Kapitel 10

Nessie

Ich hatte zwar befürchtet, dass ich in dieser Nacht kein Auge zumachen konnte, da meine Gedanken wirklich verrückt spielten, aber anscheinend war ich doch zu müde und irgendwann erschöpft eingeschlafen. Das Klingeln des Telefons hatte mich aus dem Schlaf gerissen. Sofort hatte ich zum Telefon gegriffen und ein so unbeschreibliches Gefühl der Erleichterung empfunden, als ich Jacobs Namen auf dem Display las.

Das Telefonat war kurz und verlief überhaupt nicht so, wie ich es mir erhofft hatte. Seit der Situation im Auto hatten wir jetzt zweimal miteinander gesprochen und beide Male waren einfach nur komisch. Irgendwie fremd. Das Gefühl, dass Jacob sich von mir entfernte, verursachte mir einen dicken Kloß im Hals. Ich fühlte, wie sich meine Augen mit Tränen füllten. Ein Teil meiner menschlichen Seite, den ich überhaupt nicht mochte. Weinen. Bisher hatte ich noch nicht oft Grund dazu gehabt, doch in diesem Moment konnte ich nichts dagegen tun. Ich hatte einfach nur Angst Jacob zu verlieren. Eine einzelne Träne rollte meine Wange herunter. Ich hätte einfach nie versuchen dürfen ihn zu küssen.

Plötzlich hörte ich ein gequältes Stöhnen vor meiner Tür, dann einen dumpfen Stoß. So ein Mist, ich hatte an den Kuss gedacht und mein Vater hatte es gehört. Wahrscheinlich hatte er irgendwo gegen gehauen.

„Daddy?", sagte ich in Gedanken „du kannst reinkommen."

Die Tür öffnete sich und er trat ein. Sein Blick wirkte noch immer sehr gequält, auch wenn er sich bemühte sich nichts anmerken zu lassen. Er setzte sich neben mich aufs Bett und sah mich an. Ein kurzer Schmerz schien ihn zu durchzucken, als er die Träne auf meiner Wange sah. Liebevoll strich er sie mit seinen Fingern weg und küsste mich dann auf die Stelle, wo zuvor die Träne war.

„Das ist alles nicht einfach für dich, oder?", fragte er mich.

Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln, unfähig zu sprechen, denn wieder füllten sich meine Augen. In diesem Moment wollte ich einfach nur meinen Daddy. Ich warf mich ihm in die Arme und weinte hemmungslos. Er hielt mich fest, streichelte mir über den Rücken und meine Haare und wiegte mich sanft hin und her.

So saßen wir eine Weile, bis ich mich beruhigt hatte. Ich löste mich vorsichtig aus seiner Umarmung und sah ihn lächelnd an.

„Für dich aber auch nicht, oder?", fragte ich ihn.

„Nein, nicht wirklich", gab er zu „und bis ich mich dran gewöhnt habe, müssen wohl noch ein paar Türen dran glauben." Er lächelte sein schiefes Lächeln, von dem ich nur zu gut verstehen konnte, warum meine Mutter es so liebte. Es verlieh ihm so etwas jungenhaftes, schelmisches.

„Das war also der dumpfe Schlag.", ich lachte.

„Ja, als ich plötzlich die Bilder aus dem Auto in meinem Kopf sah, so deutlich, als hätte ich sie selbst erlebt, war ich einfach überfordert. Ein Mann, ein anderer Mann als ich, der meine Tochter so umarmt und sie dann auch noch küssen will. Auch wenn es sich bei diesem Mann um Jacob gehandelt hat, es war einfach zu viel für mich und da kam mir die Tür gerade recht.", erklärte er.

„Ich versteh das.", das tat ich wirklich.

„Nessie, für mich ist es nicht leicht zu akzeptieren, dass meine kleine Tochter langsam erwachsen wird. Das fällt wohl jedem Vater schwer, aber wenigstens haben die ein paar Jahre mehr Zeit als ich, um sich darauf vorzubereiten. Immerhin bist du so gesehen erst sieben. Und manchmal wäre es mir lieber, wenn du noch mit Puppen spielen würdest, als dich für Männer zu interessieren.", seine Stimme war sanft.

„Daddy, ich hab nie mit Puppen gespielt", antwortete ich schmunzelnd.

„Vielleicht solltest du das mal versuchen."

Er streichelte sanft mit seinem Finger über meine Hand.

„Keine Sorge, ich krieg das schon hin. Ich wünsche mir nichts mehr, als das du glücklich wirst und jemanden findest, der dich so liebt, wie du es verdient hast und den du genauso lieben kannst. Ich muss einfach nur noch besser versuchen mich aus deinem Kopf und deinen Gedanken rauszuhalten. Das ist nur nicht so leicht, denn früher hat es dir nichts ausgemacht, da hast du gerne deine Gedanken mit mir geteilt."

„Und das tue ich auch heute noch und das werde ich immer, nur halt nicht alle.", vorsichtig nahm ich seine Hände und legte sie auf meine Wangen. Und dann zeigte ich ihm Bilder aus meiner Erinnerung, Bilder von ihm und mir, die ihm verdeutlichen sollten, was er mir bedeutete. Er hatte die Augen geschlossen und lächelte. Ich wusste, dass auch er sich an diese Momente unserer Vergangenheit erinnerte. So saßen wir eine Weile da und teilten die Erinnerungen, die uns miteinander verbanden.

„Ich liebe dich, Daddy und so wird es immer sein", sagte ich, als ich seine Hände von meinem Gesicht nahm.

„Ich weiß, mein Engel und ich liebe dich.", er umarmte mich „und jetzt lasse ich dich schlafen."

Als er aufgestanden war, schoss mir etwas, was er zuvor gesagt hatte, durch den Kopf. Ich hatte es vorher gar nicht bemerkt, oder ihm keine Beachtung geschenkt.

„Daddy, auch wenn es für dich nicht leicht ist, aber ich hab eine Frage."

„Ich weiß, was du mich fragen willst", er lächelte „und ja, es besteht kein Zweifel daran, dass er dich auch küssen wollte. Nessie, jeder der diesen Moment erlebt hätte, ob dabei gewesen oder in der Erinnerung, wie ich, würde das erkennen." Er beugte sich zu mir hinunter und gab mir einen Kuss auf die Stirn.

„Und nun schlaf, mein Schatz. Deine Mutter wartet sicher schon auf mich. Ich wollte eigentlich nur kurz runter zu Emmet."

Ich lag bereits wieder, als mein Vater das Zimmer verlassen hatte und die Tür hinter sich schloss. Ich sah noch, dass er dabei lächelte. Konnte mir jedoch über den genauen Ursprung seines Lächelns keine Gedanken machen. Meine Gedanken kreisten nämlich alle nur noch um Jacob. Sie überschlugen sich förmlich. Also hatte ich es mir doch nicht eingebildet. Jacob wollte mich auch küssen. War ich für ihn doch nicht mehr nur die kleine Schwester? Bedeutete das, dass auch er mich liebte? Ich spürte eine leichte Hoffnung tief in mir aufkeimen. Sollte ich sie zulassen? Oder bestand immer noch die Chance, dass auch mein Vater sich getäuscht hatte? Nein, mein Vater kannte Jacob zu gut und ich kannte meinen Vater zu gut und wusste, dass er mir nie etwas sagen würde, von dem er nicht selbst überzeugt war, nur um mir eine Freude zu machen. Der Hoffnungsschimmer wurde größer und ich ließ ihn zu. Mit einem Lächeln auf den Lippen fiel ich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

„Wie gefällt es dir in deiner Schule? Es ist doch die erste, die du besuchst, oder?", fragte mich Nahuel. Wir saßen im Wagen und waren auf dem weg zur Schule. Wie versprochen hatte er darauf bestanden mich hinzufahren und auch wieder abzuholen.

„Ja, es ist meine erste Schule. Was meinst du genau mit gefallen? Den Stoff oder mein Zusammensein mit Menschen?", ich kannte seine Antwort bereits.

„Ich meine ja nur, ich stelle es mir ziemlich schwierig vor vorzugeben jemand zu sein, der man nicht ist. Und nirgendwo wirklich dazuzugehören.", er klang nachdenklich.

„Ich sehe das einfach anders, für mich ist es eher so, als wenn ich in der Schule halt nur die eine Seite von mir selbst auslebe und zeige. Es ist nicht so, dass ich den Schülern dort etwas vormache oder vorgebe jemand anderes zu sein. Ich zeige ihnen lediglich nur nicht mein ganzes Ich. Das lebe ich dann zu Hause aus, oder mit Jacob, wenn wir alleine sind.", bei den letzten Worten zuckte Nahuel kaum merklich zusammen.

„Hast du denn das Gefühl wirklich dazuzugehören? Ich meine sowohl zu den Vampiren, als auch zu den Menschen?", fragte er weiter. Er schien ernsthaft interessiert.

„Bei den Menschen fiel es mir zu Beginn schwer. Obwohl ich ja immer schon Kontakt zu Menschen hatte. Zu meinem Großvater Charlie zum Beispiel, der mir sehr Nahe steht. Auf der Schule war es dann aber doch etwas anders und dort war es für mich schwerer. Aber ich hatte Jacob an meiner Seite und auch Alice und Jasper. Durch sie konnte ich mich einleben. Ich habe sogar schnell eine wirkliche Freundin gefunden, Claire, sie ist echt toll. Mittlerweile fühle ich mich daher schon dazugehörig. Und unter Vampiren sowieso. Ich denke, dass ich mehr Vampir bin, als Mensch und meine Familie hat mich vom ersten Tag an abgöttisch geliebt. Daher habe ich bei ihnen nie daran gezweifelt, ob ich dazugehöre oder nicht. Ich bin einfach ein Teil von ihnen.", ich sah Nahuel von der Seite an. Sein Blick wirkte traurig.

„Wie empfindest du es denn?", fragte ich ihn.

„Für mich war es nie so leicht. Vielleicht lag es daran, dass ich nie in einer Familie gelebt habe, wie du es tust. Bei mir ist es häufig so, dass ich das Gefühl habe nirgends wirklich hinzugehören. Ich bin kein Mensch, aber auch kein vollkommener Vampir. Dadurch fühle ich mich häufig sehr einsam.", er blickte bei diesen Worten konzentriert auf die Straße.

Ich empfand großes Mitleid mit ihm. Ich war nie einsam gewesen und wurde von so vielen Menschen und Vampiren geliebt, wie musste es sein, wenn man all das nicht hatte und alleine war?

Da ich nicht wusste, was ich sagen sollte, ihm aber zeigen wollte, dass ich ihn verstand und dankbar war für seine Offenheit, legte ich kurz meine Hand auf seine. Er wandte mir sofort den Kopf zu und blickte mir hoffnungsvoll in die Augen. Ein unangenehmes Gefühl überkam mich. War ich zu weit gegangen? Schnell zog ich meine Hand zurück, lächelte aber, um ihn nicht zu verletzen. Ich war erleichtert, als wir auf den Parkplatz der Schule fuhren.

Claire erwartete mich bereits und sah gespannt ins Auto, als wir neben ihr anhielten. Nahuel stand aus, um mir die Tür zu öffnen, und während er Claire den Rücken zukehrte, zeigte sie mir sehr deutlich, wie gutaussehend sie ihn fand, indem sie beide Daumen nach oben zeigte und übers ganze Gesicht grinste.

„Claire, das ist Nahuel. Nahuel, das ist Claire.", stellte ich die Beiden vor.

„Schön dich kennenzulernen." Nahuel reichte ihr förmlich die Hand.

„Ebenfalls", flötete Claire. Ich konnte ihr ansehen, dass sie hin und weg war.

„Wie siehts aus, Nahuel, hast du Lust uns heute zu der Party zu begleiten?", fragte Claire und sah ihn gespannt an.

„Party?", erblickte fragend zu mir.

„Äh, ja, ein Freund von uns macht heute eine Party. Ich wollte vielleicht gar nicht hingehen, aber wenn du Lust hast können wir natürlich.", erklärte ich ihm.

„Wir kommen gern.", er wandte sich wieder an Claire „ich freue mich schon sehr darauf."

Dann verabschiedete er sich von mir, indem er mich auf beide Wangen küsste, steig in den wagen und fuhr davon.

„Da du ja jetzt begriffen hast, dass du Jacob liebst, kann ich es doch mal bei Nahuel probieren, oder hast du was dagegen?", fragte mich Claire lachend als wir das Gebäude betraten.

„Quatsch, warum sollte ich. Ich hoffe nur, dass du dir an ihm nicht die Zähne ausbeißt.", antwortete ich.

In mir begann langsam ein ungutes Gefühl zu wachsen. Ich wusste jedoch nicht, woher es kam oder was es genau war. Es war eher wie eine böse Vorahnung. Jetzt drehte ich wahrscheinlich schon völlig durch. Ich schüttelte leicht den Kopf, um meine Gedanken zu vertreiben. Dann hakte ich mich bei Claire ein.

„Und? Was ziehst du heute Abend an?", fragte ich sie fröhlich.