Es dauerte etwa eine halbe Stunde bis sie mit der U-Bahn am Bahnhof ankamen. Charlie suchte Doyna sofort mit seinen Augen, was sich nicht als einfach erwies in der großen Ansammlung von Menschen.

Charlie spürte wie Willy neben ihm nervös wurde. Er war es immer noch nicht gewohnt unter Menschen zu sein, das merkte wahrscheinlich sogar ein Außenstehender. Plötzlich sah Charlie ein bekanntes Gesicht zwischen der Menschenmenge, das Gesicht seiner Cousine. Als sie seinen Blick bemerkte, hellte sich ihr Gesicht sofort auf und sie lief unvermittelt auf Charlie zu. Charlie rannte ihr entgegen. Als die beiden sich in der Mitte trafen, sprang Charlie sofort in ihre Arme.

„Hey.", kicherte sie. „Du wirst ja immer schwerer. In drei Jahren kannst du das nicht mehr mit mir machen"

„Ich hab dich so vermisst."

„Hehe ja, ich dich auch, Süßer!", sagte sie während Charlie von ihr abließ.

„Ich hoffe du hast deiner Familie keinen Ärger bereitet, während ich nicht da war." Charlie schüttelte energisch den Kopf und lächelte.

„Das will ich auch gehofft haben.", sagte sie grinsend und küsste Charlie auf die Stirn. Jetzt blickte sie auch auf den Rest der Familie. Ihr Blick blieb bei Willy hängen, der einen äußerst überraschten Gesichtsausdruck aufsetzte, was auch Doyna nicht entging, trotz seiner riesigen Sonnenbrille, die er draußen immer trug. Sie musterte ihn eine Weile eindringlich, während sie die übrige Familie begrüßte. Grandpa Joe nahm sie sogar in die Arme und er errötete wieder leicht unter seiner Brille. Zum Schluss wandte sie sich an Willy.

„Und Sie müssen Mr. Wonka sein! Stimmt's oder hab ich recht?", grinste sie und hielt ihm ihre Hand zur Begrüßung hin.

„Beides.", antwortete er ein wenig irritiert, dennoch reichte er ihr nicht seine Hand, sondern ballte sie stattdessen zu einer Faust, bis seine Handschuhe ein quietschendes Geräusch von sich gaben. Das machte er immer, wenn er nervös war. Charlie verdrehte die Augen.

„Meine Cousine beißt nicht, Willy.", sagte Charlie neckend.

Willy schmollte kurz, dann reichte er ihr mit widerwilligem Gesichtsausdruck seine Hand. Er schüttelte sie kurz und zog sie dann ruckartig wieder zurück.. Doynas Blick war dabei undefinierbar, aber Charlie hätte zu gern gewusst, was sie gerade dachte.
„Nun", begann Mr. Bucket „Das ist unsere Doyna.", sagte er stolz, als wolle er sie nochmal allen vorstellen."Du bist bestimmt hungrig, oder?"

Ein verlegenes Lächeln huschte über ihre Lippen und ihre Hand spielte an eine ihrer braunen Locken herum, welche unter ihrer ockerfarbenen Strickmütze, die sie heute trug, zum Vorschein kamen. Charlie fand seine Cousine recht hübsch. Ihre Augen waren von einem intensiven Schokobraun, welches jedoch von ein wenig dunkelgrün unterbrochen wurde. Damals hatte er gerätselt welche Augenfarbe sie nun tatsächlich hatte und beide hatten sich spaßeshalber auf ‚dunkelbunt' geeinigt. Ihre Lippen waren von einem zarten rot-rosa, welches ziemlich natürlich bei ihr wirkte. Ihr Gesicht war ein wenig rundlich, aber niemand würde wohl auf die Idee kommen sie als dick zu bezeichnen, auch wenn sie nicht die schlankste und sportlichste war. Großvater Joe sagte immer sie hätte Kurven. Charlie musste zwar nicht, was das nun bedeutete, aber er mochte es wie seine Cousine aussah. Für ihn war es die hübscheste Frau, die er kannte.

„Nun, ein wenig Hunger hab ich schon.", antwortete sie zaghaft, aber lächelnd. Daraufhin war ein lautes Knurren zu hören und alle brachen in Gelächter aus, außer Willy, der sie immer noch mit einem strengen Ausdruck zu mustern schien.

„Tja, das war nicht geplant, aber ich glaube mein Magen wollte mir damit nur sagen, dass es doch schon ein bisschen mehr als wenig Hunger ist.", erwiderte sie über sich selbst lachend.

„Na dann, wollen wir uns doch mal beeilen nach Hause zu kommen und dann isst du erst einmal was Ordentliches und danach können dir ja vielleicht Charlie und Willy die Fabrik zeigen.", sagte Mrs. Bucket mit einem Lächeln um die Lippen.

„Klingt nach ´nem guten Plan. Bin ich voll dabei.", rief sie erwartungsvoll in die Menge.
Kurz darauf machten sie sich auf dem Weg zur U-Bahn. Mr. Bucket hatte sich bereiterklärt Doynas Koffer zu tragen. In der U-Bahn angekommen, stellte sie ihr Gepäck auf ihren Nachbarsitz und Charlie setzte sich auf den Platz ihr gegenüberliegend. Neben Charlie saß Willy, der mit den Gedanken ganz woanders zu sein schien und nun ins Leere blickte. Doyna starrte ihn eine Weile an. Charlie kicherte daraufhin leise.

„Was ist?", fragte Doyna mit gespielt verärgerter Miene.

„Ich glaube Willy hat mal wieder sowas wie ein Flashback."

„Ein Flashback? Passiert das öfter?"

„Ja, das ist normal bei ihm.", erwiderte Charlie schulterzuckend, als wäre es keine große Sache. „Wenn er sich an etwas erinnert checkt er gar nichts."

Doyna kicherte.

„Wahrscheinlich so ne Art Trance-Zustand, was?"

„Hmm…", sagte Charlie darauf nur, denn er merkte, dass Willy schlagartig wieder in der Realität angekommen war.

„Wer ist in ´nem Trance-Zustand?", erwiderte Willy leicht verärgert.

„Sie, Mr. Wonka. Charlie sagt Sie hätten sich an etwas erinnert."

Willy ließ seinen Blick neben sich schweifen, wo Charlie saß und setzte eine säuerliche Miene auf.

„Ja, das kommt vor…", sagte er nur. „Bitte nenn mich nicht Mr. Wonka… Das ist nämlich mein Vater musst du wissen… Lässt mich auch so alt klingen."

„Okaaay", sagte Doyna langsam. „Also, kann ich auch ‚Du' sagen?"

„Ob du das kannst, weiß ich nicht, aber ich würd es dir ja wünschen."
Doyna lächelte.

„Na dann, wünsch mir mal viel Glück dabei!"

Willy schwieg daraufhin. Doyna konnte über diesen seltsamen Mann mit der Sonnenbrille und dem Zylinder nur den Kopf schütteln, natürlich nur innerlich. Er schien sehr exzentrisch zu sein und bestimmt war er auch kein einfacher Mensch. Körperkontakt schien er grundsätzlich zu meiden.
Vielleicht hatte er ja Angst vor Bakterien, das würde immerhin auch diese Handschuhe erklären, oder er hatte ganz einfach eine Phobie. Sie würde Charlie wohl später mal darauf ansprechen. Desweiteren war sein ganzes Erscheinungsbild ziemlich skurril. Er war jemand, dem man einfach anstarren musste, wenn man ihn sah. Wer läuft denn auch heutzutage noch mit einem Gehstock herum, der noch dazu mir kleinen bunten Perlen gefüllt zu sein schien. Was war das überhaupt?, überlegte sie. Wonka Nerds?... Tatsächlich! Der hat ja Nerven, dachte sie schweigend. Wahrscheinlich war Wonka all das, was man sich unter einem Chocolatier vorstellte. Im Endeffekt sah er selbst aus wie eine seiner vielen Süßigkeiten. Gute Selbstdarstellung, dachte Doyna und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Willy schaute sie skeptisch an.

„Sorry.", sagte sie immer noch lachend. „Musste nur gerade an was Witziges denken."
Sie hoffte innerlich, dass er nicht bemerkt hatte, dass sie ihn dabei angeschaut hatte, als sie anfing zu lachen. Willy zog ein schmollendes Gesicht. Ob er doch ihren Blick bemerkt hatte? Doyna konnte das nicht mit Gewissheit sagen, bekam aber nun ein schlechtes Gewissen. Natürlich wollte sie ihn nicht beleidigen, immerhin kannte sie ihn überhaupt nicht. Doyna versuchte es mit einem entschuldigenden Ausdruck. Willys Miene schien sich daraufhin wieder zu entspannen als ob er ihre Entschuldigung angenommen hätte.

Plötzlich interessierte sie es brennend, wie wohl seine Augen aussahen. Sie konnte es sich im Moment absolut nicht ausmalen. Welche Augen würden wohl zu einem so exzentrischem Menschen passen?, überlegte sie, während sie sich jetzt angeregt mit Charlie über die vergangenen Ereignisse der letzten drei Monate unterhielt.
Er schilderte Doyna wie es schien jedes kleinste Detail des Contests und Doyna hörte interessiert zu. Willy schien mit seinen Gedanken wieder irgendwo anders zu sein, denn er betrachtete nun die vorbeiziehende Landschaft, welche hauptsächlich aus U- Bahn Tunneln bestand.

„Tja, dann bist du ja ganz gut weggekommen mit einer Schokoladenfabrik als Hauptgewinn. Ich meine, hätte schlimmer kommen können.", antwortete sie sarkastisch als Charlie geendet hatte.

„Ja, das ist das Beste, was mir je in meinem Leben passiert ist!", erwiderte er freudestrahlend.

„Hihihi, du hörst dich an als wärst du schon 40, dabei hast du dein ganzes Leben noch vor dir. Wie kannst du da sagen, dass es das Beste war?"

Überraschenderweise antwortete nicht Charlie, sondern Willy.

„Willst du damit sagen, dass mein Leben schon vorbei ist?", antwortete er in beleidigtem Ton.

„Ähh, was?", fragte sie nun irritiert. Dann fiel der Groschen. „Du willst mir doch nicht sagen, dass du schon 40 -", begann sie ungläubig.

„Tsss…", machte er nur und drehte sich weg.

„Fast.", erwiderte Charlie im Flüsterton.

„Oh", sagte sie „Das hätte ich nun nicht gedacht."

Willy tat so als würde er nichts mitbekommen, doch in Wirklichkeit spitzte er die Ohren.
„Was hast du denn gedacht?", fragte Charlie.

„Na ja…" Doyna ließ ihren Blick zu Willy schweifen. Willy versuchte immer noch desinteressiert auszusehen. „Älter als 30 siehst du auf keinen Fall aus.", sagte sie grinsend an Willy gerichtet, der plötzlich überrascht zu ihr aufsah. „Und das will was heißen. Ich bin immerhin selbst erst 26."

Willy wirkte hochkonzentriert.

„Aha.", sagte er dann nur, obwohl Doyna nach diesem Blick zu urteilen etwas mehr erwartet hatte. Doyna hatte nun das schreckliche Gefühl, sich verplappert zu haben. Bestimmt hasste Wonka sie jetzt schon. Wie konnte sie auch nur so blöd sein?
Als sie endlich vor der Fabrik ankamen, konnte Doyna nur staunen.

„Also im Fernsehen sah die Fabrik irgendwie kleiner aus.", lächelte sie verlegen.
„Hehe… dann solltest du dir wohl einen größeren Fernseher kaufen.", erwiderte ihr Onkel lachend.

„Ja, das hatte ich sowieso mal vor.", schmunzelte sie zurück.

„Also wir möchten, dass du dich wie zu Hause fühlst, okay?"

„Das wird schwierig. Bei meinem riesen Appartement wird es nicht einfach werden, sich an so wenig Platz zu gewöhnen.", rief Doyna mit einem weiterem Blick auf das Fabrikgelände.

„Dein Humor gefällt mir, Nichte.", sagte Mr. Bucket stolz. „Das hat sie eindeutig von mir."

„Sie ist überhaupt nicht blutsverwandt mit dir, Schatz.", sagte Mrs. Bucket beschwichtigend und verdrehte die Augen.

„Ironie ist ein weit verbreitetes Phänomen.", erklärte Doyna belustigt. „Können wir jetzt reingehen? Ich sterbe gleich vor Hunger."

Daraufhin machten sie sich allesamt auf dem Weg zu der großen Eingangstür der Fabrik. Doyna wusste nicht, was sie erwarten würde und so war sie überrascht als sie hinter der Tür ein langer endlos- erscheinender Gang zum Vorschein kam. Der Gang war durchzogen mit einem langen roten Teppich.

„Ist das hier der VIP- Bereich?", fragte Doyna spaßeshalber.

„Das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was dich erwarten wird, Doy-Doy.", strahlte Grandpa Joe auf Doynas Kommentar hin.

„Jetzt macht ihr mich echt neugierig, Leute."

„Das darfst du auch sein.", grinste Mr. Bucket. Willy schien auf einmal ganz in seinem Element und übernahm die Führung der kleinen Gruppe. Der Gang schien wirklich nicht enden zu wollen. Doyna wollte schon fragen, ob die Fabrik auch etwas anderes beinhaltete außer endlose Gänge als sie plötzlich vor einer winzigen Tür halt machten.

„Was ist das denn? Eine Katzenklappe?"

„Hahaha." , kicherte Willy unerwartet. „Natürlich nicht, dummes Mädchen.", erwiderte er als würde er mit einer dreijährigen sprechen. Doyna machte einen Schmollmund."Die Tür ist nur so klein, damit der feine Schokoladenduft nicht verzieht, verstanden?"

Doyna hatte die passende Antwort schon parat, doch bevor sie den Mund öffnen konnte, stieß Charlie sie von der Seite an.

„Aua… was?", keuchte sie erschrocken.

„Leg's nicht darauf an!", flüsterte Charlie ihr zu.

Doyna schaute daraufhin mit Skepsis zu dem Chocolatier, dessen Blick keine weiteren Emotionen zu verraten schien. Mit einem winzigen Schlüssel, schloss er die kleine Tür auf und Doyna fragte sich gerade, was nun kommen würde, als er plötzliche eine Tür aufstieß, durch welche Menschen nun durchaus hindurch gehen konnten. Doch was hinter der Tür lag, überraschte sie bei weitem mehr. Vor lauter Staunen, vergaß sie sogar zu Atmen. Das konnte einfach nicht möglich sein. Es war unbeschreiblich schön.
Willy trat mit einem fröhlichen Grinsen durch die Tür und der Rest folgte ihm schweigend. Alle starrten auf Doynas verblüfftes Gesicht, als sie sich genauer umsah.

„Ist das alles- ", begann sie langsam.

„…essbar? Ja!", ergänzte Willy mit einem stolzen Blick auf seine Süßigkeiten- Landschaft. „Man kann sogar das Gras essen."

„Oh", machte Doyna und schaute nun zweifelnd auf ihre Schuhe. „Dann mach ich es wohl grade ganz schön dreckig.", gab sie zu Bedenken.

Willys Gesicht hellte sich ein Wenig auf.

„Keine Sorge! Es wird mehrmals am Tag gereinigt, musst du wissen."

„Von wem denn?", fragte sie neugierig wie sie war.

„Von meinem Arbeitern natürlich!", sagte Willy, als müsse er das eigentlich niemandem erklären.

„Ich sehe aber keine Arbeiter."

„Die wirst du schon noch früh genug zu Gesicht bekommen." ,sagte er an Doyna gerichtet. „Übrigens ist es dir nicht verboten hier etwas zu essen."

„Danke, aber ich esse lieber erst mal was richtiges, immerhin sollte man ja vor den Mahlzeiten nichts Süßes essen.", murmelte sie verlegen.

Willy machte ein Gesicht, als ob er diese Regel mehr verabscheute als alles andere, sagte aber nichts.

„Nun gut.", begann Mr. Bucket um das Schweigen zu durchbrechen. „dahinten ist unser Haus."

Doyna staunte nicht schlecht als sie das Haus der Buckets zwischen all den bunten essbaren Bäumen und Blumen wiederfand.

„Ich hoffe euer Haus ist nicht auch essbar."

Charlie musste kichern.

„Nein, natürlich nicht."

Doyna grinste erleichtert.

„Na dann, rein in die gute Stube.", sagte Mrs. Bucket als sie vor ihrem kleinen Häuschen standen.