Kapitel 12

Edward

Als ich Jacobs Anruf bekam, saß ich mit meinen Eltern, Rosalie und Bella im Wohnzimmer. Jasper und Alice waren heute nicht in die Schule gegangen und hatten sich entschieden mit Emmet auf die Jagd zu gehen. Renesmee war noch in der Schule. Nahuel war unterwegs, um sie abzuholen. Rosalie war wegen der Party total aufgeregt und langsam fing sie an mich ein wenig zu nerven mit ihrem unbändigen Wunsch aus Nahuel und Nessie ein Paar zu machen. Ihre Gedanken waren voll davon, denn sie war völlig begeistert von ihm. Damit stand sie ziemlich alleine da. Auch wenn keiner es bisher laut ausgesprochen hatte, konnte ich in den Gedanken aller dasselbe sehen, sie fühlten sich unwohl in seiner Gegenwart und wünschten sich, dass er wieder verschwand und Ruhe einkehren würde. Selbst Emmet dachte so, auch wenn er dies vor Rosalie zu verbergen versuchte. Er hatte keine Lust auf Streit, teilte jedoch nicht ihre Meinung über Jacob. Er mochte ihn. In den vergangenen Jahren hatte sich zwischen den Beiden eine tiefe Freundschaft entwickelt, sie passten zueinander, waren beide immer noch sehr „verspielt" und hatten sich ihre jugendliche und unbefangene Begeisterung für die Dinge nicht nehmen lassen. Das war einer der Gründe, warum Emmet mein Lieblingsbruder war, dafür liebte ich ihn. Und auch sie erkannten, trotz der natürlichen Unterschiede zwischen sich, diese Gemeinsamkeiten und so verwandelte sich ihr Zusammenleben zuerst von gegenseitigem Respekt zu einer Verbundenheit, die nur wahre Freunde miteinander teilten.

Ich ging nach dem ersten Klingeln ans Telefon.

„Jacob, hey, was gibt's Neues bei euch?", fragte ich und versuchte meine Aufregung ein wenig zu zügeln. Bella und ich hatten beschlossen erstmal niemandem von den Vampiren in La Push zu erzählen. Wir hielten es für besser, solange wir nichts Näheres wussten. Außerdem wussten wir, dass alle Cullens, okay Rose vielleicht ausgenommen, eine so tiefe Liebe für Jacob empfanden, dass sie sofort völlig ausgeflippt und zu ihm gereist wären. Esme nannte ihn häufig liebevoll „ihren Wolfsjungen" und ihrer Liebe konnte auch er sich nicht entziehen. Jedes mal reagierte er beschämt, doch seine Gedanken und sein Lächeln zeigten mir jedes Mal deutlich, wie sehr er sich darüber freute und wie sehr ihn das rührte. Für sie, war er zu einem ihrer Söhne geworden.

Doch Rosalie war schneller.

„Meint ihr, Nessie ist sehr aufgeregt wegen ihrem Date mit Nahuel heute? Schließlich gehen sie auf eine Party!", sagte sie betont unschuldig, aber beabsichtigt laut, damit Jacob sie auch ja hören konnte.

Alle blickten sie fassungslos an.

„Wie konnte sie so gemein sein?", fragte sich Esme in ihren Gedanken. Alle waren geschockt von soviel Bosheit.

Am anderen Ende ertönte ein Knurren.

„Jacob, ruhig. Es ist nicht so, wie Rosalie gesagt hat. Beachte sie doch einfach gar nicht, das tu ich auch nicht.", versuchte ich die Lage wieder zu entschärfen.

„Geht Nessie heute mit ihm auf eine Party?", fragte er betont ruhig, doch ich konnte die Verzweifelung in seiner Stimme deutlich hören.

„Äh, ja, das tut sie, aber es ist kein Date, sie gehen als…", weiter kam ich nicht.

„Dann ist es genauso, wie Rosalie sagt.", unterbrach er mich.

Ich wollte etwas erwidern, doch er würgte mich ab.

„Es ist im Moment nicht wichtig, Edward, Sam wurde angegriffen, von den Vampiren. Es sieht nicht gut aus. Ihm geht es wirklich sehr schlecht. Ich wollte fragen…", setzte er an, doch diesmal unterbrach ich ihn.

„Jacob, Charlisle und ich kommen sofort. Du musst uns nicht bitten."

Ich blickte zu Charlisle, der bereits aufgestanden war.

„Ich packe meine Sachen.", sagte er in Gedanken zu mir und verließ den Raum, um seine medizinischen Dinge zu packen.

„Danke, ich hatte gehofft, dass du so reagierst.", brachte Jacob mühsam hervor. Er schien erleichtert.

Den Anderen stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Sie wussten zwar nicht, wer Sam angegriffen hatte oder das überhaupt eine Gefahr von Vampiren ausgegangen war, aber das war ihnen in diesem Moment egal. Für sie zählte nur, dass einer ihrer „Verwandten" verletzt war. Rosalie wirkte besonders betroffen, was mich einen kurzen Moment verunsicherte, sie hatte die Verbundenheit zu dem Rudel nie so intensiv geteilt wie wir. Warum reagierte sie jetzt so extrem? In ihrem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander. Ich hatte keine Zeit mich näher damit zu beschäftigen, wahrscheinlich hatte sie einfach nur ein schlechtes Gewissen, weil sie gerade noch so gemein zu Jacob gewesen war. Es gab jetzt Wichtigeres, ich musste mit Jacob in Ruhe reden. Bevor ich hinaus in den Garten ging, gab ich Bella ein Zeichen, den Anderen die Geschehnisse zu erklären. Sie sollten nun alles erfahren. Bella hatte verstanden und wandte sich den Anderen zu und begann zu erzählen. Dann verließ ich das Haus und ging auf die Veranda.

„Jacob, wir sind in ein paar Stunden bei euch. Aber ich wollte dich auch um etwas bitten, wenn ich darf?", fragte ich ihn vorsichtig. Ich wusste, dass ihm die Antwort auf diese Frage nicht leicht fallen würde, egal wie er sich auch entscheiden würde.

„Natürlich, Edward.", antwortete er.

„Ich möchte dich bitten noch heute nach Hause zu kommen und wenn es auch nur für ein paar Stunden ist.", ich wusste was ich da von ihm verlangte.

„Jetzt? Edward, warum gerade jetzt? Ist irgendwas passiert? Ist Nessie in Gefahr?", er wusste, dass ich ihn nicht bitten würde, gerade jetzt Sam zu verlassen, wenn es mir nicht wichtig wäre.

„Nein, sie ist nicht in Gefahr und es ist auch nichts passiert. Aber ich wollte dich sowieso bitten, mit mir den Platz zu tauschen. Ich wäre nach La Push gekommen, um gegen die Vampire zu kämpfen, weil dein Platz im Moment hier ist, hier bei Nessie. Irgendwas ist mit Nahuel, ich kann es nicht erklären, ich habe einfach so ein ungutes Gefühl bei dem Typen und mir wäre einfach wohler, wenn du hier wärst. Außerdem bin ich überzeugt davon, dass es für Nessie und dich wichtig ist, wenn ihr einige Dinge so schnell es geht klärt. Dafür begleite ich Charlisle und bleibe nicht hier, damit ich dich in La Push vertreten kann."

Jacob antwortete nicht. Ich spürte regelrecht den inneren Kampf den er in seinem Inneren ausfocht.

„Jacob", setzte ich erneut an „ich weiß, wie schwer es dir fällt Sam jetzt zu verlassen, aber Charlisle wird alles tun, was in seiner Macht steht, damit es Sam bald wieder besser geht. Und du weißt, dass ich Billy und die Anderen beschützen werde, weil sie auch meine Familie sind. Aber ich bin besorgt wegen Nessie und ich denke, dass du jetzt der Einzige bist, der hier auf sie achten kann."

Wieder antwortete Jacob nicht.

„Du kannst im Moment eh nichts für Sam tun, nur abwarten. Charlisle wird ihm helfen, das hat er bisher immer geschafft und ich werde für dich kämpfen. Und hier, hier kannst du etwas tun. Für Nessie und für dich und vor allem gegen Nahuel."

„Jacob, bitte.", fügte ich leise hinzu.

„Gut, ich fahre sofort los.", antwortete er nach einer Weile. Trotz des schlechten Gewissens Sam jetzt alleine lassen zu müssen, wusste er, dass ich Recht hatte, er konnte ihm nicht helfen. Aber er wurde hier gebraucht, daher war es die richtige Entscheidung, auch wenn sie ihm nicht leicht fiel.

„Danke.", sagte nun ich.

Wir besprachen noch schnell die wichtigsten Dinge, die ich über den Angriff und Sams Zustand wissen musste, dann legte ich auf. Ich sah auf die Uhr, Jacob würde nicht rechtzeitig hier sein, bevor Nessie zu der Party ging. Aber er wäre da, wenn sie nach Hause käme und darauf kam es an. Ich hätte ihr von dem Vorfall in La Push erzählen und ihr die Party verbieten können, doch ich entschied mich bewusst dagegen. Ich wollte, dass alles so normal wie möglich wäre, wenn sie nach Hause käme. Nicht wegen ihr, mir fiel es nicht leicht, sie anzulügen, sondern wegen Nahuel. Eine innere Stimme sagte mir einfach, dass er nichts davon erfahren sollte. Außerdem sollte er nicht erfahren, dass Jacob bereits auf dem Weg wäre. Ich wollte, dass er sich „sicher" fühlte, auch wenn ich noch nicht wusste, ob und wenn ja was er im Schilde führte. Und diese Tatsache führte mich zu einer weiteren Lüge, dir mir weitaus schwerer fiel, auch Nessie und die Anderen durften nichts von Jacobs Ankunft erfahren. Ich wollte nicht, dass er es rausbekommen würde, egal wie. Nur Bella, Bella würde ich es sagen.

Ich ging wieder hinein zu den Anderen. Alle stimmten mit mir darüber ein, dass wir Nessie nichts von dem Vorfall in La Push erzählen würden, um sie nicht unnötig zu beunruhigen. Meine eigentlichen Beweggründe behielt ich für mich. Während die Anderen unsere Sachen in die Garage brachten, um sie in Charlisles Auto zu verstauen, zog ich Bella kurz unbemerkt nach draußen, um ihr von dem weiteren Telefonat mit Jacob und unserem Plan zu erzählen. Wie erwartet war sie erleichtert. Ich wusste, dass sie mein ungutes Gefühl teilte.

Zum Abschied nahm ich sie fest in den Arm. Sie schmiegte sich an mich.

„Pass gut auf dich auf, Mr. Cullen", flüsterte sie.

„Und du auf dich, Mrs. Cullen", erwiderte ich zärtlich.

„Du weißt, wie sehr ich dich liebe, oder?", sie blickte mir tief in die Augen.

„So sehr, wie ich dich, mein Leben.", antwortete ich, dann verschmalzen wir zu einem innigen Kuss.

Die Trennung von ihr würde mir schwer fallen. Seit unserer Hochzeit waren wir nicht mehr voneinander getrennt gewesen. Nicht einen Tag. Aber es ging nicht anders, das wussten wir Beide, daher mussten wir es irgendwie überstehen.

Hand in Hand gingen wir schnell in die Garage. Dort verabschiedeten Charlislie und ich uns von den Anderen, stiegen ins Auto und waren wenige Sekunden später bereits auf dem Highway. Wir würden nicht lange brauchen, um in La Push anzukommen. Wieder kam mir Rosalie in den Kopf. Warum war sie so ruhig gewesen bei unserem Abschied? Sie war bemüht ihre Gedanken unter Kontrolle zu halten. Das spürte ich deutlich. Aber warum? Lag ihr das Schicksal der Wölfe doch mehr am Herzen, als sie zugab? Oder gab es noch etwas Anderes, was das Entsetzen über den Angriff in ihr ausgelöst hatte?