Hogwarts
Schweißgebadet wachte Lily am nächsten Morgen im Schlafsaal der Gryffindor-Erstklässlerinnen auf. Sie war sehr erleichtert, als sie bemerkte, immer noch in Hogwarts zu sein und dass der gestrige Tag kein Traum gewesen war.
Nachdem sie ihre Schuluniform angezogen hatte, weckte sie die anderen Mädchen, mit denen sie sich den Schlafsaal teilte und stieg dann hinunter in den Gemeinschaftsraum, wo sie auf Colin wartete. Dabei machte sie es sich auf einem Sofa vor dem Kamin gemütlich. Die nächsten sieben Jahre hier zu verbringen, konnte Lily sich sehr gut vorstellen. Es wirkte alles so einladend und der Gemeinschaftsraum war einfach furchtbar gemütlich.
Colin kam einige Minuten später verschlafen und mit Eric im Schlepptau die Treppe von seinem Schlafsaal hinunter. Alle wünschten sich gegenseitig einen guten Morgen und gingen schließlich gemeinsam in die Große Halle zum Frühstück.
Hogwarts war größer als Lily es gedacht hatte und sie hätten sich beinahe schon auf dem Weg zum Frühstück verlaufen, wären hinter ihnen nicht Hugo und sein Freund Andrew aufgetaucht, die sie ihnen die richtige Richtung wiesen.
Angekommen setzten sich die drei an den Gryffindortisch. Colin tat sich gleich Verschiedenes auf und Lily fühlte sich ein wenig an Hugo und Onkel Ron erinnert, wenn sie an Weihnachten das Festmahl von Grandma Molly sahen. Die beiden stürzten sich auch immer gleich auf alles, was da war, so als hätten sie wochenlang nichts bekommen.
Viele der anderen Gryffindors waren schon da, nahmen ebenfalls genüsslich ihr Frühstück ein und quatschten dabei munter. Lily tat sich etwas Haferschleim auf, doch gerade als sie sich den ersten Löffel in den Mund schaufeln wollte, flogen hunderte Eulen mit der morgendlichen Post herein, die sie über ihrem jeweiligen Besitzer fallen ließen. Einige erlaubten es sich sogar, auf den Tischen zu landen, um auch etwas von dem guten Essen zu bekommen.
Plötzlich erinnerte sich Lily daran, dass sie ihren Eltern noch schreiben musste, verschob diesen Gedanken jedoch auf nach dem Frühstück. Sie würde sich darum kümmern, sobald sie die Zeit dafür fand.
Im Sturzflug schoss eine der Eulen direkt auf sie zu. Lily zuckte erschrocken zusammen, als sie bei ihnen landete und eine Milchkanne umwarf. Colin fluchte.
„Die ist für mich", sagte er entschuldigend und nahm der Eule eine Zeitungsrolle ab.
Nachdem er sie entfaltet hatte, konnte Lily erkennen, dass es sich um den Tagespropheten handelte, den Colin, während er frühstückte, anscheinend aufmerksam las.
„Gibt es irgendetwas Interessantes?", fragte Lily, in die Stille hinein, die dadurch entstanden war. „Nein", seufzte Colin und blätterte um, während Eric fasziniert die sich bewegenden Bilder beobachtete.
„Doch hier", rief Colin plötzlich aufgeregt, „die Tutshill Tornados haben endlich einen neuen Sucher!"
„Wer ist es?", fragte Lily.
„Thomas Kent, ein Neuzugang", antwortete Colin, „aber ich hoffe, er ist schlecht."
„Für welche Mannschaft bist du?", fragte Lily ihn, die nun, wo sie das Thema Quidditch erst einmal angeschnitten hatten, nicht mehr lockerlassen konnte, denn sie liebte es über alles.
Colin sah von der Zeitung auf.
„Montrose Magpies", antwortete er, „und du?"
„Holyhead Harpies", entgegnete Lily.
„Deine Mum war mal Jägerin da, oder?", fragte Colin und Lily nickte stolz.
Zu Hause in ihrem Zimmer hatte sie mehrere Poster, mit denen ihre gesamten Wände zugeklebt waren. Außerdem sammelte sie die Spielfiguren, die man in ein kleines Stadion setzen konnte, um ihnen dann beim Quidditch zuzusehen. Das Stadion hatte sie noch nicht, dafür aber eine Reihe an Figuren.
„Was genau ist Quidditch?", fragte Eric neugierig.
„Der beste Sport der Welt", antwortete Colin ihm und Eric runzelte die Stirn.
„Du spielst es auf Besen in der Luft", erklärte Lily.
„Jede Mannschaft hat sieben Spieler. Es gibt drei Jäger, einen Hüter, zwei Treiber und einen Sucher."
Colin fing an, Eric die Aufgaben der verschiedenen Spieler zu erklären. Er erzählte ihm alles über Spielzüge, Mannschaften und Quidditchspiele, die er mal besucht hatte. Colin redete unaufhaltsam und Lily beschloss, das Thema Quidditch ihm gegenüber nie wieder anzuschneiden, auch wenn sie wirklich gern darüber redete und manche Dinge, die er erzählte, recht interessant waren. Auf solche Vorträge konnten sie und auch Eric in Zukunft verzichten.
Letzterer schien ihm nach einiger Zeit gar nicht mehr zuzuhören. Er hatte sich wieder seinem Essen zugewandt und fütterte nebenbei Colins Eule mit Brotkrumen, was Colin nicht einmal zu bemerken schien, denn er redete die ganze Zeit begeistert weiter.
Sowohl Lily als auch Eric waren sehr dankbar, als Professor Longbottom an ihrem Tisch herumging und ihnen die Stundenpläne austeilte.
Professor Neville Longbottom war nicht nur ein guter Freund ihrer Eltern, sondern auch seit einigen Jahren der Hauslehrer von Gryffindor und unterrichtete außerdem noch das Fach Kräuterkunde. Lily kannte ihn schon lange, denn ihre Eltern und er besuchten sich regelmäßig gegenseitig. Neville war sogar der Pate von Lilys Bruder Albus und hatte James, Albus und Lily schon die ein oder anderen Geschichten erzählt, die er mit ihren Eltern damals zusammen in Hogwarts erlebt hatte. Normalerweise hatte Lily ihn auch immer nur unter seinem Vornamen Neville gekannt, aber jetzt hier in der Schule schien es ihr doch reichlich seltsam, ihn mit diesem anzusprechen und das, obwohl Professor Longbottom einer der coolsten Lehrer war, die es auf Hogwarts jemals gegeben hatte, wie James immer wieder erzählte.
Zusammen mit seiner Ehefrau Hannah lebte er außerhalb der Schulzeit nämlich unten in Hogsmeade über einem Gasthaus, namens Eberkopf. Dieses hatte Lily einmal betreten, als ihr Vater sie mitgenommen hatte. Rein äußerlich war Professor Longbottom etwas größer als Lilys Vater und hatte kurze blonde Haare. Sein Gesicht war rund und freundlich, jedoch auch ein wenig vernarbt und Lily fragte sich immer, wie er die Narben bekommen hatte. Natürlich hatte sie ihn deswegen aber nie ausgefragt.
Nachdem Professor Longbottom weitergegangen war, sah Colin, der nun endlich aufgehört hatte zu reden, auf seinen Stundenplan.
„Wir haben jetzt eine Stunde Verteidigung gegen die dunklen Künste", stellte er fröhlich fest und auch Lilys Miene erhellte sich.
Ihre Brüder hatten ihr bereits von dem Unterricht bei Professor Thomas vorgeschwärmt.
Eilig rannten die drei hinauf in den Gryffindor-Gemeinschaftsraum, um ihre Schulsachen noch vor der ersten Stunde zu holen und dann machten sie sich gleich auf zu Professor Thomas Klassenzimmer.
Verteidigung gegen die dunklen Künste hatten die Gryffindors im zweiten Stock zusammen mit den Slytherins und, als die Gryffindors ankamen, waren diese schon da und starrten sie feindselig an. Doch auch die Gryffindors hatten keine netten Blicke für ihre Gegner übrig und so standen sich die beiden Häuser gegenüber, bis Professor Thomas kam.
Die erste Stunde verlief nicht sonderlich spannend, wie Lily fand, denn Professor Thomas erklärte ihnen lediglich, wozu man das Fach brauchen würde und was in ihrem ersten Jahr alles auf sie zukäme.
Im Anschluss hatten sie dann gleich eine doppelte Freistunde und als Colin das verkündete, sah Eric ihn missmutig an. Wahrscheinlich dachte er, Colin würde die Zeit nutzen, um ihm weiter über Quidditch zu erzählen. Doch Colin hielt die restliche Zeit den Mund und schwieg auch noch, als sie sich hinauf in den Turm machten.
„Gleich zwei Freistunden so früh am Morgen hintereinander sind aber schon komisch, oder?", fragte Eric, als sie gemeinsam das Porträtloch der Fetten Dame erreichten.
Colin grinste verschmitzt. Wie auch Lily wusste er genau, dass sie ab Oktober noch ein weiteres Fach dazu bekommen würden. Lily wusste, dass er Erics Frage nun wieder als Anstoß nehmen konnte, weiter über sein Lieblingsthema zu reden, aber aus irgendeinem Grund entschied er sich dagegen.
Lily ließ sich auf das Sofa fallen, auf dem sie auch am Morgen schon gelegen hatte, doch der Gemeinschaftsraum war nun leer. Nur in den hinteren Ecken saßen einige ältere Schüler, die sich leise unterhielten.
Nach einiger Zeit fiel Lily wieder ein, dass sie noch ihren Eltern schreiben wollte, weshalb sie sich Pergament, Tinte und eine Feder aus ihrem Schlafsaal holte. Danach kam sie damit wieder zurück und setzte sich zum Schreiben an einen Tisch.
Liebe Mum, lieber Dad,
hier in Hogwarts ist es großartig. Es ist sogar noch besser als in allen Beschreibungen von euch.
Der Sprechende Hut hat mich wie James und Albus nach Gryffindor geschickt und ich bin natürlich froh. Lucy und Lorcan wurden Ravenclaws und Lysander ist ein Hufflepuff.
Auf der Zugfahrt habe ich nur nette Leute kennengelernt. Eric und Colin sind mit mir nach Gryffindor gekommen. Also nein Dad, ich habe mir noch keine Feinde gemacht!
Heute Morgen hatten wir schon Verteidigung gegen die Dunklen Künste bei Professor Thomas und heute Nachmittag Kräuterkunde bei Neville. Ich freue mich allerdings mehr auf die erste Flugstunde.
Auch Morgana geht es gut. Sie ist draußen.
Ich versuche mich bald wieder zu melden!
Liebe Grüße, eure Lily!
Die restliche Zeit nutzten Lily, Colin und Eric, um Zauberschach zu spielen. Colin gewann meistens. Er war erstaunlich gut und er hätte ihrem Onkel Ron Konkurrenz machen können, dachte Lily. Eric dagegen irritierte es völlig, dass die Figuren mit ihm redeten und andauernd versuchten ihm Ratschläge zu erteilen, weshalb er nur verlor.
„Was haben wir jetzt?", fragte Colin schmatzend, als sie in der Mittagspause am Gryffindortisch saßen und ihr Essen einnahmen.
„Wieder eine Freistunde", antwortete Eric.
„Dann lasst uns in die Bibliothek gehen", schlug Lily vor.
Colin sah sie mit großen Augen und einem Mund voll an.
„Wir haben doch in Verteidigung gegen die Dunklen Künste Hausaufgaben bekommen", sagte Eric zu ihm, „Wenn wir die Freistunde nutzen, haben wir am Nachmittag frei!"
Also schlurfte Colin nach dem Mittagessen hinter den beiden her in die Bibliothek, wo sie ihre Hausaufgaben erledigten, Lily und Eric mehr und Colin eher weniger, denn er war über einem dicken Wälzer eingeschlafen. Ein Glück, dass sie sich möglichst weit nach hinten gesetzt hatten, sodass Madame Pince es nicht sehen konnte.
Lily wusste von ihren Eltern und Brüdern, dass Madame Pince sehr pingelig war, wenn es um die richtige Behandlung und Pflege von Büchern ging.
Als es schließlich läutete, gingen sie zusammen mit den Slytherins nach draußen zu den Gewächshäusern. Die erste Stunde Kräuterkunde war sehr interessant, denn Professor Longbottom zeigte ihnen alle Pflanzen in Gewächshaus drei, mit denen sie in diesem Jahr arbeiten würden. Im Anschluss daran durften sie sich sogar, um ihre erste Pflanze kümmern. Es war eine Pollbeere, die geerntet werden musste. Das war eine sehr schwierige Angelegenheit, denn wenn man zu fest zupackte, dann zerplatzten die Beeren und bespritzten einen mit einem klebrigen Saft. Einem Slytherin namens Gregory Goyle passierte es ständig und als er über und über mit Pollbeerensaft bedeckt war, musste Lily einfach kichern.
Den Rest des Tages verbrachten die drei damit, durch das Schloss zu streifen. Dabei entdeckten sie die Geheimwege, von denen James Lily öfter erzählt hatte und fanden viele interessante Dinge, wie ein Porträt, das hin und wieder unsichtbar wurde und manchmal schien, als sei es ein Spiegel.
Auch dem Raum der Wünsche statteten sie einen Besuch ab.
„Dad hat erzählt, er wurde während des Krieges zerstört", erklärte Lily, während sie dreimal gegenüber dem Porträt von Barnabas dem Bekloppten hin und her lief und versuchte sich ihren Wunsch möglichst genau vorzustellen.
Kurz darauf erschien eine Tür und Lily war sehr erleichtert, dass es gleich beim ersten Mal geklappt hatte. Aufgeregt drückte sie die Türklinke herunter.
„Es muss eine Menge Magie gebraucht haben, alles wieder zu errichten", vermutete Eric, doch als Lily die Tür geöffnet hatte, blieb ihm der Mund offenstehen.
Vor ihnen war ein exaktes Abbild des Gryffindor-Gemeinschaftsraumes.
„Wahnsinn!", staunte Colin, „Lass mich auch mal etwas wünschen!"
Doch leider tat sich nichts.
„Was hast du dir gewünscht?", fragte Eric neugierig.
„Süßigkeiten", antwortete Colin enttäuscht.
Eric lachte.
„Dass man Essen nicht herzaubern kann, weiß ja sogar ich und meine Eltern sind Muggel!"
Verlegen kratzte Lily sich am Hinterkopf. Tatsächlich hatte sie selbst das auch nicht gewusst.
Hogwarts war so groß und verwirrend, dass Lily überrascht war, dass sie es erst am Freitag schafften sich wirklich zu verlaufen. Als sie am Nachmittag zu Geschichte der Zauberei gingen, dabei falsch abbogen und sich auf einmal im Zauberkunstkorridor wiederfanden. Nicht gerade hilfreich war ihnen dabei der Poltergeist Peeves, der ihnen fünf verschiedene Gänge zeigte, doch natürlich war keiner von ihnen der Richtige. Zum Glück begegneten sie Roxanne, die ihnen hilfsbereit den Weg zeigte.
Wenn Lily im Schloss unterwegs war, fiel ihr häufig auf, dass sie, egal wo sie sich befand, von anderen Schülern angestarrt wurde. Außerdem tuschelten immer noch hin und wieder einige über sie, doch Lily tat es jedoch damit ab, dass man wohl neugierig auf James' und Albus' kleine Schwester war. Ansonsten war ihr schleierhaft, was es über sie zu tuscheln gab.
Doch in Hogwarts gefiel es ihr sehr. Im Unterricht kam sie gut mit und auch die Lehrer schienen sie zu mögen. Tatsächlich wurde der Unterricht auch bald interessanter.
Außer Verteidigung gegen die Dunklen Künste, Kräuterkunde und Geschichte gab es noch Zaubertränke, das Professor Cauldwell, der Hauslehrer von Hufflepuff, unterrichtete.
Er schien immer gute Laune zu haben und verteilte äußerst gern Punkte. Lily allein verdiente sich in ihrer ersten Stunde am Mittwochnachmittag schon 20 Hauspunkte für Gryffindor und Zaubertränke wurde eines ihrer liebsten Fächer, zusammen mit Verteidigung gegen die dunklen Künste, das nun zunehmend spannender wurde, da sie bald auch richtige Verteidigungszauber lernten und die Theorie nur noch Nebensache wurde.
Zauberkunst wurde von Professor Baddock unterrichtet, welcher der Hauslehrer von Slytherin war. Das bedeutete, dass er die Gryffindors besonders hasste. Meist ignorierte er ihre Meldungen und zog ihnen für völlig harmlose Dinge Punkte ab. Zum Beispiel, als Colin aus Versehen seine Murmel, die er eigentlich mithilfe seines Zauberstabes auf dem Tisch hin und her rollen sollte, durch den ganzen Raum schoss, hatte Gryffindor zehn Punkte weniger.
Geschichte der Zauberei war Todes langweilig. Es wurde immer noch (und wahrscheinlich würde sich das nie ändern) von Professor Binns unterrichtet. Schon nach der ersten Stunde beschlossen Lily, Colin und Eric das Fach nach der fünften Klasse abzuwählen.
Ein weiteres interessantes Fach war Verwandlung. Dieses wurde von der Hauslehrerin von Ravenclaw, Professor Crouch, unterrichtet. Sie war streng, aber man konnte ihrem Unterricht gut folgen und, da sie Verwandlung zusammen mit den Ravenclaws hatten, sah Lily dort auch Lucy und Lorcan regelmäßig. Besonders Lucy schien sehr talentiert für jegliche Art von Metamorphosen und war bei jeder Aufgabe als erste fertig.
Die Abende verbrachte Lily mit Eric und Colin im Gemeinschaftsraum. Häufig lernten sie zusammen, spielten Zauberschach oder Zauberschnippschnapp und wurden mit der Zeit wirklich gute Freunde. Da Eric muggelstämmig war, mussten sie ihm Vieles beibringen, doch er lernte die neuen Spiele schnell und erzählte ihnen, dass es in der Muggelwelt sogar ähnliche gab.
Freitags um 10.30 Uhr nachts hatten sie auch Astronomie auf dem Astronomieturm. Dort lernten sie etwas über die verschiedenen Planeten und ihre Monde. Doch auch das fand Lily sterbenslangweilig. Was interessierte sie das? Die Planeten waren ohnehin so weit entfernt und schließlich war sie keine Zentaurin. Um diese Uhrzeit lag sie wirklich lieber schlafend in ihrem Himmelbett oben im Turm. Drei Stunden lang mussten die Erstklässler in die Sterne schauen, bis sie sich um 1.30 Uhr morgens endlich wieder hinunter in den Gemeinschaftsraum begeben durften.
„Zum Glück können wir morgen ausschlafen", murrte Lily missmutig, als sie dieses Martyrium nun zum dritten Mal hinter sich gebracht hatten.
Olivia Abbott nickte nur. Vermutlich war sie auch zu müde, um irgendetwas Sinnvolles beizutragen.
Als die Gryffindors jedoch schließlich an ihrem Gemeinschaftsraum ankamen, fanden sie nicht nur die Fette Dame vor, die auf sie gewartet hatte.
Rechts neben dem Eingang zum Gemeinschaftsraum, stand ein älterer Schüler, groß, dunkelhaarig und sehr konzentriert. Den Zauberstab gezückt stand er vor einer Wand neben dem Porträt und murmelte ihnen völlig unverständliche Worte.
Die zehn Gryffindor-Erstklässler blieben verwirrt stehen und starrten den Eindringling an.
„Chrm chrm", räusperte Colin sich urplötzlich laut und der Junge schreckte herum.
Als er sie ansah, glaubte Lily ihn von irgendwoher zu kennen. Urplötzlich war sie hellwach und versuchte sich zu erinnern, doch leider fiel ihr nichts ein.
„Was machst du hier?", fragte Colin kühn, „Der Slytherin-Gemeinschaftsraum ist im Kerker."
Lily nickte nur, wandte die Augen jedoch nicht von dem älteren Schüler ab. Tatsächlich war er ein Slytherin. Man erkannte es an dem Abzeichen auf seinem Umhang, doch da war noch ein weiteres Abzeichen und Lily wusste, dass das hier Ärger geben konnte.
Arrogant verschränkte der Slytherin die Arme vor der Brust und schnaubte verächtlich.
„Ich wüsste nicht, warum ich mich erklären müsste. Viel eher sollte ich fragen, warum alle Gryffindor-Erstklässler mitten in der Nacht durch das Schloss streifen."
„Wir hatten Astronomie", erklärte Susanna Lewis.
Der Junge zog eine Augenbraue hoch.
„Das wäre dann unsere Erklärung. Wo ist deine?", fragte Colin wieder.
„Ganz schön vorlaut", sagte der Slytherin wieder, „Aber fürs erste will ich mal gnädig sein. 15 Punkte Abzug für Gryffindor. Gibt es noch weitere Fragen?"
Die restlichen Gryffindors schwiegen und Lily war drauf und dran etwas zu sagen, aber sie wusste, sie hatte hier keine Chance. Sich gegen einen Schulsprecher aufzulehnen, war einfach nur unklug.
„Kommt Leute, wir gehen", erklärte Lily und sie ging voran auf das Porträt der Fetten Dame zu.
Erstaunlicherweise mussten weder Lily noch irgendjemand der anderen das Passwort nennen. Auch sie beäugte den Slytherin-Schulsprecher argwöhnisch.
„Warum durfte der uns Punkte abziehen?", fragte Susanna, als alle sicher zurück im Gemeinschaftsraum waren.
„Er ist Schulsprecher. Die dürfen leider alles", schnaubte Colin wütend, „Blöde Slytherins!"
Lily wusste, dass die Begegnung mit diesem Slytherin da draußen Colins Hass auf Slytherins nicht gerade beenden würde.
„Ach komm, die Punkte holen wir locker wieder rein", versuchte Eric ihn aufzumuntern.
Colin brummte nur.
„Aber verdächtig war der schon", gab Max Fry zu bedenken.
Lily nickte.
„Total. Ich meine, was hatte der hier zu suchen? Was wollte er? Was hat er da an der Wand gemacht?"
„Wir sollten rausgehen und nachsehen", erklärte Eric und war sofort Feuer und Flamme.
„Eher nicht mehr heute", sagte Max, „Wahrscheinlich lungert er noch draußen und wartet nur, dass er uns noch mehr Punkte abziehen kann."
Garnet Trumble trat vor: „Wir sollten auf jeden Fall Professor Longbottom Bescheid geben."
Alle Erstklässler nickten einverstanden.
Schließlich verabschiedeten sie sich und wünschten sich gegenseitig eine Gute Nacht. So gingen die Mädchen rechts in ihren und die Jungen links in ihren Schlafsaal.
Am nächsten Morgen war die Aufregung um den Slytherin-Schulsprecher wieder verflogen. Als Lily im Gemeinschaftsraum auf Colin und Eric traf, deuteten diese auf einen Aushang am schwarzen Brett. Es war etwas, worauf Lily sich schon sehr gefreut hatte.
Flugstunden
Liebe Erstklässler,
bald beginnen für Sie die Flugstunden. An folgenden Terminen werden Sie in diesem Trimester ab der zweiten Stunde auf dem Quidditchfeld erwartet. Notieren Sie sich die Sie betreffenden Termine und seien Sie pünktlich!
Mit freundlichen Grüßen,
Amanda Rivers
Montag, den 30. September: Gryffindor & Hufflepuff
Donnerstag, den 03. Oktober: Ravenclaw & Slytherin
Montag, den 07. Oktober: Gryffindor & Ravenclaw
Donnerstag, den 10. Oktober: Hufflepuff & Slytherin
Montag, den 14. Oktober: Gryffindor & Slytherin
Donnerstag, den 17. Oktober: Hufflepuff & Ravenclaw
Montag, den 21. Oktober: Ravenclaw & Slytherin
Donnerstag, den 24. Oktober: Gryffindor & Hufflepuff
Montag, den 28. Oktober: Hufflepuff & Slytherin
Donnerstag, den 31. Oktober: Gryffindor & Ravenclaw
Montag, den 04. November: Hufflepuff & Ravenclaw
Donnerstag, den 07. November: Gryffindor & Slytherin
Montag, den 11. November: Gryffindor & Hufflepuff
Donnerstag, den 14. November: Ravenclaw & Slytherin
Montag, den 18. November: Gryffindor & Ravenclaw
Donnerstag, den 21. November: Hufflepuff & Slytherin
Montag, den 25. November: Gryffindor & Slytherin
Donnerstag, den 28. November: Hufflepuff & Ravenclaw
Montag, den 02. Dezember: Ravenclaw & Slytherin
Donnerstag, den 05. Dezember: Gryffindor & Hufflepuff
Montag, den 09. Dezember: Hufflepuff & Slytherin
Donnerstag, den 12. Dezember: Gryffindor & Ravenclaw
Montag, den 16. Dezember: Hufflepuff & Ravenclaw
Donnerstag, den 20. Dezember: Gryffindor & Slytherin
„Was für ein komplizierter Plan", murrte Colin, als er eine Feder herausholte und sich die Termine für Gryffindor notierte.
„Wenigstens haben wir so nicht immer zusammen mit ein und demselben Haus. Stell dir einen ganzen Montagmorgen mit den Slytherins vor", machte Lily ihm klar.
Colin seufzte.
