, könnte die unbändige Macht des Schwertes nie mehr entfesseln. Nein, das sollte Inu Yasha selbst entscheiden, was er werden wollte, aber nicht Naraku. Sollte dieser verfluchte Dreckskerl wieder der Gewinner sein in seinem Ränkespiel?
Noch hatte der Pfeil Inu Yashas Körper nicht erreicht, noch stand er da, starr vor Überraschung, aber unverletzt auf dem Felsen. Nein, das sollte nicht noch einmal passieren, nein, nicht mit ihr. Wozu hatte sie gelernt, wozu geübt, soviel Zeit damit verbracht ihre Kräfte zu stärken, ihre Macht zu formen? Ihr Gesicht wurde grimmig, sie wurde böse, ernsthaft böse. Nein, nicht das! Sie fasste hinaus mit ihrer Macht, hetzte dem Pfeil hinterher, und griff hinaus, umfing den Körper des Hundejungen und entfaltete den Schutzschild. All dies geschah im Bruchteil einer Sekunde, angestachelt von Wut und Zorn. Der Schild baue sich sofort auf, ein strahlendes Violett erhellte den Fels und im gleichen Augenblick prallte der Pfeil auch schon auf seiner Oberfläche ab. Grimmig und zufrieden sah Kagome zu, wie der Pfeil mit seiner kristallenen Last zu Boden fiel.
Narakus Gelächter erstarb. Tja, zu früh gefreut! Und diesmal sollte er keine Zeit haben sich wieder eine neue Schweinerei auszudenken. Das Mädchen stob wie eine Furie aus dem Gebüsch und rannte zu dem am Boden liegenden Schlüssel zu Narakus Vernichtung. Sie schnappte sich blitzschnell den Pfeil und legte ihn erneut an.
Inu Yasha schaute zu der jungen Frau hinab. Wie sehr hatte sich dieses Bild in sein Gedächtnis eingebrannt: Die wunderschöne, schwarzhaarige Priesterin, gekleidet in traditionelles Rot und Weiß mit dem heiligen Pfeil auf ihrem gespannten Bogen, die braunen Augen, die ihn so oft liebevoll angeblickt hatten, verengt vor Hass, fixierten ihn und schickten ihm den Tod entgegen…oder wenigstens setzte sie ihn außer Gefecht. Nein, nicht schon wieder. Wie oft sollte er diese Szene denn noch erleben? Wie konnte das nur passieren? Er liebte dieses Mädchen, mehr noch als er damals in seiner unschuldigen Liebe die Priesterin Kikyou geliebt hatte. Was war jetzt schon wieder geschehen, dass sie auf ihn los ging? Da konnte nur Naraku dahinter stecken…und wirklich, er hörte ihn auch schon lachen. Er musste ganz in der Nähe sein. Verflixt, das ging alles so schnell, Kagome war auch wie der Blitz aus dem Gebüsch aufgetaucht und hatte sofort abgezogen. Er hatte sie nicht mal riechen können bei all dem Blut um ihn herum. Verdammt! Er starrte nur wie gebannt auf den Pfeil, der auf ihn zuschoss. Wenn ihm nicht bald was einfiel, dass würde er getroffen werden. Der Pfeil würde ihn nicht töten, aber die Kristalle würden ihre Wirkung zeigen. Gerade wollte er sich ducken, um der Spitze zu entgehen und damit seine Schulter zu schützen, auf die sie zuraste, da erkannte er das Aufblitzen von Kagomes Schutzschild.
Wie oft hatte er diesen Schild schon gesehen, wie er sich aufbaute, sein Ziel einhüllte, um dieses vor den schwersten Angriffen zu schützen. Er hatte so viel mit ihr geübt, bis sie die Kraft des Schildes und die Geschwindigkeit des Aufbaus so verbessert hatte, dass auch sein strenger Bruder Sesshoumaru damit zufrieden gewesen war. Es hatte sich also gelohnt, ihre Launen zu ertragen, wenn sie mit ihren Fähigkeiten gehadert hatte. Gutes Mädchen! Seine Augen blickten sie voll Stolz an. Dieser perverse Naraku würde sie nicht mehr besiegen. Nie mehr.
Lächelnd blickte er auf seine Freundin, die mit zerfetzter und blutverschmierter Kleidung aus dem Gebüsch gehuscht kam und sich den Pfeil am Boden schnappte. Er nickte ihr kurz zu, sah, wie sie eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht schüttelte und sofort den Pfeil wieder anlegte. Der junge Hundedämon wusste gleich, worum es ging. Er zog augenblicklich sein Schwert aus seiner Scheide und hielt es mit beiden Händen. Die erst schartige, schmale Klinge verwandelte sich augenblicklich in eine mächtige, in der Sonne schimmernde Schneide, deren Farbe sich in ein tiefes Rot verwandelte. Sie pulste in seinen Händen, er spürte ihr Vibrieren bis in den Schaft, der pelzumwunden in seinen kräftigen Klauen lag.
Aus allen Richtungen stürmten die Verbündeten auf das Paar zu. Jeder hatte den gellenden Schrei gehört und jeder erkannte, dass ihre Priesterin ihn ausgestoßen hatte. Sie musste in Gefahr sein! Kouga hielt inne und ließ von dem Affendämonen ab, den er gerade noch gejagt hatte und der von einem Treffer seiner zwar nicht mehr so kräftigen, aber immer noch schnellen Beine fast ohnmächtig geworden war. Jetzt hieß es Kagome beizustehen. Er wandte sich ab, gab seinen Wölfen einen kurzen Befehl, ihm zu folgen, und brach durch das Unterholz dem Schrei entgegen.
Bankotsu legte Kagura sanft ab und bettete sie in eine Nische der Felsenhöhle, in der er sie gerade getragen hatte. Sie lebte, er konnte ihr Herz klopfen spüren. Kurz küsste er sie, dann verschwand er Richtung Höhlenausgang. Die Frau, die ihm seine Geliebte zurück gebracht hatte, war in Gefahr und es war an der Zeit, sich zu revanchieren. Er hatte noch nie vor einer Schlacht gekniffen. Die Windbraut war hier sicher, und sie würde noch sicherer sein, wenn er ihren ehemaligen Herrn in die Hölle schicken würde. Also machte er sich auf, zurück zu der Stelle, wo er seine Waffe abgelegt hatte. Er schulterte sie kurz, warf seinen Zopf energisch in den Nacken und brauste los.
Sango versuchte Miroku zu überreden, in der Deckung der Büsche verborgen zu bleiben. Sie wollte mit ihrem wehrhaften, kleinen Bruder dem Schrei der Freundin folgen, ihr zu Hilfe eilen. Aber Miroku wehrte sich, er wollte nicht zurück bleiben, auch wenn sein Körper noch sehr erschöpft war von dem Gift von Narakus Bienen. Kagome hatte ihn geheilt, aber seine Kraft war noch nicht ganz zurückgekehrt. Trotzdem würde er sich nicht verstecken wie ein altes Weib. Und so schleppte Sango ihn mit und half ihm, auf Kiraras Rücken zu steigen. Schnell schwang sie sich selbst hinauf, ihr Bruder setzte sich hinter den noch schwankenden Mönch und schon stob die flammenumspielte Katze durch die Luft der gemeinsamen Freundin entgegen.
Sesshoumaru schwebte in kurzer Entfernung hinter Naraku. Er war Kagome gefolgt, als er mit Tenseiga einige der verstorbenen Helfer wieder auf das Schlachtfeld zurückgeholt hatte. Aber er war ebenfalls von ihr getrennt geworden, als er einen Schwarm dieser üblen Insekten mit seiner giftgrünen Peitschen zerteilt hatte, die er aus seinen Fingerspitzen quellen lassen konnte. Danach hatte Tokitchin gerade übel unter den feindlichen Dämonen gehaust, als er merkte, dass irgendetwas nicht stimmte.
Er hatte sich vom Boden erhoben, dem Gestank dieses miesen Dämonenherrschers entgegen, den er vernommen hatte. Und da hatte er auch schon die Szene vor sich gesehen: Die kleine Kagome im Gebüsch, den Pfeil angelegt auf seinen Bruder und Naraku, der beobachtend knapp über den beiden schwebte. Sesshoumaru verharrte und beobachtete die Szene kühl. Er wusste, dass Naraku seinen kleinen Bruder mit dieser Szenerie schon oft gequält hatte, und er war gespannt, wie die beiden aus dieser Situation heraus kommen würden. Wie viel hatte das Mädchen gelernt? Wie schnell war sein Bruder? Ob er hier eingreifen musste? Mit Zufriedenheit verfolgte er den Verlauf dieses Beinahe-Dramas unter ihm. Beide waren in der Lage, die Bedrohung abzuwenden. Das Mädchen hatte sich zwar nicht gegen Narakus Einfluss wehren können, aber sie konnte ihre Tat ungeschehen machen. Außerdem war er sicher, dass die Bewegungen seines Bruders schnell genug gewesen wären, um dem Pfeil zu entkommen. Wenn er auch nur ein Mischling war, die Gene seines Vaters waren auch in ihm und somit dessen Fähigkeiten. Und dieser eingebildete Narr Naraku bemerkte ihn vor lauter Schadenfreude nicht einmal. Das sollte sein Untergang werden.
Sesshoumaru sah, wie sein Bruder das Schwert des Vaters hob. Jetzt war es soweit, das Ende dieses größenwahnsinnigen Kerls war eingeläutet. Die Klinge färbte sich rot und er konnte ihre Macht spüren. Sein Bruder hatte gut gelernt, mit dieser Klinge umzugehen, das musste er ihm lassen. Wirbel umspielten die Schneide und Naraku war sein hämisches Lachen bereits vergangen. Er hatte wohl gemerkt, dass das Spiel umschlug. Etwas irritiert blickte er auf das rot glühende Schwert hinunter, aber immer noch selbstzufrieden, da er sich nicht vorstellen konnte, dass es ihm wirklich etwas antun konnte, da er ja doch gut geschützt in seinem Kokon ruhte. So oft hatten diese Hundebrüder versucht, ihn zu verletzen und zu verstümmeln, aber den Tod hatten sie ihm nie bringen können. Und er wusste von ihrem Plan. Dazu mussten sie aber alle zusammen halten, und er hatte doch dafür gesorgt, dass sie alle weit über das Schlachtfeld verstreut und beschäftigt waren.
„Naraku, das ist dein Ende!" Der Angesprochene zuckte zusammen. Woher kam diese kühle, erbarmungslose Stimme? In seiner ganzen Schadenfreude hatte er nicht bemerkt, dass er beobachtet wurde. Dieser miese Hundelord tanzte da über ihm in einer Energieblase, ähnlich seinem eigenem Schultzschild. Mist! Den hatte er nicht bemerkt. Na, und wenn schon. Die paar Typen konnten ihm doch nichts antun. Aber zu seiner Überraschung erkannte er, dass von überall Wesen herbei eilten, Menschen wie auch Dämonen, die den Dreien da zu Hilfe eilten. Er wollte sich gerade abwenden und aus dem Staub machen, als ihn auch schon der Wirbel des roten Schwertes traf, oder besser, seinen Schutzschild. Er wollte gerade hämisch lachen und den Angreifer aufklären, dass er mit seinem Spielzeug keine Chance gegen ihn hatte, als er auf den Spalt starrte, der sich direkt vor ihm auftat. Die Hülle brach! Das durfte nicht sein!
Panik erfasste ihn und er versuchte, den Schutzdämon in ihm anzuweisen, die Hülle zu verstärken. Doch der Dämon weigerte sich. Er hätte das verdammte Hanyou-Mädchen nicht aufnehmen sollen. Er hatte sie sich einverleibt, als er sie damals entdeckt hatte. Dieser blöde Inu Yasha hatte ihn zu ihr geführt. Sie war die Erbin dieser Fähigkeit ihres Vaters und ihr Großvater hatte sie schon erpresst, ihm mit dieser mächtigen Gabe zu dienen. Sie hatte sich natürlich geweigert ihm zu dienen. Aber was konnte ein kleiner Bastard schon gegen ihn ausrichten? Nur jetzt, wo er so auf sie angewiesen war, verweigerte sie standhaft ihren Dienst. Hatte sie den kleinen Rotzbengel da unten erkannt? Sie hatte dem Schwert in dessen Hand zu der roten Macht verholfen. War er so abgelenkt gewesen, dass er sie nicht genug unter Kontrolle gehalten hatte und sie die Feinde erspähen konnte? Hätte er sich vielleicht doch nicht so sehr seiner Rache widmen sollen? Hatten sich denn jetzt alle gegen ihn verschworen?
Er sah, wie die Klinge erneut gegen ihn erhoben wurde. Alle hatten nur ein Ziel in ihren Gedanken: das Ziel ihn zu vernichten. Und langsam dämmerte ihm, dass sie dieses Ziel diesmal vielleicht erreichen konnten. Immer mehr Wesen brachen aus den Büschen und tauchten unter ihm auf: Der Wolfsbastard, ein menschlicher Heerführer mit verdammt vielen Kriegern (warum waren die nicht tot?), die Feuerkatze mit den Dämonenkillern, sogar Kohaku, dieser kleine Verräter, und da hinten rannte brüllend der Söldner herbei, den er schon selbst angeheuert hatte. Diese verdammten Typen hatte er doch alle umgebracht. Warum kreuzten die denn immer wieder auf? Wut erfasste ihn und er versuchte, die Mächtigen in seinem Inneren zu kontrollieren, damit sie ihn schützten und unterstützten.
Sein Schutzschild brach endgültig unter dem zweiten Schlag des Schwertes und sofort schickte er die Dämonen hinaus, diese kleinen, kriecherischen Wesen zu packen und zu vernichten. Lange, schlangenartige Krakenarme fuhren aus seinem Rücken, giftgefüllte Spitzen schossen den Menschen entgegen und bespritzen sie mit ätzender Säure. Viele schrieen auf und sanken getroffen nieder, aber noch mehr sammelten sich, um gegen ihn vorzugehen. Und da hatte er ihn übersehen, den Pfeil, der auf einmal auf ihn zugerast kam. In der ganzen Aufregung hatte er versäumt, die Gedanken der Angreifer zu überwachen, zu sehr war er geschockt von dem Bruch seiner schützenden Hülle. Er starrte auf das Funkeln der Kristalle, die auf den Pfeil gebunden waren und die klar und rein in der Sonne schillerten, gereinigt von dieser kleinen Hexe. Und er wusste, dass er nun genauso verblüfft schaute wie der Hundejunge vor wenigen Augenblicken, als sich ihm die Pfeilspitze genähert hatte.
