Magiecontinatoren

Die fünfte Kammer war noch größer und prachtvoller als alle Kammern davor. Lily klappte beim Anblick der Deckenhöhe die Kinnlade herunter. Der hintere Teil der Kammer war gewölbt und genau dort befanden sich vier riesige Statuen, von links nach rechts eine Schlange, ein Löwe, ein Dachs und ein Adler. Jede war bestimmt fünf Meter groß und wie in den Kammern davor aus genau dem gleichen prunkvollen Gestein.

Wäre sie hier, um die Kammer zu bewundern, hätte sie sich sicher mehr Zeit genommen, sie genau zu betrachten, aber sie erkannte, dass alle Statuen etwas in ihren Mäulern trugen, und nur deshalb war sie eigentlich hier.

Alle Mäuler standen weit offen und gaben den Anblick auf vier große kristallklare Kugeln frei, die auf deren Zungen lagen und glänzend leuchteten: Die Magiecontinatoren.

Das alles wirkte, als ob die Statuen dazu da wären, diese zu beschützen, als ob sie bei einer falschen Bewegung, oder einem falschen Zauber, sie einfach hinunterschlingen und für immer in ihrem Inneren geborgen halten würden.

Lily überlegte, ob das nicht wahrscheinlich auch so war, doch eine Stimme löste sie aus ihren Gedanken: „Ich muss sagen, dass ich nicht mit euch gerechnet hätte!"

Ihr Blick schweifte zur Mitte des Raumes, direkt vor die Magiecontinatoren auf John Walker, der den Zauberstab in der Hand haltend seelenruhig vor einer weiteren riesigen Kugel stand, als würde er bloß die Schönheit der Statuen bewundern.

„Aber ihr seid Gryffindors, nicht wahr? Stets tapfer und mutig und natürlich auch schrecklich dumm."

Er grinste belustigt und Wut brodelte in Lily auf.

„Ihr hättet heute Nacht nicht herkommen dürfen. Letztendlich werde ich euch so alle vernichten müssen."

„Aber wir sind zu dritt und du ganz allein, Walker!", kam es von Colin, der rechts neben Lily stand.

Sie wusste, er versuchte zu bluffen, aber Walker würde es durchschauen. Er hatte Recht, sie waren dumm. Sie hätten lieber den Lehrern Bescheid sagen sollen, anstatt ihm ganz allein zu folgen. Was konnten sie hier unten denn schon ausrichten?

Walker lachte höhnisch. Es klang kalt und Lily lief ein Schauer über den Rücken.

„Hast du vergessen, dass du gerade einmal dein erstes Jahr hier beendet hättest, während ich der beste Schüler im siebten Jahr bin und meine NEWT mit Bestnoten bestanden hätte?", lachte Walker.

„Warum hast du das dann nicht?", warf Lily ein.

Sie hatte eine Idee. Sie musste John Walker in ein Gespräch verwickeln. Solange wie nur möglich und nebenbei herausfinden, wie sie die Statuen dazu brachte ihre Kugeln herunterzuschlucken.

„Was ist schon ein NEWT, wenn ich etwas viel Besseres dafür haben kann. Noten existieren nur auf dem Papier. Es reicht für dich selbst zu wissen, was du kannst, wenn du es kannst, und ich kann der mächtigste Magier der ganzen Welt sein, wenn ich es will."

„Was hast du dann davon die Schule zu zerstören?", fragte Eric gelassen.

Er schien inzwischen leicht verträumt und wirkte ein wenig abwesend. Irgendwie erinnerte er Lily an Lorcan.

Wieder lachte John Walker nur.

„Ihr kleinen Gryffindors seid so schrecklich dumm", sagte er, „aber doch sehr amüsant, das muss man euch lassen!"

Lily fragte sich, was das sollte.

„Ich habe nicht vor die ganze Schule zu zerstören", erklärte Walker und lächelte dabei noch immer, „Ich will lediglich Teile eliminieren, die schon vor geraumer Zeit hätten eliminiert werden sollen und einfach eine Schande sind!"

Lily blinzelte. Was wollte Walker ihr sagen?

„Du willst also nur Gryffindor zerstören?", fragte Eric und klang, als ob er bald einschlief.

„Ganz genau. Wenigstens einer der mitdenkt", lachte Walker leise.

Es war, als ob sie ein Klatscher getroffen hätte. Warum war ihr das nicht von Anfang an klar gewesen? Er wollte nur Gryffindor zerstören, nur Gryffindor. Sofort klingelten bei ihr die Glocken. Es kam ihr stark bekannt vor. Hatten ihre Eltern nicht mal erwähnt, dass Voldemort Slytherin als einziges Haus haben wollte?

„Erst einmal nur Gryffindor", antwortete John Walker nun, „mal sehen, was sich danach noch machen lässt. Bis sie jedenfalls versucht haben werden, Gryffindor wieder aufzubauen, vergehen ein paar Jahre und bis dahin habe ich sowieso das ganze Land übernommen und dann stürze ich Hufflepuff und Ravenclaw auch noch in ihr Verderben. Gryffindors Macht wird mir vorerst reichen."

Wieder lachte er und Lily fragte sich, ob er nicht ganz dicht war. Sie zweifelte nämlich stark an seinem lausigen Plan. Erstens hatte er nicht einmal Gefolgsleute, also wie um alles in der Welt wollte er ganz Großbritannien beherrschen? Und zweitens wusste er gar nicht genau, welche Beiträge Gryffindor zur Schule erbracht hatte. Demnach war es ein Glücksspiel, welche Teile zuerst einstürzen würden.

„Was hat Hogwarts, oder Gryffindor mit dir und deiner Macht zu tun?", fragte Eric plötzlich und er sprach Lily aus der Seele, denn John Walkers Plan war nicht nur höchst unlogisch, sondern auch zusammenhanglos und Lily versuchte das alles zu verstehen, doch sie gab schon kurz darauf auf.

„Hogwarts war schon immer das wichtigste für die Zauberer hier in Großbritannien, oder nicht? Hat mit Hogwarts nicht alles begonnen? Jedes Zaubererkind besucht diese Schule und wird von dem Haus geprägt, das es in seiner Schulzeit besucht. Wärt ihr nicht nach Gryffindor gekommen, würdet ihr nicht hier stehen."

„Oder wir sind nach Gryffindor gekommen, weil wir jetzt hier stehen", warf Eric ein.

Lily musste zugeben, dass seine Sprüche, trotz der Tatsache, dass sich momentan irgendein unbekanntes Gift in seinem Körper breit machte, noch ziemlich klug waren, doch John Walker schien da anderer Meinung und überhörte ihn einfach.

„Jedenfalls ist es nicht so, dass die guten Gryffindors immer die bösen Slytherins vertreiben? Ihr Mut und ihre Tapferkeit geht über alles und sogar die Hufflepuffs und Ravenclaws sehen zu ihnen auf."

„Weil wir einfach besser sind", rief Colin dazwischen, doch auch er wurde von Walker ignoriert.

„Seit Salazar Slytherin Hogwarts verlassen hat, sind die Slytherins geächtet und seit Harry Potter Lord Voldemort besiegt hat, hat sich das alles nur noch verstärkt. Ich wette ihr beiden habt schon vor dem Schuleintritt gesagt bekommen, dass Slytherin böse ist, nicht wahr?"

Er deutete vielsagend auf Colin und Lily.

„Aber niemand sieht hier, dass Slytherin das eigentliche Opfer ist. Wer wird denn hier seit Jahren als schwarzmagisch abgestempelt, während die guten Gryffindors alles unter Kontrolle haben und immer die Welt retten. Nur sie können sich gegen das Böse zur Wehr setzen. Würdet ihr einem Slytherin trauen, wenn er euch um Hilfe bittet?"

Lily dachte nicht ernsthaft über diese Frage nach. Sie hatte ohnehin schon aufgehört John Walkers dämlichen Ideen zuzuhören.

„Wenn man etwas ändern will, muss man ganz unten anfangen. Wenn Slytherin an die Macht soll, darf es keine Gryffindors mehr geben. Niemand kann mich mehr aufhalten, wenn ich meinen Plan vollendet habe!", John Walker lachte genießerisch und Lily war zu verwirrt, um zu wissen, was sie denken sollte.

„Nur weil du das Haus auslöscht, heißt es aber nicht, dass es keine Menschen mehr gibt, die sich dir zur Wehr setzten", sagte sie und John Walker sah sie eine Weile lang an.

„Potters halten es nie für nötig, anderen Menschen zuzuhören, so überzeugt sind sie von sich selbst", antwortete er, „Wie ich eben schon gesagt habe, das Haus prägt den Charakter!"

Lily sah von Colin zu Eric, denen beiden die Münder offenstanden. Anscheinend dachten sie dasselbe wie sie.

„Wenn ihr mich jetzt entschuldigen würdet", fing John Walker an, hob seinen Zauberstab und wandte sich wieder seiner Fluchformel zu.

„Ich muss mich ganz dringend hinsetzen", sagte Eric plötzlich und ging zu der Löwenstatue hinüber.

Erst jetzt erkannte Lily, dass vor den Statuen kleine Steinfelder im Boden lagen, und Eric legte sich auf ebendieses Steinfeld und tat so, als würde er schlafen.

Lily und Colin tauschten einen Blick. Was hatte er vor? War das schon das Gift, das seinen Körper durchströmt hatte?

„Was tut er da?", flüsterte Colin an Lily gewandt.

„Ich weiß es nicht", antwortete sie und ging mit Colin zu Eric hinüber.

„Eric, was ist mit dir?", fragte Lily, „Geht es dir nicht gut?"

„Draco dormiens nunquam titillandus", flüsterte er ihnen leise zu.

„Seid still, ich muss mich konzentrieren", blaffte Walker die drei an.

„Aber Eric wurde eben von einer Schlange gebissen", sagte Lily zu Walker, „Kannst du ihm nicht helfen? Er stirbt sonst!"

„Hast du mir nicht zugehört? Mal ehrlich, du bist noch dämlicher als deine Quidditchbrüder", schimpfte Walker verärgert, „Ich vernichte euch eh gleich. Oder sehe ich so aus, als hätte ich hier einen Bezoar dabei?"

Verzweifelt wandte sich Lily wieder Eric zu und der machte eine Geste hin zu den anderen Platten.

„Draco", wisperte er und zeigte auf die Platte vor der silbernen Schlange.

„Dormiens", wisperte er und zeigte auf sich und die Platte.

„Nunquam", sagte er und machte eine Geste, dass die Platte vor dem Dachs nicht berührt werden dürfe.

„Titillandus", war das letzte, das er flüsterte, machte eine Kitzelbewegung mit der Hand und zeigte weit weg auf die andere Seite des Raumes zum Adler.

Lily und Colin sahen sich an und verstanden plötzlich.

Langsam und ohne Aufmerksamkeit zu erregen, schritt Lily hinüber zum bronzenen Adler, während Colin zu der silbernen Schlange ging.

Aus der Ferne sahen sie einander an, Lily fing an die Platte, auf der sie stand zu kitzeln, während Colin einen Drachen nachahmte und Eric tat entweder so, als würde er schlafen, oder er schlief wirklich.

Plötzlich ertönte ein lautes Geräusch und Walker sah auf.

Eine Schlange, die laut zischte, ein Löwe, der laut brüllte, ein Dachs, der ebenso laut fauchte, und ein Adler, der laut krächzte, und mit einem Biss hatten alle vier Statuen, die glänzenden Kugeln in ihren Mäulern hinuntergeschluckt.

Sämtliches Licht erlosch und es war stockfinster in der Kammer.

Ehe Lily, Colin und Eric sich versahen, taten sich Seile aus dem Boden hervor, die sich zuerst um ihre Fußgelenke schnürten und immer weiter hinauf schlängelten. Lily versuchte daran zu zerren, aber sie hatte das Gefühl, dass sich die Seile dadurch nur enger spannten, und sie beschloss, sich möglichst nicht mehr zu bewegen.

„Das werdet ihr mir noch büßen!", rief Walker wütend und erzeugte Licht mit seinem Zauberstab.

„Aber wie gut, dass ich an eurem Turm war. Keine Sorge, eure Arbeit wird in Nullkommanichts umsonst gewesen sein, denn ich hole mit den Magiecontinator von Gryffindor schon wieder.

John Walker hatte seine Aufmerksamkeit inzwischen wieder auf die Löwenstatue gerichtet. Mit erhobenem Zauberstab stand er vor ihr und murmelte einen langen Zauberspruch, den Lily nicht verstehen konnte. Sie wusste aber, dass sie ihn davon abhalten musste. Er durfte den Magieservator nicht zerstören.

„Warum warst du nun an unserem Turm?", rief sie wütend zu ihm hinüber.

Fluchend unterbrach John Walker sein Gemurmel.

„An eurem Turm standen Runen, wie vor jedem Gemeinschaftsraum. Keiner weiß, wofür die stehen. Ich habe sie in meinem dritten Schuljahr bei uns entdeckt und dachte mir, es könne hilfreich sein, eure Runen zu kennen."

Lily musste mitansehen, wie Walker die Runen auf das Feld schrieb, auf dem Eric bis eben gelegen hatte. Sie verzweifelte. Ihr fielen einfach keine Fragen mehr ein, um Walker abzulenken, und sie musste tatenlos zusehen, wie er sich über die Statue hermachte. Was konnte jetzt noch passieren? In ein paar Minuten würde sie vielleicht sterben. Dann würde Walker versuchen seinen Plan umzusetzen. Waren Colin, Eric und sie genauso verloren wie Gryffindor und Hogwarts?

Die Minuten verstrichen und Lily musste mit ansehen, wie der Löwe seine Kugel wieder ausspuckte und Walker seine Fluchformel von vorn begann.

Irgendwann wurde das Glas der Kugel immer brüchiger, bestimmt hatte er es bald geschafft. Zu ihrer linken hörte sie Eric lallen. Das Gift musste sich wohl schon vollkommen in seinem Körper ausgebreitet haben und sie hatte schon die Hoffnung aufgegeben, als plötzlich mit voller Wucht die Tür aufflog.

Lily traute ihren Augen nicht. Vor ihr standen Professor Longbottom, Professor Crouch und Professor Cauldwell mit erhobenen Zauberstäben.

„Mr Walker", rief Professor Longbottom laut und John Walker drehte sich abrupt herum.

Die beiden starrten sich nun Auge in Auge an, die Zauberstäbe auf den jeweils anderen gerichtet. Lily fiel ein großer Stein vom Herzen. Sie waren so gut wie gerettet.

Plötzlich schoss John Walker den ersten Fluch auf Professor Longbottom ab, der diesen aber gekonnt abblockte. Lily hätte jetzt erwartet, dass Neville nun zurückschoss, doch er tat es nicht, sondern blockte nur drei weitere Flüche ab.

„Komm schon, Longbottom", lachte Walker, „Ich dachte immer, das könntest du besser!"

Es war eine wahnsinnige Lache, die Lily gar nicht gefiel und sie hoffte nur, schnellstmöglich hier weg zu kommen, da Erics Lallen neben ihr aufgehört hatte und er nun bewusstlos geworden war. Sie machte sich ernsthaft Sorgen. Er brauchte so schnell wie möglich Hilfe und das schien auch Neville klar zu sein und ganz ohne die Hilfe von den Professoren Crouch und Cauldwell, duellierte er sich plötzlich mit ihm, während Professor Cauldwell zu ihnen hinübereilte und sie befreite.

„Miss Potter, Mr McKinnon, geht es Ihnen gut?"

„Uns schon", sagte Colin, „aber Eric ist bewusstlos."

„Er wurde von einer der Schlangen gebissen und braucht ganz dringend ein Gegengift", sagte Lily.

Professor Cauldwell kramte in den Innentaschen seines Umhangs und zog einen kleinen schwarzen Stein heraus. Er drückte ihn Eric in den Mund.

„Kommt mit, Kinder, ich bringe euch hier heraus!", sagte er dann und beschwor eine Trage für Eric herbei.

„Können Sie mir auch so eine machen?", fragte Colin, „Ich glaube, ich habe mir mein Bein gebrochen!"

„Natürlich", sagte er und bevor Colin sich auf die Trage legte, wandte er sich an Lily.

„Ich bin mit dir befreundet, weil du Lily Potter bist", sagte er zu ihr, „aber nicht, weil du berühmt bist."

Lily und er sahen sich an und sie würde sich wahrscheinlich immer an diesem Moment erinnern, wo Colin und sie sich einfach nur ansahen und schließlich auch angrinsten, trotz der Tatsache, dass neben ihnen dieser Kampf tobte und trotz dessen, dass ihrem besten Freund neben ihnen langsam von innen alle Lebenskraft herausgesogen wurde und trotz allem, was sie an diesem Abend erlebt hatten.

Plötzlich jedoch ertönte ein lauter Knall und der ganze Raum war erfüllt von weißem Licht. Lily wusste nicht genau, was es war, vielleicht ein Fluch, vielleicht aber auch ein riesiger Brocken Gestein. Jedenfalls traf es sie so hart am Kopf, dass es sich schlimmer anfühlte als damals, als sie beim Quidditch mit James und Albus aus gut 30 Fuß Höhe von ihrem Besen gefallen war. Sie hörte gerade noch Colins Schrei, fühlte einen seltsamen Schwindel im Kopf und verlor dann langsam, aber sicher genau wie Eric das Bewusstsein.