Geheimnisse und Erinnerungen

Die Zeit in Hogwarts schien schneller vorüberzuziehen, als irgendwo sonst. Zumindest kam es Lily so vor, denn schon bald wurde es Winter und die Landschaft um das Schloss herum lag unter einer dicken weißen Schneeschicht.

Anfang Dezember hing im Gemeinschaftsraum eine Liste aus, auf der alle ihre Namen eintragen sollten, die in den Weihnachtsferien nach Hause fuhren.

Obwohl es Lily hier in Hogwarts sehr gut gefiel, hatte sie sich entschieden, ihre Weihnachtsferien lieber mit ihrer Familie zu verbringen, da sie ihre Eltern doch sehr vermisste und sich auf ein Wiedersehen mit ihnen freute.

Das Weihnachtsfest, zu dem ihre gesamte Familie kam, mit allen Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen, würde natürlich wie immer im Fuchsbau stattfinden und schon jetzt verspürte Lily große Vorfreude.

Am 22. Dezember war es endlich so weit. Lilys Koffer waren fertig gepackt und sie verabschiedete sich im Gemeinschaftsraum von Colin und Eric, welche die Ferien beide in Hogwarts verbringen würden. Eric blieb dort, weil seine Eltern auf einer Geschäftsreise waren, und Colins Eltern hielten sich im Ausland auf, um dort allein Urlaub zu machen.

„Ich schreibe euch", versprach Lily den beiden, als sie mit ihren Brüdern den Gemeinschaftsraum verließ.

Um zehn Uhr sollte der Zug in Hogsmeade abfahren, bis dahin mussten alle Schüler mit den Kutschen vom Schloss zum Bahnhof gebracht werden. Lily wusste, obwohl sie sie nicht sehen konnte, dass die Kutschen von Thestralen gezogen wurden, die all denjenigen unsichtbar waren, die noch nie einen Menschen hatten sterben sehen. Eine gruselige Vorstellung, doch ihre Eltern hatten ihr immer erzählt, was für wunderbare Geschöpfe diese Tiere eigentlich waren. Lily war trotzdem froh darüber, sie nicht sehen zu können.

Im Zug setzte sie sich in ein Abteil zusammen mit James, Fred, Marius und Gracie. Zwar fuhren auch viele aus ihrem Jahrgang nach Hause, doch mit den meisten hatte sie nicht viel zu tun, weshalb sie es vorgezogen hatte, sich zu ihrem Bruder zu setzten. Nicht einmal ihre Zimmergenossinnen kannte sie besonders gut, da sie die ganze Zeit über mit Colin und Eric unterwegs war, auch wenn die meisten ziemlich nett waren und sie sicher nichts gegen sie hatte.

Mit Morgana auf dem Schoß hatte Lily sich neben James' besten Freund Marius gesetzt, der in der Mitte der Bank gerade seine Schokofroschkarten sortierte. Daneben am Fenster saß James selbst. Lily beobachtete ihn dabei, wie er die ganze Zeit über Gracie betrachtete, die ein Buch las. Offenbar schien er irgendetwas zu überlegen.

„Wenn du deine OWL schaffen willst, solltest du vielleicht auch einmal lesen", schlug Gracie ihm vor, als sie kurz von ihrem Buch aufschaute.

„Ich kann schon alles", behauptete James überheblich, grinste dann breit und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. Gracie zog die Brauen hoch, wandte sich dann allerdings einfach wieder ihrem Buch zu.

Sie hatte aufgegeben, ziemlich schnell sogar.

Lily verdrehte die Augen. Wie konnte man bloß so überzeugt von sich sein? Das war typisch James. Natürlich hatte er gute Noten und war auch ein exzellenter Quidditchspieler, außerdem ja sehr beliebt, wie Lily jüngst hatte feststellen müssen, aber sie bezweifelte stark, dass er seine OWL ganz ohne zu lernen schaffte. Das war einfach unmöglich. Belustigt streichelte Lily Morgana und kraulte sie am Kopf.

In Hogwarts hatten sie leider nicht allzu viel Zeit miteinander. Tagsüber war Lily beim Unterricht und in der Nacht streifte Morgana draußen über die Ländereien, um sich Mäuse zu fangen. Da kamen beiden die Weihnachtsferien sehr gelegen. Endlich war Lily von der ständigen Lernerei befreit und konnte ihre Familie wiedersehen.

Die Zugfahrt verging rasend schnell, bald schon wurde es dunkel draußen und kleine Schneeflocken fielen gegen die Fensterscheibe. Da Lily ahnte, dass es kalt werden würde, nahm sie ihren Winterumhang aus dem Koffer, um ihn nachher überzuziehen. Auch die anderen aus ihrem Abteil hüllten sich in ihre warmen Umhänge ein.

Nur Gracie trug Muggelkleidung. Sie erklärte Lily, dass sie aus einer Muggelfamilie kam, in der sie auch die einzige Hexe war, denn weder ihre Eltern noch ihre Zwillingsschwester konnten zaubern. Lily hörte ihr aufmerksam zu. Es war ziemlich interessant, wie die Muggel lebten und Gracie erwähnte seltsame Geräte, von denen Lily noch nie im Leben gehört hatte.

Als der Zug den Bahnhof King's Cross erreichte, war es stockdunkel. James hob Lilys Koffer von der Gepäckablage und schickte sie daraufhin nach draußen. Mit großer Mühe und Morgana auf dem Arm schleppte sie sich hinaus auf den Bahnsteig, der zum Glück hell erleuchtet war, und so fand Lily ihre Eltern schnell.

„Mum, Dad", rief Lily und rannte auf die beiden zu, die sie auf der Stelle in eine Umarmung zogen.

Erst jetzt bemerkte Lily, wie sehr sie ihre Eltern vermisst hatte.

„James verabschiedet sich noch schnell im Zug von seinen Freunden", teilte sie ihnen mit, als plötzlich Albus und Rose auftauchten.

Auch Albus wurde sofort von Harry und Ginny in die Arme gezogen.

„Rosie", hörte Lily Onkel Rons Stimme rufen.

Erst jetzt bemerkte sie ihn. Außerdem stand neben ihm noch Tante Audrey in einen dicken Umhang eingehüllt, von der Lily bisher ebenfalls keine Notiz genommen hatte. Diese lächelte gerade Lucy zu, die auf einmal im Gedränge erschien. Im Schlepptau hatte sie fast alle anderen Verwandten von Lily: Hugo, Roxanne, Dominique, Louis, Molly und Fred.

„Wo ist denn James?", fragte Ginny Letzteren verwundert.

„Der müsste gleich kommen", antwortete Fred und grinste schief.

Tatsächlich konnte Lily erkennen, wie James gerade seinen Koffer aus der roten Dampflok hievte und dann mit schnellen Schritten auf sie zu eilte. Lilys Mum wollte ihn ebenfalls in eine Umarmung ziehen, doch James wand sich hinaus.

„Lass das, Mum!", wies er sie ab und sah sich peinlich berührt um.

Ginny lächelte amüsiert.

„Dann lasst uns mal zu den Autos gehen", schlug Lilys Dad vor und die ganze Familie ging mit ihren Koffern und Eulenkäfigen zur Absperrung, durch die sie wieder auf das Muggelgleis zurückgelangen würden.

Leider wurden sie dort immer nur paarweise hindurchgelassen, was die ganze Sache bei ihrer Familie deutlich verzögerte.

Die ganze Familie würde sich in zwei bereitstehende Autos hinein quetschen müssen, die sie anschließend zum Fuchsbau bringen würden. Das eine gehörte Onkel Ron und Tante Hermione, das andere Lilys Dad. Lily stieg mit Albus, Roxanne, Dominique, Louis und Hugo zu ihren Eltern ins Auto. Alle anderen würden bei ihrem Onkel mitfahren.

Natürlich waren beide Autos von innen magisch vergrößert worden, damit sie darin genügend Platz hatten, doch Lily als kleinste und schmalste saß trotzdem ganz eng an die Tür gedrückt. Ihre Statur hatte sie eben eindeutig von ihrer Mutter geerbt.

Manchmal fand Lily es schade, dass sie nicht auch ihre Haarfarbe hatte. Sie mochte das flammende Rot, das fast alle in ihrer Familie trugen, und fühlte sich mit ihrem Dunkelrot meist etwas außen vor, denn auf sämtlichen Familienbildern stach sie damit heraus.

Außer ihr und ihren Brüdern waren Victoire und Dominique die einzigen in ihrer Familie, die außerdem keine flammendroten Haare hatten. Beide Cousinen besaßen das silberblonde Veelahaar ihrer Mutter, was natürlich wirkliche Schönheiten aus ihnen machte. Die typisch weasleyhaften Sommersprossen hatten sie trotzdem.

Auch diese hatte Lily nicht. Das gab es wohl auch nur für echte Weasleys. Lilys Brüder hatten auch beide keine.

Trotzdem sagte Grandma Molly oft, dass Lily ihrer Mutter sehr ähnlich war und Lily war darauf wirklich stolz, wenn sie äußerlich schon wenig Ähnlichkeiten haben konnten, dann wenigstens im Wesen.

Während der Autofahrt starrte Lily aus dem Fenster in die dunkle Nacht hinein und betrachtete die Schneeflocken im Wind, die auch jetzt noch gegen ihre Scheibe gewirbelt wurden, bis ihr schließlich die Augen zufielen. Das Autofahren hatte sie müde gemacht und schließlich schlief sie ein.

Als Lily wieder erwachte, lag sie in einem weichen Bett. Sie schlug die Augen auf und sah sich um. Im Raum standen noch fünf andere Betten, in denen sie ihre Cousinen erkannte, die alle schliefen, alle außer Roxanne, denn diese war nicht zusehen. Ihr Bett stand leer.

Ohne sich Gedanken darüber zu machen, betrachtete Lily die Wände des Zimmers, die in Rot und Gold geschmückt waren, den Farben Gryffindors. Über ihrem und Roxannes Bett hing ein Poster der Holyhead Harpies und über Lucys Bett erkannte Lily nun auch das Ravenclaw-Wappen, das Lucy wohl gestern Nacht neu aufgehängt haben musste. Sie hatte es vorher dort nämlich noch nicht gesehen.

Rechts neben Lilys Bett, war ein Fenster, von dem aus sie eine wundervolle Sicht hinaus in den Garten hatte. Ein Lächeln huschte über Lilys Lippen: Sie war im Fuchsbau.

Leise schlug sie die Decke weg, stand auf und zog sich einen ihrer Umhänge an, die in ihrem Schrank hingen. Zwar musste sie sich diesen mit ihren Cousinen teilen, doch das machte ihr nichts aus. Es war immer wieder schön, wenn Weihnachten alle hier zusammenkamen.

Lily nahm den smaragdgrünen Umhang, den Oma Molly ihr einmal geschenkt hatte und den sie besonders gern mochte.

Als sie sich fertig umgezogen hatte, machte sie sich auf nach unten, denn sie hatte einen unglaublichen Hunger.

Neben dem Zimmer, in dem sie mit all ihren Cousinen außer Victoire schlief, war das Zimmer ihrer Cousins, aus dem Fred gerade verschlafen torkelte und ihr im Vorbeigehen ein „Morgen" zugähnte.

„Guten Morgen", begrüßte Lily ihn und sie stiegen zusammen die Treppen hinunter.

„Sind die anderen auch schon wach?", fragte Lily ihn.

„Nein, nur James sitzt schon unten, ich glaube er konnte nicht schlafen", antwortete Fred.

„Lily, meine Liebe!", hörte sie ihre Grandma rufen, als sie die letzte Stufe der Treppe erreicht hatte und fand sich gleich darauf in einer Umarmung mit ihr wieder.

„Gut siehst du aus... und du bist gewachsen", stellte sie fröhlich fest, doch das sagte ihre Grandma jedes Mal, wenn sie sich sahen und das nicht nur zu ihr, sondern auch zu allen anderen ihrer Enkelkinder, inklusive Teddy, den Lily während der Umarmung mit ihrer Großmutter ebenfalls bereits am Tisch sitzen sah.

Er saß neben seiner Großmutter Andromeda und lächelte darüber, wie sich Grandma Molly eiligst daran machte Lily Brötchen zu schmieren und ihr Haferschleim hinzustellen. Es war ganz, als könne Lily sich mit ihren elf Jahren noch nicht selbst behelfen.

„Harry musste noch einmal ins Ministerium", informierte Grandma Molly Lily, „und Ginny ist mit Hermione in der Winkelgasse."

„Guten Morgen", sagte Lily zu den bereits am Tisch Sitzenden.

Außer Ted und Andromeda waren es noch ihr Onkel Bill, ihre Tante Fleur, ihre andere Tante Angelina, Roxanne und James, der sichtlich schlecht gelaunt seinen Haferschleim löffelte. Fred hatte sich gerade neben ihm niedergelassen und beobachtete ihn nun mit nachdenklichen Blicken dabei.

„Wo sind Ron und George?", fragte Lily an Angelina gewandt.

„Sie sind im Laden", antwortete diese fröhlich, „jetzt kurz vor Weihnachten gibt es dort eine Menge zu tun."

„Ich würde auch gern noch einmal in die Winkelgasse gehen", dachte Lily laut.

„Also ich glaube nicht, dass Ginny und Harry etwas dagegen haben. Geh doch einfach heute Nachmittag", schlug Angelina ihr vor.

Lily nickte begeistert. Sie wollte in der Winkelgasse nämlich noch Weihnachtsgeschenke für ihre Eltern und Brüder kaufen. Außerdem hatte sie darüber nachgedacht auch Colin und Eric etwas zu schicken. Die beiden würden sich bestimmt darüber freuen, wenn sie wussten, dass Lily auch außerhalb von Hogwarts an sie gedacht hatte.

Bald kam auch Albus zu ihnen an den Tisch und nach ihm alle restlichen Weasleys. Die letzte war Lucy und sie setzte sich neben Lily an den Frühstückstisch, der nun wahrhaftig überfüllt war. Grandma Molly hatte einmal erklärt, dass sie ihn immer vergrößern musste, wenn alle zu Besuch kamen, und jedes Mal wieder fiel ihr auf, wie groß die Familie eigentlich war.

„Kommt Onkel Charlie nicht?", fragte Dominique ihren Vater, dem sie gegenübersaß.

„Er hat zu viel zu tun in Rumänien, aber er lässt uns alle ganz lieb grüßen", antwortete Bill ihr, doch Dominique wirkte sichtlich enttäuscht.

Fred und James schienen sich bei der erstbesten Gelegenheit aus dem Staub gemacht zu haben und Lily wollte gar nicht wissen, was die beiden nun schon wieder ausheckten.

„Lucy, hast du Lust heute mit mir in die Winkelgasse zu gehen?", fragte Lily ihre Cousine, „Ich möchte noch ein paar Geschenke besorgen."

„Heute Nachmittag?", fragte Lucy und Lily nickte.

Da Lucy einverstanden war, nahmen sich die beiden am Nachmittag ihre Winterumhange, ihre Taschen und Lily das Geld, das ihr Vater ihr vor einigen Monaten gegeben hatte. In Hogwarts hatte sie natürlich keinerlei Gelegenheit gehabt, es auszugeben und sie wollte es ja nicht sinnlos zum Fenster hinauswerfen.

Zusammen gingen die beiden hinunter in die Küche ihrer Großeltern, um von dort aus, den alten Kamin zu benutzen, der sie durch Flohpulver in die Winkelgasse bringen würde.

Lucy ließ Lily den Vortritt und ungefähr eine Minute später kam sie mit der Kleidung voller Asche auf einer kleinen verschneiten Straße überfüllt mit Zauberern und Hexen heraus. Diesmal jedoch war die Straße bunter, was sowohl Lily als auch Lucy sofort auffiel. Überall hing Weihnachtsschmuck, Laternen und Lichterketten schmückten die Straßen und Lily wusste gar nicht, wo sie hinsehen sollte.

„Wo gehen wir zuerst hin?", fragte Lucy, die gerade aus dem Kamin heraustrat, um ihn für andere freizumachen.

Lily überlegte, bei der großen Auswahl an Geschäften fiel ihr die Entscheidung besonders schwer.

„Ich glaube für James, findest du das beste Geschenk in Weasleys Zauberhafte Zauberscherze", schlug Lucy ihr vor und Lily wusste, dass sie Recht hatte.

Also machten die beiden sich zu dem Laden ihrer beiden Onkel George und Ron auf.

„Mum bringt mich um, wenn sie erfährt, dass ich James so etwas schenke", sagte Lily und Lucy lächelte darüber.

Natürlich verstand Lucy nur zu gut, was Lily meinte. Schließlich kannte sie ihren Cousin nicht erst seit gestern.

Die zwei gingen geradewegs auf ein buntes Geschäft zu, das sehr einladend wirkte. Viele Leute standen davor und drängten zur Tür hinein und auch Lily und Lucy mischten sich unter das Gedränge und fanden schließlich einen Weg hinein.

Tausend bunte Regale mit allen möglichen Dingen boten sich ihnen zum Anblick. Lily war zwar schon oft hier gewesen, aber sie staunte jedes Mal wieder.

„Unglaublich", stieß Lucy aus und zog sie zu einem Regal mit Minimuffs, die es nun ganz neu auch in Himmelblau gab.

„Die sind so niedlich", sagte Lily und Lucy nickte.

„Ich hätte auch gern so einen", schwärmte sie.

„Ich auch, aber ich glaube, Morgana könnte eifersüchtig werden", vermutete Lily bei dem Gedanken an ihr Kätzchen.

Tatsächlich war ihr Morgana zu wichtig, als dass sie sich noch ein zweites Haustier anschaffen wollte, und sie wusste genau, dass Minimuffs für Katzen nichts anderes als Mäuse und Ratten waren, also hätte er bei ihr sicher keine besonders hohen Überlebenschancen.

„Wollten wir nicht ein Weihnachtsgeschenk für James kaufen?", erinnerte Lucy sie, nachdem sie einige Zeit die pelzig flauschigen Minimuffs beobachtet hatten.

„Ach ja", fiel es Lily wieder ein und sah sich weiter um.

Ein paar ältere Jungen standen vor den Nasch- und Schwänzleckereien und betrachteten sie nachdenklich. Wahrscheinlich überlegten sie, welche sie wohl am ehesten nehmen sollten, weil sie das kleinste Übel darstellte.

Lily vermutete, dass ihr Bruder davon wohl genug auf Vorrat hatte und deshalb keine mehr brauchte. Also gingen sie weiter.

Neben den Federn, die beim Schreiben explodierten, und denen, die jeden, der zu viele Fehler machte, mit Tinte bespritzten, kamen die falschen Zauberstäbe, doch Lily hielt das für nichts Besonderes und ging daran vorbei.

Von Weasleys wildfeurigen Wunderknallern hielt sie schon mehr und nahm sich gleich zwei Stück mit.

„Sieh mal!"

Lucy zog an Lilys Ärmel.

„Es gibt jetzt auch Instant-Finsternispulver, das die Farbe wechseln kann", zeigte Lucy ihr begeistert.

„Klingt toll", antwortete Lily und holte eine Packung davon aus dem Regal.

„Glaubst du das reicht?", fragte sie Lucy, als sie die ganzen Sachen auf ihrem Arm betrachtete und an den Preis dachte, der bei Weasleys Zauberhafte Zauberscherze ohnehin schon sehr sehr hoch war.

„Klar, komm, lass uns bezahlen gehen", entschied diese und die beiden suchten eine der angestellten Verkäuferinnen ihrer Onkel.

„Lily! Lucy!", hörten sie plötzlich eine Stimme hinter ihnen und sie drehten sich herum.

Es war ihr Onkel George, der gerade eine Treppe hinunter gepoltert kam.

„Na, kauft ihr noch Weihnachtsgeschenke ein?", fragte dieser, als er vor ihnen stehen blieb und auf die Sachen in Lilys Armen starrte.

„Ja, das hier ist für James", erklärte Lily ihm und George grinste.

„Dann bekommst du es umsonst", sagte er.

Lily wollte gerade den Mund aufmachen, um etwas zu erwidern, doch da schubste Onkel George sie schon aus dem Laden hinaus.

„James ist mein bester Kunde, er bekommt hier sowieso alles umsonst, außerdem habe ich deinem Vater zu verdanken, dass der Laden hier existiert!", raunte er Lily zu und ohne, dass sie etwas sagen konnte, fanden sich Lily und Lucy auf der Straße wieder.

Verwirrt blickten sie sich an.

„Ich fasse es einfach nicht, dass er uns rausschmeißt", empörte sich Lily und drehte sich zu der Menschenmenge um.

„Ach komm schon", sagte Lucy, „du bist seine Nichte!"

Lily zuckte nur die Schultern.

„Und zu irgendwas muss das rote Haar hier ja gut sein."

Lucy zog eine ihrer flammendroten Strähnen hervor, was Lily einen Stich versetzte. Schließlich hatte sie diese roten Haare ja nicht einmal.

„Lass uns einfach weitergehen", schlug Lucy ihr vor, „Ich muss noch zu Flourish und Blotts."

„Typisch Ravenclaw", seufzte Lily, folgte ihrer Cousine jedoch, während sie die Geschenke in ihre Tasche steckte.

Die verschneite Straße entlang machten sie sich auf zu Flourish und Blotts.

„Ich möchte Molly ein Kochbuch schenken", erklärte Lucy, als sie den Laden betraten, der bei weitem leerer war als Weasleys Zauberhafte Zauberscherze.

Doch Lily blieb stehen. Plötzlich fiel ihr alles wieder ein. Sie wusste auf einmal, wer der Slytherin-Schulsprecher war. Direkt an dieser Stelle hatte sie ihn zum ersten Mal gesehen. Damals hatte sie ihn angerempelt und er hatte sein Buch zu Boden fallen lassen. Wie konnte sie nur so dumm sein und so etwas vergessen?

Lily hatte ihm das Buch doch sogar noch aufgehoben und er hatte es ihr unfreundlich aus der Hand gerissen, dann war er davongeeilt. Sie erinnerte sich nun an jedes Detail. Auch den Titel des Buches wusste sie nun wieder: Magiecontinatoren!

Doch was zum Teufel waren Magiecontinatoren?

„Lily? Ist alles in Ordnung?", fragte Lucy sie und wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum.

„Äh... ja", antwortete Lily sehr langsam. „Ich habe mich nur gerade daran erinnert, dass ich noch die Hausaufgaben für Kräuterkunde machen muss", log sie schnell, doch Lucy schien ihr zu glauben.

„Ach Lily, wir haben doch Ferien", lachte sie und zog Lily in die Abteilung mit den Haushaltsbüchern.

Das Buch mit den Magiecontinatoren war eindeutig hier gekauft worden, dachte Lily und das hieß, dass auch sie es hier finden konnte.

„Macht es dir etwas aus, wenn ich mich kurz umsehe?", fragte Lily ihre Cousine.

Lucy schüttelte den Kopf und auf der Stelle verzog sich Lily in die Abteilung für höhere Magie. Sie wusste einfach, dass es irgendetwas damit zu tun hatte. Das Buch hatte schon so wichtig für den Slytherin ausgesehen, nicht gerade als ob es um einfache Zaubertricks ging und wie eilig und erschrocken er es ihr aus den Händen gerissen hatte. Das alles hätte Lily schon vor Monaten klar sein müssen.

Regal um Regal suchte sie alles ab, doch sie fand nichts.

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?", fragte eine Hexe in einem magentarotem Umhang, die wohl hier angestellt sein musste.

Lily überlegte. Konnte sie es ihr erzählen, oder würde das verdächtig aussehen? Immerhin war sie erst elf. Für so etwas interessierte man sich in dem Alter doch noch nicht.

„Ich suche ein Buch über Magiecontinatoren", antwortete Lily dann entschlossen.

Die Wahrheit zu sagen, war wohl das Beste. Schließlich wusste die Hexe nicht, wofür sie das Buch bräuchte.

„Das ist hier drüben", erklärte sie ihr und deutete auf eine kleine Nische in der Wand.

„Danke schön", antwortete Lily und zu ihrem Glück verschwand die Hexe danach sofort.

Aufgeregt durchsuchte sie die Nische nach dem Buch, das sie bei dem Slytherin gesehen hatte. Es musste genau dasselbe sein und Lily hoffte, dass der Slytherin nicht das Letzte gekauft hatte.

Nach einiger Zeit fand sie eine weitere Ausgabe, die hinter zwei anderen Büchern eingequetscht war. Lily zog sie heraus und betrachtete das Buch. Es war mit dunkelblauem Samt eingebunden, die Buchstaben prangten in goldener Schrift auf dem Umschlag und irgendwie sah es sogar ziemlich hübsch aus, doch Lily erwartete nichts Gutes.

Anschließend nahm sie es mit zur Kasse, um es zu bezahlen, doch auf dem Weg dorthin streifte sie noch an anderen Regalen vorbei und ihr fiel ein gutes Buch ins Auge, das sie dann für Albus mitnahm.

Nachdem sie die Bücher bezahlt hatte, steckte sie sie ebenfalls zu den anderen Geschenken in ihre Tasche und machte sich dann auf, Lucy zu suchen.

„Da bist du ja", sagte Lucy, als Lily sich neben sie stellte.

„Ja, hast du etwas gefunden?", fragte Lily.

Lucy nickte und hielt ihr ein dunkelrotes Buch so dicht vor die Nase, dass Lily den Titel nicht mehr erkennen konnte.

„Gut, dann lass uns bezahlen gehen", schlug sie trotzdem vor.

„Ich muss aber noch eins für Mum und auch für Dad finden?", seufzte Lucy geknickt und suchte weiter.

„Warum schenkst du deinen Eltern eigentlich jedes Jahr Bücher?", fragte Lily auf einmal, während sie an die letzten Jahre Weihnachten im Fuchsbau zurückdachte.

„Weil sie mir auch immer nur Bücher geben", seufzte Lucy, „Ich lese ihrer Meinung nach zu wenig."

Lily warf ihr einen mitleidigen Blick zu.

„Zumindest legen sie auch immer noch ein paar Süßigkeiten bei", grinste Lucy daraufhin, „und von meinem Patenonkel Stephen bekomme ich auch immer etwas Richtiges und die Bücher lassen sich sehr gut wieder Second Hand verkaufen."

Sie warf Lily einen vielsagenden Blick zu und Lily lachte.

Als sie Flourish und Blotts endlich verließen, hatte es begonnen zu schneien. Lily fand, dass die Winkelgasse so besonders hübsch aussah, denn der weihnachtlichen Dekoration hatte vorher etwas gefehlt.

„Ich brauche jetzt nur noch etwas für Mum und Dad", erklärte sie, während die beiden ziellos die Straße entlangliefen und hier und da Blicke in die Schaufenster hineinwarfen.

„Es gibt doch jetzt diesen neuen Süßigkeitenladen Sweetie Pie's", sagte Lucy begeistert, „Wollen wir da mal hingehen? Vielleicht kann ich auch noch etwas für Onkel Stephen besorgen."

„Gute Idee", stimmte Lily ihr zu und kurze Zeit später betraten sie einen kleinen Laden in einer Seitengasse.

Schon als sie die Tür öffneten, kroch den beiden der süßliche Geruch von Zucker und Schokolade in die Nase.

Eine freundlich dreinblickende junge Frau begrüßte sie und fragte, was sie denn gern hätten, doch Lily und Lucy beschlossen, sich erst einmal umzusehen.

Es gab die unterschiedlichsten Arten an Süßigkeiten, auch welche, die sie nie zuvor gesehen hatten und das wollte etwas heißen, immerhin hatten sie ihr Leben lang unter Zauberern gelebt und hatten so einige magische Süßigkeiten gegessen.

„Sieh mal Schokolade, die den Geschmack verändert je nachdem, auf was man gerade Lust hat", staunte Lily und deutete mit dem Finger darauf.

„Toll, ich glaube das wäre etwas für Onkel Stephen, oder?", fragte Lucy, „Ich weiß nämlich gar nicht so genau, was er gern isst."

„Bestimmt", antwortete Lily, während sie die tanzenden Zuckerbeeren beobachtete, „Ich glaube ich nehme auch eine Tafel, aber mit welchen von denen hier!"

Vor Freude gekauft zu werden sprang ihr eine der Beeren auf die Hand und Lucy lachte über Lilys kurzzeitig entsetzten Blick.

Einige Zeit später verließen, die beiden mit ihren Süßigkeiten Tüten und zwei Springseilgummischlangen den Laden.

„Die Süßigkeiten bekommt Dad", erzählte Lily, „und die anderen beiden Tüten schicke ich nach Hogwarts."

Das hatte sie sich schon vorhin im Laden überlegt.

„Dann brauchst du nur noch etwas für Tante Ginny", erinnerte Lucy sie und biss herzhaft den Kopf der Schlange ab.

„Ja", seufzte Lily. Sie wusste immer noch nicht, was sie ihrer Mum zu Weihnachten schenken konnte.

„Schau mal, es wird schon dunkel", sagte Lucy und deutete gen Himmel.

Lily nickte nur traurig. Sie hatte nun nicht mehr viel Zeit, um ein Geschenk zu finden.

„Gibt es nicht irgendetwas, das deine Mum gebrauchen kann? Hat sie sich vielleicht einmal über irgendetwas beschwert?", versuchte Lucy ihrer Cousine zu helfen.

Lily dachte angestrengt nach und plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Ihre Mutter hatte sich schrecklich über ihren Kochtopf aufgeregt, als sie und Lily den Kuchen für den Geburtstag ihres Vaters gebacken hatten, denn nie hatte der das getan, was er tun sollte.

„Ja", sagte Lily, „einen Kochtopf!"

„Den bekommen wir bestimmt in der Apotheke, oder?", sagte Lucy daraufhin und schon machten sich die beiden auf den Weg dorthin.

Ein paar Minuten später traten die beiden glücklich und zufrieden aus der Apotheke hinaus auf die dunkle Straße. Lily hatte einen besonders schönen und großen Topf gefunden, der auch nur deshalb in ihre Tasche passte, weil der Verkäufer ihr geholfen hatte, sie magisch zu vergrößern. Zu dem Topf hatten sie gleich auch noch Geschenkpapier gekauft, um später ihre Geschenke darin einzupacken.

Durch den kalten Wind und den Schnee, der ihnen nun ins Gesicht klatschte, wurde es allmählich ungemütlich und die beiden beeilten sich möglichst schnell am Kamin zu sein, durch den sie wieder nach Hause kamen.

Lily ging zuerst, schmiss eine Hand voll Flohpulver in die Luft und rief: „Fuchsbau."

Eine Sekunde später wirbelte sie auch schon durch das Flohnetzwerk, bis sie schließlich in der Küche ihrer Großeltern aufschlug und dabei eine dicke Aschewolke hinterließ.

Lucy wurde hinter ihr aus dem Kamin geworfen, stand aber sofort auf und klopfte sich die Asche ab.

„Ich bin froh, wenn ich endlich apparieren kann", erklärte sie, während die beiden hoch auf ihr Zimmer gingen.

Den ganzen restlichen Abend saßen sie in ihrem Zimmer und verpackten die Geschenke, die sie anschließend unter ihrem Bett versteckten. Müde von dem anstrengenden Tag, aber vorfreudig auf den kommenden Morgen gingen sie beide früh zu Bett.

Das würde ein großartiges Weihnachten werden!

AN: Zu diesem Kapitel gibt es wieder ein Sidechapter, das euch mehr über James und Albus verrät: [link href=" .de/s/4ec910a60001c314067007d0/4/Ballbegleitung-auf-Potterart"]Pläne[/link]