Kapitel 9

Jacob

Das Telefonat mit Edward war bereits beendet und ich hatte längst aufgelegt. Saß jedoch noch immer auf meinem Bett.

Sollte ich sie anrufen? Wahrscheinlich würde sie sich wundern, wenn ich es nicht tat. Aber was sollte ich sagen? Die Wahrheit? Wie sehr sehnte ich mich danach, ihr doch nur endlich die Wahrheit sagen zu können. Dann könnte ich ihr sagen, wie viel Angst ich wegen Nahuel hatte, dass ich Angst hatte sie zu verlieren und wie gerne ich gerade jetzt bei ihr wäre.

Vor allem könnte ich ihr dann endlich die Worte sagen, die seit dem Moment, als sie mir das erste Mal in die Augen geblickt hatte, mein Leben bestimmten:

Ich liebe dich, Renesmee Cullen.

Doch das war unmöglich. Das alles auszusprechen würde zum jetzigen Zeitpunkt womöglich alles zerstören. Ich wusste schließlich nicht, was sie für mich empfand. Und je länger der Zeitpunkt im Auto her war, dieser kurze Moment, indem ich dachte, dass sie es auch gespürt hatte und mich auch küssen wollte, umso unwirklicher wurde er für mich.

Und jetzt saß ich hier und wusste nicht einmal, ob ich sie anrufen konnte und was ich sagen sollte, wenn ich es tat. Wie konnte es nur soweit kommen. Ich hatte das Gefühl zwischen uns wäre eine unüberbrückbare Kluft und ich hatte keine Ahnung, wie ich diese zunichte machen konnte. Nessie, der Mensch, den ich am meisten liebte, der mir immer so nah stand, als wäre sie ein Teil meiner selbst, war nun so weit entfernt von mir.

Vielleicht war es doch das richtige, sie anzurufen und ihr einfach die Wahrheit zu sagen. Ich hatte doch eh nichts mehr zu verlieren. Mir waren hier schließlich völlig die Hände gebunden, vielleicht war dies der einzige Weg, wie ich trotz der Entfernung gegen Nahuel kämpfen konnte. Ja, das war die einzige Möglichkeit. Entschlossen griff ich zum Telefon und wählte ihre Nummer. Doch noch bevor es klingelte, überkam mich wieder die Panik und ich legte auf. Zu groß war die Angst davor mich ihr völlig zu offenbaren und dann zurückgewiesen zu werden. Was war ich doch für ein Weichei? Nessie würde mich niemals zurückweisen, selbst wenn sie mich nicht so liebte, wie ich sie liebte, so würde sie dennoch verständnisvoll reagieren. Sie würde versuchen mir nicht wehzutun.

Erneut wählte ich ihre Nummer. Ich musste ihr einfach die Wahrheit sagen. Es klingelte.

„Jacob", ihre Stimme klang verschlafen.

„Nessie, hab ich dich geweckt?", ich sah auf die Uhr. Kein Wunder, es war spät und sie hatte morgen Schule. Ich konnte hören, wie sie eine bequemere Haltung einnahm, um das Telefon besser halten zu können.

„Nein, nein, ich war noch wach", sagte sie und ich wusste, dass sie log.

So, jetzt musste ich allen Mut zusammen nehmen, musste es ihr endlich sagen.

„Jake, bist du noch dran?", fragte sie plötzlich.

„Äh, ja, ich bin hier."

„Was wolltest du denn so spät?", fragte sie. Hörte ich da einen leisen Hoffnungsschimmer in ihrer Stimme?

Los, Jacob, trau dich! Versuchte ich mich anzuspornen.

„Äh, nichts… ich wollte dir nur eine gute Nacht wünschen.", ich hatte mich nicht getraut.

Nessie antwortete nicht sofort.

„Ach so.", ihre Stimme klang irgendwie enttäuscht. Was hatte das nur zu bedeuten?

„Ich wünsche dir auch eine gute Nacht."

Der Moment war vorbei. All mein Mut war verschwunden.

„Schlaf gut, Nessie. Wir telefonieren morgen."

„Ja, bis morgen.", antwortete sie und legte auf.

„Ich liebe dich, Renesmee Cullen", sagte ich leise in den Hörer. Ich wusste, dass sie mich nicht mehr hören konnte.

„Du hättest es ihr sagen sollen", Leah lief neben mir die Grenze entlang. Sie galt nicht mehr wirklich, seitdem der Vertrag mit den Cullens nicht mehr galt und wir zu einer Familie zusammengewachsen waren, dennoch beschränkten wir unsere Wachen in dieser Nacht auf die Grenze rund um La Push. „Du hättest einfach all deinen Mut zusammenfassen sollen und es raushauen müssen. Was hätte schon passieren können. Entweder sie hätte sich gefreut, oder…"

„Oder sie hätte angefangen zu schreien, panisch aufgelegt und ich hätte sie nie wieder gesehen.", unterbrach ich sie.

„Könntest du jetzt bitte aufhören dich in meine Gedanken einzumischen und dich auf die momentan wichtigen Dinge hier konzentrieren?", bat ich sie.

„Das würde ich ja gerne, aber deine Gedanken sind so laut in meinem Kopf, dass ich Probleme habe noch meine eigenen zu verstehen."

Ich rannte ein wenig schneller, in der Hoffnung sie würde dies als Zeichen verstehen. Und sie tat es.

„Schon gut, ich sag ja nichts mehr.", hörte ich ihre Stimme.

„Danke.", erwiderte ich nur knapp.

„Hast du mittlerweile ne Idee, was die Blutsauger von dir wollen? Es war wohl kein Zufall, dass sie gerade an deinem Haus aufgetaucht sind.", fragte mich Leah nach einem kurzen Moment.

„Ich hab keine Ahnung. Vielleicht sehen sie es als Herausforderung. Du weißt schon, wenn sie mich als Leitwolf schlagen, ist der Rest nur ein Kinderspiel. Oder es sind Vampire, die mit uns noch eine Rechnung offen haben. Es gibt genügend, denen wir mal auf den Schlips getreten sind. Vielleicht handeln sie einfach nur aus Rache. Vielleicht machen sie sich aber auch nur einen Spaß daraus uns ein wenig in Aktion zu halten. Wer weiß schon, was bei denen im Kopf abgeht."

Ich hatte mir den ganzen Tag Gedanken darüber gemacht, was die Vampire von mir wollten und warum sie gerade jetzt aufgetaucht waren. Ich konnte keinen der Gerüche wiedererkennen. Wir hatte seit Jahren Ruhe vor Vampiren. Keiner hatte sich mehr in die Gegend getraut nachdem sich rumgesprochen hatte, dass die Gegend um Forks von einem Rudel Wölfen bewacht wurde, die sogar Verstärkung von einem ziemlich außergewöhnlichen Vampir-Clan hatten. Scheinbar wollte sich keiner mehr mit uns anlegen. Bis jetzt zumindest. Dass sie jedoch gerade mein Haus ausgewählt hatten, beunruhigte mich. Sie hatte es auf mich abgesehen, das war eindeutig. Aber warum? Weil ich der Leitwolf war? Das war irgendwie nicht plausibel, da ich die meiste Zeit ja eh nicht hier war und Sam mich in der Position als Leitwolf vertrat. Woher wussten sie überhaupt, dass ich wieder da war? Ich war doch erst kurze Zeit zuvor angekommen.

„Das hab ich mich auch schon gefragt.", wieder ertönte Leahs Stimme in meinem Kopf „Alles sehr merkwürdig, oder?"

„Ja, irgendwie schon."

„Vielleicht beobachten sie uns schon länger und haben gewusst, dass du bald wieder auftauchen würdest. Das wäre eine Erklärung.", überlegte sie.

„Wenn sie uns hier beobachten würden, hätten wir das doch mitbekommen. Sie hätten La Push dafür ziemlich nah kommen müssen."

Die Nacht verlief ruhig und ohne weitere Vorkommnisse. Leah und ich hielten die Wache bis zum Morgen und wurden dann von Sam und Seth abgelöst.

„Und? Irgendwelche Vorkommnisse?", fragte mich Sam bei der Ablösung.

„Nein, gar nichts.", antwortete ich.

„Entweder sie haben Angst vor uns, oder sie versuchen uns hinzuhalten:", sagte Leah nachdenklich. Ihre Stimme klang müde. Doch ihre Worte lösten bei mir einen Gedanken aus. Ich konnte ihn noch nicht greifen, ihn noch nicht deutlich benennen, es war eher wie eine Idee, die langsam in meinem Inneren zu leuchten begann.

Vor allem fragte ich mich im Moment jedoch nur eins, wie lange würde es dauern, bis ich endlich wieder bei Nessie sein konnte?