Kapitel 11
Jacob
Ich lag auf dem Sofa im Wohnzimmer. Nach meiner nächtlichen Wache war ich noch lange wach, hatte nachgedacht, jedoch gegen Morgen in einen leichten Schlaf gefallen. Mein Körper hatte den Schlaf gefordert, erholt hatte er sich jedoch in den wenigen Stunden nicht. Ich fühlte mich wie erschlagen. Ich drehte mich noch einmal um, so gut es ging zumindest, da das Sofa für meine Größe ziemlich klein und unbequem war. Ich war einfach noch nicht in der Lage aufzustehen, auch wenn ich es gemusst hätte. In meinem Inneren spürte ich eine so tiefe Leere, die mich körperlich zu erschöpfen schien. Ich kannte den Ursprung. Ich vermisste sie so sehr. Jedes mal, wenn ich sie für ein paar Tage verlassen musste, fühlte ich diese Leere. Im Lauf der Jahre, in denen sich meine brüderlichen Gefühle für sie in wahre und tiefe Liebe verändert hatten, war es für mich nur noch schwerer geworden. Jeden Moment, den ich länger von Nessie getrennt war, war es, als ob mir ein Teil meiner Selbst genommen wurde. Ich war ohne sie einfach nicht vollständig, ein Teil, der wichtigste Teil, von mir fehlte.
Dieses Mal war es nur noch schlimmer. Ich fühlte einfach nur noch den Schmerz, der langsam meinen gesamten Körper einnahm. Und wieder spürte ich die Angst. Seit ich von Nahuels Ankunft erfahren hatte, vielmehr seit ich Nessie verlassen hatte, war sie mein ständiger Begleiter.
Ich griff in die Hintertasche meiner Hose und zog mein Portemonaie heraus. Wie von selbst öffnete ich es und zog das Foto heraus, dass ich immer bei mir hatte und das schon etwas gelitten hatte, weil ich es so oft in den Händen gehalten und betrachtet hatte.
Das Bild zeigte uns Beide. Nessie hatte es auf einem unserer Jagdausflüge mit Selbstauslöser gemacht. Diesen Tag werde ich nie vergessen, so wie keinen einzigen Moment, den ich je mit ihr verbracht hatte. Wie glücklich wir damals waren, wir beide strahlten aus tiefster Seele. Nessie hatte sich für das Foto auf meinen Schoß gesetzt und mich fest umarmt. Ihre Wange war ganz nah an meiner gewesen. Als wäre es gestern gewesen spürte ich die Aufregung, die diese Nähe damals in mir ausgelöst hatte. Und noch immer hörte ich ihr glockenhelles Lachen in meinem Ohr. Ich musste lächeln und streichelte sanft mit dem Finger die Konturen von Nessies Gesicht entlang. Nessies wunderschöne Augen lächelten mir entgegen.
Auch damals standen wir kurz vor einer Trennung. Es war unser letzter gemeinsamer Ausflug, bevor ich für 2 Wochen nach La Push abgereist war.
„Komm Jake, wir machen ein Foto von uns Beiden, damit du mich auch ja nicht vergisst und nicht auf die Idee kommst in La Push zu bleiben, ohne mich.", sie hatte mich mit ihrem frechen Grinsen angegrinst.
Als würde ich sie je vergessen können oder auch nur einen Moment länger als nötig von ihr getrennt sein können. Am Abend vor meiner Abreise hatte sie mir das Foto heimlich in meinem Zimmer aufs Bett gelegt. Ohne einen Kommentar. Seit diesem Moment hatte ich es immer bei mir. Sie würde wohl nie erfahren, was für eine große Freude sie mir damals gemacht hatte und wie viel mir das gemeinsame Bild von uns bedeutete. Wieder zog sich in meinem Inneren alles zusammen. Ich musste kurz die Augen schließen, konnte einen kurzen Moment den Anblick von Nessie und mir, in dieser Umarmung, nicht ertragen. Würde es je wieder so sein? Würden wir Beide je wieder gemeinsam so glücklich sein, wie damals?
Ein Räuspern riss mich aus meinen Gedanken. Schnell schob ich das Foto wieder ins Portemonaie und drehte mich um. Seth und Leah standen etwas unbeholfen im Türrahmen.
„Guten Morgen, wir wollten dich abholen. Wir sind dran, Sam wartet schon.", Leah hatte so viel Anstand die gerade gesehene Szene einfach zu ignorieren. Ich war ihr sehr dankbar.
„Alles klar", ich steckte mein Portemonaie wieder zurück in die Hose „Gebt mir nur kurz einen Moment. Ich muss eben ins Bad."
Ich stand auf und verließ den Raum, aus dem Augenwinkel bemerkte ich sehr wohl, wie Leah und Sam einen hilflosen Blick austauschten.
Sobald wir den Wald erreichten, verwandelten wir uns. Unsere Wege trennten sich jedoch sehr schnell, da ich Sam am nördlichsten Punkt der Grenze treffen würde und die anderen sich am weiteren Verlauf der Grenze positionieren würden.
In den Gedanken der Anderen konnte ich hören, dass es wieder keine Vorkommnisse gegeben hatte. Die Vampire hatten sich nicht blicken lassen. Ärger überkam mich, wegen diesen verdammten Blutsaugern würde es nur noch länger dauern, bis ich wieder bei Nessie sein konnte. Die Aussage, die Leah gedankenverloren gemacht hatte, kam mir wieder in den Sinn:
„Entweder sie haben Angst vor uns, oder sie versuchen uns hinzuhalten.", hatte sie gestern gesagt. Es war tatsächlich so, als würden sie die Sache herauszögern. Und das war ungewöhnlich für Vampire, da sie normalerweise sehr triebgesteuert waren und nicht viel Zeit und Aufmerksamkeit auf wirkliche Pläne oder Strategien legten. Für sie zählte der Angriff, die Jagd und das Vernichten und das war alles. Es passte einfach alles nicht zusammen. Wieder spürte ich, wie dieses Idee, dieses kleine Licht in mir aufloderte.
„Vampire!", Sams Stimme hallte plötzlich in meinen Gedanken, er schrie regelrecht.
Ohne nachzudenken rannte ich los, so schnell ich konnte.
„Sam, Sam, was ist los?", fragte ich ihn, während ich lief.
„Vampire, sie, sie… Jacob, sie sind es!", in seiner Stimme hörte ich das Adrenalin, das ihn antrieb, ich wusste, dass er mit ihnen kämpfen würde, auch wenn er allein war. Die Anderen waren zu weit weg. Ich war ihm am Nächsten. Ich rannte noch schneller, mein Herz raste, die Bäume zogen blitzschnell an mir vorbei. Ich versuchte meine Gedanken unter Kontrolle zu halten, wollte mir nicht ausmalen, was passieren könnte, wollte die Anderen nur nicht noch mehr beunruhigen.
„Sam!", ich rief in Gedanken nach ihm.
„Jacob, Jacob, sie greifen mich an!", er schien geschockt.
„Sam, pass auf, ich bin gleich bei dir!", versuchte ich ihn zu beruhigen.
Dann ertönte er, in all unseren Köpfen, der Schrei, den keiner von uns je vergessen würde.
Es war Sam. Ein Schauder durchlief meinen gesamten Körper, als ich den Schrei aus seiner Kehle hörte.
Ich hörte, wie Leah in Gedanken einen Laut von sich gab, der so schmerz- und angsterfüllt klang und damit all unsere Gedanken und Gefühle in einem Laut vereinte.
„Sam? Sam?", Seth schrie regelrecht seinen Namen.
Keine Reaktion.
„Leah, ihr bleibt an der Grenze, Seth, du folgst mir. Und beeil dich!", forderte ich.
Die Angst um Sam, um meinen Freund, verlieh mir ungeahnte Kräfte. Mein Schritt wurde noch schneller. Ich rannte die Grenze entlang. Wie lange dauerte es? Wann war ich denn endlich da?
Und dann sah ich ihn, er lag auf dem feuchten Waldboden, hatte seine menschliche Gestalt wieder angenommen. Ein Zeichen dafür, wie schlecht es ihm ging. Sein Körper hatte keine Kraft mehr, die Gestalt des Wolfes aufrecht zu erhalten, da er sich voll und ganz auf den Heilungsprozess konzentrieren musste.
Vier Vampire standen neben ihm, einer beugte sich gerade zu Sam hinunter und ich konnte sehen, wie er leicht den Kopf schüttelte, während Sam sich vor Schmerzen wandte. Wut und Hass überkam mich und ich setzte zum Sprung an.
Die Vampire ließen sofort von Sam ab, stellten sich nebeneinander auf und nahmen ihre Angriffshaltung ein. Aus ihren Kehlen ertönte ein Fauchen, doch sie wichen ein wenig zurück.
Ich kam nur in einem geringen Abstand neben Sam wieder auf, knurrte und fletschte die Zähne.
„Jacob, ich bin gleich bei dir!", es war Seth der auf dem Weg zu mir war.
Es würde jedoch noch einen Moment dauern, bis er hier ankommen würde. Es waren fünf Vampire und sie hatten es geschafft Sam, den ältesten und erfahrensten Wolf von uns anzugreifen und zu überwältigen. Mir war das in diesem Moment völlig egal. Mein ganzer Körper zitterte vor Wut, ich hatte nur einen Gedanken im Kopf: Rache! Mein ganzes Ich sehnte sich danach, diese elenden Vampire endgültig in die Hölle zu schicken.
Ich machte langsam einen Schritt auf sie zu, ohne auch nur einen von ihnen aus den Augen zu lassen. Doch was war mit ihnen, sie griffen nicht an. Im Gegenteil, sie wichen zurück. Ich machte einen weiteren Schritt, doch sie wichen erneut zurück. Der Vampir in der Mitte, ihr Anführer, grinste mich boshaft, aber siegessicher an, bevor sich alle gleichzeitig umdrehten und davon rannten.
Was sollte ich jetzt tun? Sollte ich sie verfolgen? Ich blickte schnell auf Sam hinunter, sein Gesicht war schmerzverzerrt, sein rechter Arm streckte sich in einem unnatürlichen Winkel von seinem Körper ab und überall war Blut. Er öffnete die Augen und sah mich an, sein Blick war milchig.
„Jacob", seine Stimme war nur ein Hauchen.
Sofort war meine Entscheidung getroffen.
„Set, beeil dich! Du musst sie allein verfolgen!", sagte ich in Gedanken zu Seth. Genau in diesem Moment schoss er aus den Bäumen hervor. Er nahm sofort die Verfolgung auf.
„Bring Sam nach Hause", sagte er noch. Dann war er verschwunden.
Mir war gar nicht wohl bei dem Gedanken, dass Seth die Vampire allein verfolgte, er war noch immer zu unbedacht in seinen Handlungen, aber wir hatten keine andere Möglichkeit. Ich musste mich um Sam kümmern, nichts war in diesem Moment wichtiger.
Ich brachte Sam auf schnellstem Weg nach Hause. Mehrfach verlor er das Bewusstsein. Ihm durfte einfach nichts passieren, er musste durchkommen. Das war mein einziger Gedanke.
Der Rückweg kam mir endlos vor.
Als ich endlich an meinem Haus ankam, trug ich ihn in meiner menschlichen Gestalt ins Haus und legte ihn aufs Sofa. Billy erschien sofort und kümmerte sich um ihn. Er versuchte die Schwere von Sams Verletzungen richtig einschätzen zu können. Ich stand einfach nur neben ihm und zitterte vor Verzweiflung.
Nachdem er ihn untersucht hatte, blickte er zu mir auf.
„Jacob, er ist scher verletzt. Seine Heilungskräfte sind bemüht die Wunden und Brüche so schnell es geht zu heilen, aber die Verletzungen haben seinen Geist und seinen Körper geschwächt. Ich weiß nicht, ob er es schaffen wird. Ich kann nichts für ihn tun.", sagte er traurig.
Nein, nein! Das konnte nicht sein. Wir mussten etwas für ihn tun. Und ich wusste auch genau wer helfen konnte.
Ich griff nach meinem Telefon und wählte die Nummer von Edward.
