Nachsitzen

Nach dem Quidditchspiel führte Gryffindor nicht nur im Rennen um den Quidditchpokal, sondern hatte auch die meisten Hauspunkte, ganz dicht gefolgt von Ravenclaw.

James war sich sicher, dass sie auch in diesem Jahr wieder den Quidditchpokal gewinnen würden, denn, seit er in seinem dritten Jahr Kapitän geworden war, hatte Gryffindor jedes Jahr den Sieg errungen und James schien sich dabei bereits eine Menge Fans gemacht zu haben.

Je länger Lily in Hogwarts war, umso mehr fiel ihr auf, dass James ständig von irgendwelchen Mädchen angehimmelt wurde, sowohl bei den Mahlzeiten als auch auf den Gängen und im Gemeinschaftsraum. Jedes Mal, wenn er in der Nähe war, fingen sie an, sich seltsam zu benehmen und aufgeregt mit ihren Freundinnen zu tuscheln. Sogar die Mädchen in Lilys Schlafsaal hatten sich schon darüber unterhalten, wie toll James Potter doch war, aber Lily fand das natürlich eher abstoßend.

Anscheinend war James sein Ruhm hier im Schloss auch schon ganz schön zu Kopfe gestiegen. Zumindest schien er es auszunutzen, dass er von vielen so gefeiert wurde. Eine Freundin hatte er bisher allerdings noch nicht gehabt, jedenfalls hatte Lily nichts dergleichen mitbekommen und sie bekam viel mit. Zurzeit sah es ganz danach aus, als interessiere ihn nur Quidditch.

Obwohl sie das Spiel so erfolgreich gewonnen hatten, setzte er immer öfter Training an und so konnte man das Gryffindor-Quidditchteam fast jeden Abend dabei beobachten, wie sie mit Schlamm bespritzt, nass und sehr erschöpft hinauf in den Gemeinschaftsraum kamen.

Auch Albus kam bei dem ganzen Ruhm nicht zu kurz, seit er sich nun auch in diesem Jahr wieder als Super-Sucher bewährt hatte. Doch im Gegensatz zu James genoss er den Ruhm weniger und versuchte so gut es ging im Hintergrund zu bleiben.

Langsam wurde es draußen kälter und dunkler. Es regnete häufiger in letzter Zeit. Der Wind blies nun stärker. Die Tage wurden kürzer und Lily konnte bald ihren Winterumhang aus ihrem Koffer kramen. Die Woche zog sich schnell dahin und schon bald war Halloween.

Als Lily am Donnerstagmorgen in die Große Halle kam, war diese über und über mit Kürbissen und bunten Laternen geschmückt, denn am Abend würde hier das Fest stattfinden.

Nach dem Frühstück gingen die Gryffindors zu Kräuterkunde, wo Professor Longbottom ihnen einen langen Vortrag über gefährliche Pflanzenarten hielt. Darunter war an diesem Morgen auch die Teufelsschlinge, die Lily besonders faszinierend fand. Überhaupt war der Unterricht heute sehr spannend und genau genommen konnte es fast keiner der Erstklässler abwarten, mit einer dieser Pflanzen zu arbeiten, auch wenn die Teufelsschlinge in diesem Jahr leider nur in der Theorie behandelt werden würde.

Anschließend trafen sich die Erstklässler zu einer weiteren Flugstunde auf dem Quidditchfeld ein. Heute hatten die Gryffindors zusammen mit den Ravenclaws Flugunterricht.

Mittlerweile hatten es alle geschafft problemlos auf die Besen zu steigen und ein Stück in die Höhe zu fliegen, ohne dabei einen Unfall zu bauen. Madame Rivers schien sehr zuversichtlich, dass sie es alle bis zum Ende des Jahres schaffen würden, ausgezeichnet zu fliegen, auch wenn Eric da anderer Meinung war. Er hatte sich inzwischen zwar verbessert, flog jedoch noch immer sehr unsicher.

Wirklich gut bei den Ravenclaws dagegen waren nur Marcus Corner, dessen Bruder auch der Kapitän bei den Ravenclaws war, und die muggelstämmige Polly Grey, die sich beim Spiel am Wochenende schon so begeistert gezeigt hatte. Lucy flog natürlich auch ganz passabel, aber das hatte Lily schon gewusst, da sie im Fuchsbau schon oft zusammen Quidditch gespielt hatten.

Heute sollten sie ein paar gerade Strecken durch das Quidditchstadion fliegen. Ausnahmsweise schien sogar die Sonne und, auch wenn es wieder sehr kalt war, hatte Lily wie immer große Lust aufs Fliegen. Mit einem guten Gefühl stieß Lily sich vom nassen Gras ab und schoss augenblicklich in die Höhe.

Weit oben atmete sie zuerst die klare Luft ein, die von der stürmischen Nacht noch geblieben war. Auch die anderen schwebten nach und nach auf ihrer Höhe, bis Madame Rivers in ihre Trillerpfeife blies und sie alle geradeaus losflogen. Der kalte Wind pustete ihre Haare zurück und hinterließ rote Flecken auf Lilys Wangen, während sie von einem Ende des Stadions zum anderen flog. Nach einiger Zeit bemerkte sie, dass Colin, Max und Davey ihr ganz dicht auf den Fersen waren und sie flog augenblicklich etwas schneller. Doch gerade das schien die Jungs auch anzuspornen und sie nahmen es als eine Herausforderung an, weshalb sie ebenfalls einen Zahn zu legten. Durch den beißenden Fahrtwind musste Lily nun die Augen zusammenkneifen, die schon bald begannen zu tränen und ihre Nase war fast taub.

„Erste!", rief Lily, als sie auf der anderen Seite des Stadions ankam und sich einmal mit dem Besen schräg über Kopf drehte, um in die andere Richtung zu schauen.

Kurz darauf kamen die anderen an.

„Revenge!", forderte Max sie heraus und sie zählten zusammen bis drei.

Dann flogen sie so schnell sie konnten los und jeder versuchte die anderen abzuhängen.

Die ganze restliche Flugstunde veranstalteten sie diese Wettrennen und, als der Unterricht endlich zu Ende war, waren die vier völlig erschöpft und außer Atem.

Als es zum Mittagessen läutete, nahmen Lily und Eric nur ein klägliches Mahl ein, denn sie wollten sich den Hunger für das Festmahl am Abend aufsparen. Schließlich war nur einmal im Jahr Halloween. Colin dagegen schien das nicht zu stören und stopfte sich ununterbrochen mit Pasteten voll.

Ihre Freistunde nach dem Mittagessen verbrachten sie ausnahmsweise mal im Gemeinschaftsraum, da zur Feier des Tages keiner von ihnen wirklich Lust auf Hausaufgaben hatte und anschließend hatten sie noch eine Doppelstunde Verteidigung gegen die Dunklen Künste, in der sie lernten, wie man seinen Gegner durch Petrificus Totalus bewegungsunfähig machte.

Nachdem die Stunde dann zu Ende war, suchten Lily, Eric und Colin nach einer Beschäftigung, um die Zeit bis zum Fest zu überbrücken und rangen sich schließlich doch dazu durch, ihre Hausaufgaben für Verwandlung und Zaubertränke in der Bibliothek zu erledigen.

Nach einigen Stunden aber verging ihnen die Lust und sie blätterten in einem Buch, das Quidditch im Wandel der Zeiten hieß. Colin war so fasziniert, dass er das Buch gleich mitnahm. Also brachten sie ihre Sachen hinauf in den Gemeinschaftsraum und gingen dann hinunter zum Fest in die Große Halle.

„Unglaublich", stieß Colin aus, als sie sich an den Gryffindortisch setzten.

Bei dem dunklen Sternenhimmel sah die Halle noch prachtvoller aus als am Morgen. Staunend sah Lily sich genau wie die anderen Schüler um. Es dauerte eine Weile, bis sich alle eingefunden hatten und die Halle sich so langsam füllte.

Irgendwann schlug Professor Wennell mit seinem Löffel gegen seinen goldenen Kelch, erhob sich und hielt eine kurze Rede, die daraus bestand, ihnen einen guten Appetit zu wünschen.

Als er geendet hatte, klatschte er einmal kurz in die Hände und wie aus dem Nichts erschienen auf allen Tischen der Halle ein großes Festmahl, das genau wie beim Schuljahresbeginn atemberaubend war. Die Schülerschaft applaudierte und machte sich danach sofort ans Essen.

Es war herrlich, überall wurde gequatscht und gegessen und Lily war von Hogwarts wieder einmal fasziniert und einfach nur glücklich dortsein zu dürfen.

„Warum stellen sie eigentlich bei jedem Fest diese Pfefferminzbonbons dazu", hörte Lily ihren Cousin Hugo fragen und sie entdeckte seinen flammendroten Haarschopf weiter vorn am Tisch.

„Der ehemalige Schulleiter Professor Dumbledore hat bei jedem Fest im Schuljahr Pfefferminzbonbons auf den Tisch stellen lassen, weil er sie so gern mochte. Die Bonbons dienen als Erinnerung an ihn und daran, was er alles für diese Schule getan hat", erklärte Rose ihrem Bruder.

Auch Lily hatte ihr aufmerksam zugehört und dachte nun darüber nach. Währenddessen versuchte sie außerdem von jedem ein bisschen und doch nicht zu viel zu essen, auch wenn die Auswahl einfach zu groß war.

Im Laufe des Abends setzte sich ebenfalls ein älterer Junge ihnen gegenüber an den Tisch. Er war blond wie Colin, genau genommen hatten sie sogar exakt dieselbe Haarfarbe, wenn Lily darüber nachdachte, doch seine Augenfarbe war ein dunkles Braun. Gespannt hörte Lily auf zu kauen und sah ihn erwartungsvoll an.

„Hallo Oliver", sagte Colin plötzlich.

Eric blickte abwechselnd zwischen den beiden hin und her.

„Na, Brüderchen", sagte Oliver und reichte erst Lily, dann Eric die Hand, wobei er sich vorstellte.

„Oliver McKinnon", sagte er freundlich und lächelte.

Lily glaube etwas rot zu werden, jedenfalls sah sie schnell wieder hinunter auf ihren Teller, denn ihr Mund war vollgestopft mit Essen.

„Du hast einen Bruder?", platzte es aus Eric heraus.

Colin grinste leicht verlegen, doch Oliver schien darüber amüsiert.

Plötzlich erinnerte sich Lily daran, wie Colin Oliver einmal erwähnt hatte. Es war damals bei Madame Malkin's gewesen.

Sie runzelte die Stirn. Wie kam es, dass sie Oliver erst jetzt kennenlernte?

„Willst du mir deine Freunde nicht vorstellen?", fragte Oliver an Colin gewandt.

„Doch", nuschelte dieser.

Die Situation schien ihm sehr unangenehm zu sein.

„Das ist Lily Potter", sagte er und deutete auf Lily.

Olivers Blick blieb lange auf ihr haften.

„Potter", wiederholte er leise und Lily wurde wieder rot, weil er sie so anstarrte.

„Und das ist Eric Bedloe", stellte Colin Eric vor, der daraufhin matt lächelte.

Oliver warf ihm einen kleinen unbedeutenden Blick zu, dann sah er wieder zu Lily und dann fragend zu Colin.

„Interessant", sagte er schließlich.

Den Rest des Abends hörten Lily und Eric Colin und Oliver dabei zu, wie sie sich unterhielten. Alles in allem war es ein sehr oberflächliches Gespräch und Lily fragte sich noch immer, wieso es heute das erste Mal war, dass sie mit Oliver sprach, wo er doch der Bruder ihres besten Freundes war, und sie waren nun immerhin schon ganze zwei Monate auf Hogwarts.

Am Ende der Feier verabschiedete Professor Wennell die Schüler, ehe er sie zu Bett schickte. Müde und satt schleppte Lily sich hinauf in den Turm. Mit ihren Gedanken immer noch bei Colins Bruder, denn er und Colin gingen direkt hinter Eric und ihr.

„Du hast mir gar nicht erzählt, dass du mit Lily Potter befreundet bist", flüsterte Oliver Colin zu.

Offenbar glaubten sie, dass sie in dem Gedränge ungestört waren und niemand sie hören konnte, doch Lily verstand trotzdem jedes Wort und spitzte beim Klang ihres Namens die Ohren.

„Na und", raunte Colin bissig zurück, „du warst ja auch die ganze Zeit zu beschäftigt, um dich mit mir zu unterhalten!"

Dann war es still. Als nächstes drängte Colin sich unsanft zwischen seinen Freunden hindurch und stürmte, bevor sie ihn aufhalten konnten, die Treppen nach oben. Schließlich verschwand er in der Menge. Eric drehte sich verwirrt zu Oliver um, doch Lily lief einfach stur geradeaus. Colin schien sich mit seinem Bruder wohl nicht besonders gut zu verstehen und es war Lily gar nicht schleierhaft, warum dem so war.

Eines jedoch war ihr ein Rätsel. Warum hatte Oliver Lilys Namen so ausgesprochen, als wäre sie eine Berühmtheit? War das wegen James' und Albus' Talent im Quidditch? Erwarteten die Leute dasselbe von ihr? Es hatte jedenfalls sehr seltsam geklungen, als er das gesagt hatte.

Am nächsten Morgen, als Lily, Colin und Eric am Gryffindortisch saßen, kam Professor Longbottom zu ihnen. Colin war immer noch schlecht gelaunt vom Vorabend, weshalb Lily und Eric es vermieden, ihn auf Oliver anzusprechen. Grimmig blickte er drein, schmierte seine Brötchen etwas zu unsanft und außer dem Guten-Morgen-Gruß hatte er heute noch nicht besonders viel mit ihnen geredet.

„Professor Crouch wünscht, Sie am Samstagabend um acht auf dem Quidditchfeld zu sehen", erklärte Professor Longbottom an Lily gewandt.

Als Antwort nickte sie nur. An das Nachsitzen hatte sie schon fast nicht mehr gedacht, doch nun sank ihre Laune genau wie die Colins auf den Tiefpunkt.

„Vielleicht wollen sie die Besen erneuern und brauchen jemanden, der die alten testet", schlug Colin auf einmal hoffnungsvoll und ganz zu Lilys Überraschung vor.

Verwundert blickte sie ihn an. Seltsamerweise hatte er auf das geantwortet, was Lily sich gerade in Gedanken gefragt hatte.

„Dann sollten sie alle erneuern", entgegnete Eric und stocherte mit einem Löffel in seinem Haferschleim herum, „aber ich glaube nicht, dass es so etwas ist."

Was auch immer es war, Lily würde es morgen erfahren, also gab sie den Gedanken auf und wandte sich wieder ihrem Frühstück zu.

In den ersten beiden Stunden hatten die Gryffindors Zaubertränke, zusammen mit den Hufflepuffs. Professor Cauldwell schien heute sogar noch bessere Laune als sonst zu haben und gab sowohl Gryffindor als auch Hufflepuff jeweils schon 20 Punkte, weil alle Schüler geordnet das Klassenzimmer betreten hatten. Dann ging es ans Brauen. Professor Cauldwell befahl ihnen ihre Ausgabe Zaubertränke und Zauberbräue aufzuschlagen und erklärte ihnen kurz etwas zu dem Trank. Danach sammelten alle Schüler sofort ihre Zutaten zusammen und gingen an die Arbeit.

Lily achtete genau auf die Anweisungen im Buch und versuchte alles richtig zu machen, während sich ihr Trank dabei von einem hellen Grün zu einem dunklen Blau färbte. Zufrieden lächelte sie und rührte weiter um, wobei sie Colin betrachtete, der in dieser Stunde ziemlich lustlos zu sein schien. Er warf einfach alle Zutaten in seinen Kessel und rührte dann ein paar Mal um, wodurch sein Trank schließlich in einem stumpfen Gelbton erschien und große Blasen warf, die allerdings nicht einmal zerplatzten.

Eric war am ehesten fertig und sein Trank schimmerte dunkelviolett. Professor Cauldwell gab ihm dafür zehn Punkte, da der Trank nicht ganz die richtige Farbe hatte und warf Colin anschließend noch einen mitleidigen Blick zu, bevor er weiter zum nächsten Tisch ging. Auch Lilys Trank wurde bald dunkelviolett. Nun fehlte nur noch etwas Dracheneischale. Vorsichtig gab sie auch diese Zutat hinzu, doch plötzlich stieg eine Menge zischenden Rauches auf und Lily zuckte erschrocken zurück.

Auch die anderen Schüler hatten sich zu ihr umgedreht, um zu sehen, was los war. Lily hoffte inständig, dass der Trank nun nicht explodierte. Es war schon schlimm genug, dass alle sie entsetzt anstarrten.

Professor Cauldwell grinste jedoch und sah sehr zufrieden aus.

„Sehr schön, Miss Potter", lobte er sie und kam zu ihr hinüber.

Der Trank schien sich nun sogar etwas zu beruhigen, zumindest wurde der Rauch weniger, oder kam Lily das nur so vor? Sie warteten einen Moment ab und die ganze Klasse blickte gespannt auf Lilys Kessel.

Als der Rauch nach einiger Zeit ganz verschwunden war und man die Flüssigkeit im Kessel wieder erkennen konnte, trat Professor Cauldwell vor und rührte dreimal nach links um.

„Scharlachrot", stellte er zufrieden fest, „genauso, wie es sein sollte. Fünfzehn Punkte für Gryffindor, meine Liebe!"

Er klopfte ihr auf die Schulter. Lily strahlte. Sie hatte es doch geschafft. Einige andere Schüler applaudierten. Max Fry pfiff anerkennend durch die Zähne, doch Lily war nicht ganz klar, ob er es ernst meinte. Er machte sich nicht sonderlich viel aus dem Unterricht.

Schon bald darauf erklärte Professor Cauldwell die Stunde für beendet und die Schüler räumten eilig ihre Sachen zusammen, um sich auf zu Verwandlung in den vierten Stock zu machen.

Nach dem Mittagessen war ihre letzte Stunde des Tages noch Geschichte der Zauberei. Colin erklärte vor der Stunde, er würde heute wenigstens versuchen zuzuhören und sich Notizen machen, doch zehn Minuten nach Unterrichtsbeginn war er auf seinem Pergament eingenickt.

Lily, Eric, Max Davey und Olivia spielten währenddessen Galgenmännchen, ein Muggelspiel, das Eric und Max ihnen beibrachten. Als die Stunde endlich zu Ende war, weckten Lily und Eric Colin auf, der sich ein wenig ärgerte, dass sein Vorhaben so nach hinten losgegangen war, und sah ein, dass er Geschichte der Zauberei nun vollständig aufgeben konnte. Das Ganze trug natürlich nicht unbedingt zu seiner Laune bei, auch nicht, dass sie am Abend wieder Astronomie hatten und auch am nächsten Tag hatte seine Laune sich nicht gebessert.

Als die drei sich im Gemeinschaftsraum trafen, brachte er nicht einmal mehr ein „Guten Morgen" heraus, sondern brummte nur irgendetwas Unverständliches.

„Ich weiß gar nicht, warum du dich so aufregst, immerhin ist es Lily, die heute Abend nachsitzen muss", sagte Eric, doch Colin hörte ihm nicht zu.

Als die drei zum Frühstück die Große Halle betraten, sahen sie, dass die Hufflepuffs allesamt in Gelb und Schwarz und die Ravenclaws in Blau und Bronze, den Farben ihres Hauses gekleidet waren. Das erinnerte Lily daran, dass heute das Quidditchspiel Ravenclaw gegen Hufflepuff stattfinden würde. Verschlafen setzte sie sich an den Gryffindortisch, tat sich etwas Haferschleim auf und beobachtete die anderen Schüler.

Nach dem Essen gingen sie wieder gemeinsam hinaus zum Quidditchfeld und suchten sich freie Plätze mit guter Sicht auf den Rängen. Lily, Colin und Eric waren jedoch allesamt unparteiisch, denn für Gryffindor würde es im Moment keinen Unterschied machen, wer gewann.

Am Ende entschied Lily, dass das Spiel nicht so interessant gewesen war wie das vorherige, doch es hatte sich durchaus gelohnt hinzugehen. Ravenclaw gewann mit 170 zu 80 und so konnte sie sich wenigstens für Lucy, Lorcan und Louis freuen.

Die Zeit zum Nachsitzen zog sich nur schleppend dahin und Lily hatte das Gefühl, als ob sie stehen geblieben wäre. Als es jedoch endlich so weit war, machte sie sich vom Gemeinschaftsraum aus auf den Weg zu Professor Crouchs Büro.

Sie klopfte an die Tür, als sie ankam, und hörte schon bald Professor Couchs hohe Stimme, die sie hereinrief.

„Miss Potter", sagte Professor Crouch zur Begrüßung.

Sie saß an ihrem Schreibtisch, der über und über mit jeder Art von Büchern und Pergamenten zugedeckt war und der vielleicht auf den ersten Blick eher wie ein großes Durcheinander schien, doch bei genauerem Hinsehen bemerkte Lily, dass er in gewisser Weise trotzdem ordentlich war.

„Guten Abend, Professor", sagte Lily und blickte weiter im Raum umher.

Ihr Blick fiel zuerst auf die Wände, die mit vielen bunten Teppichen behangen waren, fast genau wie oben im Gryffindor-Gemeinschaftsraum. Dazwischen hingen häufig Bilder, vermutlich von Verwandten und Freunden und irgendwie hatte Lily sich das alles ganz anders vorgestellt, in jedem Fall weniger gemütlich. Außerdem war der Gedanke, dass Professor Crouch vielleicht auch ein Leben außerhalb von Hogwarts hatte, wirklich seltsam und Lily dachte kurz an Neville. Aber konnte man das vergleichen?

Hinter Professor Crouch standen mehrere überfüllte Bücherregale aus dunklem Holz. Die Decke und der Fußboden zeigten ihre nackten Steine, doch der Raum wirkte gemütlich genug, um darin angenehm arbeiten zu können, ungewöhnlich gemütlich, wie Lily noch immer fand.

„Ich habe mir als Strafe für Sie überlegt, die Quidditchtribüne zu putzen", fing Professor Crouch an, „ohne Magie natürlich."

Sie machte eine Pause.

„Da die Gryffindor-Mannschaft heute Abend dort trainiert, werden die Sie dabei beaufsichtigen."

Lily blinzelte.

Meinte sie tatsächlich die gesamte Tribüne? Alle Ränge? Dafür würde sie Jahre brauchen!

„Sie brauchen sich allerdings nur um einen Rang zu kümmern", fuhr Professor Crouch daraufhin fort und erhob sich, „Bitte folgen Sie mir!"

Lily war ein wenig unwohl bei dem Gedanken vom Quidditchteam der Gryffindors beaufsichtigt zu werden. Sie durfte schuften, während James und Fred sich sehr wahrscheinlich über sie lustig machen würden. Das wäre das schlimmste Nachsitzen, das sie jemals hätte bekommen können.

Lily seufzte und folgte Professor Crouch widerwillig hinaus aufs Quidditchfeld.

Die Mitglieder des Gryffindor-Quidditchteams waren bereits da, als Lily niedergeschlagen hinter Professor Crouch einen der Zuschauerränge betrat. Zuerst sah Lily sie nur trainieren, doch während sie näherkam, konnte sie erkennen, wie James und Fred breit zu ihr herüber grinsten.

„Kommen Sie, wenn Sie fertig sind, noch einmal in mein Büro", befahl Professor Crouch, „Der Besen steht übrigens dort. Ich verlange von Ihnen, dass Sie diesen Abschnitt der Tribüne blitzblank fegen. Haben wir uns verstanden?"

Lily nickte widerwillig.

„Sehr schön, dann an die Arbeit", forderte Professor Crouch sie auf und verließ die Tribüne, während Lily sich den Besen schnappte.

Sie entschied sich dafür, von den oberen Rängen her anzufangen, und kletterte bis ganz oben hinauf, bevor sie begann.

Die Zeit verstrich nur sehr schleppend, während Lily schuftete. Fast bereute sie es sogar, Nott den Fluch aufgehalst zu haben. Die Arbeit war mühselig und Lily schmerzte der Rücken. Zuhause erledigte keiner von ihnen Arbeiten auf diese Weise. Ihre Eltern kannten die Flüche zum Putzen sehr gut und Lily hatte oft dabei zugesehen, wie sich sowohl der Abwasch, das Fensterputzen als auch das Kehren von allein erledigten. Sogar Lily kannte den Zauberspruch, um Besen zu verhexen, so oft hatte sie ihrer Mutter dabei zugesehen.

Kurz blieb sie stehen und machte eine kleine Pause. Warum war ihr das nicht früher eingefallen? Sie musste den Besen nur verzaubern, dann würde er ihre ganze Arbeit für sie erledigen. Wieso hatte Lily daran nicht eher gedacht?

Vorsichtig drehte sie sich zum Quidditchfeld herum, ob jemand sie beobachtete, doch die Mannschaft schien so in ihr Training vertieft, dass sie gar nicht darauf achteten, was Lily tat oder eher nicht tat.

Eilig zog sie ihren Zauberstab aus der Tasche ihres Umhangs. Sie zielte genau auf den Besen und murmelte den Spruch, den auch ihre Mum immer gebrauchte.

Abrupt richtete sich der Besen auf und fing sofort an. die komplette Tribüne von oben an sauber zu fegen. Lily staunte, welchen Zauber sie soeben zustande gebracht hatte. Sie hatte eigentlich nicht einmal mehr daran geglaubt, dass es wirklich funktionieren würde, doch im Nu war alles blitzblank und der Rang glänzte wie vermutlich nie zuvor.

Lily beendete die Bewegungen des Besens mit einem Schlenker ihres Zauberstabes, steckte ihn stolz wieder zurück in die Tasche und betrachtete ihr Werk. Professor Crouch würde doch nicht wirklich unterscheiden können, ob sie Magie genutzt hatte oder nicht. Oder?

Den Rest der Zeit sah Lily den anderen beim Trainieren zu, was etwas ermüdend war, doch die Gryffindors spielten wirklich sehr gut und Lily fand, dass sie dieses Jahr wirklich gute Chancen auf den Quidditchpokal hatten.

Während sie die anderen so beobachtete, vermisste sie es ein wenig, auf ihrem eigenen Besen durch die Lüfte zu fliegen. Die alten Schulbesen waren einfach nicht dasselbe und ihr Nimbus 3001 stand nun ungenutzt zu Hause in der Besenkammer. Bei dem Gedanken an ihn bekam Lily schon ein schlechtes Gewissen. Sie hätte ihn trotz des Verbotes mitnehmen sollen, denn es war, als hätte sie einen sehr guten Freund zurückgelassen.

Sie wartete noch, bis genügend Zeit verstrichen war, damit es auch glaubhaft wirkte. Als auch die Gryffindor-Quidditchmannschaft endlich ihr Training beendet hatte, machte sie sich auf zum Schloss, um Professor Crouch mitzuteilen, dass sie fertig war, doch während sie vor deren Büro stand, kamen ihr die Zweifel. Was wenn sie merken würde, dass Lily die Arbeit mit Magie verrichtet hatte? Lily fühlte sich furchtbar. Was, wenn sie es merken würde und Lily dann aus Hogwarts hinausgeworfen werden würde?

Vorsichtig klopfte sie schließlich an die Tür und wurde auch sofort hereingerufen. Bemüht möglichst müde und erschöpft von der harten Arbeit auszusehen trat sie ein.

„Nun, fertig Miss Potter?", fragte Professor Crouch.

Vielleicht kam es Lily durch das schlechte Gewissen nur so vor, aber sie glaubte einen Anflug von Misstrauen auf ihrem Gesicht zu sehen. Trotzdem nickte Lily höflich. Professor Crouch entließ sie ohne weitere Fragen und Lily verließ sehr erleichtert ihr Büro.

Als sie endlich oben im Gemeinschaftsraum ankam, saßen nur noch Colin und Eric auf den Sesseln vor dem Kamin. Sonst war es völlig ausgestorben. Die beiden hatten wohl auf sie gewartet.

„Und wie war es?", fragte Eric ein wenig mitleidig, doch Lily winkte ab.

„Ich sollte einen der Ränge auf dem Quidditchfeld fegen", antwortete sie, „Es war ganz in Ordnung. Ich glaube es gibt Schlimmeres."

Colin sah sie erstaunt und ungläubig an.

Lily jedoch erzählte nichts über ihren Zauber. Sie hatte das Gefühl, dass es besser war, wenn nicht noch jemand Bescheid wusste und entschied, dass es vorläufig ihr Geheimnis bleiben sollte.