Nachdem wir wieder zurück gesprungen waren, hatte Gideon mich noch bis zur Limousine begleitet und mir versprochen, sich später noch bei mir zu melden.
Die gesamte Fahrt lang schwieg ich und dachte nach.
Ich würde also große Schwester werden. Und diesmal wirklich, auch wenn ich im Herzen immer Carolines und Nicks Schwester bleiben würde. Wie glücklich Paul und Lucy ausgesehen hatten … unwillkürlich fragte ich mich, ob die beiden sich auch so gefreut hatten, als Lucy mit mir schwanger war.
Lucy und Paul waren ja nur zwei Jahre älter gewesen als Gideon und ich jetzt, also war es bestimmt ein kleiner Schock gewesen, und dazu waren die Beiden noch auf der Flucht vor der Loge gewesen …
Mr George, der mich nach Hause begleitete, stupste mich vorsichtig an, da ich anscheinend nicht auf seine Worte reagiert hatte.
»Ich will deine Gedanken nicht unterbrechen, aber wir sind da« Er lächelte mich an. »Du sahst ziemlich nachdenklich aus. Kann ich dir irgendwie helfen?«
»Oh, ja.« Ich blinzelte und blickte aus dem Fenster, wo im Dunkeln die Mauern unseres Hauses zu sehen waren. »Oh nein, Mr George, nichts Besonderes. Mädchenkram«
Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm erzählen sollte, dass es bald noch eine Miniversion von Paul und Lucy geben würde – und dazu in der Vergangenheit –, deshalb tischte ich ihm schnell die Lüge auf und grinste verunsichert.
Entweder war ich eine bessere Lügnerin, als ich dachte, oder Mr George merkte einfach, dass ich ihm nicht unbedingt davon erzählen wollte. Er nickte nur und hielt mir dann freundlicherweise die Tür auf.
Mr Bernhard öffnete die Haustür und ich schlüpfte schnell ins Haus, da es draußen schon ziemlich kalt war.
Ich war heute recht zeitig Zuhause, weswegen ich eigentlich mit einem warmen Abendessen gerechnet hatte, aber als ich mich dem Esszimmer näherte, hörte ich schon laute Stimmen von innen.
»Dem Kind das ganze Leben lang verheimlichen, wer die Eltern sind! Wirklich, Grace!« Das war Lady Aristas Stimme. Sie war nicht so laut wie die anderen Stimmen, aber ich hörte ihre Stimme trotzdem laut und deutlich durch die Tür.
»Ich wollte es ihr mit Dad zusammen sagen, Mutter!«, hörte ich Mum rufen. »Aber dann wurde er … getötet von diesen …«
»Lenk jetzt bloß nicht ab, Grace!«, schnappte Tante Glenda.
»Das war absolut unverantwortlich von dir! Hätten wir gewusst, dass Gwendolyn das Kind von Lucy und Paul ist, wäre uns klar gewesen, dass sie der Rubin ist!«, herrschte Lady Arista. »Und Charlotte hätte nie …«
»Es geht hier nicht um meine Charlotte! Charlotte hätte gemacht, was die Loge von ihr verlangt hätte, und nicht einfach beschlossen, mal eben alle Pläne zu durchkreuzen!«
»Du verstehst es immer noch nicht, oder, Glenda?«, brüllte meine Mutter, und wie es sich anhörte, war sie kurz davor, meiner Tante die Augen auszukratzen. »Wenn Charlotte das Gen gehabt und die Pläne befolgt hätte, wäre sie jetzt TOT! Ist dir das eigentlich ansatzweise bewusst?!«
Ich überlegte, ob ich lieber gehen sollte, da hörte ich ein leises Schluchzen. »Hört doch auf zu schreien«, wimmerte Caroline, die ebenfalls mit im Esszimmer war. »Schreien bringt doch gar nichts!«
Ich durchschritt mit zwei Schritten die Eingangshalle und riss die Tür zum Esszimmer auf. Vor mir stand Glenda, das Gesicht so rot angelaufen, dass es sich fürchterlich mit ihrer Haarfarbe biss. Mum hatte mir den Rücken zugedreht, und an ihrem Ärmel hing Caroline, deren Gesicht tränenverschmiert war. Lady Arista saß grade wie eh und je am Tisch und starrte ihre beiden Töchter an.
»Da ist sie ja!«, keifte Tante Glenda. »Nicht nur, dass du uns 17 lange Jahre lang angelogen hast, Grace. Dann nimmt deine vermeintliche Tochter Charlotte auch noch das Gen UND den Jungen weg, den sie liebt!«
Ich starrte sie fassungslos an, und wusste nicht, was ich sagen sollte. Fast schon wartete ich darauf, dass im nächsten Moment Qualm aus ihren Ohren quoll und sich das Alles als Albtraum entpuppte, aber Glendas beinahe hasserfülltes Gesicht verschwand nicht.
»ICH habe Charlotte Gideon weggenommen?«, fragte ich sie irritiert, während ich die Tränen unterdrückte, die in meine Augen stiegen. »Vielleicht solltet ihr euch mal an die eigene Nase fassen und darüber nachdenken, warum Gideon nicht auf selbstverliebte Zicken wie Charlotte steht!«
Ich drehte mich auf dem Absatz um und rauschte aus dem Raum.
Auf der Treppe kam mir Mr Bernhard entgegen, der, als er meine Tränen sah, mir freundlich ein Taschentuch reichte. Ich nahm es dankend an, wischte meine Wangen trocken und steckte es in meine Hosentasche. Ich nickte ihm noch zu, dann setzte ich den Weg in mein Zimmer fort.
Nicht zum ersten Mal in meinem Leben war ich froh, dass meine Tür von innen verriegelt werden konnte, als ich mich aufs Bett schmiss und mich fragte, warum ich mit so eine arroganten Verwandtschaft gesegnet war.
Glenda war wirklich unmöglich. Jetzt warf sie mir schon vor, dass Charlotte nicht so perfekt war, wie alle dachten, und dass es auch Jungen gab, die sie nicht für das 8. Weltwunder hielten.
Ich kramte das Taschentuch, das ich von Mr Bernhard hatte, wieder hervor, als die Tränen wieder zu fließen begannen.
Erst nach ein paar Minuten merkte ich, dass mein Handy schon zum dritten Mal klingelte.
Ich warf nur einen kurzen Blick darauf und verfluchte, dass ich doch wirklich vergessen hatte, dass Gideon mich hatte anrufen wollen. Aber rangehen konnte ich jetzt nicht. Nicht, wenn ich mich so verheult anhörte. Also wartete ich, bis er auflegte und rief stattdessen Leslie an.
Sie ging schon nach dem ersten Klingeln ran.
»Hey, Gwenny. Was gibt's?«
Ihre fröhliche Stimme brachte mich dazu, für eine Sekunde zu vergessen, wie sehr ich meine Tante grade hasste, aber als ich sie begrüßte und selbst meine krächzende, verheulte Stimme hörte, liefen die Tränen wieder von ganz allein.
Ich erzählte ihr die Kurzfassung von dem Gespräch, was ich mitangehört hatte, während ich mich in meine Bettdecke einwickelte und mich hin und her wiegte.
»Oh Mann, Gwen!« Leslies Stimme klang traurig. »Mir tut's echt leid, dass deine Tante grade so Stress macht, und ich würde am liebsten zu dir kommen und dich in den Arm nehmen, aber meine Mum ist grade echt mies drauf und lässt mich nicht mehr weg.«
Ich schniefte. »Kein Problem, Les. Ich … ich wollte nur mit jemandem darüber reden.«
»Okay, Gwenny« Ich hörte, wie sie lächelte. »Wenn irgendwas ist, ruf mich an. Ansonsten sehen wir uns morgen. Fühl dich gedrückt.«
»Okay. Bis morgen«, flüsterte ich und legte auf, grade, als jemand zart gegen meine Tür klopfte.
Ich strich mir durch die Haare, schniefte einmal und ging dann langsam auf die Tür zu, um sie zu entriegeln. Von außen wurde die Tür vorsichtig aufgeschoben, und Caroline stand vor mir. Ihr Gesicht war vom Weinen gerötet und ihre Augen waren geschwollen.
Ohne ein weiteres Wort zog ich sie an mich und kickte beim Umdrehen gleich die Tür zu. Wir setzten uns auf mein Bett, und sie begann, irgendetwas zu schluchzen.
Die meisten Worte verstand ich nicht, aber das, was ich verstand, hing mit Tante Glenda zusammen.
Ich redete nur beruhigend auf sie ein, während auch mir wieder die Tränen über die Wangen liefen.
»Wieso ist sie so gemein?«, wimmerte Caroline. »Wieso schimpft sie immer?«
»Sie ist nur eifersüchtig«, versicherte ich ihr. »Weil wir so eine tolle Familie sind und Tante Glenda und Charlotte mit ihrer spießigen Art gar nicht zu uns passen«
Caroline drückte ihr Gesicht an meine Schulter. »Charlotte hat gesagt, du bist gar nicht wirklich meine Schwester. Sie hat gesagt, du gehörst gar nicht hierhin, sondern zu den Verrätern.«
Ich schnappte erschrocken nach Luft. Wie konnte Charlotte so kaltblütig sein und der kleinen Charlotte, die das alles noch gar nicht verstand, das erzählen?
»Ich werde immer deine Schwester sein«, sagte ich leise. »Immer, hörst du?«
Caroline schluchzte. »Ich hab dich lieb«
Ich küsste sie auf den Scheitel. »Ich dich auch«
In dem Moment sah ich etwas an uns vorbeifliegen. Ich hatte mich schon den ganzen Tag lang gefragt, wo Xemerius gewesen war, aber jetzt interessierte es mich nicht grade. Seine Stimme, die wie ein verschnupftes Kind klang, hörte sich frustriert an. »Da schlafe ich ein Weilchen und jage ein paar Tauben, und schon verwandelt sich jeder in einen Zimmerbrunnen!«

Ich hoffe das Kapitel hat euch gefallen! :)