Der Hogwartsexpress

Schnell gingen die Sommerferien vorüber und der Tag des ersten Septembers rückte näher. Erst sehr spät war Lily an diesem Morgen von ihrer Mutter geweckt worden und war seitdem schon die ganze Zeit in Eile, da sie fürchtete, den Zug zu verpassen. Noch nicht einmal ihr Koffer war vollständig gepackt, doch sie hatte beschlossen nur das Nötigste mitzunehmen. Rasch kämmte sie noch einmal ihre dunkelroten Haare.

Als Lily in den Spiegel sah leuchteten ihre Augen vor Freude. Das war der Tag, auf den sie seit Jahren gewartet hatte, schon seit James seinen Brief bekommen hatte.

„Wir kommen noch zu spät!", schimpfte Albus, der neben dem voll bepackten Wagen stand und fluchend ins Gras trat.

„Ich bin ja schon da", beruhigte Lily ihn, als sie aus dem Haus gehetzt kam und versuchte ihren Koffer in das Auto zu hieven.

Ihr Vater kam ihr zu Hilfe.

„Steigt ein!", befahl ihre Mutter und die drei Kinder setzten sich nach hinten auf den Rücksitz.

Wie immer bekam Lily, weil sie die kleinste war, den Platz in der Mitte. Morgana hielt sie fest auf ihrem Schoß.

Endlich fuhren sie los und Lilys Aufregung stieg. Die Fahrt bis zum Bahnhof King's Cross dauerte zum Glück nicht allzu lange und die ganze Familie war heilfroh, als sie um zehn vor elf ankamen.

„Durch die Absperrung!", drängte Ginny ihre Söhne und James und Albus verschwanden hinter der Steinwand.

Dann ging sie selbst und zuletzt Harry mit Lily.

Gleis neundreiviertel war wie immer überfüllt. Lily sah, wie ihre Brüder gerade ihre Koffer in den Zug stellten und machte sich mit ihrem Vater auf in ihre Richtung.

Als sie beim Zug ankamen, ergriff Harry Lilys Koffer und stellte ihn neben die ihrer Brüder.

„Danke, Dad", sagte sie und ihr Vater gab ihr eine letzte Umarmung.

„Viel Spaß in Hogwarts!", wünschte er ihr, „Mach dir keine Feinde!"

Nachdem er sich von ihr gelöst hatte, kam ihre Mutter und küsste sie auf beide Wangen.

„Vergiss nicht, uns zu schreiben", erinnerte sie.

„Natürlich nicht", antwortete Lily und stieg in den Zug ein.

Kurz darauf schlossen sich die Türen, die Dampflok stieß ein Pfeifen aus und fuhr schließlich los.

Lily winkte ihren Eltern zum Abschied, bis sie um eine Kurve bog und die beiden nicht mehr zu sehen waren. Dann nahm sie ihren Koffer und zog mit Morgana auf dem Arm weiter, um sich ein freies Abteil zu suchen.

Ihre Brüder hatten sich sofort aus dem Staub gemacht, um nach ihren Freunden zu suchen und nun war Lily ganz allein auf sich gestellt.

Die meisten Abteile waren schon besetzt, überall saßen bereits ältere Schüler in Grüppchen.

Während Lily über den Gang lief, wurde sie von den Herumstehenden angeglotzt. Viele deuteten sogar mit dem Finger auf sie oder tuschelten etwas. Mit einem seltsamen Gefühl im Magen fragte sie sich, was an ihr so interessant war. Ihr war unwohl bei dem Gedanken, dass alle sie anstarrten. Stimmte etwas nicht mit ihr? Doch Lily hatte keine Zeit sich weiter den Kopf darüber zu zerbrechen. Sie musste immer noch einen Platz finden.

Plötzlich sah sie einen Jungen allein in einem Abteil sitzen. Er sah aus dem Fenster. Der Junge war in Lilys Alter und sie hoffte inständig, dass sie sich zu ihm setzen konnte, da sie sich hier draußen auf dem Gang unangenehm beobachtet fühlte.

Auf einmal drehte er den Kopf zur Tür des Abteils und, als er Lily sah, breitete sich ein Grinsen auf seinem Gesicht aus und auf Lilys schließlich ebenfalls. Es war Colin und er winkte sie nun zu sich herein.

Sie schob die Abteiltür auf und zog ihren Koffer hinter sich her.

„Hi", sagte sie und auch Colin begrüßte sie.

„Kannst du mir vielleicht helfen den Koffer da hochzubekommen?", fragte Lily, nachdem sie die Tür wieder geschlossen hatte.

Sie deutete auf die Gepäckablage, auf der bereits ein Koffer und ein Eulenkäfig, mit Colins Eule darin standen.

Colin nickte.

„Kein Problem."

Als sie fertig waren, setzte Lily sich ihm gegenüber. Morgana hatte sich neben ihr auf dem Sitz eingerollt.

„Wie waren deine Ferien?", fragte er.

„Ziemlich gut", antwortete sie, „aber eigentlich konnte ich es kaum abwarten endlich nach Hogwarts zu fahren."

„Ging mir genauso", erklärte Colin.

„Ich freue mich schon am meisten auf das Essen dort", fügte er hinzu, „Mein Bruder sagt immer, es sei fantastisch."

Die beiden unterhielten sich wieder eine Zeit lang über Hogwarts und das schien gar nicht langweilig zu werden, bis plötzlich die Abteiltür aufgeschoben wurde und ein weiterer Junge mit braunen Haaren und schmalem Gesicht hereintrat.

„Ist hier noch frei?", fragte er.

„Klar", antwortete Colin und sie halfen dem Jungen auch sein Gepäck sicher zu verstauen.

„Ich bin Eric Bedloe", erklärte er danach und reichte ihnen die Hand.

„Ich bin Colin McKinnon und das ist Lily Potter", stellte Colin sie beide vor, „Kommst du auch neu nach Hogwarts?"

Eric nickte.

„Ich hatte keine Ahnung, dass es so etwas gibt", sagte er, während er sich auf den Platz neben Colin fallen ließ, „bis ich vor ein paar Wochen dann meinen Brief bekam."

„Deine Eltern sind also Muggel?", fragte Colin interessiert und setzte sich auch wieder.

„Muggel?"

Eric sah ihn irritiert an.

„Menschen ohne magische Fähigkeiten", antwortete Lily, die nun ebenfalls wieder auf ihrem Platz saß.

Erneut wurde die Abteiltür aufgeschoben und wieder traten zwei Jungen mit ihren Koffern herein. Der erste war klein und zierlich und hatte aschblonde Haare. Der zweite hinter ihm war etwas größer und stämmig. Er wirkte verträumt und sein braunes Haar war kurz geschnitten.

Lily kannte die beiden, Lorcan und Lysander waren die Söhne ihrer Patin Luna. Auch sie kamen in diesem Jahr neu nach Hogwarts.

„Können wir uns zu euch setzen", fragte Lysander.

Lysander war von den Zwillingen immer der kontaktfreudigere gewesen. Obwohl er so aussah wie seine Mutter Luna, hatte Lorcan ihr Wesen geerbt.

„Kommt ruhig rein", sagte Lily einladend.

Die beiden Jungen schlossen die Tür und wieder hievten alle gemeinsam ihr Gepäck in die Ablage. Dann ließen sie sich auf Lilys Seite neben Morgana, die immer noch schlief, auf einen freien Platz fallen.

„Ich bin Lysander Scamander", stellte sich der aschblonde Junge vor, „und das ist Lorcan."

Er deutete auf seinen Zwillingsbruder.

Colin stellte sich den beiden und Eric vor.

Obwohl nun schon fünf Leute, eine Katze und eine Eule in dem Abteil saßen, wurde es gar nicht eng. Sie alle hatten übermäßig viel Platz und sie hätten sicher noch Zuwachs bekommen können.

Kurz darauf kamen auch noch zwei Mädchen namens Fannie White und Olivia Abbott. Auch Fannie war genau wie Eric muggelstämmig und hatte bisher nichts über Hogwarts gewusst. Sie hatte ihre langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Olivia hatte rotblonde schulterlange lockige Haare und Sommersprossen auf der Nase.

„Wisst ihr schon, in welche Häuser ihr wollt?", fragte Colin die Zwillinge und Olivia, die sich mit Fannie neben Eric gesetzt hatte.

„Häuser?", fragte Fannie und Lily erklärte: „Es gibt vier Häuser: Gryffindor, Hufflepuff, Ravenclaw und Slytherin. In die werden wir eingeteilt. Nach Gryffindor kommt man, wenn man mutig ist, in Hufflepuff ist man fleißig, in Ravenclaw schlau und in Slytherin listig."

„Du-weißt-schon-wer war in Slytherin", sagte Colin mit düsterer Stimme.

Colins Abneigung gegen die Slytherins gefiel Lily mehr und mehr.

„Wer ist Du-weißt-schon-wer?", fragte Fannie interessiert.

„Keiner sagt seinen Namen", erklärte Colin.

„Warum nicht", fragte Eric.

„Er war der mächtigste schwarze Zauberer aller Zeiten. Viele haben immer noch Angst vor ihm, obwohl er tot ist", antwortete Colin ihm.

„Er nannte sich Lord Voldemort", warf Lily ein.

Colin erschauderte.

„Angst vor einem Namen macht nur noch größere Angst vor der Sache selbst", erklärte sie, „Mein Dad sagt immer, ich soll die Dinge beim richtigen Namen nennen."

Erstaunt sah Colin sie an, auch Olivia sah ehrfürchtig aus, doch die Zwillinge wirkten völlig unbeeindruckt.

„Wir sollen ihn auch Voldemort nennen", sagte Lysander und zuckte die Schultern.

Colin konnte nicht fassen, dass er den Namen nun schon zum zweiten Mal hören musste.

„Versucht es doch auch mal!", forderte Lily ihn und Olivia auf, doch sie schüttelten beide die Köpfe.

Ein viertes Mal, seitdem Lily sich in das Abteil gesetzt hatte, schob jemand die Tür auf.

Es war ein Mädchen mit langen flammendroten Haaren und blauen Augen. Sie trug bereits ihren brandneuen schwarzen Hogwarts-Umhang und lächelte Lily an.

Lily erkannte sie und lächelte zurück. Es war ihre Cousine Lucy. Auch sie kam neu nach Hogwarts.

„Habt ihr noch einen Platz für mich frei?", fragte sie.

Alle nickten und Lucy setzte sich auf Lilys Seite neben die Zwillinge.

„Ich bin übrigens Lucy Weasley, Lilys Cousine", sagte sie zu all den anderen im Abteil.

Auch der Rest stellte sich ihr vor.

„Also ist Slytherin böse?", fragte Eric noch einmal nach und damit war das Thema Häuser wieder voll im Gange.

„Es hat nicht den besten Ruf", antwortete Colin verbissen.

„Meine Mum ist ein Muggel, aber mein Dad war in Gryffindor und meine Tante in Hufflepuff wie auch eigentlich der Rest meiner Familie seit Generationen", erzählte Olivia, „Ich würde deshalb gern in eines der beiden Häuser kommen."

„Meine Mum war in Ravenclaw", erzählte Lucy, „aber mein Dad war in Gryffindor und meine Schwester ist dort auch."

„Ich glaube, ich will nicht nach Slytherin", sagte Eric.

„Ist auch besser so", bestätigte Colin.

„Nur weil du nach Slytherin kommst, heißt es aber nicht, dass du ein schlechter Mensch bist, hat mein Dad gesagt", erzählte Lily, doch Colin sah sie zweifelnd an.

„Ich will trotzdem nicht dorthin", erklärte er trotzig, „Alle aus meiner Familie waren in Gryffindor und das soll auch so bleiben."

„Unser Dad war in Hufflepuff, aber Mum war in Ravenclaw", trug Lorcan verträumt zur Unterhaltung bei.

Sie unterhielten sich weiter über Hogwarts und über ihre Familien. Colin interessierte sich sehr für Erics und Fannies Eltern, da er selbst überhaupt keine Muggel in der Familie hatte.

Um die Mittagszeit kam eine ältere rundliche Frau mit einem Süßigkeitenwagen angerollt. Sofort holte Lily den Geldbeutel, den ihr Vater ihr gegeben hatte, heraus. Sie kaufte Unmengen an Süßigkeiten. Davon hatte sie immer geträumt, sich so viele Schokofrösche, Kesselkuchen, Kürbispasteten und Bertie Botts Bohnen in allen Geschmacksrichtungen hineinzuschaufeln, dass ihr schlecht davon wurde und heute hatte sie die Chance. Also kaufte sie zehn Kesselkuchen, drei Kürbispasteten, eine Packung von Bubbles bestem Blaskaugummi, um die siebzig Schokofrösche, zehn Lakritzzauberstäbe, drei Tüten Fruchtgummikröten und fünf Packungen Bertie Botts Bohnen in sämtlichen Geschmacksrichtungen. Das alles schüttete sie auf den Platz neben Morgana, nachdem sie Lorcan, Lysander und Lucy gebeten hatte, ein Stück zu rutschen. Die anderen staunten bei dem Anblick, doch auch Colin hatte sich nicht zurückgehalten etwas zu kaufen. Er hatte alles auf seiner Seite verteilt.

„Bedient euch ruhig!", bot er den anderen an.

Auch Lily hatte ihnen bereits von ihrem Zeug angeboten. Sie würde ohnehin nicht alles allein schaffen.

Zusammen fraßen sie sich durch die Sachen von Colin und Lily hindurch, während der Zug an Wiesen und Feldern vorbeifuhr. Fannie traute den Süßigkeiten nicht und beäugte alles ganz genau, bevor sie davon kostete, doch Eric, der sich auch selbst etwas gekauft hatte, schlug sich den Bauch voll, als hätte er Wochen lang nichts zu essen bekommen.

Der Zug fuhr weiter und Lily sah aus dem Fenster. Draußen wurde es immer dunkler.

„Bestimmt sind wir bald da", vermutete Lucy.

„Ja, lasst uns lieber unsere Umhänge anziehen", schlug Colin vor und sie kramten in ihren Koffern nach ihren Schulumhängen.

Tatsächlich war es bald so weit. Als alle fertig waren, ertönte eine Stimme, die Schüler sollten das Gepäck im Zug lassen, es würde später mit hochgebracht, und sich nach draußen begeben. Lily ließ Morgana im Zug zurück. Man würde sie sicher mit nach oben nehmen. Doch sie hatte leichte Gewissensbisse, wenn sie an ihre Katze dachte, und es tat ihr irgendwie leid, sie einfach zurückzulassen.

„Erstklässler hier her!", brüllte eine riesige Gestalt mit einer Laterne in der Hand, als sie ausstiegen, „Alle Erstklässler zu mir!"

„Hagrid!", rief Lily.

„Hallo Lily", begrüßte Hagrid sie.

Er schien bester Laune. Lily und die anderen versammelten sich mit vielen weiteren Erstklässlern um Hagrid herum.

Als alle da waren, folgten sie dem Halbriesen, bis sie an einen See kamen.

„Nehmt euch immer zu viert ein Boot!", befahl Hagrid.

Lily nahm sich eins mit Colin, Eric und Olivia. Bald saßen alle in ihren Booten (Hagrid musste eins für sich allein nehmen.) und es konnte losgehen.

Wie von selbst setzten sie sich in Bewegung und fuhren über den spiegelglatten See zum Schloss hinauf. Lily war beim Anblick von Hogwarts, das auf einem Felsen thronte, fasziniert und auch die anderen Erstklässler bestaunten das riesige Gebäude mit offenen Mündern.

„Köpfe runter!", brüllte Hagrid, als die ersten Boote den Felsen erreicht hatten, die auch kurz darauf hinter einem Vorhang aus Efeu verschwanden.

Sie gelangten in eine Art Höhle und kamen schließlich an einem unterirdischen Bahnhof an, an dem die Boote letztendlich hielten.

„Alle aussteigen!", brüllte Hagrid über ihre Köpfe hinweg.

Lily, Colin, Eric und Olivia kletterten aus ihrem Boot. Wieder versammelten sich die Erstklässler um Hagrid herum. Im Schein seiner Lampe stiefelten sie einen Gang zwischen den Felsen empor, bis sie auf einer weichen, feuchten Wiese im Schatten des Schlosses herauskamen.

Vor dem Schloss war eine lange Steintreppe, die Hagrid sie hinaufführte.

Als alle oben angekommen waren, kontrollierte Hagrid, ob jemand fehlte.

„Sin' alle noch da?", rief er in die Menge.

Einige der Schüler nickten. Dann hob Hagrid seine gewaltige Faust und klopfte dreimal gegen das riesige Eichenportal.