Gryffindor gegen Ravenclaw

Als Lily am Morgen des zweiten Mais aufwachte, überkam sie eine riesige Welle an Aufregung. Heute war der Tag!

Schnell sprang sie aus dem Bett auf und begann sich ihre Klamotten überzuziehen. Gerade so kämmte sie sich noch die Haare und schon lief sie hinunter in den Gemeinschaftsraum, wo sie bemerkte, dass sie zwei verschiedene Socken trug und die Treppe wieder hinaufraste. Colin und Eric waren ohnehin noch nicht aufgestanden, denn sonst säßen sie schon auf ihren Sesseln und würden auf sie warten.

Dieses Mal ließ Lily sich Zeit und kontrollierte noch einmal alles gründlich, bevor sie endgültig den Schlafsaal verließ. Es dauerte nicht lange, bis die beiden Jungen kamen und sie gemeinsam hinunter in die Große Halle gingen, die auf Grund des heutigen Anlasses geschmückt war.

„Guten Morgen und viel Glück für das Spiel heute, Bruderherz", rief Lily Albus im Vorbeigehen gut gelaunt zu, der mit seiner Gabel in einem Toast herumstocherte.

Als er sich zu ihr umdrehte, grinste sie ihn an.

„Los komm schon, Al", sagte James, der neben ihm saß und ein Toast nach dem anderen schmierte, „Du musst etwas essen! Oder willst du, dass dich die Ravenclaws vom Besen werfen?"

Er hob Albus' Toast hoch und hielt es ihm direkt vor den Mund.

„Danke, ich kann selbst essen", murrte er nur.

„Das sieht mir anders aus", entgegnete James und biss von ebendiesem Toast ab.

Albus verzog das Gesicht.

„Jetzt will ich es auch nicht mehr!", murrte er weiter und ließ die Gabel auf den Tisch fallen.

James machte den Mund auf, um etwas sagen, doch Rose kam ihm zuvor: „Lass es James, du verschwendest deine Energie und die brauchst du noch. Mir ist nämlich auch sehr daran gelegen, dass Gryffindor gewinnt."

James sah sie an.

„Ich dachte dein Freund ist in Ravenclaw, Rosie", grinste er breit und zog mehrmals die Augenbrauen hoch.

Sie wurde augenblicklich rot.

„Er ist nicht mein Freund", murmelte sie nur und sah auf ihren Teller.

James lachte auf.

„Wer hat dir überhaupt davon erzählt?", fragte sie und ein bitterer Ton lag in ihrer Stimme.

James klopfte Albus auf die Schulter, dessen Wangen sich von einer auf die andere Sekunde ebenfalls rosa färbten.

Wütend wandte Rose sich von ihnen ab und verschreckte die Arme. Allem Anschein nach war ihr der Appetit vergangen.

Lily setzte sich nun auf einen freien Platz und tat sich etwas Müsli auf. Colin schien bester Laune. Sie wusste, dass er sich auf das Spiel nachher freute. Für ihn stand es schon fest, dass Gryffindor gewinnen würde, auch wenn noch viel passieren konnte.

Plötzlich ertönte ein lautes Klirren, das die gesamte Große Halle erfüllte.

Die Schüler wandten sich nach vorn. Es war Professor Wennell, der gegen seinen Kelch geschlagen hatte und offenbar ein paar Worte sagen wollte.

„Heute ist der Tag des Sieges über Lord Voldemort. Wie immer wird heute Abend der Ball stattfinden", er machte eine kleine Pause, „Ihr wisst, wie sehr ich diese Feste schätze, wie wichtig es ist, sich zu erinnern und gemeinsam zu feiern. Leider jedoch werde ich heute Abend aus familiären Gründen nicht dabei sein. Leider habe ich ausgerechnet heute eine wichtige Angelegenheit, die sich nicht verschieben lässt, daher an alle, die heute Abend zum Ball gehen werden. Ich wünsche euch viel Spaß, Freude und natürlich auch Ausgelassenheit!"

Alle Schüler jubelten und klatschten, vor allem die Älteren, denen es ja bereits erlaubt war, zum Ball zu gehen, doch Lily, Colin und Eric warfen sich nur schockierte Blicke zu. Wenn Wennell heute nicht da war, dann war das die perfekte Gelegenheit für Walker. Es würde keinen besseren Zeitpunkt geben.

Lily, Colin und Eric waren unter den ersten, die die Quidditchränge betraten und sich einen Platz suchten. Colin wollte möglichst weit vorn sitzen, um nah am Geschehen zu sein und Lily stimmte ihm zu.

„Wir ziehen unseren Plan trotzdem durch, oder?", zischte Colin Lily und Eric zu.

„Natürlich", sagte Lily, „aber vielleicht sollten wir ihn anpassen."

„Wir sollten irgendjemandem Bescheid sagen!", sagte Eric, als Olivia Abbott hinter ihnen auftauchte.

Das Stadion füllte sich immer weiter und nun setzten sich auch Nicolas Martin, Max Fry, Davey Robins, Penelope Roper, Garnet Trumble und Susanna Lewis zu ihnen. Die Gryffindor-Erstklässler waren somit komplett und es dauerte nicht mehr lange, da waren alle Plätze besetzt und das Spiel konnte beginnen.

Lily sah, wie die beiden Teams das Feld betraten und sich die beiden Kapitäne James Potter und Maurice Corner, ein großer dunkelhaariger Ravenclaw, die Hände schüttelten, Madame Rivers in ihre Pfeife blies und schließlich alle vom Boden abhoben, während die Bälle freigegeben wurden.

„Ravenclaw im Ballbesitz!", rief Marius Proudfoot durch sein Megafon und Lily beobachtete, wie Maurice Corner auf die Torringe der Gryffindors zu raste, doch ein roter Punkt stürmte an ihm vorbei und auf einmal war er seinen Quaffle los.

„Tja, das war wohl nichts", rief Marius lachend, „schöner Spielzug von Kapitän James Potter, der jetzt abspielt zu seiner hübschen Cousine Roxanne Weasley, ich würde übrigens sehr gern mal mit... 10 zu 0 für Gryffindor, wirklich ausgezeichneter Wurf, Roxanne."

Roxanne hatte über den Hüter hinweg durch den von ihr aus am weit entferntesten Torring getroffen.

„Nun wieder Ravenclaw in Ballbesitz, Melinda Clarks, die übrigens ganze neun Tore im Spiel gegen Slytherin erzielte, spielt ab zu Corner, Corner wieder zu Clarks, doch da kommt Brian Wesp und Clarks verliert das Gleichgewicht, Gryffindor also wieder in Quafflebesitz, Wesp rast auf die Torringe zu, aber er wird von Corner Parker und Ravenclaws Hüter Robert Keyley, umzingelt und verliert den Quaffle. Parker zu Clarks, Clarks zu Corner und das war ein Klatscher von Fred Weasley."

Maurice Corner hatte sich so zur Seite werfen müssen, dass er vom Besen gerutscht war und nun nur noch mit seinen Armen am Stiel hing.

„Potter hat den Quaffle, jetzt wo Corner mit sich selbst beschäftigt ist, hat er gute Chancen das zweite Tor zu erzielen, doch was macht er? Nein, James, jetzt ist es wirklich nicht an der Zeit, Freundschaften zu anderen Häusern zu knüpfen! Lass ihn da hängen und hau verdammt nochmal den Quaffle durch die bescheuerten Ringe!"

„Proudfoot! Das war das letzte Mal, dass Sie Stadionsprecher waren! Ich schwöre es ihnen!", keifte Professor Crouch und sie war ohne Megafon fast sogar noch lauter als Marius.

„Nette Geste des Gryffindor-Kapitäns, meine ich", korrigierte er sich daraufhin sofort.

Doch Lily war seiner Meinung. Warum musste James ausgerechnet jetzt seine Loyalität zu Ravenclaw feststellen. Er sollte gewinnen! Albus rief ihm etwas zu und Lily konnte es zwar nicht genau verstehen, doch es hörte sich ganz nach „Was sollte das denn, du Idiot!" an. So etwas hatte sie nicht von Albus erwartet.

Als Corner wieder auf seinem Besen saß, warf James den Quaffle hastig zu Roxanne.

„Weasley mit dem Quaffle, Klatscher von Quirke, doch Roxanne weicht aus, sehr schön, vorbei an Parker und Keyley, 20 zu 0 für Gryffindor."

Die Menge jubelte, doch plötzlich raste Corner mit dem Quaffle auf die Torringe der Gryffindors zu, spielte zu der Jägerin Melinda Clarks ab, die völlig allein vor den Torringen schwebte und so schnell konnte Cody Stevens, Gryffindors Hüter, gar nicht schauen, da war der Quaffle auch schon drin.

Großer Jubel brach auf der Ravenclaw- und auch auf der Slytherin-Tribüne aus. James schnappte sich daraufhin den Quaffle und versuchte sich zusammen mit Brian Wesp, einen Weg nach vorn zu bahnen, doch in der Mitte des Feldes erreichten sie zwei Klatscher, während Fred den einen noch abwehren konnte, musste James dem anderen ausweichen und verlor den Quaffle dabei.

Lily stöhnte auf, als Melinda Clarks diesen auffing und zurück zu den Torringen der Gryffindors flog. Zu allem Übel schaffte sie es sogar noch Cody Stevens auszutricksen und den Quaffle dort hindurchzujagen. Nun stand es 20 zu 20.

Colin neben Lily hatte sich schon die Ohren zugehalten und die Augen fest zusammengekniffen, doch sie wusste, dass er die Jubelgesänge, die von den Ravenclaws und Slytherins ausgingen, immer noch hörte.

Auch die nächsten Angriffe von den Gryffindors wurden abgewehrt. Klatscher flogen über das Spielfeld und trafen hier und da mehrere Spieler. Maurice Corner warf zweimal daneben, als Gryffindors Hüter von einem Klatscher ausgeknockt war und Lily war darüber ziemlich erleichtert, sonst läge Gryffindor nun mit 20 Punkten zurück.

James war mit Roxanne ganz vorn vor den Torringen, als ein Klatscher auf sie zielte, den ihre Treiberin Leslie Middleton jedoch noch frühzeitig wegschlagen konnte und James versuchte zu werfen, doch da kam der andere Klatscher und diesmal war Leslie zu spät, sodass der Ravenclaw Hüter ihn abfing.

Während Melinda Clarks und Adrian Parker sich wieder auf nach vorn machten, schickte Fred Weasley ein paar Klatscher hinter ihnen her. Diesen wichen sie jedoch aus und zum Glück konnte Cody den Quaffle halten und beförderte ihn gleich wieder weit nach vorn zu James, auf den allerdings direkt zwei Klatscher zugeflogen kamen.

Obwohl er ihnen auswich, war es unmöglich aus dieser Situation wieder heil herauszukommen und er stieß kurz darauf mit Melinda Clarks zusammen, deren Besenstiel ihm ins Gesicht schlug und seine Nase augenblicklich zum Bluten brachte. Den Quaffle hatte er somit fallen gelassen und Corner schnappte ihn sich warf ihn zu Parker, der dadurch ein Tor erzielte, dass Nora Utley Cody Stevens mit einem Klatscher beschossen hatte.

Nun lag Gryffindor mit 10 Punkten zurück und ein paar Sekunden später waren es 20, weil Brian Wesp einen Klatscher abbekam, der ihn mit Roxanne zusammenstoßen ließ. Die beiden brauchten daraufhin ganze fünf Minuten, um wieder normal auf ihren Besen zu sitzen.

In der Zwischenzeit hatte sich Adrian Parker natürlich den Quaffle genommen und ihn durch die Torringe befördert. Lily verzweifelte. Es konnte doch nicht sein, dass Gryffindor verlor.

Einige Zeit verstrich, in der das Spiel lediglich hin und her ging und keine Tore geworfen wurden, doch dann konnte Ravenclaw sogar noch ein weiteres Tor erzielen und es stand 20 zu 50.

Marius Proudfoot hatte es aufgegeben das Spiel zu kommentieren. Er wusste wahrscheinlich einfach nicht mehr, was er noch sagen sollte. Auch bei der Suche nach dem Schnatz hatte sich noch nichts getan. Bisher hatte keiner der beiden Sucher diesen gesichtet. Colin und Davey fluchten die ganze Zeit vor sich hin, während Eric und Nicolas ein Gespräch über Zauberkunst begonnen hatten.

Lily saß einfach nur schweigend da. Sie konnte ohnehin nichts tun.

Dann plötzlich sah es so aus, als ob sich das Spiel wendete. James stürmte mit dem Quaffle voran auf die Torringe der Ravenclaws zu, neben ihm Roxanne und Brian. James' ganzes Gesicht war noch immer blutverschmiert und Lily fragte sich, ob seine Nase nicht vielleicht sogar gebrochen war. Schnell spielten die drei Jäger untereinander hin und her und konnten den Klatschern, die auf sie geschleudert wurden, ausweichen, wenn Fred oder Leslie sie nicht sogar schon vorher umgelenkt hatten. Kurz darauf stand es schon 30 zu 50.

Wenn sie Glück hatten, würde Gryffindor jetzt wieder aufholen und tatsächlich tat sich etwas. Die Ravenclaw Jägerin Melinda Clarks war nicht einmal mehr über die Hälfte des Spielfelds geflogen, da wurde sie von einem Klatscher getroffen und ihr fiel der Quaffle aus den Händen, den James, der unter ihr entlang geflogen war, sofort auffing.

Daraufhin stürmte er wieder nach vorn. Der Ravenclaw-Hüter Robert Keyley hechtete in die falsche Richtung und der Quaffle flog durch den Ring. Mit noch einem Treffer mehr hätten sie zunächst erst einmal Gleichstand erreicht und nun fing Marius auch wieder an, das Spiel zu kommentieren.

„Corner mit dem Quaffle und er rast auf die Torringe der Gryffindors zu. Vorbei an Weasley. Schöner Klatscher Leslie, aber leider daneben. Tja, das war wohl nichts. Gryffindor-Hüter Cody Stevens fängt den Quaffle und gibt ihn nach vorn zu Wesp. Gutes Spiel von Wesp, er duckt sich an Parker vorbei, gibt ab an Weasley. Vorsicht Roxanne! Das war ein Klatscher von Oona Quirke und jetzt wieder Potter mit dem Quaffle. Wieder ein Klatscher, aber diesmal von Nora Utley. Gut ausgewichen, Potter zu Weasley und wieder zu Potter und DAS IST DER AUSGLEICH!"

Die Menge im Stadion jubelte. Nur die Slytherins buhten laut und von den Ravenclaws war nichts zu hören.

„Doch was ist das, hat Albus Potter etwa den Schnatz gesichtet?"

Lily wandte sich um, damit sie Albus sehen konnte. Mit rasender Geschwindigkeit flog er um das Quidditchfeld. Den Schnatz sah sie zwar noch nicht, aber der Ravenclaw Sucher Rick Summers war ihm dicht auf den Fersen. Wie fast immer war Albus der erste gewesen, der den Schnatz gesehen hatte, und genoss somit einen guten Vorsprung.

Lily überlegte, dass es vielleicht noch eine Weile dauerte, bis einer von beiden den Schnatz fing und damit das Spiel entschied, und bis dahin sah sie lieber zu, wie die Jäger versuchten weitere Treffer zu erzielen, was sich nicht als ganz so einfach herausstellte, denn die Ravenclaws schienen neuen Kampfgeist errungen zu haben. So zog sich das Spiel ohne weitere Treffer hin und her und ein Raunen ging plötzlich durch die Menge, denn Rick Summers hatte aufgeholt und sowohl er als auch Albus waren nur noch Zentimeter von dem Goldenen Schnatz entfernt.

Es sah so aus, als würde Albus versuchen sich auf seinem Besen immer weiter nach vorn zu schieben. Vor Aufregung stand Lily von ihrem Platz auf, wenn er das wirklich versuchen würde, hatte er nur eine einzige Chance und danach würde er abstürzen, was unglaublich dumm und gefährlich war, wenn man mal bedachte, in was für einer Höhe sich die beiden befanden.

Eine weitere Buh-Welle zog sich durch das Stadion und Lily hatte keine Ahnung warum, bis Marius den Punktestand durch sein Megafon rief: „60 zu 50 für Gryffindor durch den Kapitän James Potter!"

Es hatte wohl niemand außer den Slytherins bemerkt, weil alle nur Augen für die beiden Sucher gehabt hatten.

Mit einem Satz sprang Albus plötzlich von seinem Besen ab und ergriff gleichzeitig dabei den Schnatz.

Lily kniff dir Augen zusammen. Sie wollte nicht sehen, wie ihr Bruder sich bei dem Fall sämtliche Knochen brach, doch wieder ging ein ohrenbetäubender Jubel durch das Stadion und aus reiner Neugier musste sie ihre Augen einfach wieder öffnen.

Albus hing an einem Arm baumelnd an seinem Besenstiel, mit der anderen Hand hielt er den Schatz fest und sie erkannte, dass er grinste.

„Gryffindor gewinnt!", rief Marius, „210 zu 50! Wir haben den QUIDDTCHPOKAL!"

Alle Spieler des Gryffindor-Teams stürmten auf Albus zu und zogen ihn wieder auf den Besen. Lily sah, dass James ihn in einer Umarmung fast erdrückte. Der Jubel vonseiten der Gryffindors war riesig und alle Schüler stürmten hinunter aufs Spielfeld, auf dem auch die Spieler bald landeten.

Man konnte erkennen, dass sich um die Gryffindor-Spieler eine Traube bildete, in der Umarmungen und Glückwünsche stattfanden und dann sah Lily, wie diese Traube sämtliche Spieler in die Höhe hob und mit ihnen in Richtung Schloss marschierte.

Viel Zeit zum Feiern blieb leider nicht mehr, da sich die älteren Schüler für den Ball am Abend fertig machen würden. Doch Hugo hatte ein bisschen Butterbier besorgt, das er mit ein paar Freunden zur Feier des Tages trank. Die meisten Spieler des Gryffindor-Teams waren oben im Gemeinschaftsraum, alle außer James. Eigentlich hatte Lily ihm zum Sieg gratulieren wollen, doch das blieb so wohl aus und sie fragte Hugo, ob sie etwas von den Getränken abhaben könne. Leider kam in diesem Moment Rose und fragte scharf, wo er das Butterbier denn herhabe, tippte mit dem Zauberstab auf die Flaschen und ließ sie verschwinden.

Um die Zeit bis zum Abend zu überbrücken, spielten Lily, Colin und Eric das Koboldsteinspiel, das Colin von zu Hause mitgebracht hatte.

Als es endlich so weit war, (Draußen war es schon lange dunkel geworden und die älteren Schüler hatten den Gemeinschaftsraum verlassen, auch ein paar der jüngeren Schüler waren schon zu Bett gegangen.) stiegen die drei die Wendeltreppe zum Schlafsaal der Jungen hinauf, gingen den Flur entlang und betraten das Zimmer mit der Aufschrift „Fünftklässler". Der Raum sah eigentlich genau aus wie auch ihr eigener Schlafsaal und man konnte sofort erkennen, welches James' Bett war. Auch er schlief direkt gegenüber vom Eingang.

Alles war in Rot und Gold geschmückt. An der Wand hing ein Poster von seiner Lieblings-Quidditchmannschaft, den Appleby Arrows, von denen auch Albus Fan war.

Hatten ihre Brüder nur Gemeinsamkeiten, wenn es um Quidditch ging?

Schnell lief sie hinüber zu James' Koffer und kramte darin herum. Sie wusste, er würde es nicht bemerken. Sein Koffer war ohnehin so unordentlich, dass es nicht ihm aufgefallen wäre, wenn sie ihn komplett ausgeschüttet und alles wieder wahllos hineingeworfen hätte.

Nach einiger Zeit wurde sie sogar fündig und zog den Tarnumhang heraus. Immer wieder hätte sie über diesen Stoff staunen können. Er war einfach so herrlich leicht und fühlte sich an, als sei er aus Wasser gewebt. Eilig verschloss sie den Koffer wieder und ging zurück zur Tür.

Erst hatte sie mit der Idee geschwankt, auch die Karte des Rumtreibers mitzunehmen, doch sie glaubte nicht, dass ihr diese bei ihrem Vorhaben viel nutzen könne.

Während sie den Umhang unter ihren Arm klemmte, stiegen die drei, ohne ein Wort zu sprechen, wieder die Wendeltreppe hinab. Der Gemeinschaftsraum war inzwischen wie leergefegt.

„Bereit?", fragte Lily, als sie vor dem Porträtloch standen.

„Bereit", sagten Colin und Eric.

„Was macht ihr?", fragte plötzlich eine Stimme hinter ihnen.

Erschrocken fuhren Lily, Colin und Eric herum.

Es war Olivia Abbott, die gut versteckt in einer Ecke gesessen und wohl gerade für Verwandlung geübt hatte. Keiner der drei Freunde hatte sie beim Hinuntergehen bemerkt.

„Wir...", fing Colin an, schloss seinen Mund jedoch gleich wieder, als er bemerkte, dass er überhaupt keine Ahnung hatte, was er eigentlich sagen wollte.

Olivia wirkte nun misstrauisch und runzelte die Stirn.

„Wollt ihr euch etwa auf den Ball schleichen?", fragte sie fast schon begeistert.

Lily schüttelte den Kopf.

„Erinnerst du dich an diesen Slytherin?", fragte Lily, „der Anfang des Schuljahres hier draußen vor unserem Porträt herumgeschnüffelt hat?"

Olivia schien zu überlegen, doch nickte dann langsam.

„Wir glauben, dass er etwas plant, und wir müssen ihm heute Nacht folgen, damit wir endlich Beweise gegen ihn haben", erklärte Lily.

Olivia immer noch misstrauisch blickte zwischen den dreien hin und her.

„Warum sagt ihr nicht einfach einem Lehrer Bescheid? Professor Longbottom zum Beispiel."

„Wer sagt, dass er uns glaubt?", fragte Eric.

Olivia zuckte mit den Schultern.

„Ist jedenfalls besser, als heute außerhalb des Bettes erwischt zu werden", sagte sie, „Zwei Monate noch und Gryffindor hat nicht nur den Quidditch- sondern auch den Hauspokal."

Lily seufzte. Genau daran hatte sie auch schon gedacht.

„Glaub mir, ich will wirklich nicht diejenige sein, die Gryffindor die Chance auf den Sieg nimmt, aber wenn Walker das vorhat, was wir glauben, das er vorhat, dann bringt uns der Hauspokal auch nichts mehr."

Sie sahen sich eine Weile lang an und Lily hoffte, dass sie Olivia überzeugt hatte. Für eine Petze hielt sie sie zwar nicht, aber trotzdem bestand die Gefahr und dann hatte Gryffindor den Hauspokal wirklich verloren.

„Kann ich mitkommen?", fragte Olivia dann plötzlich.

Lily, Colin und Eric sahen sich an. Damit hatte nun keiner der drei gerechnet.

„Klar, ich denke, wir können jede Hilfe gebrauchen", antwortete Eric.

„Großartig. Wer hätte gedacht, dass der Abend noch spannend werden könnte", sagte sie begeistert und schloss sich ihnen an.

„Lasst uns den Tarnumhang sofort überziehen", schlug Lily vor, als sie draußen vor dem Porträt der Fetten Dame standen und warf ihn über sich und ihre Freunde.

Sie gingen los, doch leider konnten sie sich darunter nur alle zusammen schlecht bewegen und kamen demnach sehr langsam voran.

Der Klang von Musik drang ihnen in die Ohren, als sie die Marmortreppe erreichten, die sie zur Eingangshalle hinunterführte und Lily hätte den Drang gehabt, einfach mit den älteren Schülern zu feiern, doch sie musste ihren Plan nun in die Hand nehmen. Wenn es sich als Hirngespinst herausstellte, dann sprach eigentlich kaum etwas dagegen sich auf dem Fest noch das ein oder andere Butterbier zu gönnen.

Schon bald verließen die vier das große Eichenportal und traten hinaus auf die Ländereien.

„Können wir den Umhang endlich abnehmen?", fragte Eric.

„Eric, halt die Klappe. Das hier ist ein Tarnumhang. Wie oft kommt man in seinem Leben schon dazu einen zu tragen?", erwiderte Colin.

Eric murmelte etwas, das wie „Hoffentlich nicht mehr so oft." und „Er stört beim Gehen." klang und Olivia kicherte.

Plötzlich jedoch sahen sie eine Gestalt in einem schwarzen Umhang vor sich. Sie lief geradewegs auf ihr Ziel zu und wenigstens Lily, Colin und Eric war sofort klar, wer die Gestalt war: John Walker.

„Das ist er doch, oder?", flüsterte Olivia ihnen zu.

Leise gehend versuchten sie ihn einzuholen, was jedoch unter dem Umhang fast unmöglich war und leider entglitt er ihnen schon bald außer Sicht, als er in dem Felsspalt verschwand.

„Was nun?", fragte Colin.

Sie könnten jetzt umkehren und Hilfe holen, was aber anlässlich der ganzen Erklärungen, die sie machen müssten, eine Menge Zeit kostete, oder sie gingen weiter und versuchten selbst ihn aufzuhalten.

„Ich gehe und folge ihm", sagte Lily.

„Ich komme mit", sagte Colin und beschleunigte seine Schritte.

Eric nickte. Es wäre wohl auch seine Entscheidung gewesen.

Olivia sagte zwar nichts, ging jedoch auch entschlossen weiter.

Sie erreichten den Felsspalt und kletterten hinunter in die Tiefe, um zu dem kleinen Bahnhof zu gelangen. Dort legten sie den Tarnumhang ab und sahen sich um.

„Ein Boot fehlt", bemerkte Colin und auch Lily war es aufgefallen.

„Wo ist er hin?", fragte Olivia.

„Das werden wir dir zeigen", sagte Lily und stieg in eins der Boote ein.

Alle anderen folgten ihr wieder.

Lumos!", riefen Lily, Colin und Eric fast gleichzeitig, noch bevor das Boot sich in Bewegung gesetzt hatte.

„Ihr wisst wohl genau, was ihr tut", murmelte Olivia, die ebenfalls ihren Zauberstab herausholte.

Lily nutzte die Bootsfahrt, um Olivia alles über John Walker zu erzählen, was sie herausgefunden hatten und sie war total fasziniert, vor allem von den Magiecontinatoren, die irgendwo unter dem Schloss versteckt sein mussten.

Bald sahen sie das Licht am Ende des Tunnels und wieder mussten sie die Augen zusammenkneifen, weil es sie so stark blendete. Doch sie hatten es geschafft, sie hatten den Bahnsteig erreicht und, wie sie schon erwartet hatten, lag dort ein weiteres der kleinen Boote.

Das war allerdings nicht alles, was sich seit ihrem letzten Besuch verändert hatte. Die riesige Eichenholztür stand nun einen Spalt breit offen.

„Ist das nicht Beweis genug?", fragte Olivia an Lily, Eric und Colin gewandt.

„Wir müssen jetzt jemandem Bescheid sagen", sagte sie eindringlich.

„Wir haben nicht die Zeit!", sagte Eric, „Wenn Walker schon drin ist, dann müssen wir ihm jetzt folgen. Es dauert ewig zurückzufahren und den Lehrern zu erklären, was passiert ist."

„Sie hat aber recht", sagte Lily und drückte Olivia den Tarnumhang in die Hand, „Such Professor Longbottom, such alle Lehrer, die du überzeugen kannst, aber wir müssen ihn wenigstens aufhalten, Zeit schinden."

Olivia blickte die drei Freunde an, schluckte und nickte dann jedoch.

„Viel Glück!", sagte sie, stieg hastig in eins der Boote und fuhr mit einem ängstlichen Blick auf sie davon.

Lily schluckte.

„Wenn noch jemand gehen möchte, ein Boot ist noch da", sagte sie zu Colin und Eric.

„Halt die Klappe, Lily", sagte Colin jedoch nur und zog an der Klinke der riesigen Tür.

AN: Zu diesem Kapitel gibt es wieder ein Sidechapter, das euch mehr über James und Albus verrät: [link href=" .de/s/4ec910a60001c314067007d0/10/Ballbegleitung-auf-Potterart"]Knapp[/link]