3. Unerwarteter Besuch
Narzissa saß gerade beim Frühstück, als der morgendliche Tagesprophet ins Haus geflogen kam. Sie nahm der Eule die Zeitung ab und bezahlte sie.
Es war bereits eine gute Woche nach dem Todesserritual vergangen. Durch den Aufprall hatte sie eine leichte Gehirnerschütterung und darum konnte sie sich nicht mehr so ganz an das Ritual erinnern, außerdem war alles so aufregend gewesen, dass es ihr im Rückblick irgendwie unwirklich, traumhaft und zugleich auch gruselig vorkam. Das Einbrennen des Males, musste sehr schmerzhaft für Bella gewesen sein, denn sie hatte sich später noch übergeben müssen. Narzissa war dann, gemeinsam mit dem anderen, zurück appariert.
In den vergangenen Tagen hatte sie mit einem Todesser, namens Igor Karkaroff, ein paar Mal einen Mann aus dem Ministerium beschattet. Man hatte ihr noch nicht gesagt, worum es bei ihrem Vorhaben ging, aber sie hoffe das dies bald der Fall sein würde.
In diesen Gedanken versunken, hatte Narzissa den Tagespropheten durchgeblättert und war zum Schluss gekommen, dass wieder einmal nichts Interessantes drinstand.
Als Narzissa auf die Uhr sah, war es schon fast neun, es wurde Zeit, dass Narzissa zu Besenknechts aufbrach. Schnell räumte sie das Geschirr weg und warf sich in einen türkisen Umhang um, nichts besonderes, aber auf alle Fälle für das Alltägliche Zauberertraveling geeignet.
Kurz darauf apparierte sie in den Hinterhof des Tropfenden Kessel und ging in die Winkelgasse, wo sie Besenknechts Sonntag Stand betrat. Es war verboten in Zaubererläden zu apparieren, sonst könnte man ja ganz leicht etwas stehlen.
Sie begrüßte ihren Chefin, Madame Neuveux, zog ihren tiefroten Arbeitsuniformumhang an und hängte die Ware auf, die gerade rein gekommen war. Da es Samstag war, war der Laden ganz gut gefüllt und machte recht guten Umsatz. Zu Besenknecht gingen Zauberer, die etwas auf sich hielten und feinere und teurere Stoffe bevorzugten, nicht solche Stoffe die unter anderem bei Madame Malkin verwendet wurden.
Auch konnte man hier keine gebrauchten Umhänge kaufen, aber Reparaturarbeiten wurden, wie in jedem anderen Stoffgeschäft auch, durchgeführt. Narzissa Tag bestand bis zum Mittagessen aus völliger Routine. Zum Beispiel musste sie einen Kinderfestumhang reparieren, anscheinend hatte die kleine Göre die Säume in Brand gesteckt, ohne zu wissen, dass sie soeben ein Erbstück zerstörte. Diesen Umhang zu reparieren, war jedoch eine leichte Arbeit gewesen, im Gegensatz zu dem was man sonst manchmal zu sehen bekam.
Daraufhin verhalf sie 2 älteren Hexen zu sündhaft teuren Umhängen, welche sie eigentlich auch billiger und gut in einem anderen Material, welches für ihre Zwecke vollkommen ausreichte, bekommen könnten. Naja wenn schon, denn schon.
Nach der Mittagspause, die für Narzissa von 12:00 bis 12:30 Uhr war, musste sie nicht mehr lange arbeiten, genauer gesagt nur noch bis 17:00 Uhr, denn dann würde das Geschäft sowieso schließen. Sie hatte heute Spätschicht, also war sie von 16:00 Uhr bis 17:00 Uhr alleine im Laden und dafür, dass sie erst seit kurzem dort arbeitete war dies eine ziemlich große Verantwortung. Aber aus Erfahrung wusste sie, dass zu dieser Zeit nur selten ein Kunde kam. Und wenn Narzissa die Letzte war im Laden war, dann blieb sie manchmal sogar noch länger im Laden und probierte ein schönes Kleidungsstück an, das gerade rein kam, da sie nicht gerade sehr viele Galleonen hatte, um sich andauernd neue Sachen zu kaufen, aber es war einfach toll sich in diesen prunkvollen Gewändern vorm Spiegel zu betrachten.
Auch jetzt lief sie durch die Reihen und schaute sich die Gewänder an, denn sie glaubte nicht, dass jetzt noch Kunden kommen würden, immerhin regnete es in Strömen.
Ihr fiel ein sehr hübsches, kurzes Sommerkleid ins Auge, obwohl es eher eines zum weggehen war. Dies stellte sie aber erst fest, als sie sich damit im Spiegel begutachtete. Das Kleid war smaragdgrün mit silbernen gestickten Wellenlinien, die wie Schlangen aussahen - Es sah einfach umwerfend aus, obwohl es vielleicht ein wenig sehr gewagt war, denn es war so kurz, dass nur noch eine gute Hand breit ihres Oberschenkels mit dem smaragdgrünen Stoff bedeckt war und der Ausschnitt des Kleides machte der Person, die es trug, ein schmeichelhaftes Dekolletee. Aber es sah wiederum zu gut aus um schlecht auszusehen, welche Logik dachte sich Narzissa und fuhr vor Schreck einen halben Meter in die Luft, als die Ladenglocke schellte. Wer kam denn jetzt noch?
Hoffentlich war es niemand der hier arbeitete - Narzissa war sich ziemlich sicher, dass das, was sie gerade tat, nicht erlaubt war.
„He Zissy bist du hier?", erklang Bellas Stimme aus Richtung Tür.
Noch mal Glück gehabt, dachte sich Narzissa und huschte nach vorne, auf dem Weg dahin sackte ihr das Herz jedoch wieder in die Hose. Bella war nicht allein, sie hatte vier Männer mitgebracht. Der eine, wer konnte es auch anders sein, Rudolphus Lestrange, Bellatrixs Verlobter. Eigentlich mochte Narzissa Rudolphus, er war sehr groß, hatte dunkle Haare, die immer die gleiche Länge hatten, so schien es zumindest. Rudolphus konnte unheimlich nett sein, wenn er wollte. Aber etwas machte ihn unheimlich grausam, Narzissa konnte dies nicht benennen, aber sie spürte es. Sie wusste das Rudolphus schon den einen oder anderen Muggel und Zauberer auf dem Gewissen hatte und er war bereits ein Anhänger Lord Voldemorts gewesen, als er noch zur Schule ging. Ein Verwandter von ihm, der denselben Nachnamen trug (Lestrange), war sogar mit dem dunkeln Lord selbst in Hogwarts gewesen.
Narzissa lief es oft unangenehm über den Rücken, wenn Bellatrix von einigen Gräueltaten ihres Verlobten erzählte, die aber im Normalfall mit keinem Mord endeten. Bellatrix fand dies mache ihn attraktiv, so wie einen Ritter oder ähnliches.
Narzissa wusste nicht genau ob sie diesen Sachverhalt nachempfinden sollte, sie war zwar gegen Muggel und Muggelgeborene, war sich aber sicher, dass der Avada Kedavra irgendwie menschlicher sei, als das zu Tode foltern durch den Cruciatus. Dennoch war Rudolphus bis jetzt immer nett zu ihr gewesen.
Die anderen drei Männer waren Antonin Dolohow, Evan Rosier und - Lucius Malfoy.
Oh, nein!
Von den ersten beiden wusste Narzissa gerade einmal den Namen und die dazugehörige Visage. Den letzten hatte sie bei ihrer Aufnahmeprüfung aufgeschlitzt. Sie wusste nicht viel über Lucius Malfoy, nur, dass er mit Bella in einem Jahrgang war (natürlich Slytherin!) und ziemlich viel auf sich und seinen Namen hielt.
Narzissa hatte das unangenehme Gefühl, dass er ihre erste Begegnung noch nicht vergessen hatte. Dennoch war seine Miene unergründlich. Seine grauen Augen wanderten ausdruckslos die Reihen mit der ausgestellten Ware entlang und da er sehr groß war konnte er ziemlich gut den Laden überblicken.
,,Ach da bist du ja!", Bellas Stimme riss sie aus den Gedanken, „Sind wir allein Zissy?"
„Wie – was? Ja. Es ist doch gleich Ladenschluss!", Narzissa war es ein bisschen schwer gefallen sich auf Bellatrix Frage zu konzentrieren, ihr Blick war auf diesem Malfoy hängen geblieben, irgendwie war er hübsch…
Und schon überschüttete Bella sie mit einem Redeschwall, von wegen, dass heute Abend ein Treffen aller Anhänger Voldemorts sei und dass sie, Bella, noch etwas Hübsches zum Anziehen bräuchte, für die Halloweenparty. Rudolphus bräuchte unbedingt einen neuen Festumhang in Marineblau. Dolohow und Rosier müssten auch ihre Festtagsgardorobe erweitern und Lucius bräuchte auch noch irgendwas.
Narzissa konnte diesen Ausführungen kaum folgen – Bella redete einfach viel zu schnell. Als dann alles klar war, schaute sich Bella bei den Damenkleidern um, natürlich zusammen mit Rudolphus, dem das kleinste bisschen Stoff immer noch zuviel war. (Was sollte das für eine Halloweenparty werden? Und bei wem überhaupt?)
Rosier fand schnell bei den Aushängen ein passendes Modell, bezahlte und verabschiedete sich. Narzissa hatte das Gefühl, dass er sie für ein kleines Mädchen gehalten hatte, welches man nicht ernst nehmen konnte – da wollte er doch tatsächlich diesen Qualitätsumhang für 10 Galleonen haben anstelle für 15. So ein Trottel, er hatte seine Rechung ohne sie gemacht und seine 15 Galleonen zahlen müssen.
Dolohow musste einen Umhang abgesteckt bekommen (Dunkelbraun). Das Anpassen ging bei ihm ziemlich schnell und einfach, weil er eine gute Figur hatte – das ließ sich immer einfacher machen, als wenn man unheimlich viel Stoff für den dicken Bauch, mancher Zauberer, verschwenden musste. Auch er war schnell fertig und wollte den fertigen Umhang am Montag abholen. Als auch er verschwunden war, wurde Narzissa etwas mulmig zu mute. Rudolphus und Bella waren jetzt damit beschäftigt einen Umhang für Rudolphus heraus zusuchen, also müsste Narzissa wohl oder übel diesen Malfoy fragen, was genau er denn sucht. Bella hatte in der letzten Woche am Rande mal erwähnt, dass Lucius Malfoy gerne nach Rache gelüstete, wenn jemand ihn bloß stellte.
Zum Glück erlöste sie Bella von ihrem Vorhaben, indem sie Narzissa zu sich rief und meinte, dass sie jetzt zahlen wollen. Bella hatte ich ein sehr schönes dunkelblaues Kleid ausgesucht, es hatte überraschend viel Stoff für Rudolphus Geschmack, es war schräg geschnitten und hatte Spaghettiträger – wirklich sehr hübsch. Und Rudolphus neuer Umhang hatte dieselbe Farbe und passte somit vortrefflich zu Bellas Kleid.
Sie zahlten und Narzissa wandte sich zu Bella.
„Wollt ihr jetzt gehen?"
„Ja, wir dachten wir gehen noch in den Tropfenden Kessel bevor wir zum Treffen gehen. Keine Angst. Ich habe ihn gefragt, er möchte dich nicht aufspießen." Bella zwinkerte und deutete mit dem Kopf in Lucius Malfoys Richtung.
Schluck und weg waren Bella und Rudolphus.
Narzissa wandte sich zu Lucius Malfoy um, der seine ganze Aufmerksamkeit den ausgestellten Stoffen schenkte – zumindest schien es so.
In Wirklichkeit war, war Lucius Malfoys Aufmerksamkeit nicht den Stoffen zugewandt gewesen, sondern den umstehenden Personen, die er die ganze Zeit beobachtet hatte.
Rosier, es war klar das ihm die Galleonen nicht locker sitzen, aber es war schon schön anzusehen wie die kleine Miss ihn abgefertigt hatte.
Dolohow hatte ihr ganz schön in den Ausschnitt gestiert, als er auf seinem Schemel stand. Naja, wäre wohl auch keinem zu verkennen – bei dem Kleid! Und bei der Figur, er und die anderen Todesser wussten ja wie sie aussah.
Trotz dieser überzeugenden Argumente hätte Lucius auf Bellas Verwarnung nur zu gern gepfiffen. Bevor sie zu Besenknechts gegangen waren, hatte sie ihn zur Seite genommen und gemeint, dass er seine Rachegelüste bloß nicht jetzt ausleben sollte.
Woher wusste sie überhaupt, dass er welche hatte?
Wahrscheinlich kannte sie ihn einfach zulange.
Er hatte ihr versprochen Narzissa heute kein Haar zukrümmen, die Gelegenheit würde sicher noch kommen.
„Kann ich Ihnen behilflich sein, Sir?", Narzissa war an Lucius heran getreten und sehr stolz auf sich, dass sie ihre Unsicherheit aus der Stimme verbannt hatte.
„Ich brauche einen neuen schwarzen Umhang, Narzissa.", er sprach ihren Vornamen mit Bedacht aus, er war der Meinung, dass sie so tat als würde sie ihn nicht kennen.
„Gut, haben Sie irgendwelche Wünsche bezüglich des Materials, Mr Malfoy?"
Sie war nicht so leicht einzuschüchtern auch wenn sie nun noch blasser wirkte.
„Ich dachte an etwas Edles, Samt, immerhin ist Winter und mein anderer Umhang wurde leider von dir in Fetzen gerissen."
Plötzlich überkam Narzissa der Gedanke, dass eine Entschuldigung angebracht wäre. Irgendetwas in Ihrem Kopf sagte dies ganz deutlich, es war fast so als hätte Malfoy ihr den Imperiusfluch aufgehalst, aber es war seine pure, kraftvolle, machtvolle, energische und dennoch stilvolle Erscheinung.
„Es tut mir furchtbar Leid, Mr. Malfoy – also das mit ihrem Umhang – ich, ich meine, ich hätte die Beherrschung nicht verlieren dürfen, eigentlich hatten Sie das Duell gewonnen, es war unfair Ihnen in dem Zeitpunkt einen Fluch aufzuhalsen."
Diese Worte kamen über ihre Lippen, bevor sie groß nachgedacht hatte, was sie da eigentlich sagte. Aber Zweifelsohne waren sie ehrlich gemeint.
Lucius Malfoys Lippen kräuselten sich, es sah aus wie ein Anflug eines Lächelns.
Eines undeutbaren Lächelns.
„Ein höchst interessanter Fluch mit dem du mich da gekriegt hast, meine Liebe, ich kenne ihn nicht, woher stammt er?", während Lucius sprach nahm er der völlig regungslosen Narzissa die Samtrolle aus der Hand, ging zu einem Schemel rüber und stellte sich darauf. Narzissa folgte ihm nach einer sehr langen halben Minute.
„Ein Schulfreund von mir hat ihn entwickelt, Severus Snape, aber er geht noch nach Hogwarts.", Narzissa fing mit ihrer Arbeit an. Dies war eine große Hilfe, so musste sie nicht in diese grauen unergründlichen Augen sehen und konnte freier sprechen.
„Schade, aber ein viel versprechendes Talent, dieser Junge."
Irgendwie kam Narzissa dies alles gerade ein wenig unwirklich vor, ein Malfoy war doch dafür bekannt seine Ehre zu behalten, sich zu rächen – aber der jüngste Spross der Malfoys stand nun auf einem Schemel vor ihr und ließ sich einen Umhang abstecken und redete über kleine Jungen in Hogwarts und ihre Zaubersprüche. Da war etwas faul!
Narzissa war sehr froh, als sie Lucius verkünden konnte, dass der Umhang ab Montag fertig sei. Er würde ihn Dienstag abholen kommen. Als er durch die Ladentür ging, drehte er sich noch einmal um.
„Ach übrings Narzissa, hübscher Ausschnitt, aber ohne Kleid hat mir deine Oberweite besser gefallen!", er grinste fies und ging endgültig.
Narzissa stand im Laden und sah ihm mit einer Mischung aus Zorn und Verblüfftheit nach.
Was war denn das jetzt?
