Kapitel 5 (Dream is Collapsing – Hans Zimmer [Inception Soundtrack])
Die Nacht schien dunkler als sonst und überall war es grell und farbenfroh. Die Neonröhren der Clubs und Casinos schienen hell hinab und luden sowohl Einheimische, als auch Touristen ein. Der Mann, der sich durch die Menge drängelte, war keines von beidem.
Er war nicht wegen dem Vergnügen hier, er hatte einen Auftrag. Er konzentrierte sich darauf, durch die Warteschlangen an den Diskos vorbeizukommen und nicht von Verkäufern in eine der zahlreichen, legalen oder illegalen Shisha-Bars und Black-Jack-Runden gezogen zu werden.
Es dauerte eine ganze Weile, bis er endlich zum stehen kam und sich eine Verschnaufpause gönnte. Hier war es viel zu laut, aus allen Lautsprechern tönten verschiedene Lieder, Menschen aller Herkunft sprachen in diversesten Sprachen und Dialekten miteinander, doch der Mann bekam kaum etwas davon mit.
Er blendete seine Umgebung aus und versuchte, die Stille in dem Trubel zu finden. Die Ruhe vor dem Sturm war das einzige, was ihm jetzt kühlen Kopf bewahrte.
Er selbst wusste nur das nötigste, aber genug, um die Person zu finden, die er brauchte und sie zu überreden.
Denn wenn er es nicht schaffte, wollte er gar nicht über die Konsequenzen oder einen Ersatz nachdenken. Er blickte hinauf, wo das Neongelb gerade das Neongrün ablöste.
Hier war er richtig.
Er trat nach vorne, wurde aber nach zwei Schritten bereits von einem Türsteher zurückgehalten. Er schaute an sich hinunter, an seiner Kleidung konnte es nicht liegen. Er trug einen schwarzen Anzug, nicht glänzend, nicht allzu teuer.
Frisch geputzte schwarze Lederschuhe und sein gebügeltes Hemd war blitzend weiß. Er rückte noch kurz seine Fliege zurecht und lächelte den Türsteher, der große Ähnlichkeiten mit dem Agenten aus Matrix (nicht Smith) hatte, an.
Dieser durchmusterte ihn ein paar Sekunden, nickte dann ohne sein Gesicht zu verziehen, und ließ ihn passieren. Er strich sich noch einmal über seinen Dreitagebart, vielleicht hätte er sich noch rasieren sollen, aber sein Auftrag war so plötzlich gekommen.
Der Mann schaute in einen der Zierspiegel, die an der Wand hingen, er hatte blondes, kurzes Haar, war sehr muskulös und seine Augenfarbe war nicht leicht zu bestimmen.
Er legte seinen Kopf leicht schief, dann aber kehrte er in die Realität zurück und ließ sich vom Strom mittreiben, bis er zu der Treppe gelangte, von wo aus er das Casino überblicken konnte. Er hielt sich am Geländer fest und ließ den Blick durch den Raum schweifen.
Hier waren unzählige Personen in Anzügen und langen Kleidern, alle schienen in ein Spiel oder in ein Gespräch vertieft. Es dauerte eine ganze Weile, bis seine Augen endlich an der Person haften blieben, die er suchte.
Er musste kurz grinsen und bewegte sich dann durch die Menschenmassen. Er beobachtete sein Ziel von der Ferne, welches an einem der Pokertische saß und das Gesicht des Gegenübers genau beobachtete.
Der Mann näherte sich von hinten an. Es waren nur noch zwei Personen im Spiel und der andere schien gerade ziemlich viel zu riskieren, mit einem Blick auf den Stapel seine Münzen.
„Seit wann erleichtern sie ihre Gegner auf legale Weise?", fragte der Mann, der nun genau hinter der Person stand. Diese ließ die Karten sinken und setzte den nächsten Einsatz. Die fünfte Karte wurde umgedreht.
„Wer sagt, dass man bei drei Decks nicht mitzählen kann?", flüsterte die Person und drehte sich um.
Der Mann war überrascht, wie ähnlich die Frau doch ihrem Foto in der Akte war.
„Die Lady gewinnt", entschied der Dealer und nahm die Karten wieder an sich. Die Frau schenkte der Verteilung der Münzen nur wenig Beachtung, sondern war eher an dem Mann interessiert.
„Können wir uns unterhalten?", fragte dieser mit charmantem Lächeln.
„Für wen arbeiten sie? Und wie haben sie mich gefunden?", fragte die Frau und nickte einem Mann in ihrer Nähe zu, der ihren Platz einnahm, als sie aufstand.
Der Mann folgte ihr durch das Casino und beobachtete, wie leicht sie sich durch die Menschenmasse bewegte. Sie trug ein mittellanges, schwarzes, enges Kleid, was unten etwas weiter geschnitten war. Er bezweifelte nicht, dass sie dort eine Waffe versteckte.
Sie trug ihre dunklen, leicht lockigen Haare offen, die perfekt zu ihrer braungebrannten Haut passten. Sie stiegen ein paar Stufen hoch und die Frau flüsterte einem Türsteher ein paar Worte zu, woraufhin dieser sie beide in ein Hinterzimmer ließ.
Der Mann war überrascht von dem kleinen Raum, der nur eine Bar und zwei Couches enthielt, sowie einen kleinen Tisch.
Die Frau scheuchte das Paar vom Sofa, bevor sie sich zu dem Mann umdrehte. Er hörte die Tür hinter sich ins Schloss fallen und zuckte kurz zusammen, lächelte dann aber.
„Wollen sie etwas trinken?", fragte sie, doch er schüttelte den Kopf.
„Ich habe ein Angebot für sie", erklärte er und die beiden setzten sich auf die Couch. Sie lächelte ihn an und wüsste er es nicht besser, würde er dahin schmelzen.
„Wie soll ich mich für ein Angebot interessieren, wenn ich noch nicht einmal weiß, von wem es kommt, Mr. Bond?"
„Ah, also wissen sie doch, für wen ich arbeite."
„Wer sonst würde seine Agenten mit Anzug und Fliege schicken?"
Er lachte und sie lehnte sich zurück.
„Wie haben sie mich gefunden?"
„Wir haben sie nie verloren. Seit neun Monaten reisen sie schon durch das Land und schlafen sich von einem Casinobesitzer zum nächsten."
„Ich hoffe, dass ist nicht das einzige, was sie in den letzten neun Monaten von mir beobachtet haben." Sie sprach mit demselben britischen Akzent wie der Mann.
„Nein. Sie haben für einige auch kleine Geschäfte erledigt."
„Ich habe nur das getan, was ich am besten kann."
„Das, wofür sie gefeuert wurden", erinnerte er sie, doch die Frau zuckte nur mit den Schultern.
„Sie sprachen von einem Angebot. Sind sie es leid, dauernd hinter mir her laufen zu müssen und wollen mir einen Deal anbieten? Ich kann auch endlich ganz verschwinden, wenn sie das wollen…"
„Würden sie das schaffen…?"
„Sie konnten mich nur finden, weil ich sie nie alle Brücken hinter mir abbreche…"
„Nein, deswegen bin ich nicht hier. Ich möchte sie zurückholen."
Sie lachte kurz und leise auf und schaute ihrem Gegenüber genau in die Augen. Er sah in den ihren nichts. Keine Emotionen, nichts, was etwas über sie verraten könnte.
„Warum sollten sie das wollen? Die Welt ist noch nicht so sehr verloren…"
„Carolyna. Hören sie mir bitte zu."
Sie hob eine Augenbraue, als er ihren Namen nannte. Sie war bildhübsch, das musste er zugeben, und erst sechsundzwanzig.
„Ich habe mir ihre Akten angesehen. Aber ich habe nichts entschieden, ich bin nur der Überbringer der Nachricht. Man möchte sie für eine Mission in Amerika einsetzen."
Sie lächelte und schaute auf den leeren Tisch. „Ich dachte, der Grund warum ich entlassen wurde, war, dass ich für Außeneinsätze nicht geeignet war."
„Aber man scheint ihnen genug zu vertrauen..."
„Haben sie nicht genug Agenten, die sie für Missionen im Ausland einsetzen können?"
„Wenn die Mission schief geht, können wir immer noch behaupten, nichts damit zu tun zu haben. Welcher Geheimdienst würde schon Ex-Spione einstellen, die durch den psychologischen Test gefallen sind?
Carolyna, hier ist das Angebot: Sie fliegen noch heute Nacht mit mir nach London. Dort werden sie ihre Partnerin treffen. Sie wurde aus ähnlichen Gründen entlassen und aus demselben wieder dazu geholt. Wir vertrauen ihnen beide nicht genug, aber zu zweit ist es sowohl für sie, als auch für uns sicherer.
Sie erledigen den Auftrag mit Erfolg und ihre Anklage wird fallen gelassen. Sie werden dann in keinem europäischen Land mehr gesucht und man könnte über eine Wiedereinstellung verhandeln."
„Wer sagt denn, dass ich zurückkehren möchte?"
„Sie können entweder ihr Leben lang Pokerspieler betrügen, Menschen für andere ermorden und auf der Flucht sein, oder sie können zurück nach England kommen, sich ein Leben aufbauen und wieder für uns arbeiten. Die Entscheidung liegt bei ihnen."
Jetzt war er es, der sich zurücklehnte und auf eine Antwort wartete. Sie starrte auf die Wand gegenüber und war offensichtlich im Nachdenken versunken. „Warum ich?"
„Sie waren eine gute Agentin. Leider überlag ihre Neigung zu Gewalt und Folter mehr als die zu ihrem Vaterland."
„Ich hätte nach Russland auswandern sollen", murmelte sie und wandte sich wieder zum MI6-Agenten. „Nehmen wir an, ich arbeite wieder für sie. Wie kann ich sicher sein, dass ich nicht direkt danach ins Gefängnis wandere?"
„Sie müssen uns einfach vertrauen. Außerdem sind wir die Briten. Wir sind dafür bekannt, unsere Versprechen einzuhalten. Es wäre problematischer, wenn sie für den Mossad oder VEVAK arbeiten würden", sagte er.
Sie seufzte. „Ich mache es", entschloss sie sich und stand auf.
„Wir haben ihre Sachen bereits gepackt und sie sind auf dem Weg nach London", erklärte er und stand ebenfalls auf. Er war überrascht, dass sie fast einen ganzen Kopf kleiner war als er.
„Und was ist, wenn ich ‚Nein' gesagt hätte?"
„Dann hätte ich den Auftrag gehabt, sie zu töten. Mit den Informationen, die sie haben, würden sie eine ernstzunehmende Bedrohung für den britischen Geheimdienst und sowohl MI6 als auch MI5 können sich das nicht erlauben."
„Ich habe nie irgendwelche Staatsgeheimnisse ausgeplaudert."
„Um ehrlich zu sein, hat uns das ziemlich überrascht. Wir hatten vorgehabt, sie schon vor acht Monaten zu töten."
„Der Scharfschütze auf dem Kirchendach. Das war der MI6?"
„Ja. Es hatte einen Monat gedauert, die Genehmigung für die Aktion zu bekommen. Und ich bin froh, dass das Nummer fünf zugeteilt wurde und nicht mir. Er ist mittlerweile vom Doppel-Null-Status degradiert worden", scherzte er.
„Dann hätte er sich einen Ort mit nicht so vielen Fenstern suchen sollen."
„Er hat sich darin gespiegelt. Und ich dachte schon, er hätte den roten Laser zur Zielerfassung benutzt", erwiderte der Agent und gemeinsam verließen sie das Casino.
„Wissen sie, ich habe sehr viel über sie gehört. Als sie den MI6 verlassen haben, war ich gerade in einer Mission in Thailand. Man hat höchste Alarmstufe für alle Agenten im Ausland gegeben, weil sie einfach zu viel wussten. Niemand hätte gedacht, dass sie so ruhig verschwinden würden."
„Ich habe keinen Nutzen gesehen, dem MI6 zu schaden. Ich schätze, sie haben ebenfalls gehört, was für eine rücksichts- und emotionslose Schlampe ich wäre?"
„So etwas in der Art", gab er ungerne zu.
„Aktenberichte übertreiben es gerne. Besonders unser lieber Boss. Er mag es einfach nicht, wenn man nicht stur nach seiner Nase tanzt."
„Oh, das kenne ich…"
Die beiden traten vor das Casino und verschwanden unauffällig in der grellen und ausgelassenen Menschenmenge der schwarzen und kalten Nacht.