Am Abend war London am schönsten. Die Lichter der Stadt erhellten den dunklen Himmel, an dem heute nur ein paar einzelne Sterne zu sehen waren. Der Mond strahlte dagegen umso mehr und ich ertappte mich dabei, wie ich ihn anstarrte und die Zeit vergaß. Ich saß nun bestimmt schon seit Stunden auf dem Dach unseres Hauses, allein mit meinen Gedanken. Eigentlich sollte ich ein schlechtes Gewissen haben, weil ich, gleich nachdem Caroline aus meinem Zimmer verschwunden war, über die Feuerleiter getürmt war. Die Anderen machten sich bestimmt Sorgen, weil ich nicht in meinem Zimmer war, aber vielleicht wollten sie mich auch einfach in Ruhe lassen und hatten noch gar nicht gemerkt, dass ich nicht da war.

Ich zuckte erschrocken zusammen, als Xemerius neben mir landete.
»Deine Mutter war eben in deinem Zimmer«, teilte er mir mit. »Und jetzt brüllt sie wieder die Hexe an.«

»Mir egal«, knurrte ich und stupste einen Kieselstein an, der vor meinem Fuß lag.

»Und es sieht so aus, als würde dein Handy eine Party feiern«, fuhr er fort. »Aber allein, in deinem Zimmer. Es klingelt im fünf Minuten Abstand.«

Ich seufzte, als sich das schlechte Gewissen meldete. Ja, Gideon hatte mich anrufen wollen, das wusste ich, aber nachdem ich erst nicht dran gegangen war, musste er wohl ahnen, dass irgendetwas passiert war.

»Wenn du nicht bald zurückrufst wird dein Funkelsteinchen bestimmt bald hier auftauchen.« Xemerius sah mich ernst an und ich kniff die Augen zusammen.

»Ich hasse das, weißt du?«, sagte ich leise. »Das alles. Morgens Schule, mittags für ein paar Stunden in die Vergangenheit und abends gibt es dann nur Streit. Ich habe es so satt!«

»Das sind dann die Nachteile wenn man du ist«, sagte Xemerius und wedelte mit dem Schwanz wie ein Hund.

Ich schnaubte. »Ach ja? Dann kommt noch dazu, dass meine Eltern in der Vergangenheit festsitzen und dass mein Geschwisterchen bald zur Welt kommt und ich es nur beim elapsieren sehen kann«

Xemerius schwieg. Dann setzte er sich auf meine Schulter und strich mir mit seinem Schwanz über den Rücken. Die Berührung war kalt und irgendwie nass, aber sie beruhigte mich. Ein paar Tränen liefen mir über die Wange.

»Gwenny!«
Ich zuckte heftig zusammen und fuhr hoch. Xemerius flog bei meiner abrupten Bewegung davon und ließ sich ein paar Meter von mir entfernt auf dem Dach nieder.

»Hast du deinem Funkelsteinchen nicht beigebracht, dass man sich bemerkbar macht, wenn man sich von hinten an jemanden anschleicht? Und besonders dann, wenn dieser jemand auf einem DACH sitzt?«, knurrte Xemerius, aber ich würdigte ihn keines Blickes. Ich sah Gideon an, der an der Feuertreppe stand und mich besorgt ansah. Er kam ein paar Schritte auf mich zu, und im nächsten Moment lief ich auf ihn zu und stürzte mich in seine Arme. Schluchzend stand ich da, und nicht einmal, als keine Tränen mehr kommen wollten, hielt er mich noch fest, strich mir sanft über das Haar und flüsterte, dass alles gut werden würde. Ich schämte mich ein bisschen dafür, dass Gideon mich in den letzten Tagen nur als absolute Heulsuse erlebt hatte … aber vielleicht dachte er auch einfach nur, dass ich im Moment mehr durchgemacht hatte, als ich verkraften konnte? Was auch stimmte, wohlbemerkt …

»Ich hasse sie«, wollte ich laut sagen, aber meine Stimme war nur ein heiseres Flüstern. Gideons Hand auf meinem Haar hielt inne. »Wen?«

»Glenda«, erwiderte ich. »Und Charlotte. Immer, wenn ich denke, dass alles gut wird, kommen die beiden daher und zerstören es wieder!«

Gideon schwieg. Dann sah er mich mit seinen wunderschönen grünen Augen an. »Willst du darüber reden?«

Ich dachte kurz darüber nach und schüttelte dann den Kopf. Ich wollte nicht über meine verrückte Familie denken – Ich wollte einfach nur hier sitzen, mit Gideon. Ich schlang die Arme um ihn und drückte mein Gesicht an seine Schulter.

Aber mein Leben wäre eben nicht meines gewesen, wenn nicht irgendetwas uns unterbrochen hätte. Xemerius schwang sich in die Lüfte und zog Kreise über unseren Köpfen, während er sein liebstes, selbstkomponiertes Lied sang.

»Gidi und Gwendolyn, die sitzen unterm Baldachin …«

Ich fuhr ruckartig hoch und sah grimmig in seine Richtung.
»Halt deine Klappe!«

Bei Xemerius' gackerndem Lachen wandte ich mich ab und sah Gideon an, der mich verwirrt und etwas schockiert anstarrte. »Wie bitte?«

Ich winkte ab. »Nicht du.«

»Wer denn dann?«

»Xemerius.«, erwiderte ich.

»Xemi – … was?«

Ich verdrehte die Augen. »Egal. Vergiss es.«

Gideon sah mich mit einem undefinierbaren Blick an. Dann sagte er langsam: »Ist … es, ähm, oder er … ein Geist?«

Ich starrte ihn einen Moment lang verblüfft an, bis mir einfiel, dass ich ihm ja von meiner Magie erzählt hatte, als ich betrunken war. Dann lachte ich über seinen verstörten Gesichtsausdruck. »Nein«, sagte ich, als ich Luft holte. »Xemerius ist ein Wasserspeierdämon.«

»Der Mächtigste, der Gefährlichste!« Xemerius begann wieder Kreise über unseren Köpfen zu ziehen. »Und der Schönste, natürlich!«

Ich sah Gideon erwartungsvoll an und grinste, als er sich nervös auf dem Dach umsah.

»Du glaubst mir?«, fragte ich ihn verblüfft.

Er nickte. »Es ist komisch, aber … es ergibt Sinn. Die Magie des Raben. Zwischen den Welten hört Tote er singen. Passt schon, oder? « Er sah sich noch einmal um. »Wo … wo ist er grade?«

Ich grinste und zeigte mit dem Finger gen Himmel. »Er fliegt in Kreisen über deinem Kopf.«

Gideon drehte den Kopf in die Richtung, in die ich gezeigt hatte, aber Xemerius hatte sich grade dazu entschlossen, sich auf meiner Schulter niederzulassen.
»Also, ich habe ja einen Haufen Menschen gesehen, die mich hören konnten und wussten dass ich da war, aber jemanden zu beobachten, der mich weder sehen noch hören kann, während er mich zu sehen versucht, ist viel lustiger.«

Ich kicherte und Gideon warf mir einen weiteren verstörten Blick zu. Ich grinste ihn an. »Tut mir leid, aber du siehst dabei einfach zu lustig aus.«

Er ging nicht darauf ein und fragte stattdessen: »Und der kann reden?«

»Natürlich kann ich reden, du Idiot!«, rief Xemerius empört. »Hör auf so zu reden, als wäre ich nicht da!«

»Du weißt aber, dass er dich trotzdem nicht …«, sagte ich an Xemerius gewandt, aber ich brach ab und sagte stattdessen schnell zu Gideon: »Ja, er redet. Ziemlich viel. Und manchmal singt er auch, leider.« Ich grinste leicht und spürte, wie mir etwas Nasses auf den Rücken klatschte, als Xemerius mir mit seinem Schwanz einen Stoß verpasste.
»Tut mir leid, aber deine Version von Friends will be friends schmerzt mir immer noch in den Ohren.«, sagte ich und sah aus den Augenwinkeln, wie Gideon den Kopf schüttelte, als könne er das gar nicht glauben. Wenn Xemerius nicht grade in diesem Moment aus reinem Protest angefangen hätte, mir ins Ohr zu grölen, hätte ich wahrscheinlich besser nachempfinden können, wie er sich grade fühlte.

»Tut mir leid.«, sagte ich bedrückt und ging auf ihn zu, bis wir nur noch einen Meter voneinander entfernt da standen. »Ich muss auf dich doch komplett bescheuert wirken.«

Plötzlich setzte Gideon ein strahlendes Lächeln auf und zog mich an sich. »Bescheuert? Nein. Es ist nur komisch, dass du mit jemand anderem redest, wenn eigentlich nur ich in deiner Nähe bin. Aber hey, wir sind beide Zeitreisende, oder? Wenn, dann sind wir beide bescheuert.« Er grinste und ich kicherte.

»Ich liebe dich, weißt du das?«, fragte ich ihn leise und schlang die Arme um seinen Hals.
Gideon grinste. »Hm-hm.«

Und als er sich vorbeugte und mich küsste, spürte ich wie das nasskalte Gefühl auf meiner Schulter verschwand. Im nächsten Moment hörte ich Xemerius gekränkte Stimme: »Und ich dachte, ihr hört damit auf, wenn ihr beide wisst, dass ich dabei bin!«