Als Hermine nach kurzem Schwindel wieder zur vollen Besinnung kam, fand sie sich auf den nassen Boden einer Straße wieder. Um sie herum standen große Häuser, mit dunklen Fenstern oder mit Brettern zugenagelt.
Ihr Magen verkrampfte sich, als sie die Winkelgasse wiedererkannte. Dort war früher einmal Ollivanders Zauberstabladen gewesen, als kleines Mädchen war sie diese Straßen entlang gehüpft und konnte sich an den vielen Farben nicht sattsehen.
Heute war die Gasse nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Ihre Füße führten Hermine zum „Tropfenden Kessel", es war sicherlich nicht viel besser dran als alles andere hier, doch es würde dort wenigstens trocken und sicher sein.
Sie ging um eine Ecke und blieb unvermittelt stehen. In weiter Ferne waren zwei Schatten zu erkennen, die sich aber beim Näherkommen bedrohlich vergrößerten. Hermines Herz blieb ihr beinahe in der Brust stehen als sie sich vorstelle, dass dies zwei Todesser sein könnten; sie wäre so gut wie hinüber. Sie sog scharf die Luft ein und presste sich schließlich gegen die kalte und steinige Hauswand von Ollivanders Laden. Die Dunkelheit verschlang sie und sie hoffte inständig, dass sie so gut wie unsichtbar sein würde. Das Geräusch von Schritten kam näher und Hermine versuchte, einen Blick auf die beiden zu erhaschen. Sie unterdrückte ein Aufkeuchen, als Mondlicht auf die Gesichter der Gestalten fiel.
Dunkle Augen, umgeben von blasser Haut. Die Jahre in Askaban haben einen großen Anteil ihrer Schönheit gefordert, doch Bellatrix Lestrange hatte noch einiges von ihrem vergangenen Glanz behalten. Ein paar ihrer dunklen Locken fielen ihr ins Gesicht und gaben ihr ein beinahe kindliches Aussehen. Die rubinroten Lippen stachen beinahe aus ihrer hellen Haut hervor und Hermine war erstaunt, wie etwas so böses derartig schön sein konnte. Gleichzeitig war es für sie eine weitere Erinnerung daran, wie unfair die Welt sein konnte. Das Böse sollte hässlich sein und Bellatrix war alles andere als abstoßend.
Hermine erkannte auch die zweite Gestalt. Ein wenig größer als Bellatrix und in einem überteuerten Mantel gekleidet brauchte sie keinen zweiten Blick, um ihn zu erkennen. Lucius Malfoy schnitt seiner Schwägerin den Weg ab und lief einige Schritte vor ihr, während er mit seinem Zauberstab rumspielte, als ob ihm langweilig wäre. Hermine hielt ihn für einen hochnäsigen, arroganten und engstirnigen Dummkopf. Merkmale, die sein Sohn Draco scheinbar geerbt hatte. Wie der Vater, so der Sohn.
Hermine klammerte sich an die Hoffnung, dass sie sie nicht sehen konnten. Es hätte sie nicht schlimmer treffen können, als ausgerechnet Lucius und Bellatrix bei regnerischer Nacht alleine über den Weg zu laufen. Ihr Herz schlug so laut, dass sie Angst hatte, dass die beiden es hören konnten. Sie redeten nicht miteinander und schienen den jeweils anderen komplett zu ignorieren. Hermine erinnerte sich, dass Bellatrix ein nicht gerade inniges Verhältnis mit ihrem Schwager pflegte. Sie folgte ihnen mit stummer Miene, als sie an ihr vorbeigingen, nur einige Schritte von ihrem Versteck entfernt. Beide schienen nicht einmal zu ahnen, dass sie beobachtet wurden. Sie wollte gerade einen tiefen Atemzug nehmen, als sie sich einige Meter entfernt hatten, als ein roter Blitz in ihre Richtung schoss. Instinktiv riss sie ihren Zauberstab in die Höhe und wehrte den Spruch ab, sodass er in ein Fenster in ein Haus gegenüber traf. Glas zersplitterte.
„Aha!", schrie Bellatrix und lief behände zu der Stelle, wo sich Hermine versteckte. Sie hielt den Zauberstab in die Dunkelheit gerichtet, bereit, einen weiteren Spruch abzufeuern. „Ich wusste, dass dort jemand ist. Komm heraus, du kleine, dreckige Ratte!"
Hermine zögerte nicht und kam einen Schritt aus der Dunkelheit hervor. Sie sah die Überraschung auf Bellatrix' Gesicht und das anschließende, lüsterne Grinsen, das ihre dunklen Augen aufblitzen ließ. „Na wenn das nicht Potters kleine Schlammblut-Freundin ist."
Hermine schreckte nicht länger vor dem Namen zurück. „Bellatrix."
„Hüte deine Zunge!", zischte diese und schwang ihren Zauberstab. Hermine fühlte ihre Stimme in sich ersterben. Bellatrix hatte einen Schweige-Bann benutzt. Sie war fast schon von der Einfachheit des Zaubers enttäuscht. „Wie kannst du es auch nur wagen, mit mir zu sprechen?"
„Potters Schlammblut-Freundin?" Lucius hatte Bellatrix wieder erreicht. Ihn nervte die Tatsache, dass Bellatrix Hermines Gegenwart gespürt hatte und er nicht. Er musterte das brünette Mädchen von oben bis unten und auch er lächelte. Er und Hermine sind sich schon durch viele Umstände über den Weg gelaufen. Er hasste sie; dies beruhte auf Gegenseitigkeit. „Ist sie… allein?"
„Siehst du noch jemand anderen?", fragte Bellatrix schnippisch und Lucius' Mund stand offen, er fand keine Worte. „Wenn ihre dummen kleinen Freunde mit ihr gekommen wären, wären sie doch schon längst aus ihrem Versteck gekrochen." Sie musterte Hermines Gesicht. „Nein, natürlich ist sie allein." Mit einem Zucken ihres Zauberstabes zwang sie Hermine, ihr in die Augen zu sehen. „Nun, wieso sollte ein kleines Schlammblut wie du mitten in der Nacht hier draußen herumspazieren, ganz allein?"
Finite Incantatem.
„Weil ich es kann.". antwortete Hermine geradeheraus und Bellatrix schien überrascht, dass ihr Bann wortlos gelöst werden konnte. Hermine wusste nicht, woher ihre plötzliche Kühnheit kam, doch ihre Augen waren nur auf Bellatrix' Zauberstab gerichtet. Sie wusste, was das Ding anstellen konnte. Sie wusste, was es bereits getan hatte. Und seltsamer Weise verspürte sie keinerlei Angst bei dem Gedanken an das, was ihr jetzt bevorstehen würde. Sie hob stolz ihren Kopf. „Soweit ich weiß, ist es nicht illegal, nachts allein herumzuspazieren."
„Illegal, nein.", flüsterte Bellatrix und auch sie musterte ihren eigenen Zauberstab. „Aber gefährlich, ja…"
Es geschah alles viel zu schnell.
„CRUCIO!", schallte Bellatrix' Gekicher durch die regnerische Nacht. „Crucio! CRUCIO!"
Hermines Körper fiel zu Boden und war augenblicklich dem Fluch unterlegen. Sie rollte sich zu einem Ball zusammen, doch der Schmerz schien auch davon nicht weniger zu werden. Es war, als ob sie jemand Zentimeter für Zentimeter von innen aufschneidet und ihr statt Blut Säure durch die Venen schoss. Der Schmerz in ihrem Kopf schien explodieren zu wollen, weshalb sie ihre Hände tief in ihren Haaren vergrub und anfing, diese herauszureißen. Brennende Tränen rannen ihr über die Wangen als sie spürte, dass sich Bellatrix Zugang zu ihren Gedanken verschaffte. Die Bilder, von denen sie so verzweifelt geflohen war, kamen wieder hervor. Sie fühlte Ron wieder auf ihr, in sich, seine nach Alkohol schmeckenden Lippen auf ihren. Sie hörte das Stöhnen seiner Liebe wieder in ihren Ohren, wie ein Echo, das sie ständig verfolgte. Sie hörte seine Stimme, sah sein Gesicht und erinnerte sich an seine Augen. Die Erinnerung daran, wie er in ihr zum Höhepunkt kam, gab ihren Magen den Rest und sie übergab sich auf der kalten Straße. Ein herzzerbrechender Schrei entfuhr ihrem tiefen Inneren.
„Warte.", zischte Bellatrix und senkte ihren Zauberstab. „Etwas läuft nicht richtig."
„Nicht richtig? Alles läuft grandios!", meinte Lucius hämisch grinsend.
„Sei still!", fauchte Bellatrix und blitzte ihn böse an. Er trat einen unsicheren Schritt zurück.
Hermine hatte inzwischen genug Kraft gefunden, um sich auf Hände und Knie hochzurappeln. Sie hielt ihren Zauberstab fest umklammert, als sie mit der anderen Hand in eine Pfütze griff und versucht, sich das Gesicht abzuwischen. Sie stöhnte auf. Solch einen Schmerz hatte sie noch nie erfahren müssen. Sie schaffte es, über ihre Schulter zu blicken und sah, dass Bellatrix sie umkreiste und schließlich vor ihr stehen blieb. Die Todesserin schüttelte ihren Kopf.
„Ich habe die Bilder in ihrem Kopf gesehen." Sie umkreiste Hermine nochmals, ohne den Blick von ihr zu nehmen. „Es war nicht mein Schmerz, den sie erlitt.", sagte sie schroff und hob Hermine grob auf die Füße. Bellatrix' Mundwinkel verzogen sich nach oben und der kranke Schalk in ihren Augen war erkennbar. „Ihr kleiner, rothaariger Freund hat sie gevögelt."
Lucius unterdrückte ein Auflachen. „Diese Weasleys sind eine Schande; Blutsverräter."
„Ah ja… aber unserem kleinen Schlammblut hier hat das Ganze nicht gefallen." Sie umkreise Hermine nochmals. „Nicht wahr? Hat er dich endlich als das erkannt, was du bist? Wertlos und dreckig?" Sie hielt wieder genau vor Hermine an. Ihre dunklen Augen schienen Hermine zu durchlöchern. „Ich glaube, es hat dir gefallen. Wie er tief in dich hineingestoßen ist." Eine einzelne Träne lief Hermines Wange hinunter. Bellatrix kicherte leise. „Hat er dich danach verlassen? Seine Hände gewaschen, weil er dein dreckiges Blut berührt hat?"
„Hör auf." Hermine war von ihrer eigenen Bitte überrascht. Sie wollte, dass die Bilder sie wieder verlassen. Sie wollte, dass es aufhörte. Doch Bellatrix sorgte dafür, dass sie alles wieder und wieder durchlitt. Wieder und wieder. Endlos. Es war schlimmer als der Cruciatus Fluch. „Hör… einfach auf."
„Hast du ihn auch so angefleht? Mit dieser leisen, jämmerlichen Stimme?", fragte Bellatrix und ihr Gesicht kam Hermines ganz nahe. „Nein, hast du nicht. Du hast dich ficken lassen, weil du eine dreckige, kleine Hure bist und er seine Chance erkannt hatte."
„NEIN!", schrie Hermine laut. Es war überwältigend, als ob ein Feuer in ihr ausgebrochen wäre. Sie reckte ihren Zauberstab in die Höhe, der Bellatrix fast berührte. Als der Fluch über ihre Lippen kam, glaubte sie, die Todesserin lächeln zu sehen. „Crucio!"
Bellatrix landete einige Schritte entfernt auf dem Boden, konnte sich aber schnell wieder hochrappeln und bevor Lucius sie verteidigen konnte, hatte Bellatrix ihn schon zur Seite gestoßen und in ihrem Blick lag eine Mischung aus Hunger und Lust. Sie stieß die Worte wie ein Flüstern aus, dennoch war es gut hörbar. „Du musst es wollen, Schlammblut."
Als sich ihre Blicke trafen, Hermines voller bebender Wut und offenbarten Fragilität, lächelte die Todesserin sadistisch und umklammerte Lucius' Handgelenk. „Komm, unsere Arbeit hier ist getan." Er warf ihr einen verwirrten Blick zu, traute sich jedoch nicht, nochmals Gegenworte zu erheben. Mit einem letzten verhassten Aufblitzen seiner Augen Hermine gegenüber, drehte er sich mit seiner Schwägerin um und verschwand in einer Wolke aus schwarzem Rauch.
