Potter. Er heißt … Potter, Harry Potter."

Nachdem mit einem lauten Bersten Lucius Teetasse zu Bruch ging, hatte Severus gerade noch Zeit seinen Zauberstab zu ziehen, bevor er sich mit eben jenem von Narzissa konfrontiert sah. In diesem Moment ahnte er, dass all seine Hoffnungen auf einen guten Ausgang dieser Sache nur Wunschträume gewesen sein konnten, denn die Hexe trug, anstatt ihres ansonsten blasiert wirkenden Ausdrucks, eine geradezu mörderisch verzogene Fratze zur Schau.

„WAAAS?! Wie hast du ihn gerade genannt?!"

Mit wenigen Schritten und wehenden Röcken überbrückte die zornige Reinblüterin, den noch verbliebenden Abstand zwischen ihnen. So dass sich Severus schon nach kürzester Zeit dazu in der Lage sah, die feine Masserung ihres Stabes zu bewundern.

Eine zweifelhafte Ehre, seiner Meinung nach.

Doch weitaus beängstigender, als das funkensprühende Holz in ihren bleichen beringten Fingern, waren die zu Schlitzen verengten eisblauen Dolche in ihrem vor Zorn gerötetem Gesicht.

Natürlich konnte der Schwarzhaarige ihre Reaktion nachvollziehen, denn gelinde ausgedrückt hatte ihre jahrelange Freundschaft gerade eine ziemliche Breitseite erhalten und das nicht nur in einer Hinsicht, denn Severus hatte nie auch nur mit einem Wörtchen erwähnt, dass sich sein Haushalt quasi über Nacht verdoppelt hatte. Trotzdem hatte er sich beinahe verzweifelt gewünscht, dass sich nur einmal in seinem Leben alles zum Guten wenden würde.

„Antworte!", keifte sie erneut und das Tränkegenie wurde unsanft aus seinen Gedanken gerissen.

Trotzdem wäre er nur allzu gerne der Aufforderung Narzissas nach gekommen, allerdings konnte er das im Augenblick nicht. Schließlich saß der Schock einfach zu tief, um auch nur einen Pieps von sich zu geben.

Stattdessen erklang überraschenderweise Lucius gewohnt kühle Stimme: „Potter. Er hat ihn Potter genannt, Liebes."

„ . ? SEVERUS?!"

Hhm, das war wohl die Frage des Tages.

Der, in die Enge getriebene Zauberer versuchte ein betont neutrales Gesicht zu machen, während er gleichzeitig seine Chancen ab wägte, um halbwegs unbeschadet wieder aus Narzissas Reichweite zu kommen, weil auch nach reiflicher Überlegung, gab es an sich nur drei Möglichkeiten: a) Er bejahte, was zur Folge haben würde, dass weder er noch Harry den Tag überlebten. b) Er würde verneinen und alles als einen schlechten Scherz abtun. Es wäre vorstellbar, dass Narzissa ihm glaubte aber zwecks des erlittenen Schocks trotzdem ins nächste Jahrtausend hexen würde oder Möglichkeit c) … oh bei Merlin … ihm fiel keine dritte Möglichkeit ein … ER war verloren … definitiv.

Severus hatte gewusst, dass der Name Potter nur Ärger bedeutete aber dies überstieg selbst seine, wirklich ausgereifte Fantasie.

Was für ein Tag …

Man darf das jetzt nicht falsch verstehen.

Severus lie-… mochte Harry. Sehr sogar. Mal abgesehen davon, dass ihn der kleine Quälgeist um vier Uhr morgens weckte und das nur um ihm zu erzählen, dass er seinen zerfledderten Teddy, mit dem treffenden Namen Meins, lieb hatte. Er mochte ihn auch dann, wenn dieser mit seinen klebrigen Händchen nach Severus Tasse griff, anstatt seinen Kakao zu trinken und ihm lieber nach einem Marmeladen verschmierten Intermezzo mit eben jenem Geschirr voller Inbrunst erklärte, dass Kräutertee einfach furchtbar schmecke. Doch vor allem mochte er der kleinen Racker, wenn dieser ihn mit großen beinahe flehenden Augen ansah und ihn darum bat, eine weitere Geschichte zu erzählen.

In diesen Momenten fühlte sich Severus gebraucht und gelie-… gemocht. Ja, gemocht war der richtige Ausdruck …

Sein Harry, war ein lebhaftes Kind, mit dem Hang zu den seltsamsten Dingen. Ihn interessierten weder die regelmäßig eintreffenden teuren Spielsachen von McGonagall, noch die zum Glück nicht ganz so häufig ankommenden Süßigkeiten von Dumbledore. Dafür liebte er flauschige Dinge aller Art umso mehr. Schon allein aus diesem Grund, hatte es Severus nicht weiter gewundert, dass sein Kleiner dermaßen begeistert von Dracos Haaren gewesen war.

Nein, sie brauchten die Malfoys wirklich nicht. Harry und er hatten es bis hierhin geschafft und irgendwie würden sie auch für dieses (mal wieder von Dumbledore verursachte) Problem eine Lösung finden. Im Moment musste er es einfach nur schaffen, Harry möglichst unbeschadet wieder aus dem Herrenhaus zu bekommen.

Dies könnte sich zwar als schwierig erweisen, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass er sich mit zwei auf ihn gerichteten Zauberstäben konfrontiert sah, dennoch würde er nichts unversucht lassen.

„DU! Du hast es gewagt, dieses … dieses KIND in unser Haus zu bringen?! Was hast du dir DABEI gedacht? Nicht auszudenken, in welche Gefahr du uns mit deinem ach so glorreichen Einfall bringst. Oh bei Merlin und Morgana! Severus! Wie konntest du nur?!"

Der Angebrüllte schielte mit besorgtem Gesichtsausdruck weiterhin auf ihren zitternden Zauberstab. Nur versuchte er nun auch Lucius im Auge zu behalten und das dessen Verhalten mit jedem gezeterten Wort seiner Frau merkwürdiger wurde, sorgte nicht gerade für Severus ansteigende Zufriedenheit.

Zuerst hatte der hochgewachsene Zauberer noch mit lodernden Augen den Schwarzhaarigen fixiert, jedoch wandte er sich bald darauf mit nicht deutbarer Miene ab und schritt beinahe gemächlich zum Kamin. Dort steckte er seinen Zauberstab wieder weg und schenkte sich stattdessen ein Glas Feuerwhiskey ein. Ungeachtet dessen, trank er es nicht, sondern starrte die bräunliche Flüssigkeit einfach nur abwartend an.

Während Severus sich also immer noch eine ziemlich blumige Schimpftirade von der Hausherrin anhören musste, konnte er so zur selben Zeit eine Unzahl der verschiedensten Gefühle über Lucius Gesicht huschen sehen.

Aber von einem Moment zum Nächsten, stürmte die aufgebrachte Narzissa plötzlich auf die Tür zu.

„Narzissa."

Jedoch wurde ihr Lauf jäh von Lucius beherrschter Stimme gestoppt.

Nur ein Wort und schon verharrte die Blondine mit einem weiteren hektischen Blick in Richtung Ausgang, mitten in ihrer Bewegung.

Dies alles geschah so schnell, dass Severus nicht die Gelegenheit hatte, seinen Fluchtplan zu perfektionieren, bevor sie sich langsam zu ihrem Mann und somit auch wieder zu ihm umwandte.

„Dieses Monster ist bei Draco, Lucius! Er hat sogar den dunklen Lord bezwungen! Ich muss einfach zu meinem Baby."

„Ich denke, wir sollten das Ganze gleich hier und jetzt beenden. Findest du nicht, meine Liebe?"

Ein verständnisloser Blick ihrerseits folgte. Severus jedoch verstand. Er wusste, dass Lucius einen Entschluss gefasst hatte.

„Lucius, bitte. Harry ist nur ein unschuldiges Kind."

„Sei still, Severus. Nimm es hin, wie der Mann, von dem ich einst geglaubt habe, ihn in dir zu entdecken."

Die kühle Malfoy Maske saß perfekt, als der Blonde katzengleich auf seinen ehemaligen Freund zu schritt. Dabei schwenkte er sein Glas elegant mit der linken Hand, während er mit der Rechten beinahe zärtlich über den silbernen Schlangenknauf seines Gehstockes strich.

„Ist dieser Bengel wirklich Potters Sohn?"

Der Schwarzhaarige wusste nicht, auf was Lucius hinaus wollte. Trotzdem nickte er ergeben mit seinem Kopf, während er alle möglichen Verteidigungszauber mental durch ging. Doch ein gezischtes: „Antworte mir.", brachte ihn völlig aus der Fassung.

Was hatte sein jahrelanger Freund nur vor?

„Das sagte ich bereits."

„Ich denke du verkennst den Ernst der Lage, Severus. Ich werde dich nun ein letztes Mal fragen: Ist dieser Junge wirklich Potters Sohn?"

Viele schneidende Antworten lagen dem Tränkemeister auf der Zunge, dennoch kam etwas gänzlich anderes über seine spröden Lippen: „James Potter mag sein Erzeuger sein, jedoch ist Harry mein Kind. Solltest du also nicht gewillt sein, ihn unter deinem Dach zu dulden, werde ich euch nicht länger belästigen. Nur um unserer alten Freundschaft willen, möchte ich anmerken, dass du nichts tun solltest, was du später bereuen könntest, Lucius."

„Severus, Severus, Severus. Es tut mir wirklich leid, dass es soweit kommen musste."

War es das? Das Ende?!

Von Sekunde zu Sekunde wurde der Abstand zwischen den beiden ungleichen Männern geringer und Severus Herz raste. Schweißperlen sammelten sich sowohl auf seiner Stirn, als auch in seinem Nacken und wie in Zeitlupe spürte er, wie sich die Tropfen Millimeter für Millimeter ihren Weg über seine klamme Haut bahnten, um schlussendlich am Kragen seiner Robe zu verweilen.

Es war nicht leicht zu zugeben. Nichtsdestotrotz musste er sich eingestehen, dass er sich fürchtete …

Am Abend desselben ereignisreichen Tages und somit nur noch zwei Nächte von seiner Aufgabe in Hogwarts entfernt, saß das strenge und eigentlich Kinder hassende Oberhaupt der kleinen Familie Snape/Potter auf dem mit einfachen schwarzen Laken bezogenen Bett seines einzigen Sohnes und flüsterte mit hoher, verstellter Stimme: „Hätte ich doch ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz, wie das Holz der Fensterahmen!"

Sobald dieser Satz zu Ende gesprochen war, legte er eine kunstvolle Pause ein, die seinem Sohn anscheinend zu lang erschien, denn die kleine Hand Harrys zupfte ungeduldig am Ärmel seines Vaters, während er mit funkelnden Augen in das bebilderte Märchenbuch in dessen Händen blickte.

„Weiter, Dada.", wisperte er dabei fast ehrfürchtig und Severus tat ihm diesen kleinen Gefallen nur allzu gerne: „Schon bald nachdem sie ihren Herzenswunsch das erste Mal laut ausgesprochen hatte, bekam die Königin ein kleines bezauberndes Mädchen, deren Haut so weiß war wie Schnee, mit Lippen so rot, wie Blut und Haaren schwarz wie Ebenholz. Dieses kleine Kind wurde fortan Schneewittchen genannt."

Mit einem Schmunzel beobachtete Severus Harrys Reaktion. Es war einfach zu goldig, wie sich dieser über die einfache Zeichnung lehnte und mit Hingabe über das Bild der schönen Königin strich.

„Doch als das Kind geboren wurde, starb die Königin und nachdem ein weiteres Jahr voller unverrichteter Dinge ins Land gezogen war, heiratete der König erneut."

„Aba Dada! Das is' blöd.", folgte dann auch gleich der erwartete Widerspruch Harrys. Natürlich hatte dieser das erschreckte Zusammenzucken seines neuen Spielkameraden bemerkt und wollte so, dass Severus die Handlung, wie schon viele Male zuvor abänderte. Jedoch gehörte der Tod nun einmal zu dieser Geschichte dazu und so fuhr der Erwachsene unbeirrt fort.

„Schneewittchen wurde älter und immer hübscher und als sie sieben Jahre alt wurde, war sie schöner als die neue Königin selbst. So kam es, dass als die Königin mit folgenden Worten vor ihrem Spiegel stand: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?

Dieser voller Inbrunst antwortete: Frau Königin, ihr seid die Schönste hier aber Schneewittchen ist noch tausend Mal schöner, als ihr!"

„War sie wirklich so schön?", ertönte dann auch schon wieder Harrys vor Aufregung piepsige Stimme. Severus bejahte dies lächelnd und zum ersten Mal seit Draco hier war, meldete sich auch dieser zu Wort: „Wenn ich groß bin, werde ich meine eigene Prinzessin haben."

Der Schwarzhaarige wollte schon etwas entgegnen, doch so schnell konnte er gar nicht schauen, als Harry sich theatralisch an die Brust fasste und mit breitem Grinsen verkündete: „Nein, wirst du nicht."

Verblüfft über die Unhöflichkeit seines Kindes, zog Severus eine Augenbraue nach oben. „Harry, das war nicht nett. Entschuldige dich sofort."

Mit zerknirschtem Mienchen wandte dieser sich wieder um: „Aber Dada. Draci kann doch kein Schneewitty haben."

„Wieso nicht?"

„Na, das is' doch ganz einfach: Draci is' meins. Also is' er meine Prinzessin!"

Severus war sprachlos.

Diese Logik musste man erst mal verstehen. Zum Glück war Narzissa nicht hier, denn sie würde dem Ganzen wahrscheinlich auf das Heftigste widersprechen.

Dies wollte auch der baldige Lehrer tun, jedoch hielt ihn Dracos zufriedene Miene und dessen kleines gehauchtes „Okay." auf.

KINDER!

So ging es noch viele Male hin und her, bis der Abschluss der Geschichte vorgetragen war und mit den Worten: „Glücklich bis an ihr Ende.", endete. Danach konnte Severus das Buch zusammen klappen, die Decke über die beiden schläfrig blinzelnden Jungs ziehen und mit zufriedener Miene flüstern: „Gute Nacht, Jungs."

„Nacht, Dada."

„Gute Nacht, Onkel Severus."

Glücklich und geschafft ging der Schwarzhaarige danach zur Tür, um das Licht zu löschen aber einer Eingebung folgend, wandte er sich noch einmal um. Und das Bild welches sich ihm bot, würde er wohl nie vergessen.

Sein kleiner Wirbelwind hatte die dünnen Ärmchen besitzergreifend um die Mitte des Malfoy Erbens geschlungen, während dessen blonder Schopf unter all den schwarzen Haaren kaum noch auszumachen war.

Kinder …