Die Tage vergehen wie im Fluge. Ich ging Glenda und Charlotte so gut es ging aus dem Weg, was aber ziemlich schwer war, da wir zusammen in einem Haus wohnten.
Die ganzen Prüfungen, die wir in der Schule schrieben, lenkten mich ab, sodass ich nach knapp zwei Wochen ganz vergessen hatte, dass ich ein Geschwisterchen bekommen würde. Gideon hatte mich überredet, während des Elapsierens für meine Prüfungen zu lernen, obwohl er wahrscheinlich lieber Zeit mit mir und Cousine Sofa verbracht hätte. Während er nun neben mir auf dem Sofa saß und mich französische Vokabeln abfragte, schweiften meine Gedanken ab.
»Gwenny?« Gideon stupste mich an. »Sollen wir eine Pause machen?«

Ich blinzelte. »Entschuldige. Ich war grade etwas abgelenkt.«
Gideon klappte das Buch zu, warf es vor sich auf die Erde und legte einen Arm hinter mich auf die Lehne des Sofas. »Worüber hast du nachgedacht?«, fragte er und zog mich an sich.
»Über Mum und Dad«, erzählte ich ihm wahrheitsgemäß. Ich hatte die beiden nun schon seit Wochen nicht mehr gesehen und vermisste sie mehr, als ich geglaubt hätte. Und ich fühlte mich mies, jetzt im Moment keine Zeit mit Lucy verbringen zu können, auch wenn ich passend in der Zeit zurückreisen konnte, sodass bei ihr kaum fünf Minuten vergangen waren.

»Ich wäre gerne öfter bei ihnen. «, erklärte ich ihm. Gideon drückte mich und nickte. »Ich weiß was du meinst. Wir können sie gleich morgen besuchen, wenn du möchtest. Dann elapsieren wir morgen nur eine Stunde und treffen uns morgen Abend bei dir. Ich bin mir sicher, dass Madam Rossini gerne ein paar Kleider für uns abgibt, die zu der Zeit passen.«
Ich grinste Gideon an und küsste ihn glücklich. Ich hatte einen tollen Freund, tolle Eltern und dazu bald noch einen kleinen Bruder oder eine Schwester. Ich wüsste nichts, was mir im Moment das Leben vermiesen könnte!

Am nächsten Tag ging ich mit übermäßig guter Laune nach unten, um mit den anderen zu frühstücken. Glenda und Charlotte warfen mir einen vernichtenden Blick nach dem anderen zu, aber sie prallten einfach an mir ab. Ich regte mich nicht einmal darüber auf, dass Nick mir meinen Nachtisch geklaut hatte – es gab Schokomuffins! – und wuschelte ihm durch die mittlerweile ziemlich lang gewordenen Haare, um ihn ein wenig zu ärgern. »Du solltest mal wieder zum Friseur gehen«, teilte ich ihm mit, schnappte mir eins von den Croissants, die Mr. Bernhard heute Morgen auf den Tisch gestellt hatte und machte mich auf den Weg nach draußen, als ich die Stimme von Lady Arista hörte. »Also, Gwendolyn!«, sagte sie entrüstet, aber da war ich schon zu Tür hinaus.

Es regnete wie aus Eimern, was typisch war für London, aber heute ignorierte ich die sinnflutartige Überschwemmung der Straßen in Mayfair und spannte stattdessen meinen nagelneuen Regenschirm auf (den letzten hatte ich leider verloren, als ich zuletzt unkontrolliert durch die Zeit gesprungen war … ich war mir aber ziemlich sicher, ihn in der Gegenwart verloren zu haben) und hüpfte fröhlich über die riesigen Pfützen , die die Hälfte des Gehwegs beanspruchten, hinweg, um meine Schuhe nicht vor der Schule schon komplett zu durchnässen. Der Bus war noch nicht da, also stellte ich mich unter den Baum neben dem Busschild und zog mein Handy aus meiner Jackentasche. Es kam mir vor wie ein Klischee, dass das erste Lied in meiner Playlist an diesem Morgen Bon Jovis ‚Halleluja' war, aber ich grinste nur und presste die Lippen zusammen, um nicht lautstark mitzusingen und so das halbe Stadtviertel zu wecken.

Nach dreizehn Minuten, in denen ich an nichts anderes als Gideon gedacht hatte, kam der Bus und ich setzte mich auf den Platz einer alten Dame, der ich überschwänglich ‚noch einen schönen Tag' wünschte, als sie den Bus verließ.

Leslie fragte mich in der Schule, woher mein Dauergrinsen kam und ob das etwas mit Gideon zu tun hatte. »Nein, Les«, erwiderte ich und legte einen Arm um ihre Schultern. »Ich werde heute Abend meine Eltern wiedersehen!«
An diesem Tag mussten wir zum ersten Mr. Rockwood ertragen, der als Ersatzlehrer für Geschichte und Englisch für den Rest des Schuljahres einspringen würde. Er war mir auf Anhieb unsympathisch, was wohl auf Gegenseitigkeit beruhte. Es vergingen keine fünf Minuten der ersten Stunde, da schrieb er schon einen Test in Geschichte, angeblich um ‚unseren derzeitigen Stand zu überprüfen'. Da ich mich in den letzten Wochen kaum mit den beiden Fächern beschäftigt hatte, die Mr. Withman unterrichtet hatte, fiel mein Test auch dementsprechend schlecht aus. Zwar war ich immer noch besser als Gordon – jeder war besser als Gordon, der immer noch nicht begriffen hatte, dass er sich keine Freunde machte, wenn er britische Monarchen als hässlich bezeichnete –, aber Mr. Rockwood machte sich trotzdem eine Freude daraus, Zitate aus meinen Test vorzutragen und sich vor der gesamten Klasse darüber lustig zu machen. Zu meinem Glück sprang nur Charlotte darauf an – ich hatte sie noch nie so herzhaft lachen sehen –, aber der Rest der Klasse saß mit sturer Miene da. Ob es nun daran lag, dass niemand den neuen Lehrer leiden konnte oder wegen mir (oder eher Gideon) wusste ich nicht. Obwohl ich eher zu letzterem tendierte, denn kaum hatten wir den Unterricht verlassen und den Schulhof betreten, fingen die Mädchen alle an zu seufzen und Cynthia fächelte sich mit der Hand Luft zu. Sie fingen an zu tuscheln und mir war klar, dass das an Gideon liegen musste, der heute zur Abwechslung nicht vor der Limousine, sondern vor seinem Mini stand. Ich verabschiedete mich schnell von Leslie, versprach ihr, sie heute Abend anzurufen, sobald ich wieder da war und ging freudestrahlend auf Gideon zu. Er schloss mich gleich in seine Arme und küsste mich, und hinter uns hörte ich die anderen Mädchen kreischen. An anderen Tagen hätte ich Lust gehabt, ihnen etwas wie ‚Haltet die Klappe' zuzurufen, aber heute wollte ich einfach nur schnell nach Hause, um meine Eltern zu treffen.

»Warum so gute Laune heute?«, fragte Gideon verschmitzt, als er sich anschnallte und losfuhr. Ich grinste nur und teilte ihm mit, dass heute einfach ein toller Tag war, um in die Vergangenheit zu reisen, und ab da war Ruhe. Er ließ mich wohl absichtlich mit meinen Gedanken allein, oder er fand einfach kein Thema für die relativ kurze Autofahrt bis zu mir nach Hause. Er parkte den Mini an der gegenüberliegenden Straßenseite und hielt mir – ganz der Gentleman – die Tür auf. Die Haustür wurde uns bereits von Mr. Bernhard geöffnet, und ich sprintete schon die Treppe hoch, ohne großartig auf Gideon zu warten. Ich grüßte nur unterwegs meine Mutter und war schon dabei, das Kleid aus meinem Schrank zu ziehen, als Gideon zur Tür hinein kam.

»Du bist heute ganz schön stürmisch«, keuchte er, drehte sich aber um, als ich mir meine Schuluniform über den Kopf zog und in das dunkelrote Kleid schlüpfte, das Madam Rossini für mich herausgesucht hatte. Gideon trug bereits einen dunklen Mantel, der zwar für die heutige Zeit etwas zu lang war, aber trotzdem nicht weiter auffiel. Ich strich meine Haare über eine Schulter und drehte Gideon meinen Rücken zu, damit er die Knöpfe des Kleids schloss. Dann schnappten wir uns meinen Chronographen und fuhren mit seinem Mini zu der Kirche, in der ich einst Xemerius getroffen hatte. Wir legten den Chronographen etwas versteckt unter den Sitz im Beichtstuhl und während Gideon die Zeit einstellte, sah ich mich kurz um. Die Kirche war leer, und da auch Xemerius nicht mehr hier war kam sie mir verlassen vor. Ich hätte wohl irgendetwas gesagt, wenn Gideon mich nicht aufgefordert hätte, ihm meinen Finger zu geben. Ein kleiner Stich und rubinrotes Licht später stand ich in der gleichen Kirche, nur mehr als hundert Jahre in der Vergangenheit. Ich wartete brav auf Gideon, zog ihn dann jedoch hastig hinter mir her. Ich wollte meine Eltern endlich sehen und nicht noch mehr Zeit vergeuden als unbedingt nötig. Eine Kutsche brachte uns zu dem Haus von Lucy und Paul, das von hier gar nicht so weit entfernt war. Ich erkannte die Straßen wieder, auch wenn vieles in der Gegenwart, oder jetzt eher Zukunft, sich verändert hatte.

Das Hausmädchen öffnete erneut die Tür und bat uns, zu warten, noch ehe wir ihr unser Anliegen näher bringen konnten. Wahrscheinlich hatte sie uns von unserem letzten Besuch in Erinnerung und brauchte gar nicht mehr fragen …

Auf einmal schlang mir jemand zwei zierliche Arme um den Hals und ich stolperte etwas zurück. Gideons Hand an meinem Rücken sorgte dafür, dass ich nicht die Treppe hinunter fiel und so konnte ich Lucys Umarmung erwidern. Als sie mich auf Armeslänge von sich entfernt hielt fiel mein Blick auf ihren Bauch – der plötzlich wieder ganz flach war.
Ich warf einen Blick zu Gideon. »Hast du die Zeit etwa so eingestellt, dass wir vor unserem letzten Besuch hier sind?«
Gideon schüttelte den Kopf und versicherte mir, dass er darauf geachtet hatte, dass wir ja nach unserem letzten Treffen hier ankamen, als ich plötzlich ein kindliches Gebrabbel hörte. Ich war mir sicher, dass meine Augen sofort tellergroß wurden, als Lucy Gideon und mich in den Salon führte, wo Paul mit einem Bündel blauer Decken in einem Sessel saß. Mit plötzlich puddingartigen Beinen ging ich auf ihn zu. Er strich mir mit seiner freien Hand zutraulich über den Arm und machte eine Bewegung, die mich aufforderte, mich auf das Sofa zu setzten. Vorsichtig reichte er mir das blaue Bündel, das zu strampeln begann, als ich vorsichtig die Arme darum legte. Ich spürte, wie mir eine Träne aus dem Augenwinkel rollte. Lucy neben mir strich mir über die Wange und flüsterte: »Das ist dein Bruder, Gwenny. Das ist William.«