Dabei rief er mit kindlicher Freude: „Meins, meins, meins!"

Draco Lucius Malfoy, wie der angegriffene, vierjährige Junge mit vollem Namen hieß, begann nach dem frontalen Angriff, wie ein Mädchen zu kreischen und versuchte sofort den schwarzhaarigen Wirbelwind von sich weg zu bekommen. Leider erzielte er dabei wenig Erfolg und so kam es, dass sich wenige Minuten später, beide Hosenmatze balgend und wälzend auf dem marmorierten Fußboden wieder fanden.

„Lass los!"

„Nein! Meins!"

„Aauuaaa!"

„Meins, meins, meins!"

Schon nach kurzer Zeit wurden Dracos nachfolgende Protestlaute immer wieder von seinem glucksenden Lachen durchbrochen, weil Harry dazu übergegangen war, den größeren Jungen ohne Rücksicht auf Verluste durch zu kitzeln. Dass dieser das natürlich nicht auf sich sitzen lassen konnte, stand außer Frage.

Von der darauffolgenden Kitzelschlacht wurden die Blicke aller gefesselt und erst die schnarrende Stimme von Severus, ließ die zwei Kinder in ihrem wilden Treiben innehalten. Das die beiden anderen Erwachsenen zu perplex, über die ausgelassene Stimmung ihres ansonsten eher ruhigen Kindes gewesen waren, konnte der ganz blass gewordene Mann nur allzu gut nachvollziehen.

Denn Malfoy Junior neigte nur sehr selten dazu, sich wie ein Kind in seinem Alter zu benehmen. Natürlich war er verzogen und wollte nur das Beste vom Besten besitzen. Dessen aber ungeachtet wurde er nie in Gegenwart anderer Personen laut, machte sich nur selten schmutzig und mied die anderen reinblütigen Kinder so gut es ging.

Severus vermutete ja, dass sein Patensohn hinter der verschlossenen Fassade, eine sensible und verletzliche Seele verbarg. Aber Lucius wollte davon nichts hören. Sein Sohn sei kein verweichlichter Squib, sondern der Erbe eines uralten Geschlechts und somit allein dadurch besser, als alle anderen und das wüsste dieser auch.

Alles Humbug, wenn man Snape nach seiner Meinung fragen würde.

Was natürlich niemand tat …

Banausen!

Alle samt.

Allerdings hoffte der dunkelhaarige, eher zurückgezogene Mann gerade auch deswegen, dass sein lebhafter Harry den Blonden nicht noch mehr verschrecken würde. Wahrscheinlich war die Sorge, um das Wohl seines Patensohnes auch der Grund, weshalb in seiner nachfolgenden Rüge eine Spur Ungeduld zu viel mit schwang: „Harry, hör auf mit dem Unsinn. Wir sind Gäste und dein Verhalten ist völlig inakzeptabel."

So schnell konnten Narzissa und Lucius überhaupt nicht reagieren, wie der kleine Junge plötzlich von ihrem Sohn herunter kletterte und mit gesenktem Kopf, auf den erwachsenen Zauberer zu stolperte. Den Bund seiner immer wieder nach unten rutschenden Hose, hielt der kleine Wicht dabei mit beiden Händen fest umklammert. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, untermalt von dem anhaltenden Glucksen seitens Draco, bis Harry endlich den gespielt angesäuerten Severus erreichte: „Entschuldige, Dada."

„Du musst dich nicht nur bei mir entschuldigen."

„Is' gut.", mit schlurfenden Schritten und immer noch gesenktem Haupt machte sich der kleine Strubbelkopf wieder auf den Weg zurück zu Draco. Das dieser seinen Rivalen mit argwöhnisch zusammen gekniffenen Augen verfolgte, während er schnaufend seine Haare wieder glatt zu streichen versuchte, gab dem Ganzen eine gewisse absurde Note. Und als Harry dann auch noch direkt vor ihm stehen blieb, um sich kleinlaut und ohne aufzusehen zu entschuldigen, verharrte nicht nur der vierjährige Malfoy plötzlich mitten in seiner Bewegung.

Staunend konnten die drei Erwachsenen nun mit verfolgten, wie sich Harrys Miene von einem Moment auf den anderen veränderte. Er hickste und seine Unterlippe begann gefährlich zu beben, dabei trat gleichzeitig ein hinterlistiges Funkeln in seine Augen. Natürlich bemerkten sie auch die verstohlenen Blicke, die der Grünäugige augenblicklich zu sowohl Severus, als auch zu Narzissa warf.

Was hatte der Bengel nur vor?

Ein weiterer Blick folgte, der dieses Mal Lucius galt, bevor Harry mit einem plötzlich hinterhältigen Lächeln, welches eine frappierende Ähnlichkeit mit Severus hervorrief, seine Hand nach Draco ausstreckte: „Ich bin Harry und wenn du meins sein willst, bekommst du Schokolade, oder Dada?"

Der darauffolgende verschmitzte Blick von strahlend grauen Kinderaugen und der schief gelegte Kopf Dracos, bevor dieser dann auch noch ziemlich Malfoy-like fragte: „Wie viel?", brachten das Fass zum überlaufen.

So war es an Lucius, die Stimmung noch weiter aufzulockern.

Mit einem zuerst kleinen Grinsen, dass schnell zu einem lauten Lachen ausartete, bei dem er sich sogar den Bauch halten musste, prustete Lucius los. Natürlich nicht, ohne Severus einen erheiternden Blick zu zuwerfen. „Tut mir …hahaha… leid, Severus. Das ist … hahaha … einfach zu köstlich!"

Das die beiden Knirpse sich immer noch auf sich selbst konzentrierten und nun ausgelassen über ihre Lieblingssorten diskutierten, war für Lucius einfach zu viel. Dem Hausherren kullerten dicke Tränen aus den fest zusammen gekniffenen Augen. Nur Narzissa fand das alles andere als komisch.

„Lucius? Hat dieses Kind gerade unseren Sohn zu seinem Eigentum erklärt und Draco hat dem auch noch zugestimmt?"

„Offensichtlich.", der trocken eingeworfene Kommentar stammte nicht von dem Angesprochenen, sondern von dem Ziehvater eben jenen Kindes. Dieser ging auf die Beiden zu und sprach seinen Knirps an.

„Harry? Sieh mich an."

Da der Wicht immer noch nicht auf Severus reagierte, kniete er sich kurzer Hand vor diesem hin. Diese Aktion wurde sowohl von Narzissa, als auch von Lucius mit einem ungläubigen Schnauben quittiert, jedoch ignorierte der Schwarzhaarige dies und konzentrierte sich stattdessen weiterhin auf seinen Sohn, welcher ihn glücklich anstrahlte.

„Ich darf Draco behalten, oder Dada?"

„Draco ist keine Sache, Harry. Er gehört dir nicht."

Als Harry daraufhin einen Flunsch zog, fügte er noch etwas milder hinzu: „Ich denke aber das Draco gerne deine Freund sein würde. Möchtest du das denn, Harry?"

Daraufhin wurde er mit einem breiten Lächeln belohnt und augenblicklich wandte sich der Wirbelwind wieder seinem Lieblingsopfer zu. „Wir sind jetzt Freunde. Komm, lass uns spielen."

Mit diesen Worten packte er seinen verdatterten Spielkameraden und zog ihn bereits Richtung Tür, jedoch wurden die Jungs von Narzissas herrischer Stimme aufgehalten: „Wo wollt ihr zwei hin?"

Draco fasste sich als Erster wieder und meinte höflich: „Dürfen Harry und ich auf mein Zimmer gehen, Mutter?"

Alle Augen richteten sich nun auf die Hexe. Vor allem Harry und Draco schwitzten Blut und Wasser. Dass sie zuerst zögerte machte die Sache auch nicht besser. Jedoch, als Lucius ihr mit einem Nicken seine Zustimmung zu verstehen gab, willigte schließlich auch sie ein und so sprangen beide Kinder kichernd hinaus.

Nun war anscheinend für Severus der Moment gekommen zu zittern. Jener Moment, in dem es Ernst wurde. Denn Lucius, der sich mittlerweile wieder gefangen hatte und eine kühle Maske zur Schau trug, fixierte Snape ebenso, wie seine Ehefrau.

Wo würde das nur hinführen?

Seufzend ergab sich Severus also seinem Schicksal und richtete sich elegant auf.

„Narzissa, Lucius, ihr fragt euch sicherlich, weswegen ich hier bin. Nun, ich-", es war ihm deutlich anzusehen, dass das Nachfolgende nicht einfach für den stolzen Slytherin war. Dennoch zwang er sich weiter zu sprechen: „Es geht um Harry. Ich … ich brauche eure Hilfe."

Das Ehepaar Malfoy hätte in diesem Augenblick nicht überraschter sein können. Trotzdem fuhr Severus ungehindert fort: „Ich benötige jemanden, der sich um meinen … um Harry kümmert. Ich bin mir darüber im Klaren, dass ihr mir nichts schuldet. Dennoch möchte ich zu bedenken geben, dass es mir sehr viel bedeuten würde, wenn ihr euch seiner annehmen würdet."

Beide waren geschockt, wussten sie doch, wie schwer es Severus fiel um Hilfe zu bitten. Vor allem, wenn es um sein Privatleben ging. Dennoch war es an Narzissa, ihre Fassung als Erste wiederzuerlangen: „Sprich nicht in Rätseln. Aus welchem Grund sollten wir dir behilflich sein und was viel wichtiger ist: Wie lautet der Nachname dieses Kindes?"

Diesen Augenblick hatte Severus gefürchtet. Mehr als alles andere und doch war es unvermeidbar gewesen. Er hatte die stechenden Blicke der Blondine bereits seit ihrer Ankunft in dem Salon bemerkt. Sie hatte von seiner, nennen wir es mal unglücklichen Freundschaft zu Harrys Mutter gewusst und nur einem Unwissenden, wäre die Ähnlichkeit zwischen der rothaarigen Hexe und dem Kind verborgen geblieben.

Ihr geschultes Auge hingegen hatte erfasst, weswegen ihr sowohl diese extrem grünen Augen, als auch das Lächeln bekannt vorgekommen waren.

Nun also war der Moment der Wahrheit gekommen. Severus Snape hatte sich viele Versionen zu Recht gelegt. So viele mögliche Antworten ausgedacht, jedoch hatte keine davon die Wahrheit beinhaltet – die Wahrheit seines Herzens.

Trotz dieser Tatsache, wurmte ihm Narzissas Verhalten gewaltig: „Dieses Kind, wie du ihn nennst hat einen Namen, Narzissa."

„Nun gut, dann eben Harry. Wie lautet Harrys Nachname, Severus?"

„Dumbledore möchte, dass ich in Hogwarts unterrichte. Ihr versteht sicherlich, dass ich Harry in dieser Zeit ausreichend versorgt wissen will."

Allmählich wurde Narzissa ungeduldig: „Der Nachname, Severus. Wie lautet sein Nachname?!"

Abermals seufzend fügte sich der baldige Tränkemeister: „Potter. Er heißt … Potter, Harry Potter."

KLIRR!

In die aufkommende Stille hinein, hörte Snape das Zersplittern von Lucius Teetasse überdeutlich. Das und seinen eigenen dröhnenden Herzschlag. Dabei umschlossen seine Finger automatisch den Zauberstab fester. Eine Geste, die er nicht nur mit Narzissa gemeinsam hatte.