.NOTHING LEFT TO SAY
below my soul I feel
an engine collapsing as it sees the pain
if I could only shut it out
I've come too far
to see the end now
1944 bis 1947
Direkt nach meinem Schulabgang 1944 bewarb ich mich als Lehrkraft in Verteidigung gegen die Dunklen Künste, wurde aber, des Alters wegen von Armando Dippet abgelehnt. Also war mir klar, die Zeit in der ich warten würde mit Weiterbildung zu überbrücken. Es war notwendig so viel wie möglich zu erfahren und zu wissen, um dieses Wissen letztendlich irgendwann weiter geben zu können. Doch war da zuvor noch etwas anderes - Geschichte. Ich wusste genau, was für Gegenstände ich zu meinen Horcrux-Kernen machen wollte; schließlich war ich nicht umsonst der Erbe Slytherins, nicht wahr?
In dem Buch "Hogwarts eine Geschichte" wurden mehrere Gegenstände der Gründer der Schule erwähnt, die als verschollen, beziehungsweise vererbt galten. Die Verknüpfung derjenigen mit meiner Seele war für mich nicht nur eine rein philosophische, sondern gar vollendende Vorstellung, weshalb ich mich auf die Suche danach machen wollte. Weil ich dazu jemanden benötigte, der ein gutes Wissen über Antiquitäten und Artefakte besaß und ich mit Malfoy im Laufe der letzten Jahre auch schon oft dort eingekehrt war, entschied ich mich meinem guten Abschluss zum Trotz für eine Lehre bei Borgin und Burkes - einem Antiquitätengeschäft in der Nokturngasse.
"Das soll wohl'n Witz sein, oder?"
Borgin sah von den Papieren auf, die er in der Hand hielt. Sie waren fein säuberlich, gerade zu zwanghaft ordentlich aneinander geheftet und ohne den Ansatz einer Eselsecke in die Mappe gesteckt worden, die Tom dem Ladenbesitzer gereicht hatte. Der Angesprochene blinzelte unschuldig, konnte ein knappes Zucken seiner Augenbraue jedoch nicht vermeiden und entschied sich dann seinem ausdruckslosen Gesicht ein wenig gespielte Unsicherheit beizumischen. "Stimmt etwas nicht? Sind... meine Noten nicht ausreichend, um bei Ihnen eine Ausbildung zu beginnen?" Als Borgin lachte, entblößte er einen fast lückenlosen Mund; Tom bemerkte schnell, dass sich der Ältere nicht so schnell aufs Glatteis führen ließ, wie es bei Menschen in seiner Umgebung der Fall war. Doch er musste sich zugestehen, dass seine Frage hinsichtlich der Einträge in seiner Mappe völlig überflüssig war; immerhin hatte er als Jahrgangsbester abgeschlossen. Er wusste also was kam - und er behielt Recht.
"Du willst mich echt auf'en Arm nehmen, Junge, eh?" Borgin wedelte mit der Mappe, dass das Pergament knirschte und Riddle das Bedürfnis verspürte, es aus den schmutzigen Fingern des Geschäftsführers zu befreien. Papier quälte man nicht, schon gar keine Abschlusszeugnisse. "Bist du vom Ministerium?" Borgin wurde nun deutlich unfreundlicher, was Riddle nicht entging.
"Nein", antwortete er wahrheitsgemäß, wurde jedoch von einem wütenden Zischen unterbrochen. "Nein! Nein, sagt er. Ha! Die vom Ministerium versuchen schon seit Jahrzehnten den Laden zu schließen und Burkes und mir den Handel mit illegalen Sachen nachzuweis'n. Für gewöhnlich klopf'n die Idioten vorher zwei mal an und sind ebenso schnell durchschaubar - und dann kommst Du!" Er wedelte nun beinahe erzürnt mit Toms Bewerbungsmappe, was jenem fast das Herz bluten ließ; das feine Pergament; sein Zeugnis! "Streber sind wir, eh? Schöner Streber - fürs Ministerium vielleicht! Auror, jahh - wie ein Auror siehst du mir aus."
"Ich bin kein Auror", Toms Stimme blieb ruhig, obgleich sich seine Hände gemächlich zu Fäusten ballten. Seine Geduld war dünn in letzter Zeit, doch er holte nur Luft und zuckte die Schultern. Die Stimme erhoben, bevor ihm Borgin dieses Mal zuvor kam, erwiderte er annähernd kühl: "Ich interessiere mich für den Antiquitätenhandel und für schwarze Magie; Abraxas Malfoy sagte mir, dass Sie der Beste auf dem Gebiet sind und sehr viel Wissen besitzen - ich komme hier nicht etwa her, um Sie auszuspionieren, sondern um von Ihnen zu lernen. Aber blind und tattrig wie Sie sind, lassen Sie mich nicht einmal zu Wort kommen. Es erstaunt Sie, dass ich gute Noten habe? Glauben Sie, das Ministerium wäre dumm genug einen so offensichtlichen Zug zu wagen?" Borgin blinzelte und schwieg. Er schwieg eine ganze Weile, und Riddle fürchtete schon, dass er möglicherweise zu weit gegangen war.
"Du fängst Montag an! Und versuch' nicht mit mir zu handeln, was deinen Lohn angeht. Je mehr du einkaufst, desto mehr springt für dich ab, so einfach ist das." Toms Mundwinkel kräuselten sich in ein zufriedenes Lächeln.
*** {R} ***
Die Ausbildung bei Borgin & Burkes stellte sich als kleine Goldgrube für mich heraus. Da ich schon immer ein Talent darin besaß mit Leuten zu reden und sie in erster Linie auch um meinen Finger zu wickeln, erwies ich mich für die beiden alten Herren bald als unersetzlich.
Ich nahm bei den Kunden selten ein Blatt vor den Mund und schauspielerte wie eh und je, um das zu erreichen was ich wollte. Meine Pläne gingen in der Regel (leider nicht immer, schließlich wirkt mein Charme bei männlichen Kollegen eher weniger, denn bei den Frauen) auf und schon bald hatte ich genug zusammen gespart, um mir nicht nur eine kleine Wohnung, sondern auch eine Büchersammlung und einen Koffer zu leisten. Einen Koffer wozu? Burke war ein alter Abenteurer und ließ sich von mir bei einem kühlen Bier gerne soweit um den Finger wickeln, dass er aus dem Nähkästchen plauderte; irgendwann kam ich auf die Gründerartefakte zu sprechen, die er zuerst als Mythen degradierte, ehe er mir nach dem zweiten Whiskey schmunzelnd mitteilte, dass sich zwei dieser Gegenstände von Helga Hufflepuff und Salazar Slytherin bei einer einsamen Dame namens Hepzibah Smith befanden und eine Legende besagte, dass Rowena Ravenclaws Diadem in Albanien verschollen sei, was sich mit der Geschichte deckte, die ich der Grauen Dame seinerzeit bei meinen früheren Recherchen in der Schule entlocken konnte. So stand mein Entschluss schnell fest, dass ich sowohl den Trinkpokal von Hufflepuff, das Medaillon Slytherins, als auch das Diadem irgendwie zu meiner noch sehr kleinen Sammlung - die nur aus dem Erbe meines Großvaters bestand - hinzu fügen wollte.
Und dabei würde mir ein Koffer hilfreiche Dienste erweisen.
In erster Linie hätte ich mit eben jenem Koffer jedenfalls Lady Hepzibah Smith erschlagen. Ich war viele Weiber gewohnt, viele anstrengende Weiber ebenso und normalerweise zeigte ich mich geduldig; nicht alle waren von berechnender Intelligenz gekrönt und die Meisten von ihnen ließen sich leicht durch meinen falschen Charme blenden. Nun, Smith war zweifelsohne nicht dumm - doch als entfernte Verwandte Helga Hufflepuffs ging mit ihr dieses Gefühl einher, das man nun einmal gegenüber Hufflepuffs empfand und das dezent an Mitleid grenzte.
Borgin und Burkes hatten mich an diesem Tag mit dem Auftrag zu Smith geschickt, dass ich sie dazu brächte ihre Kunstgegenstände - oder zumindest einige davon - an die beiden Antiquitätenhändler zu verscherbeln. Als Vertreter des Geschäfts und guter Redner sollte es mir schließlich kein Problem darstellen und so saß ich nun dort in diesem fürchterlich dekorierten Wohnzimmer, das dem Luvré (oder viel eher König Ludwigs privaten Gemächern) jeglichen Glimmer abwerben konnte und knetete reflexartig meine Finger zu Fäusten, um nicht dem Drang zu erliegen der fetten Wachtel mir gegenüber in einer jähen Bewegung mit bloßen Händen den Hals umzudrehen.
Ich hatte den Fehler gemacht und mit ihr geflirtet - woher sollte ich ahnen, dass Hepzibah Smith so erpicht darauf war, mein belangloses Gerede zu erwidern? Ich muss an dieser Stelle gestehen, ich hatte sie ein wenig unterschätzt. Doch nachdem ich immerhin schon bereit war, meinen Körper an die alte Schachtel zu verkaufen, um mehr über ihren Besitz zu erfahren, stellte sich Hepzibah als sehr redselig heraus und noch bevor ich ihren kleinen Palast verließ, stand fest dass ich mir ihre Habe zu Eigen machen würde.
Tom stopfte seine Sachen mit Hast in den Koffer, bevor er dessen Deckel zuknallte, die Riemen schnürte und sich abermals in der kleinen Wohnung umsah. Er hatte keine Spuren hinterlassen - und das durfte er auch nicht. Alles, was hier übrig blieb würde nur dafür sorgen, dass er postwendend nach Azkaban verfrachtet wurde: seine Tat war in gewisser Weise ein Freifahrtschein. Er hatte die alte Lady für ihre Sammlerstücke getötet, wie er seine Familie umgebracht hatte. Er hatte es ohne Wehmut und Reue getan und dachte nun an nichts weiter als sein Heil in der Flucht. Riddle würde London verlassen, der Muggelkrieg und auch Grindelwalds Regime waren vorbei und somit würde keiner einen jungen Reisenden aufhalten wollen.
Er hoffte nur, niemand würde den Gedächtniszauber der Hauselfe bemerken - oder gar knacken; denn dann hatte er unter Umständen ein Problem, das er hätte vermeiden können. Aber der ehemalige Slytherin war zuverlässig, immerhin war es nicht sein erstes Obliviate und ein Geschick besaß er darin auch. Hokeys Erinnerungen waren so modifiziert, dass ein einfacher Ministeriumsmitarbeiter nicht so schnell auf des Rätsels Lösung kommen konnte. Und überhaupt, wer war nochmal "Tom Riddle"?
Der Inhalt des Koffers klapperte leise, während sich der Schwarzhaarige durch das Zimmer kämpfte und die Absteige verließ, die er die letzten Monate sein zu Hause geschimpft hatte. Das gesparte Geld ruhte sanft in einem Beutel in der Innenseite seines Jackets, eine Karte von Albanien versteckte sich im Seitenfach seines Koffers und die Informationen, die Burkes mit ihm geteilt hat, waren sicher verwahrt in seinem Gedächtnis. Das Abenteuer konnte also beginnen.
*** {R} ***
Die Suche nach Rowena Ravenclaws Diadem sollte sich als wahre Odyssee heraus stellen; aber wer war ich, wenn nicht jemand, der Herausforderungen liebte? Ich entschied mich trotz meiner überstürzten Abreise recht gemütlich, und weil ich außer meiner Flucht aus London von keiner anderen Eile angetrieben wurde, mit dem Schiff zu reisen und mich fürs Erste unter die mir so verhassten Muggel zu mischen. Je weniger bemerkten, dass ich ein Zauberer war, desto besser; zwar hatte ich noch keine Idee, wie ich in Albanien an Magier kommen sollte, waren die Spuren der Magie jedoch stets präsent für jene, die die Augen nur weit genug öffneten (hatte mir die Graue Dame außerdem zur damaligen Zeit den Ort genannt, wo sie den Schmuck ihrer Mutter angeblich versteckt hatte). Und einmal abgesehen davon hatte ich mir im Buchhandel einen albanischen Reiseführer, sowie ein Wörterbuch besorgt - dem Zufall wollte ich auf dieser Fahrt gewiss nichts überlassen.
Ich ging also im Süden Italiens an Bord und segelte die Straße von Otranto entlang an die Küste Albaniens, genauer gesagt gingen wir in Vlora vor Anker, wo mich mein weniges Italienisch immerhin so weit brachte, dass ich wusste welche Wege ich nehmen musste um nach Korca zu gelangen.
Es war warm im Sommer in Albanien und ich bemerkte schnell, dass ich Hitze dieser Art nicht leiden konnte. Ich war das wechselhafte Klima Englands gewohnt, der Sommer im Hochgebirge Schottlands war auch nicht zwingend schweißtreibend und überhaupt hatte ich nicht damit gerechnet bereits am ersten Tag nach meiner Anreise einen bemerkenswerten Sonnenbrand im Nacken und auf den hohen Wangenknochen zu kassieren. Ich reiste zuerst mit dem Bus und machte mich dann in Korca auf der Suche nach der Spelunke die laut Burkes von Hexen und Zauberern besetzt war, um mich durchzufragen wo eben jener Platz war, von dem Ravenclaws Tochter behauptete, dass sie das Diadem versteckt hielt.
Während ich meine Fühler ausstreckte und ein Gespür für das mir fremde Land bekam, wo ich anfangs weder die Sprache beherrschte, mich noch ansatzweise wirklich zurecht fand, widmete ich mich des nachts gleichsam wieder meinen Horcruxen, die ich nun, da ich den Trinkpokal und das Medaillon besaß, so schnell wie möglich herstellen wollte. Ich achtete dabei längst nicht mehr auf die Konsequenzen, sondern konzentrierte mich lediglich auf den Schmerz von dem ich inzwischen wusste, dass er irgendwann wieder verklang.
So nutzte ich meinen reuelosen Mord an Hepzibah Smith, um den Trinkpokal Helga Hufflepuffs mit meinem Leben zu füllen, bevor ich einen einfachen Muggel-Landstreicher, den mit Sicherheit niemand so schnell vermissen würde, im Schutz der Dunkelheit tötete, damit ich mir dessen Leben ebenfalls zu eigen machen konnte. Es war nahezu perfekt: es war nicht die Perfektion an und für sich, weil selbst die Horcrux-Magie ihre Nachteile hatte, aber es war ein Anfang die Macht zu erlangen, nach welcher ich mich so unglaublich sehnte. Zumindest brauchte ich mir wegen Recht und Ordnung in Albanien keine Sorgen machen, denn sowie ich mitbekommen habe, nahm man es mit Schwarzer Magie in diesem von Unruhen beherrschten Land nicht so ernst. Ich begann dieses seltsame Klima zu mögen: nicht nur, weil es mir Schutz bot, sondern auch neue Möglichkeiten eröffnete.
*** {R} ***
Ich blieb ganze elf Jahre fern der Heimat; nachdem ich das Diadem entdeckte, zog es mich weiter nach Griechenland, wo ich es mir mit einem Minotaurus verscherzte, reiste über Mazedonien nach Serbien und Montenegro und schließlich zurück nach Albanien, wo ich des Diadems Willen meinen letzten Mord an einem albanischen Muggel-Bauern begann, von dem ich wusste dass ihn niemand vermissen und meine Tat kein größeres Aufsehen erregen würde. Mit meinem fünften Horcrux in der Tasche kehrte ich daher zurück nach Hogwarts, wo inzwischen mein alter Mentor Albus Dumbledore Schulleiter war und ich nicht ganz so offenherzig empfangen wurde, wie ich es mir vorgestellt hatte.
.I'M GIVING UP NOW
who knows what's right?
the lines keep getting thinner
my age has never made me wise
1957 bis 1978
"Abgelehnt!" Wie konnte das passieren? Er war fassungslos und fühlte sich vorgeführt. Der brodelnde Zorn in seiner Brust schnürte ihm die Kehle zu, dass er stoßweise zu atmen begann und während er vor den hohen Fenstern wie ein wildes Tier auf- und abschritt, drohte er den Bowler in seinen Händen unter der überschäumenden Wut geradewegs zu erwürgen. Das Material knirschte um Hilfe, aber er beachtete es nicht. Sein Blick war starr, sein Augenmerk glühte vor Zornesröte. Plötzlich blieb er stehen, wobei er den Kopf in Gedanken verloren senkte. Es vergingen ein, zwei Atemzüge, ehe er den Hut von sich warf, dass er mit einem hörbar gequälten Geräusch auf dem Boden aufkam und eine Fußbreite von seinem Besitzer kullernd inne hielt. Kraftlos gaben Toms Beine nach, dass er sich an die Mauer in seinem Rücken lehnte und ergeben aufseufzte. Der Schwarzhaarige konnte sich kaum an einen Moment erinnern, an dem er sich mehr geärgert hatte. Es wollte ihm jedenfalls kein passender Vergleich für sein augenblickliches Gefühl einfallen.
"Bastard", zischte er zwischen seinen Mundwinkeln in einer fremden Sprache hervor, die ein Umstehender kaum wahr genommen hätte. Wozu? Wozu hatte er die letzten Jahre geopfert, wenn nicht für ein Studium, das einem Lehramt würdig war? Seine Zeit war vergeudet, ja verschwendet. Der Schmerz, den er unmittelbar nahe an seinem Herzen spürte, raubte ihm den Verstand. Bereits als er erfahren hatte, dass Albus Dumbledore nun Schulleiter war, zweifelte er an der Wahrscheinlichkeit, an Hogwarts unterrichten zu dürfen. Dass sein ehemaliger Lehrer für Verwandlung es allerdings wagte, ihn derart zu verhöhnen hatte er von dem Graubart nicht wartet.
Ihr Treffen war kurz, die Entscheidung bereits gefallen, bevor er über die Schwelle des Büros getreten war. Riddle wusste um die Genugtuung des Älteren, stand er schon in seiner Schulzeit nie in der Gunst des Hauslehrers für Gryffindor - Dumbledore war in Toms Augen nichts weiter als ein Amateur. Noch dazu ein solcher, der auf subjektiver Basis Entscheidungen traf und sie in seiner so endlosen Weisheit als richtig erachtete. Toms Ärger wich einer gähnenden Leere, der sich der Braunäugige eine geraume Weile stoisch aussetzte, bevor er sich nach seinem Hut bückte, ihn zurück auf das Haupt setzte und seine Taschen nach dem mitgebrachten Gegenstand durchsuchten, der immer noch ruhig nahe an seiner Brust ruhte und unter seiner Berührung mechanisch zu pulsieren begann. Wenn man ihn schon aus seinem zu Hause verbannte, so würde er zumindest einen Teil von sich auf Hogwarts verwahren - denn ist und war Hogwarts nicht der sicherste Ort der Welt gewesen? Eine Auszeichnung die seinesgleichen suchte und das perfekte Versteck für Ravenclaws Diadem; niemand würde ein so kostbares Objekt in der Abstellkammer im Da- und Fortraum vermuten, vor allem nicht, wenn es als verschollen galt.
Mein Plan ging nicht auf, weil Albus Dumbledore mir ein Bein stellte - ich hätte es kommen sehen müssen. Mit der Macht, die ich mir inzwischen habhaft gemacht habe, wollte ich natürlich weiterhin mein Ziel verfolgen, unbesiegbar und unangefochten zu werden; doch die Idee, meine Anhängerschaft in jungen und unverbrauchten Schülerköpfen unter Dumbledores Nase zu finden war nun keine Option mehr. Der Umstand ärgerte mich, allerdings war mein Zorn nur von kurzer Dauer: zumindest erschien es mir so. Denn unabhängig meiner Vorstellung von heran gezüchteten Zauberlehrlingen hatte ich immer noch "Freunde", die schon zu meiner eigenen Schulzeit zu mir aufgesehen haben und mich mit offenen Armen wieder im Kreis der Walpurgisritter als ihren Anführer empfingen.
Ich erfuhr schnell, was sich in der Zeit meiner Abwesenheit und seit Grindelwalds Sturz im Land getan hat - und was ich hörte, war das Sprungbrett nachdem ich gesucht hatte. Die Gemeinschaft der Reinblüter war außer sich vor Zorn, weil ihr sogenanntes "Schlammblut-Problem" nun deutlich spürbarer war wie zuvor und etliches unreines Blut nachgekommen war. Allen voran vermählten und paarten sich schwarze Schafe aus reinblütigen Familien mit Muggeln, weil es ihnen nichts ausmachte, aus solchen Verbindungen Kinder zu zeugen die sich wie kleine Parasiten in der magischen Welt einnisteten und den hiesigen reinen Kindern wiederum die Luft zum Atmen raubten.
Ich hätte beinahe lauthals aufgelacht, ob so viel Ironie, wo doch mein Blut im Kreise meiner Treuesten das Schmutzigste von allen war.
*** {R} ***
"Lucius, sag guten Tag zu ...", Abraxas zögerte kurz und Tom entging nicht, dass der Blonde ihm einen musternden Blick zuwarf, bevor er weitersprach. "... Lord Voldemort". Das Kind, das Riddle kaum bis zur Hüfte reichte, neigte den Kopf in den Nacken um das Gesicht des Fremden besser sehen zu können. Zugegeben ja, Tom hatte sich im Laufe der Zeit verändert, wobei seine schwarzmagischen Experimente sicher eine gute Erklärung dafür waren. Es war nicht so, dass er entstellt wirkte: nein, vermutlich hätte man den Unterschied auf den ersten Blick nicht einmal bemerkt. Es war etwas, wo man mit dem Finger drauf zeigte ohne zu wissen wieso; es war, als würde sich das Bild seiner Seele langsam nach Außen kehren und seine Züge noch maskenhafter, phantomähnlicher machen. Ja, es erschien einem einfachen Betrachter, als wäre Tom schlicht unscharf.
Das knappe Lächeln, das sich mechanisch in seinen Mundwinkeln ausbreitete, half dem Knaben jedoch nicht über sein Staunen hinweg, der, wie es aussah, selten auf Männer traf die eine ähnlich imposante Körpergröße erreichten wie der Herr Papá. "Hallo Lucius", entgegnete Riddle aalglatt, um Abraxas einen Gefallen zu tun; doch das Kind starrte ihn lediglich weiter an, ehe es sich dazu entschied auf den Fersen kehrt zu machen und fort zu laufen. Tom zuckte die Schultern, Abraxas rieb sich ratlos den Nacken und erwiderte die Geste seines besten Freundes schließlich. "Er hat es nicht so mit Fremden."
"Hm. Ein Kind eben." Malfoys Braue zuckte kurz, dann bedeutete er dem Schwarzhaarigen ihm in Richtung der Bibliothek zu folgen, wo sie ungestört sprechen konnten. "Hab gehört, du warst viel unterwegs." Klar, Abraxas war neugierig wie eh und je - und musste selbstverständlich alles in Erfahrung bringen, das er mit seinen ausgestreckten Armen erreichen konnte. Tom verfiel allerdings in mysteriöses Schweigen, verschränkte unter dem gemächlichen Schritt die Hände auf dem Rücken und blinzelte den Blonden mit einer schlecht gespielten Unschuldsmiene an. "Hab' gehört, du bist jetzt Ehemann und Vater", konterte er charmant und entrang seinem Gegenüber immerhin ein Lachen. "Nein, im Ernst Tom, warum bist du wieder hier? Ich meine, du warst plötzlich verschwunden ohne ein Wort zu sagen und - "
"- und jetzt bin ich wieder da, wo liegt das Problem, Malfoy?"
Abraxas schüttelte den Kopf, öffnete die mannshohe Flügeltüre zur familieneigenen Privatbücherei und bot Tom den Vortritt. "Kein Problem, mein Guter. Im Gegenteil; deine Anwesenheit wurde schmerzlichst vermisst." Dieses Mal war Riddles Überraschung echt; natürlich wusste er, dass man sich sicherlich freute ihn wieder zu sehen, immerhin war er seinerzeit bereits sehr beliebt gewesen. Doch wie Abraxas es formulierte, klang es beinahe erbärmlich. "Ist das so?" Der Angesprochene nickte. "Sie ersuchen deine Unterstützung. Wir haben in den vergangenen drei Jahren eine Partei gegründet, die sich auf das Recht der Reinblüter versteht - aber wir schaffen es nicht, Fuß zu fassen. Man nimmt uns nicht ernst, wir seien zu konservativ und extrem, sagen die anderen. Niemand hört uns zu und du warst immerhin Schulsprecher Tom, wenn man dir nicht glaubt - wem dann?"
*** {R} ***
Schnell war klar, wie ich meine Macht entfalten würde können. Es wäre dumm von mir gewesen, diese Chance verfallen zu lassen, wo sich neben den wenigen Schülern aus unserem damaligen kleinen (und um nicht zu sagen auch etwas illegalen) Club so viele andere reinblütige und sehr angesehene Familien ankündigten, die alle ihre Unterstützung anboten, vor allem in finanzieller Hinsicht. Besser hätte es mich nicht treffen können, oder? Das Halbblut, Erbe Slytherin der ich zwar war, aber nichtsdestotrotz ein Halbblut, der die Reinblüter dahin gehend anstachelte für ihre eigenen, veralteten Rechte zu kämpfen, nur damit sie mir das Ansehen und die Bekanntschaft zuspielten, die einem Genie wie mir in gewisser Weise zustanden. Es war fast zu einfach, um wahr zu sein.
Und schon bald glaubte ich meinen eigenen Worten und verlor mich in meiner gestrickten Ideologie von Reinheit und Wahrhaftigkeit. "Das größere Wohl" hatte es Gellert Grindelwald genannt und wir nannten uns ab sofort "Todesser", um der Welt zu zeigen, dass wir mehr konnten, als nur Schlammblüter zu ermorden. Dass wir wahrhaftig unsterblich waren, durch unser Blut.
Oder so etwas in der Art.
Mit den Jahren die vergingen wurde meine Gesundheit plötzlich schlechter. Mir waren die Zeilen aus Godelots Buch freilich nicht verloren gegangen, doch ich muss gestehen, dass ich ihnen mit der verstrichenen Zeit und dem Erfolg meiner fünf Seelenteile keine großartige Beachtung mehr geschenkt habe. Was ich dabei übersah, war jedoch wesentlich: Ich alterte, obwohl ich meinem Körper schon vor Jahren verboten hatte zu altern. Ich wurde krank, obwohl ich mich stets bester Gesundheit erfreute - und ich fühlte mich leer. So leer, dass mir meine Gefühle entglitten und ich alsbald den Unterschied zwischen Freund und Feind nicht mehr zu fassen wusste, dass ich mein Gemüt nicht mehr unter Kontrolle hatte und jeden bestrafte, selbst wenn er noch so unschuldig war: beziehungsweise gerade weil er es war.
Schon bald erreichten meine Schandtaten Dumbledores Ohr, der mir nicht selten damit drohte sich für diejenigen einzusetzen die ich quälte; er hielt mir vor, dass ich endlich mein wahres Gesicht zeigte und dass das gut so war; jedenfalls für meine Umgebung. Vielleicht, so hoffte der Graubart, würde das einige meiner Anhänger endlich zur Vernunft bringen. Doch wie sich heraus stellte waren meine Gefolgsleute ebenso vom Wahnsinn besessen wie ich, oder einfach nur zu feige etwas anderes zu behaupten.
Wir errichteten uns ein kleines Königreich mit einem preisgekrönten Zeichen, das wir über jeden Ort des Verbrechens aufleuchten lassen wollten. Für uns waren es keine Verbrechen, für uns war es die Richtigkeit in einer von der Politik aufgezwungenen Wahrheit, deren Unfug uns allen irgendwann um Kopf und Kragen bringen würden. Ja, inzwischen glaubte ich selbst daran, inzwischen war ich mir und meinem eigenen Charme verfallen weil ich wusste, dass ich stets im Recht war. Niemand konnte mir etwas vormachen, ich war Schulsprecher gewesen! Der klügste Kopf seit fünfzig Jahren und mit Sicherheit würde ich in den kommenden fünfzig Jahren immer noch ungeschlagener Absolvent der Schule sein, die mich nun so sehr verschmähte. Meine Arroganz blendete mich und ich wurde unvorsichtiger; ich ließ mich zu Duellen hinreißen und übersah dabei eine kleine Wichtigkeit: nämlich den Widerstand, der sich durch Albus Dumbledore ankündigte.
