Weihnachten im Fuchsbau
Lily wurde am nächsten Morgen von einem Schrei geweckt, der aus dem Nebenzimmer zu kommen schien.
„Geschenke!", hörte sie James und Fred brüllen und plötzlich fiel Lily auf, dass heute Weihnachten war.
Sie blickte hinab an das Fußende ihres Bettes, wo ein riesiger Berg an Geschenken verteilt lag.
Sofort griff sie nach einem.
„Frohe Weihnachten, Lily!", lachte Roxanne und Lily drehte sich herum.
Sie hatte gar nicht bemerkt, dass die anderen auch wach geworden waren.
„Frohe Weihnachten", gab sie zurück.
Dann jedoch wandte sie sich wieder ihrem Päckchen zu.
Das Geschenkpapier war rot und es fühlte sich sehr weich an. Ohne zu zögern, öffnete sie das Geschenk und wusste sofort, von wem der scharlachrote Pullover mit dem goldenen Gryffindor-Löwen war, den sie daraufhin in der Hand hielt.
Lily zog ihn über. Er war herrlich warm. Sie liebte die Pullover, die ihnen ihre Großmutter jedes Jahr zu Weihnachten schenkte. Auch ihre Cousinen hatten jeweils einen bekommen. Mollys war magentafarben und es biss sich schrecklich mit ihrem Haar, doch das schien sie nicht weiter zu stören. Dominique hatte einen passend zu ihrer Augenfarbe in tiefblau und Roxannes war rötlich violett.
Auch Lucy war dabei ihren Pullover auszupacken. Sie hatte ihn sich wohl zum Schluss aufgehoben, denn auf ihrem Bett lagen bereits ein Stapel Bücher und ein Haufen Süßigkeiten.
Rose schlief als einzige noch.
„Ein Ravenclaw-Pullover", sagte Molly entzückt und alle betrachteten das Blau mit dem bronzenen Adler darauf.
„Hübsch", fand Dominique, bevor sich alle wieder ihren eigenen Geschenken zuwandten.
Des Weiteren hatte Lily einen Liebestrank von Weasleys Zauberhafte Zauberscherze mit lieben Grüßen von James, das Mini-Quidditchstadion, für das sie schon einige Figuren besaß, von Albus, ein paar Süßigkeiten und einen hübschen neuen Umhang in dunkelrot von ihren Eltern, einen Talisman der angeblich Schlickschlupfe fernhielt von ihrer Patin Luna und ein selbst geschnitztes Puzzle aus Holz von Hagrid erhalten. Während sie sich fragte, was zum Teufel Schlickschlupfe waren, steckte sie den Liebestrank und den Talisman in ihren Koffer, den Rest legte sie auf ihren Nachttisch.
„Wollen wir Rose nicht wecken?", fragte Dominique.
„Doch", antwortete Lily, ging zu ihrem Bett hinüber und packte sich das weiche Geschenk, von dem sie ahnte, dass darin ihr Pullover sein würde.
Mit voller Wucht warf sie ihn Rose ins Gesicht.
„Aufstehen Rosie!", rief Lily ihr zu und ihre Cousine blinzelte sie verschlafen an.
„Hier, deine Geschenke", deutete Roxanne auf den Berg am Fußende von Rose' Bett.
Rose lächelte verschlafen. Als erstes griff sie jedoch nach dem Päckchen, mit dem sie von Lily abgeworfen worden war.
„Ich glaube, das ist der Weasley-Pulli", sagte Lily.
„Jetzt verrat doch nicht schon alles, Lily", tadelte Roxanne sie.
„Ich glaube, darauf wäre Rosie auch von allein gekommen", warf Dominique ein.
Roxanne zuckte die Schultern.
Kurz danach zog Rose aus dem Päckchen einen himmelblauen Pullover mit einer roten Rose darauf hervor.
„Warum habt ihr eigentlich immer irgendwelche Symbole auf euren Pullovern?", fragte Roxanne, während sie neidisch zu Rose hinüberschaute.
„Vielleicht fällt Grandma bei dir nichts mehr ein", sagte Lily Schultern zuckend.
„Hattet ihr nicht auch Gryffindor-Pullover, als ihr neu nach Hogwarts kamt?", erinnerte Rose Roxanne.
„Stimmt", warf jetzt auch Lucy ein, „Außerdem erinnere ich mich bei dir noch genau an den gelborangen mit dem Quaffle vorn drauf!"
„Und Lily hatte letztes Jahr nur einen in haselnussbraun", sagte Dominique.
Roxanne gab sich schließlich geschlagen und sie alle gingen hinunter zum Frühstück, wo sie erst einmal allen „Fröhliche Weihnachten" wünschten und sich dann jeder bei den anderen für seine Geschenke bedankte.
Lilys Vater raunte ihr zu, dass die tanzenden Zuckerbeeren gut geschmeckt hätten, und Lily fragte sich, ob er wohl schon alle gegessen hatte. Sie hatte doch eine ganze Tüte voll gekauft.
„Dudley hat eine Karte geschrieben", hörte sie ihn eine Weile später zu Onkel Ron sagen.
„Wie nett", gab dieser zurück und nahm die Karte, die Harry ihm reichte.
Nach einem kurzen Blick darauf grinste er.
Lily blickte am Tisch umher und zu ihrer Verwunderung, sah sie, dass James wie gestern nur niedergeschlagen seinen Haferschleim löffelte. Was war nur in letzter Zeit mit ihm los? Auch Albus schien er nicht mehr zu ärgern. Sie war sich sicher, keinen Schrei mehr von ihm vernommen zu haben, seit sie im Fuchsbau angekommen waren. Das waren jetzt schon mehrere Tage.
Fred saß wieder nur ratlos neben ihm, auch er schien nichts zu wissen.
Alle am Tisch trugen Weasley-Pullis sogar Oma Molly. Lily wettete darauf, dass ihre Mum ihn gestrickt hatte. Auch Tante Andromeda hatte einen weißen erhalten und Ted und Victoire hatten wie jedes Jahr einen kanariengelben mit einem Dachs vorn darauf, obwohl sie nun schon ein paar Jahre aus der Schule raus waren. Wahrscheinlich war es so besonders für Grandma Molly, als Weasley nicht nach Gryffindor zu kommen, auch wenn Ted nicht einmal wirklich ein Weasley war. Aber auch Louis trug nun zum zweiten Mal einen Ravenclaw-Pulli.
Seit seinem Schulabschluss hatte Ted eine Ausbildung zum Auroren begonnen und nun arbeitete er mit Lilys Vater, seinem Paten zusammen, denn Harry war Leiter der Aurorenzentrale im Ministerium.
Victoire machte zurzeit eine Ausbildung als Heilerin im St. Mungo. Sie war schon immer jemand gewesen, der gern anderen half, was nur unterstrich, dass sie glänzend geeignet für das Haus Hufflepuff war.
Nach dem Frühstück verschwand Tante Fleur urplötzlich, mit der Erklärung, sie hätte noch ein paar Briefe an ihre Eltern zu schreiben. Doch in Wirklichkeit wussten alle, dass sie nur nach einer Ausrede suchte, Grandma Mollys Lieblingsmusik im Radio zu entkommen, die diese immer lautstark aufdrehte.
Der Rest der Familie musste sich wie in jedem Jahr die Lieder von Celestina Warbeck anhören, während Grandma Molly gut gelaunt durch die Küche wirbelte und mitsummte.
Zum Mittag gab es dann endlich das große Festessen, das Oma Molly zusammen mit Ginny, Hermione und Audrey gemacht hatte.
Lily fand, es schmeckte köstlich und tat sich reichlich auf, obwohl es, wenn sie genau darüber nachdachte, nicht so gut war wie das Essen in Hogwarts.
Nach dem Festmahl ging sie zusammen mit ihren Cousins und Cousinen hinaus in den frisch gefallenen Schnee, wo sie alle eine Schneeballschlacht machten. Lily war in James' und Freds Team mit Dominique und Hugo und nach einem harten und langen Kampf gewannen sie schließlich gegen den Rest.
Triefend nass und mit einem tauben Gefühl in den Gliedmaßen kamen sie anschließend wieder hinein und wärmten sich mit heißem Kakao, den ihnen Grandma Molly machte, und warmen Wolldecken vor dem Kamin auf.
Später am Abend spielte die ganze Familie zusammen Zauberschnippschnapp und Hugo gewann gegen Onkel Ron im Zauberschach.
Es war schon sehr spät, als sie aufhörten zu spielen und Lily war eine der letzten, die zu Bett gingen.
Kurz vorm Schlafengehen fiel ihr wieder das Buch ein, das sie in der Winkelgasse gekauft hatte. Sie hatte es über den heutigen Tag komplett vergessen und noch keine Gelegenheit gehabt, es sich näher anzuschauen, doch nun nahm sie es aus ihrem Koffer.
Leise prüfend, ob auch alle ihre Cousinen schliefen, blätterte sie die erste Seite auf, auf der groß die Überschrift „Magiecontinatoren" prangte, darunter stand eine kurze Erklärung, die Lily sofort begann aufmerksam zu lesen:
Magiecontinatoren sind große kristallklare Kugeln, in denen man herbeigeführte Zauber speichern kann. Sie zu erstellen, braucht viel Arbeit und große Konzentration, denn Magiecontinatoren fallen unter die höchste Stufe der defensiven Magie, wodurch sie nur von äußerst fähigen, weisen und talentierten Zauberern genutzt werden können. Große Zauberer in früheren Jahrhunderten nutzten Magiecontinatoren, um ihre errichteten Werke nach ihrem Tod nicht verschwinden zu lassen und ihre Kräfte zu erhalten.
Meist werden sie zum Schutz von Gebäuden, auf denen Zauber liegen, verwendet, denn es ist allgemein bekannt, dass Zauber mit ihrem Urheber gemeinsam sterben.
Magiecontinatoren zu zerstören ist ebenfalls eine schwierige Angelegenheit, da dies nur durch einen speziellen Zauber gelingt, der viel Kraft, Intelligenz und vor allem Können erfordert.
Nachdem Lily die erste Seite gelesen hatte, blätterte sie weiter, doch sie fand nur genauere Beschreibungen zum Aufbau und der Zerstörung. Die Frage, was das alles mit dem Slytherin zu tun hatte, blieb unbeantwortet.
Der Junge kam ihr allerdings eindeutig seltsam vor. Andauernd schnüffelte er an den seltsamsten Stellen im Schloss und auf den Ländereien herum. Sie war sich vollkommen sicher, dass irgendetwas mit ihm nicht ganz stimmte.
Während Lily das Buch in den Koffer zurücksteckte, fragte sie sich, was Colin und Eric wohl zu ihren neuen Erkenntnissen sagen würden. Halb darüber grübelnd, was der Slytherin vorhatte und was ihre beiden Freunde gerade taten, schlief sie schließlich ein.
Der Rest der Weihnachtsferien ging schnell vorbei, zu schnell, fand Lily.
Ihre Mutter drückte ihr gerade einen Kuss auf die Wange und zog sie in eine enge Umarmung.
Die ganze Familie stand am Bahnhof King's Cross, der Zug pfiff bereits in die kalte Winterluft und trotz des dicken Umhangs fror Lily. Sie trug wie fast alle schon ihre Schuluniform.
„Pass auf dich auf, Lily!", rief ihr Vater ihr hinterher, als sie in den Zug einstieg und ihren Eltern zum Abschied winkte.
Irgendwie freute sie sich doch wieder, zurück nach Hogwarts zu fahren, wenn sie auch darum trauerte, dass die schöne Zeit im Fuchsbau schon vorbei war.
Als sie die Biegung erreichten und Lily ihre Eltern aus den Augen verlor, machte sie sich auf den Weg ein Abteil zu suchen.
Der Zug war ziemlich voll und an den Abteilen, an denen Lily vorbeikam, saßen schon Schüler. Zudem kam, dass die meisten sie wie immer mit großen Augen anstarrten. So langsam ging ihr das echt auf die Nerven. Müssten sie sie nicht mittlerweile alle schon mindestens einmal gesehen haben?
Als sie an einer Gruppe älterer Ravenclaw-Jungen vorbeikam, stieß sie auf einmal in etwas hinein. Mit voller Wucht prallte sie davon ab, fiel um und machte Bekanntschaft mit dem Fußboden.
Warum hatte sie nur nicht nach vorn gesehen? Neben ihr rieselten Tonnen von Süßigkeiten herab und vor ihr stand ein blonder Junge, der mitleidig auf sie hinabblickte. Er kam Lily äußerst bekannt vor. Ein paar Male hatte sie ihn nun bereits gesehen.
„Entschuldigung", sagte dieser und reichte ihr die Hand, um ihr aufzuhelfen.
Es war Oliver McKinnon.
„Nicht so schlimm", erwiderte Lily und fing an, ihm dabei zu helfen die Süßigkeiten aufzusammeln.
„Wie waren deine Ferien, Lily?", fragte Oliver, als er alles wieder in den Armen hielt und sie genauer betrachtete.
„Sehr gut", antwortete Lily freundlich, „und deine?"
„Ganz nett", winkte er ab.
„Ich dachte eure Eltern machen Urlaub", fragte Lily verwundert.
„Ich habe mit einem Freund und seiner Familie gefeiert", antwortete Oliver.
Lily verzog das Gesicht, wie konnte er nur so rücksichtslos sein und Colin ganz allein in Hogwarts lassen. Gerade wo das Verhältnis zwischen den beiden schon so schlecht war, hätte er doch wenigstens an Weihnachten für ihn da sein können.
„Ich muss, dann auch weiter", fiel ihm auf einmal entschuldigend ein und trat einen Schritt zur Seite, um Lily durchzulassen.
Lily verabschiedete sich, nahm ihren Koffer und ging an ihm vorbei.
„Übrigens, wenn du ein leeres Abteil suchst, dort hinten sind noch ein paar."
Oliver nickte mit dem Kopf in die Richtung, aus der er gerade gekommen war.
„Danke", sagte Lily, während sie Oliver hinterherschaute.
Was war nur mit ihm? Lily tat Colin richtig leid. Sicher hatten James und Albus oft versucht Lily auf den Arm zu nehmen, ließen sie nicht an ihre Rennbesen, oder triezten sie, wo sie nur konnten, doch Oliver schien Colin vollkommen zu ignorieren und Lily wusste, dass das wohl viel schlimmer war als die normalen geschwisterlichen Streitigkeiten, die sie von ihren Brüdern gewohnt war.
Nachdenklich lief sie den Gang zu dem Abteil entlang, auf das Oliver gezeigt hatte. Es war wirklich leer, er hatte also nicht gelogen. Sie schob ihren Koffer hinein und ließ sich auf eine der Bänke fallen. Allein würde sie es niemals schaffen den Koffer hinauf auf die Gepäckablage zu hieven, weshalb sie es einfach bleiben ließ.
Mit ihren Gedanken immer noch bei Oliver und Colin merkte sie fast gar nicht, wie kurze Zeit später die Tür des Abteils erneut aufgeschoben wurde und ein flammendroter Haarschopf sich hindurchquetschte.
Lily sah sich um und erkannte Hugo, wie er seinen Koffer in das Abteil schleifte.
„Der Zug ist ziemlich voll", seufzte er und Lily nickte.
Hugo half ihr den Koffer auf die Ablage zu heben und stellte seinen gleich daneben. Ddann setzte er sich ihr gegenüber.
„Wo ist Andrew?", fragte Lily.
„Keine Ahnung."
Hugo zuckte die Schultern.
„Ich habe ihn nicht gefunden"
Lily sah aus dem Fenster. Sie dachte weiter nach und auf einmal kam ihr eine Idee.
„Du kennst doch sicher Oliver McKinnon, oder?", fragte sie an Hugo gewandt.
Dieser sah sie erstaunt an.
„Ja, ich teile mir mit ihm einen Schlafsaal. Er ist in meinem Jahrgang. Wieso?"
„Ich habe ihn vorhin getroffen und... er ist Colins Bruder, aber die beiden scheinen sich überhaupt nicht zu verstehen."
Hugo nickte.
„Oliver ist einfach speziell. Eigentlich sieht man ihn nur mit seinem besten Freund Steven. Die beiden sind seit der ersten Klasse unzertrennlich und Stevens Eltern laden ihn auch ständig zu sich ein. Viel weiß ich auch nicht, ich hätte vorher auch nicht einmal gewusst, dass Oliver überhaupt einen Bruder hat."
Lily staunte. Das klang ja noch schlimmer, als sie dachte, aber das, was Hugo gesagt hatte, stimmte, immer wenn sie Oliver zufällig im Schloss gesehen hatte, war noch ein anderer Junge bei ihm gewesen, außer dem Mal an Halloween und gerade eben im Zug.
„Außerdem sind beide gut in der Schule und haben wirklich Talent."
„Ich finde, er wirkt ein wenig arrogant", urteilte Lily.
„Ein bisschen", gab Hugo zu, „aber sie sind schon in Ordnung und sie legen sich alle paar Tage mit Slytherins an, sogar mit den älteren. Das ist wohl der Grund dafür, warum viele sie mögen."
Hugo grinste.
Lily war klar, dass er so dachte, auch er hegte, wie Onkel Ron, einen außerordentlich starken Hass auf Slytherins und Lily konnte es ihnen nicht verübeln, schließlich hatte sie bisher mit Nott und Flint auch nur schlechte Erfahrungen mit Slytherins gemacht.
„Glaubst du, sein Freund ist der Grund, warum er und Colin so ein schlechtes Verhältnis haben?", fragte sie Hugo.
Dieser überlegte einen Moment. Dann zuckte er die Schultern.
„Ich weiß es nicht", gab er zu, „So gut kenne ich Oliver eigentlich gar nicht, aber ich kann nichts Schlechtes über ihn sagen und mit seinem Bruder habe ich ihn auch noch nicht so oft gesehen, obwohl es natürlich so sein wird, dass Colin durch Steven zurückstecken muss."
Lily sah Hugo skeptisch an. Vielleicht sollte sie sich für nächstes Weihnachten vornehmen, Colin auch mit in den Fuchsbau zu bringen, zumindest dann, wenn seine Eltern wieder in den Urlaub führen und sich der Kontakt zu seinem Bruder noch nicht verbessert hatte. Er würde sich sicher über ihr Angebot freuen.
AN: Zu diesem Kapitel gibt es wieder ein Sidechapter, das euch mehr über James und Albus verrät: [link href=" .de/s/4ec910a60001c314067007d0/5/Ballbegleitung-auf-Potterart"]Gespräch[/link]
