Kapitel 7
Nessie
Ich hatte es irgendwie geschafft den Schultag hinter mich zu bringen und war froh nun bald zu Hause zu sein. Ich hatte donnerstags immer noch einen Sportkurs am späten Nachmittag und daher war es mittlerweile schon Abend. Die Sonne war bereits untergegangen. Während der Fahrt dachte ich darüber nach, was mich zu Hause erwartete. Mir war zwar eher nach Ruhe, Zeit für mich und zum Nachdenken, aber das war wohl nicht drin, da wir ja Besuch hatten und ich mir ziemlich sicher war, dass Nahuel ein gesteigertes Interesse daran hatte mich kennen zu lernen, schließlich war ich ein Halbvampir, wie er und von uns gab es ja nicht so viele. Ich nahm mir vor, mich einfach ein wenig mit ihm zu befassen und mich dann, so schnell es geht, auf mein Zimmer zurückzuziehen. Ich konnte ja Hausaufgaben als Grund vorschieben und schließlich mussten Halbvampire ja auch mal schlafen. Morgen war Freitag und meine Eltern, wie auch meine Großeltern würden darauf bestehen, dass ich nicht allzu spät ins Bett ging, da ich am nächsten Morgen Schule hatte. In der Hinsicht waren sie alle sehr menschlich. Oft genug hatte ich mich darüber geärgert, da ich immer das Gefühl hatte ich würde etwas verpassen, wenn ich schlafe und alle anderen wach waren, aber heute war ich sehr dankbar dafür. So konnte ich alleine sein und nachdenken.
Ich stand jedoch noch vor einem weiteren Problem: Meinem Vater! Ich wollte unter keinen Umständen, dass er davon erfuhr, dass ich Jacob fast geküsst hatte. Das wäre zu viel für ihn und für mich auch. Daher musste ich versuchen, den Gedanken an die Situation im Auto so gut es ging zu verdrängen, wenn er in der Nähe war. Ich hatte zwar Übung im Verdrängen von Gedanken, aber in letzter Zeit, seit sich meine Gefühle für Jacob geändert hatten, hatte ich mich immer weniger unter Kontrolle. Ich musste mich daher heute besonders konzentrieren.
Nachdem mich Claire zu Hause abgesetzt hatte, stieg ich die Verandatreppe hoch, atmete noch einmal tief durch und ging hinein.
Emmet und Jasper saßen im Wohnzimmer auf der Couch und sahen Fern. Schon bevor ich den Raum betrat sahen sie in meine Richtung. Natürlich hatten sie bereits den Wagen gehört, als ich noch Kilometer vom Haus entfernt war.
„Hey Ness, wie wars in der Schule?", fragte Jasper.
„Wie immer", antwortete ich nur, lächelte und schmiss meinen Rucksack in eine Ecke.
„Na, das klingt ja sehr begeistert", schmunzelte Emmet.
Ich hörte alle Anderen in der Küche und ging hinein.
Meine Eltern saßen sich gegenüber, mein Dad streichelte die Hand meiner Mum. Alice und Chalisle saßen bei ihnen. Rose und Esme standen mit dem Rücken zu mir an der Küchenzeile und bereiteten etwas zu Essen vor. Wahrscheinlich für mich und unseren Gast. Neben ihnen stand er, auch von ihm konnte ich nur den Rücken erkennen. Als sie meine Anwesenheit spürten verstummten alle Gespräche, ich konnte sehen, wie mein Dad die Hand von meiner Mum umklammerte. Rose und Esme hatten sich zu mir umgedreht. Alle sahen mich erwartungsvoll an. Warum nur? Und dann wusste ich es, Nahuel drehte sich um und blickte mir direkt in die Augen.
Ich konnte nichts sagen, nicht mal etwas denken. Ich stand einfach nur da und starrte ihn an. Dank meiner Gabe und meiner schnellen Alterung, hatte ich das Glück sehr lebhafte und deutliche Erinnerungen zu besitzen, doch die Erinnerung an Nahuel kam seinem tatsächlichen Aussehen nicht mal annähernd Nahe. Er war wunderschön. Seine Haut glich Porzellan und schmiegte sich im Gesicht weich über seine Wangenknochen. Sein Haar fiel ihm lässig ins Gesicht. Er trug ein lässiges T-Shirt unter dem sich seine Muskeln abzeichneten. Seine vollen, roten Lippen verzogen sich zu einem Lächeln und perfekte, weiße Zähne kamen zum Vorschein.
Rose war die Erste, die das Schweigen brach. Aufgeregt stürmte sie auf mich zu und legte den Arm um mich.
„Schatz, du erinnerst dich doch an Nahuel, oder?", fragte sie mich freudig.
„Äh, ja klar.", stotterte ich.
Nahuel kam auf mich zu.
„Es ist schön dich wiederzusehen, Nessie. Du bist wirklich noch schöner geworden, was ja fast schon unmöglich war", zärtlich küsste er mich auf beide Wangen. Mein Atem stockte und ein leichtes Kribbeln durchzog meinen Magen. Ich spürte, wie ich leicht errötete.
„Ich freue mich auch dich wiederzusehen.", antwortete ich.
Irgendwie war mir die Situation unangenehm. Alle starrten mich an, vor allem Nahuel schien meinen ganzen Körper genau zu betrachten.
Esme rettete mich.
„Nessie, du bist bestimmt hungrig. Das Essen ist schon fertig. Setz dich doch.", sie führte mich an den Tisch. Ich setzte mich neben meine Mutter, die meine Hand kurz drückte und mich aufmunternd anlächelte.
Auch Nahuel nahm Platz, gegenüber von mir. Na toll, wie sollte ich jetzt anständig essen, wenn er mich weiter so beobachtete?
Doch die Situation wurde angenehmer. Alle unterhielten sich angeregt und wollten genau wissen, was es bei Nahuel Neues gab und er erteilte gerne Auskunft. Mein Vater kam mir auffallend ruhig vor. Er schien nur zuzuhören, beteiligte sich jedoch nicht aktiv an der Unterhaltung. Sein Gesichtsausdruck wirkte irgendwie abwesend und doch sehr angespannt. Auch meine Mutter schien das zu bemerken, sie hatte ihre Hand unter dem Tisch auf seinen Oberschenkel gelegt und streichelte ihn sanft.
Ich konnte mich auch nicht sonderlich an dem Gespräch beteiligen, da ich mich zu sehr auf mein Essen konzentrieren musste und natürlich darauf gewissen Gedanken aus meinem Kopf auszublenden. Immer wieder spürte ich Nahuels Blick auf mir und jedes Mal errötete ich. Ihm schien das zu gefallen, denn ein zufriedenes Lächeln lag auf seinen Lippen.
Nachdem wir mit dem Essen fertig waren, überlegte Rose aufgeregt, wie die weitere Planung des Tages sein sollte.
„Wie wäre es, wenn ihr Beide erstmal jagen geht?", fragte mich Rose „Du könntest Nahuel ein wenig die Umgebung zeigen."
„Von mir aus. Klar. Wenn du magst?", ich blickte ihn an.
„Natürlich, ich würde gern ein wenig Zeit mit dir verbringen.", antwortete er. Ich sah wieder, wie mein Vater die Hand meiner Mutter fest drückte.
„Gut, dann zieh ich mich nur eben um.", ich stand auf und verließ die Küche, um hoch auf mein Zimmer zu gehen.
Irgendwie machte mich der Jagdausflug nervös. Nahuel und ich alleine im Wald. Das konnte ja was geben. Normalerweise achtete ich nie sonderlich auf meine Anziehsachen, hauptsache sie waren bequem. Wieder so ein Angewohnheit, die ich von meiner Mutter hatte, was Alice immer wieder meckernd feststellte. Doch heute überlegte ich doch ein wenig länger. Ich entschied mich für eine enge Jeans und ein Shirt, das ein wenig enger geschnitten war. Ich spürte, dass meine Mutter vor der Tür stand, jedoch nicht reinkam und auch nicht klopfte.
„Mommy, du kannst reinkommen!", sagte ich leise. Natürlich würde sie mich hören. Schon öffnete sich dir Tür und sie trat herein.
Immer wieder verschlug mir das Aussehen meiner Mutter die Sprache. Sie war das, was Menschen wunderschön nannten. Ihre Bewegungen waren so geschmeidig und anmutig. Sie bestätigte mir immer wieder, dass sie als Mensch wohl eher das Gegenteil von anmutig gewesen war, aber heute war sie es. Ich wünschte mir oft, ein wenig mehr zu sein wie sie.
Sie setzte sich auf mein Bett und betrachtete mich.
„Und? Freust du dich auf den Ausflug mit Nahuel?", fragte sie mich.
„Klar, warum auch nicht?", antwortete ich.
Meine Mutter blickte auf ihre Hände.
„Mommy, was ist mit dir? Irgendwas liegt dir doch auf dem Herzen, oder?"
Sie blickte auf und lächelte.
„Dir kann ich wohl nichts vormachen, oder? Schon als Mensch war ich eine besonders schlechte Lügnerin."
„Also, was ist es worüber du mit mir reden willst?"
Ich liebte die Gespräche mit meiner Mutter und hatte eigentlich nie Geheimnisse vor ihr. Sie erzählte mir oft, dass sie unser Verhältnis an sie und ihre eigene Mutter erinnerte.
„Über Jacob.", sagte sie nach einem kurzen Moment. Sie schien sich nicht sicher zu sein, welche Worte sie wählen sollte.
„Jacob? Was ist mit ihm?", als sie seinen Namen aussprach, machte mein Herz einen kleinen Hüpfer.
„Dein Dad hat bemerkt, dass du dich verändert hast und ziemlich durcheinander bist. Er hat mich gebeten mit dir darüber zu sprechen.", sie sah mich an und erwartete meine Reaktion. Wahrscheinlich dachte sie, dass ich sauer wäre. Aber irgendwie war ich es nicht. Seit ich wusste, dass ich Jacob liebe, hatte sich bei mir irgendwie eine innere Ruhe eingestellt. Das Chaos, das vorher in mir geherrscht hatte, war nun völlig klar. Ich wusste genau, was mit mir los war und was sich verändert hatte. Und auch wenn ich nicht wusste, wie es weitergeht, beruhigte mich die Klarheit meiner Gefühle sehr.
„Mum, ich denke wir wissen Beide, was mit mir los ist, oder?", fragte ich sie nur und lächelte. Sie schien sehr erleichtert.
„Also, wir wussten es, aber uns war nicht klar, dass du es auch weißt."
„Ehrlich gesagt weiß ich es auch erst seit heute. Sagen wir einmal so, ich brauchte jemanden, der mir ein wenig auf die Sprünge hilft. Bis heute war ich wirklich ein wenig überfordert. Ich wusste überhaupt nicht, was plötzlich mit mir los war.", ich hatte mich neben sie gesetzt und sie streichelte meine Hand.
„So ist das nun mal, wenn man sich das erste Mal verliebt. Es überkommt einen und man kann sich nicht dagegen wehren. Aber du hättest doch zu uns kommen können. Wir hätten dir doch zugehört.", sagte meine Mum ein wenig enttäuscht.
„Was hätte ich denn sagen sollen? Hey Mum, übrigens ich habe mich in deinen besten Freund verliebt? Der offensichtlich in mir nur seine kleine Schwester sieht? Sorry Mum, aber das hab ich mich nicht getraut. Und ich wusste ja auch gar nicht, dass es Liebe war. Ich wusste nur, dass ich, mein gesamter Körper, plötzlich so extrem auf ihn reagiere."
„Da kommst du wohl sehr nach deiner Mutter", sie lachte „Bei deinem Vater hat regelmäßig mein Herzschlag ausgesetzt, wenn er mich auch nur angesehen hat. Zwischendurch war es fast schon lebensgefährlich." Nun musste auch ich lachen.
„Wie kommst du darauf, dass Jacob in dir nur seine kleine Schwester sieht?", fragte sie mich plötzlich wieder ernst.
„Na, was soll er sonst in mir sehen?"
„Wie wäre es mit dem wunderschönen und vollkommenen Mädchen, zu dem du dich entwickelt hast?", erwiderte sie. Ich schüttelte nur den Kopf.
„Was soll ich denn jetzt nur machen, Mommy?", fragte ich sie.
„Ich denke, du solltest mit ihm reden, wenn er wieder da ist. Erzähle ihm ehrlich von deinen Gefühlen. Vielleicht überrascht er dich ja", sagte sie zu mir.
Ich dachte über ihren Vorschlag nach. Nach einer Weile stand sie auf und ging zur Tür.
„Nahuel wartet bereits unten. Du solltest dich ein wenig beeilen.", sagte sie, als sie die Klinke in die Hand nahm.
„Mommy?", ich sah sie an.
„Ja, mein Schatz?", sie hatte sich wieder zu mir gedreht.
„Hast du wirklich nichts dagegen, dass ich mich in Jacob verliebt habe? Ich meine, er ist schließlich dein bester Freund.", die Frage lag mir auf dem Herzen und es fiel mir nicht leicht sie zu stellen.
„Renesmee, ich denke nicht, dass mich etwas glücklicher machen könnte.", sie lächelte, dann verließ sie mein Zimmer und lies mich zurück. Ich war erleichtert. Das Gespräch mit meiner Mutter hatte mir geholfen und mir ging es tatsächlich etwas besser.
Meine Bedenken wegen des Jagdausfluges mit Nahuel erwiesen sich als völlig unbegründet. Ich musste sogar zugeben, dass ich wirklich Spaß mit ihm hatte. Wir lachten viel und es war, als würden wir uns schon ewig kennen. Auf dem Heimweg redeten wir über Gott und die Welt. Er war sehr interessiert, was mein Leben anging. Er kannte es nicht, so wie wir unter den Menschen zu leben und ein halbwegs normales Leben zu führen. Ich hatte das Gefühl, dass er uns ein wenig beneidete. Ich genoss es einmal jemanden zu treffen, der wirklich vollkommen war wie ich. Wir unterhielten uns lange über Erfahrungen, die wir teilten. Die Zeit mit ihm verging wie im Flug.
Als wir am Haus ankamen, erwartete Rose uns bereits auf der Veranda.
„Na ihr Zwei, hattet ihr eine schöne Zeit?", fragte sie erfreut. Wieder wirkte sie irgendwie aufgeregt.
„Ja, es war wirklich lustig.", antwortete ich und ging hinein. Nahuel folgte mir. Ich ging ins Wohnzimmer und verabschiedete mich von meiner Familie. Es war mittlerweile spät geworden und ich musste noch Hausaufgaben machen. Außerdem sehnte ich mich danach alleine zu sein. Als ich gerade die Treppe hinauf gehen wollte, spürte ich eine Hand, die mein Handgelenk umschloss. Blitzartig drehte ich mich um.
„Es tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.", es war Nahuel. Er war mir gefolgt.
„Äh nein, das hast du nicht. Ich hatte dich nur irgendwie gar nicht gehört."
„Jahrelange Übung", er lächelte.
„Renesmee, ich wollte mich nur bei dir für den schönen Ausflug bedanken. Ich habe wirklich jeden Moment in deiner Nähe genossen.", seine großen Augen fixierten meinen Blick. Er umfasste noch immer mein Handgelenk. Wieder spürte ich das leichte Kribbeln in meinem Bauch.
„Ja, ich fand es auch echt schön. Nun muss ich aber leider ins Bett. Ich hab schließlich morgen Schule."
„Ja, ich wollte dich fragen, ob ich dich morgen fahren soll? Ich würde gern deine Schule sehen.", er sah mich bittend an.
„Gern.", antwortete ich.
„Gut, dann schlaf schön, Nessie.", er löste seinen Griff.
„Ja, du auch."
Er drehte sich um und ging zurück ins Wohnzimmer. Ich blickte ihm noch einen Moment verwundert nach.
Als ich in meinem Zimmer ankam rannte ich sofort zu meiner Hose, die ich in der Schule angehabt hatte. Ich griff in die Tasche und zerrte mein Handy heraus. Enttäuscht legte ich es wieder weg: Keine Anrufe.
