Eine dreiviertel Stunde später verließen die zwei das CBI Gebäude. Mit Patrick's Hilfe ging das mit dem Bericht recht schnell und die Besprechung mit ihrem Chef dauerte auch nicht lange. "Wo gehen wir hin?" fragte Teresa, also sie aus dem großen Tor gingen. "Das siehst du dann schon." lächelte Patrick. Sie hatten die Vereinbarung getroffen, sich in ihrer Freizeit zu duzen, und während der Arbeit formell zu bleiben, was beiden angenehmer war, schließlich kannten sie sich schon Jahre!

Es war jetzt zehn Uhr vormittags und Teresa hatte einen Bärenhunger. So war sie heilfroh, als sie das Restaurant erreicht hatten. Sie kannte es nicht, aber Jane schien öfters hier zu sein, da die Bedienung ihn mit Namen begrüßte. "Wir nehmen zwei mal das Rührei spezial, einen Earl Grey und einen Kaffe, bitte." bestellte Patrick, ohne, dass Teresa die Möglichkeit hatte, sich selbst etwas auszuwählen. Jane sah die Irritation im Gesicht seiner Freundin. "Vertrau mir, Teresa. Das ist das beste Rührei der Stadt!" sagte er strahlend und Lisbon konnte nicht anders, als zurück zu lächeln.

Doch typischer Weise erklang genau in diesem Moment der Klingelton von ihrem Handy. "Van Pelt? Was gibt's?" nahm sie das Gespräch an, während die Kellnerin zwei hüpsch garnierte Teller mit Rührei auf den Tisch stellte. Zwei Tassen folgten und kurz nachdem die Bedienung gegangen war, wurde das Telefonat beendet. "Patrick, ich..." fing sie an, wurde aber sofort unterbrochen. "Kommt überhaupt nicht in Frage, Teresa! Wir werden doch wohl noch fünf Minuten haben, um wenigstens ein bisschen was in den Magen zu bekommen. Ich sterbe vor Hunger!" meinte Patrick und schob sich demonstrativ eine Gabel voll in den Mund. "Na gut. Jetzt, wo wir schonmal hier sind." gab Lisbon nach und fing ebenfalls an zu essen. Das Ei war wirklich nicht schlecht.

"Du scheinst oft hier zu sein." leitete sie einen Smalltalk ein. "Fast täglich." gab er zur Antwort. "Schmeckt es denn?" er sah sie erwartungsvoll an. "Fantastisch!" antwortete sie. "Im Übrigen hat van Pelt mich angerufen, weil der Bericht der Spurensicherung da ist. Scheinen interessante Sachen drinnen zu stehen." "Das ging aber schnell." Stellte Jane erstaunt fest. "Warum hast du das nicht gleich gesagt? Wenn das so ist, sollten wir uns echt beeilen!" Lisbon verdrehte die Augen. Er hätte sich doch wirklich schon vorher denken können, dass das Telefonat nicht nur aus Langeweile geführt wurde. Während er an seinem letzten Stück Ei kaute, legte er das Geld auf den Tisch, trank dann hastig seinen Tee aus und stand auf. Teresa konnte sich gerade noch einen Bissen in den Mund schieben, ehe ihr Berater sie wegzerrte.

Van Pelt empfing ihren Boss mit dem Bericht in der Hand am Aufzug und begann sofort loszureden, als sie ihre Kollegen erblickte. "Die Forensik hat aus der Hütte achtzehn Leichen abtransportiert. Vor dem Haus waren auch nochmal vier vergraben. Insgesamt sind es zehn Männer und zwölf Frauen. Jeder von ihnen wurde auf die selbe Methode zu Tode gefoltert. Der letzte Mord liegt etwa sechs Wochen zurück." Jane sah über Lisbons Schulter hinweg die Fotos der Opfer an, die sorgfältig in das Berichtsheft eingeklebt wurden. Neben wenigen standen Namen und ein paar andere Daten, bei den meisten waren nur die Größe und das ungefähre Alter angegeben. "Wow... das ist ja unglaublich. Wie krank muss ein Mensch sein, um so etwas zu machen?!" Lisbon war sichtlich schokiert. Das gewohnte "Hm." ertönte hinter ihr und als sie sich zu dem Blonden umdrehte, sah sie den nachdenklichen Ausdruck in seinem Gesicht. "Haben sie eine Idee?" Teresa musste aufpassen, ihn nicht zu duzen. "Vielleicht." sagte Jane unsicher und ging zu seinem Sofa. Nachdem sich Grace und ihr Boss verständnislose Blicke zugeworfen hatten, folgten sie. "Was meinen sie mit 'vielleicht'?" hakte Lisbon nach, als sie neben der Couch angekommen war, auf der Patrick mitlerweile mit geschlossenen Augen lag. Als er nicht antwortete, kickte sie mit ihrem Fuß gegen das Leder - sie hasste das. Langsam und gemütlich setzte sich der Berater auf. Er lächelte in das wütende Gesicht seiner Chefin. Er konnte es einfach nicht lassen, sie immerwieder in Rage zu versetzen. Mittlerweile schien das ein Hobby des CBI-Beraters geworden zu sein - und er war gut darin. Nach einiger Zeit des wortlosen Anstarrens, begann Jane endlich zu reden. "Erinnern sie sich an den Koch und seine Frau, die den unglaublichen Drang hatten, rothaarige Mädchen zu entführen und sie zu misshandeln, es aber wegen ihrem Zwiespalt nie zuende bringen konnten? Der Kerl ist genau so. Nur viel schlimmer." mit diesen Worten legte er sich wieder hin und schloss erneut die Augen. "Das ist jetzt nicht ihr Ernst!" keifte Lisbon ihn an und ging in ihr Büro, um den Bericht genauer zu studieren. Die jüngste der Agenten, die bislang nur tatenlos daneben gestanden hatte, setzte sich wieder an ihren Schreibtisch, um die Vermisstenliste durchzugehen.

Offensichtlich in die Akte vertieft, saß Lisbon auf ihrem Bürostuhl. Es war mittlerweile später Nachmittag geworden und sie waren nicht rechtviel weiter gekommen. Einige der Opfer konnten durch die Vermisstenliste identifiziert werden und Cho, Rigsby und van Pelt waren dabei, die Angehörigen der Toten zu informieren. Teresa hatte Jane seit Stunden nicht mehr gesehen, sie ging davon aus, dass er sich in seine Kammer in Dachgeschoss zurückgezogen hatte.

Als es an ihrer Bürotür klopfte, schreckte Lisbon hoch. Es war ein Kollege von der Spurensicherung, der ihr den Bericht zu dem Polizeiwagen vorbeibrachte. Lisbon seufzte. Sie schloss das Heft und lehnte sich zurück. Erst jetzt stellte sie fest, dass ihre Sitzmuskulatur höllisch wehtat, also verließ sie den Raum. Nach einem kurzen Abstecher in die Kaffeeküche, wollte sie nach Jane sehen.

Patrick hatte es in dem Großraumbüro nicht mehr ausgehalten. Ursprünglich wollte er sich bei Lisbon für den restlichen Tag abmelden, aber sie war so sehr in die Arbeit vertieft, dass er sie nicht stören wollte. Er schlenderte in einer Einkaufspassage an ettlichen Modegeschäften vorbei - hauptsächlich Damenmode. Jane musste die ganze Zeit über an den Fall denken, egal wie sehr er sich dagegen wehrte. Irgendetwas stimmte damit nicht; Er hatte ein komisches Gefühl bei der Sache. Patrick stockte vor einem auffällig, aber dennoch edel dekoriertem Schaufenster. Die Puppe hinter der Glasscheibe trug ein Knielanges, nachtblaues Kleid. Es war trägerlos und an der Taille hatte es ein Band aus kleinen Strasssteinchen, die nach unten wie ein Farbverlauf ausliefen. Der Brustbereich war ohne Verzierung und mit einem Herzausschnitt versehen. Er musste sich selbst zusammenreißen um die Augen davon abzuwenden, doch in seinen Gedanken spielten sich nun ungewollt bezaubernde Szenen ab:

Teresa Lisbon ging langsam, mit ihrem wundervollen Lächeln die Treppen eines großen Saals hinab, direkt auf ihn zu. Sie sah traumhaft aus, in diesem Kleid. Ihre wunderschönen, gewellten, braunen Haare waren offen und umrahmten ihr schönes Gesicht. Ihre smaragdgrünen Augen strahlten Glücksgefühle und Freude aus. Patrick's Herz schlug Saltos.

Jane schüttelte den Kopf, als könnte er so seine Gedanken abwerfen und zwang sich, weiter zugehen.

Lisbon hatte sich Kaffee in eine Große Tasse gefüllt und öffnete nun den Kühlschrank. Sie war hungrig. Außer dem Rührei in der Früh, hatte sie noch nichts gegessen. Bisher war sie noch nicht dazu gekommen, ihr mitgebrachtes Sandwich zu verzehren, aber jetzt freute sie sich richtig darauf. Wenn sie hungrig war, konnte sie unausstehlich sein. Sie griff blind nach der Papiertüte, in die sie das Brot gepackt hatte. Doch da war nichts, sie musste danebengefriffen haben. Aber als sie die Tasse nach dem Trinken abgesetzt hatte, musste sie feststellen, dass der Kühlschrank komplett leer war. Genervt stieß sie einen kurzen Schrei aus. Sie konnte sich denken, was mit ihrem Essen passiert war. Teresa schloss die Tür und trat dagegen - und bereuhte es im selben Moment. Verdammt tat das weh! Sie hielt sich den Fuß, wobei sie ihren Kaffee verschüttete. Das durfte doch nicht wahr sein. Sie stellte ihre Tasse neben der Spüle ab und nahm einen Lappen, um die Pfütze zu beseitigen. Ihre Laune war jetzt absolut im Keller.

Gerade als sie die Treppen zu Jane's Kammer benutzen wollte, öffnete sich hinter ihr der Aufzug und ihr Berater trat heraus. "Wo waren sie, Jane?" fragte Lisbon wütend. Sie wollte ihren Unmut zwar nicht an ihm auslassen - er konnte ja nichts dafür - aber irgendwie musste sie sich schließlich abreagieren. "Ich hab mir die Beine vertreten." entgegnete Patrick vorsichtig. "Sie hätten sich ruhig bei mir abmelden können!" blaffte sie ihn an und Jane sah beschämt zu Boden. Dieser Blick wehrte aber nicht lange, er legte Teresa eine Hand auf den Rücken und schob sie leicht die Treppen nach oben. "Ich kann selbst gehen, danke." meinte diese nach ein paar Stufen. "Ihrer Laune nach zu urteilen haben sie keine neuen Erkenntnisse in dem Fall." behauptete Jane, was mit einem mürrischen 'Hm.' belegt wurde.

Der Berater schloss die rostige Tür hinter sich und bot Teresa einen Sitzplatz an, den sie allerdings ablehnte. "Willst du mir verraten, was deine Laune so verdorben hat?" fragte er und Lisbon verschränkte ihre Arme. "Ich kann bis jetzt nichts mit dem Fall anfangen. Solange Cho, Rigsby und van Pelt nicht zurück sind, ist es echt sinnlos, sich den Bericht immer und immerwieder durch zulesen. Es gibt einfach keine brauchbaren HInweise und keine offensichtliche Verbindung. Außerdem habe ich Hunger und irgendwer hat sich mein Sandwich unter den Nagel gerissen!" das tat gut. Einfach mal Dampf ablassen. "Hm. Also deinen Hunger kann ich nicht stillen, aber wir könnten uns den Papierkram ja mal gemeinsam ansehen. Vielleicht finde ich ja was." "Ok. Der Bericht von dem Polizeiwagen ist grad vorhin auch gekommen. Ich hab da aber noch nicht reingeschaut." sagte sie und klang schon gar nicht mehr so sauer.

Gerade als die beiden die Treppe wieder hinunter kamen, traten die drei anderen Agents aus ihrem Team aus dem Fahrstuhl. "Oh oh!" sagte Jane und grinste zu Wayne hinüber, der ihn irritiert ansah. "Rigsby!" sagte Lisbon streng und packte ihm am Ärmel. "Ich glaube, wir müssen reden!" völlig ahnungslos ließ sich der gut aussehende Kollege in die Küche taxieren. Teresa öffnete den Kühlschrank. "Was sehen sie?" fragte sie und sah ihn böse an. "Ehm... einen leeren Kühlschrank?" erwiederte er und es bagann ihm langsam zu dämmern, worauf sein Boss hinaus wollte. "Ganz genau. Aber soll ich ihnen was sagen? Ich persönlich habe heute morgen ein frisches Sandwich reingelegt mit meinem Namen auf der Tüte. MEIN Sandwich. Ich habe es aber nicht gegessen, also frage ich mich was damit passiert ist!" "Ich...eh..." stotterte er verlegen "Ich hatte appetit und außerdem dachte ich..." versuchte er sich zu erklären "Oh, Rigsby. Das mit dem Denken sollten sie lieber den Anderen überlassen. Ich sterbe vor Hunger!" Sie schloss den Kühlschrank wieder. "Ich hoffe für sie, dass sie wenigstens etwas brauchbares herausgefunden haben." "Eh... ja. Ich denke das haben wir." antwortete er verlegen und ging voran richtung Großraumbüro. "Jeder der Angehörigen hat Tennant als guten und längjährigen Familienfreund bezeichnet. Ohne Ausnahme."