Severus, du musst dich zusammen reißen. Es gibt eine Aufgabe für dich."

Während Severus völlig perplex auf das schreiende Etwas in Professor McGonagalls Armen starrte, blickte sich der ältere Silberhaarige misstrauisch um. Schließlich konnte man heutzutage nicht vorsichtig genug sein und wer wusste schon, welch finstere Kreaturen nach dem Leben des kleinen Waisen trachteten?

Doch trotz seiner beachtlichen Fähigkeiten, konnte er niemand entdecken.

Wie hätte er auch ahnen sollen, dass im schützenden Mantel der Nacht Wesen lauerten, welche mit Argusaugen die Schritte seines Schützlings verfolgten? Keiner von ihnen hätte die im Dunkeln verborgene hochgewachsene Gestalt wahrnehmen können, obwohl diese sich nicht sonderlich Mühe gaben, sich zu verstecken.

„Bist du sicher, dass er es ist?"

Ihre Stimme klang klar, aber eigenartigerweise gleichzeitig monoton. Trotzdem wäre sie wahrscheinlich als menschlich durchgegangen, hätten sie nicht die regenbogenfarbenen, schrägstehenden Augen, als eine Angehörige des alten Volkes verraten. Eben jene Merkmale hefteten sich nun auf ihren deutlich kleineren Begleiter.

Dieser hatte ein dunkelhäutiges Gesicht, reichte ihr nur knapp bis zur Mitte der Oberschenkel und besaß lange Füße und ebenso lange, spitz zulaufende Finger, welche er momentan ineinander verschlungen hatte. Zwischen diesen barg Griphook, wie der Kobold hieß, ein glänzendes Schmuckstück das sehr zu seinem Leidwesen im Augenblick, wie ein Herz pulsierte.

„Kein Zweifel oder bezichtigst du mich des Lügens, Aine?"

Ohne den Blick von dem garstigen Kobold zu nehmen, entgegnete die Brünette in der ihr eigenen, gleich bleibenden monotonen Tonlage: „Es ist mir einerlei, ob du die Wahrheit sprichst oder mehr verschweigst, als gut für dich ist. Jedoch, sollte sich heraus stellen, dass du deine Aufgabe nicht wahrnimmst, werde ich vor meiner Zeit zurückkehren. Und nun, händige es mir aus."

Natürlich gefiel dem ebenso magischen Wesen die Drohung nicht im Geringsten. Ungeachtet dessen überreichte er der Fei nur allzu gern das verfluchte Amulett, in dessen Mitte sich ein faustgroßer Bernstein befand. Dennoch, die alterslose Frau zögerte für seinen Geschmack zu lange, bevor sie es sich mit den Worten: „Bis in zehn Jahren." um den Hals legte und somit wieder vollständig mit den Schatten verschmolz.

Griphook, der diese Eigenheit ihrer Rasse kannte, zog zwecks der aufmerksamkeitsheischenden Showeinlage eine böse Grimasse, während er mit diversen gezischten Flüchen auf den Lippen, ebenso lautlos wie die Fei verschwand.

Das von alle dem niemand der Anwesenden etwas mit bekam, lag einzig und allein an der Magie der beiden Abkömmlinge der alten Völker, welche durch einen uralten Pakt zur Zusammenarbeit gezwungen worden waren. Durch einen Pakt und ein kleines Häufchen Mensch namens Harry Potter.

Das dieser sich indes viel mehr für den finster drein blickenden Mann vor sich interessierte, war nicht weiter verwunderlich. Schließlich bekam er nicht alle Tage etwas anderes zu sehen, als den Rauschebart von Dumbledore. Somit beschäftigte er sich nur zu gerne damit, seinem zukünftigen Pflegevater voller Hingabe ins Ohr zu brüllen.

Severus hingegen blickte voller Abscheu auf den mittlerweile hochroten Kopf des Babys und mit einem dezenten Schnüffeln in die südlichere Richtung, verdüsterte sich sein Gesichtsausdruck zusehends.

„DAS kann unter keinen Umständen euer Ernst sein! Es ist eine reinste Idiotie. Wieso sollte ausgerechnet ICH mich um Potters Kind kümmern?"

Anscheinend hatte Albus mit einem Einwand gerechnet, denn er bediente sich seiner Lieblingsmethode: Der Überzeugung. „Mein lieber Junge, ich denke du vergisst eines: Harry ist auch Lillys Sohn."

In diesem Moment konnte man sehen, wie Severus Widerstand Stück für Stück in sich zusammenbrach und er letztendlich mit einem kläglichen Seufzen nickte.

Nach diesem kleinen Sieg standen die drei Zauberer einige Minuten lang einfach nur da und während McGonagall versuchte die Tränen zu unterdrücken, erlosch das Funkeln in den Augen Dumbledores, während er dem gebrochenen Schwarzhaarigen neben Harry auch einen kleinen Beutel mit Gold überreichte. Man sah ihm mit jeder Handlung, deutlich jeden Tag seines bisher langen Lebens an und doch rang er sich auch zum Letzten durch.

„Severus, darf ich dich noch um eine Sache bitten?"

Der silberhaarige Zauberer erwartete gar keine Antwort, denn er fuhr ungehindert fort: „Mein Guter, bitte verwöhne den Jungen nicht zu sehr. Der Ruhm darüber, dass er den dunklen Lord besiegt hat, soll ihm schließlich nicht zu Kopfe steigen."

Damit wandte er sich an die Professorin, die der kleinen Rede mit skeptischen Blick gefolgt war und murmelte: „Nun, Minerva. Wir haben hier nichts mehr verloren. Lass uns … zu den Feiern gehen."

Das Severus bei den letzten, beinahe freudig hervor gestoßenen Worten sich vor Ekel beinahe übergeben hätte, bekam der Schulleiter nicht mehr mit. Seine Vertreterin hingegen sah es und in diesem Moment wusste sie, dass der kleine Harry in guten Händen sein würde.

Snape hingegen besah sich des Bündels nochmal genauer und ging schließlich mit dem zappelnden Kind zurück in sein bisher noch ungeheiztes Haus. Dabei murmelte er: „Schrei du nur, wenigstens einer von uns, der seinem Unmut freien Lauf lassen kann."

Nach diesem Satz waren beinahe drei lange Jahre ins Land gezogen und Severus war sich eines gewiss: Das war der Anfang vom Ende seines ruhigen Dasein gewesen. Ab da hatte er sich mit zum bersten vollen Windeln, ekligen Kinderkrankheiten und noch widerlicheren Essenschlachten auseinander setzen müssen. Er hatte nach einigen nicht lustigen Aktionen seines Ziehsohnes all seine Trankzutaten verstecken müssen und wenn er noch einmal Bananenbrei an den Kopf bekommen würde, würde er den Quälgeist nur noch mit Kauknochen füttern.

Wieso hatte er nochmal dieser Farce zugestimmt?

Ach ja, er erinnerte sich: Es lag allein an Lilly.

Aber wann hatte es schon einmal nicht an der rothaarigen Hexe gelegen, wenn er sich selbst in eine haarsträubende Situation gebracht hatte? Hatte sich seit ihrer Bekanntschaft, nicht immer alles nur um sie gedreht?

Dieses Mal jedoch wurde dem Ganzen die Krone aufgesetzt.

Wieso traf es nur immer ihn? Jetzt sollte er neben Harry, auch noch diese Bälger in Hogwarts beaufsichtigen. Lehrer für Zaubertränke! Pah! Dass er jetzt ein Kindermädchen für Harry benötigte, hatte den Alten natürlich herzlich wenig interessiert. Meinte dieser doch glatt zu ihm, er könne ihn während des Unterrichts bei Hagrid lassen. Ausgerechnet bei dem! Wahrscheinlich wäre Harry schneller von irgendwelchen Monstern verspeist, als er Alraunenwurzel sagen konnte.

„Tz. Als wäre dieses haarige Ding ein geeigneter Kinderbetreuer."

„Severus, mein Lieber. Was führt dich zu so früher Stunde zu uns?"

Den gemurmelten Fluch seines Besuchers ignorierte der weißblonde, hochgewachsene Reinblüter geflissentlich. Dafür nahm er sich eine Tasse des köstlich duftenden Tees und spähte mit halbgeschlossenen Augen zu dem kleinen, etwa vierjährigen Jungen, der sich neben seinem alten Bekannten eher umständlich hingestellt hatte.

Da dieser jedoch nicht zu einer Antwort ansetzte, sondern seinen Blick mied, stellte Lucius nach einem weiteren Schluck Earl Grey seine Tasse seufzend zurück auf das kleine gläserne Tischchen und statt nochmal zu versuchen ein Gespräch mit Severus anzufangen, beugte der Langhaarige sich zu dem schwarzhaarigen Jungen hinunter, welcher ihn mit großen, grünen Kulleraugen fasziniert ansah.

„Und wer bist du, junger Mann?"

Der Kleine zuckte erschrocken zusammen und sah hilfesuchend zu Snape. Dieser nickte ihm nur grimmig zu und so tapste das Kind schniefend auf das tadellos gekleidete Oberhaupt der Familie Malfoy zu. Direkt vor diesem blieb er stehen, zog sich die rutschende, schwarze Hose hoch und wisperte: „Harry, Sir."

Lucius musste sehr stark an sich halten, um nicht prustend los zu lachen. Es sah einfach zu köstlich aus, wie sich die Miniaturausgabe des Patenonkels seines Sohnes immer wieder hilfesuchend zu eben diesem umwandte und Severus ihn einfach nur in Grund und Boden starrte.

„Harry, also? Ich heiße Malfoy, Lucius Malfoy."

Gepaart mit dieser Floskel streckte er dem Kind seine Hand entgegen und dann geschah es: Ein entwaffnendes Lächeln zusammen mit einem Paar funkelnder Smaragde trafen den Blonden und dieser lächelte wohl zum ersten Mal in seinem Leben, jemand anderen als einem Familienmitglied ehrlich zu, während der kleine Wicht ihm voller Eifer die Hand schüttelte.

Das er gleichzeitig mit der anderen Hand versuchte nach Lucius Haaren zu greifen, bemerkte der Ältere sehr wohl. Jedoch quittierte er den Versuch mit einem weiteren milden Lächeln, während er seine Haare schnell außer Reichweite vorwitziger Kinderfinger brachte.

„Nein, Harry. Das sind meine, hörst du? Meine."

Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür zu dem stillvoll eingerichteten Salon erneut. Eine zierliche Blondine schritt würdevoll herein, dicht gefolgt von einem kleinen Jungen mit einer unverkennbaren Ähnlichkeit zu Lucius.

„Das mein Junge sind Narzissa, meine Ehefrau und mein Sohn, Draco."

Harry, der zuerst bewundernd zu den beiden Neuankömmlingen geblickt hatte, lief plötzlich wie ein kleiner Wirbelwind los, wobei er sich mehrmals seine Hose wieder an Ort und Stelle ziehen musste, bevor er mit ungelenken Schritten Draco erreichte und den Anderen kurzer Hand an den Haaren zog.

Dabei rief er jauchzend und mit kindlicher Freude: „Meins, meins, meins!"

Den betölpelten Gesichtsausdruck von Lucius, verpasste er dabei leider. Genauso wie er auch nicht das zurückhaltende warme Lächeln seines Vaters und dessen gemurmelte Worte: „Das ist mein Kleiner.", vernahm.