02. Trauer eines ganzen Lebens


Die schwarzgewandete Magierin trat unsicheren Schrittes ins Innere des Doms. Als ein Anflug von Schwäche sie dazu zwang, stehen zu bleiben, stützte sie sich schwerfällig auf den Magier neben ihr. Seine roten Magierroben raschelten leise und seine schwarze Schärpe wippte leicht hin und her, als er besorgt an ihre Seite trat und sie intensiv musterte.

„Es dauert jetzt nicht mehr lange.", flüsterte Sonea leise, wie zu sich selbst, und starrte mit abwesendem Blick auf einen imaginären Punkt. Als sie sich jedoch der intensiven Musterung ihres Gegenübers bewusst wurde, richtete sie ihre zusammengesunkene Körperhaltung von neuem zu voller Größe auf und lächelte das Oberhaupt der Krieger schief an.

„Du siehst besorgt aus, Regin. Als ich dir vor so vielen Jahren bei der Aufnahmezeremonie zum ersten Mal begegnet bin, hätte ich mir nie träumen lassen, dass ich einmal der Anlass für solch einen Blick sein könnte.", bemerkte Sonea mit einem schelmischen Glitzern in den Augen.

Lord Regin schnaubte kurz belustigt, doch dann trat wieder ein ernster Zug in sein, von wirren, grauen Haaren umrandetes, Gesicht. Das hohe Alter war ihm deutlich anzusehen.

„Bist du dir sicher, dass du dich nicht doch von den anderen verabschieden willst? Es wird sie alle schwer treffen, wenn sie davon erfahren. Vor allem deinen Sohn."

Sonea ließ einen tiefen Seufzer hören, der darauf hindeutete, dass es nicht das erste Mal war, dass ihr alter Freund ihr diese Frage stellte.

„Ich weiß. Aber es ist am Besten so…"antwortete sie leise und erwiderte seinen Blick mit so viel Entschlossenheit, wie sie nur aufbringen konnte. Nun war es an Regin, resignierend zu seufzen. Er musterte sie noch einmal genau, als würde er ein letztes Mal nach Anzeichen für Unsicherheit suchen, schien sich dann jedoch geschlagen zu geben und nickte schließlich.

„Wie du willst.", erwiderte er knapp. In seiner Stimme schwang jedoch deutlich mit, was er von ihrer starrsinnigen Entscheidung hielt. Sonea versuchte, sich nicht zu einem Kichern hinreißen zu lassen und bemühte sich, einen ebenso ernsten Gesichtsausdruck aufzulegen, wie der Krieger vor ihr.

„Versprich mir, ein Auge auf ihn zu haben, wenn du kannst.", bat sie ihn schließlich. Ein Kloß schien sich plötzlich in ihrem Hals gebildet zu haben und sie schluckte mehrmals, um das unangenehme Gefühl zu verscheuchen, doch es blieb hartnäckig bestehen. Lord Regin zog bei dieser Bitte erst überrascht die Augenbrauen hoch, doch dann wurden seine Gesichtszüge weicher und er lächelte sie warm an.

„Sogar beide Augen, wann immer ich sie entbehren kann." In Gedanken fügte er allerdings hinzu, dass das kaum von Nöten sein dürfte, da Akkarin schon lange ein erwachsener Mann war und ohne Probleme auf sich selbst Acht geben konnte.

Eine Mischung aus Erleichterung und Dankbarkeit legte sich auf Soneas Gesicht und sie schloss für einen Augenblick die Augen. Als sie sie wieder öffnete, schienen eine Reihe von Gefühlen um die Oberhand zu kämpfen, doch im nächsten Moment strahlten Soneas Augen eine solch endgültige, emotionslose Leere aus, die Regin einen unangenehmen Schauer über den Rücken jagte.

„Es ist Zeit."

Auch aus ihrer Stimme konnte er keine Gefühlslage mehr heraushören, doch er wusste nur allzu gut, was ihre Worte zu bedeuten hatten. Nicht mehr lange, und sie würde die Kontrolle über ihre Kräfte verlieren.

Sein eigenes Gefühlschaos ignorierend, zwang er sich zu einem Lächeln. Dann streckte er Sonea eine Hand entgegen.

„Es war mir eine besondere Ehre mit dir befreundet zu sein, Sonea."

„Auch mir war es eine besondere Ehre, Regin von Wilnar, aus dem Haus Paren.", erwiderte Sonea. Ein schiefes Lächeln hatte sich wieder auf ihr Gesicht geschlichen und anstatt seine dargebotene Hand zu ergreifen, umarmte sie ihn herzlich. Dann trat sie einen Schritt von ihm zurück und nickte ihm zu. Er tat es ihr gleich, drehte sich dann langsam um und ging auf den Ausgang zu. Dort angekommen, blickte er noch einmal zu der schwarzen Magierin zurück. Die schwarzen Roben bewegten sich sanft um ihre zierliche Gestalt, als sie sich auf das Zentrum des Doms zu bewegte und die Kuppel über ihr betrachtete. Das Bild verschwamm vor Regins Augen, und er wandte sich hastig mit starrer Mine ab. Als die Tür hinter ihm zufiel, erklang das Klicken als endgültiger Laut in der Abenddämmerung.


Sonea starrte gedankenverloren hinauf zur Kuppel des Doms. Vor vielen Jahrzehnten war sie das letzte Mal hier gewesen, als sie sich zusammen mit Lord Yikmo, ihrem Privatlehrer in den Kriegskünsten, auf den offiziellen Kampf mit Regin vorbereitet hatte. Damals hatte der Hohe Lord Akkarin das Schutzschild, welches den Dom umgab, mit seiner eigenen Energie gestärkt, um ihr das Training dort zu ermöglichen.

Als sie an Akkarin dachte, krampfte sich Soneas Herz schmerzhaft zusammen und ein Ausdruck zwischen Schmerz, Bitterkeit und unendlicher Trauer verzerrte ihre Mine. Sie dachte an all ihre gemeinsamen Momente zurück und wie sich ihre Einstellung zu ihm im Lauf der Jahre verändert hatte. Am Anfang war sie ihm erst mit Angst und dann mit Ablehnung und Hass begegnet. Erst viel später, als sie die Beweggründe für sein Tun erfahren hatte, hatte sie ihm Verständnis entgegen gebracht, was sich dann sogar in einem sehr kurzen Zeitraum erst in freundschaftliche Zuneigung und schließlich in Liebe verwandelt hatte. Die Entdeckung, dass sie beide das gleiche für einander empfanden, stand ihr so lebhaft vor Augen, als wäre es erst wenige Stunden her gewesen. An jenem Tag hatte sie ihre Unschuld verloren, und sie hatte es keine Sekunde lang bereut.

Die Erinnerungen an all die Zärtlichkeiten, die sie ausgetauscht hatten, fügten Sonea schon fast körperliche Schmerzen zu. Sie hielt mit der einen Hand ihre schwarzen Magierroben über ihrem Herzen krampfhaft umklammert, während die andere sich um ihre Taille geschlungen hatte, als würde sie frieren. Tatsächlich zitterte sie am ganzen Körper, jedoch nicht vor Kälte. Sie wurde von unkontrollierbaren Weinkrämpfen geschüttelt und stumme Tränen rannen ihr unaufhaltsam über die Wangen. Das Weinen zerrte an ihrer wenigen, noch verbliebenen Kraft und schließlich ließ sich Sonea mit hilflosem Schluchzen auf die Knie nieder, als sie nicht mehr die Kraft hatte, zu stehen.

In den Tagen und Wochen nach Akkarins Tod, hatte sie nicht mehr gewusst, warum sie eigentlich weiter leben sollte. Sie hatte ihren Traum, ihr Lebensziel, aus den Augen verloren. Stunden- und Tagelang hatte sie sich in ihrem Bett in Rothens Quartier verkrochen und sich nichts sehnlicher gewünscht, als es Akkarin gleichzutun und ihm zu folgen.

Doch nach fast zwei Wochen waren die höheren Magier der Gilde allesamt zu ihr gekommen und hatten mit ihr geredet und ihr schließlich auch wieder ihren ursprünglichen Traum in Erinnerung gerufen. Sie hatten ihr die Möglichkeit offenbart, ihren Traum zu verwirklichen und den Menschen in ganz Imardin zu helfen. Von da an hatte sie wieder ein wenig Lebensmut geschöpft.

In wenigen Wochen war in den Hüttenvierteln ein kleines Hospital gebaut und ausgestattet worden und es hatten sich ihr einige Heiler der Gilde angeschlossen, um die Menschen dort medizinisch zu betreuen. Auch sonst war in den Wochen nach dem Kampf gegen Kariko und die restlichen Ichani viel geschehen. Die frei gewordenen Posten in der Gilde wurden allesamt neu besetzt. Lord Osen wurde zum Administrator ernannt, Lord Balkan nahm den Titel des Hohen Lords an und Rothen wurde zum neuen Oberhaupt der Alchemisten erwählt. Die zerstörten Teile Imardins wurden mühsam wieder aufgebaut und neu bewohnt. Die geflohenen Bürger kehrten in einem steten Strom in die Stadt zurück und das alte Leben kehrte in die Straßen zurück.

Als dann Soneas Schwangerschaft bekannt wurde, wurde ihr von allen Seiten gratuliert und Unterstützung angeboten, doch was sie von allem am meisten gefreut hatte, war die Anwesenheit ihrer Familie, die für die Zeit der Schwangerschaft bei ihr eingezogen war. Dadurch hatte sie endlich wieder zur Gänze zurück ins Leben gefunden und sich voller Hingabe ihrem Sohn und ihren Aufgaben als Heilerin gewidmet. In den folgenden Jahren war sie schließlich unter der Aufsicht von Dorrien und Lady Vinara zu einer voll ausgebildeten Heilerin geworden.

Bei ihrem Sohn Akkarin wurde dann schon ziemlich früh ein sehr starkes magisches Potenzial entdeckt, woraufhin er schon im frühen Alter in der Gilde aufgenommen und ausgebildet wurde. Er entschied sich allerdings für den Weg des Kriegers und wurde schon im ersten Jahr zu Lord Regins Novizen, welcher nach seinem Abschluss zum Oberhaupt der Krieger ernannt worden war.

So schien der Lauf der Dinge in jeder Hinsicht eine glückliche Wendung zu nehmen. Doch als die Jahrzehnte ins Land zogen, starben Soneas vertraute Personen einer nach dem anderen, bis nur noch Regin übrig war. Wider erwarten, hatte sie sich mit ihm in den Jahren nach dem Kampf eng angefreundet. Doch er allein vermöchte es nicht, sie von ihren düsteren Gedanken abzulenken, welche sie seit Jahrzehnten zu verdrängt versuchte. Je einsamer sie wurde, desto öfter kamen die Erinnerungen an Akkarin an die Oberfläche ihres Bewusstseins und mit ihnen auch der Schmerz und die Trauer. Nach außen hin ließ sie sich nichts anmerken, doch in ihrem Inneren bohrten sich diese Gefühle immer weiter und schienen sie Stück für Stück zu verzehren.

Besondern in den letzten Jahren war sie innerlich nur noch ein nervliches Wrack gewesen, doch hatte sie es trotzdem irgendwie geschafft, den äußeren Schein zu wahren. Es hatte sie sehr viel Kraft gekostet, wodurch sie in den letzten Jahren auch schnell gealtert war. Als sie nun auf dem Sand inmitten des verlassenen Doms saß, konnte sie zum ersten Mal ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Die freundliche, lebensfrohe Maske, welche sie Tag für Tag den Menschen um sie herum gezeigt hatte, war nun zur Gänze von ihr abgefallen.

Als Sonea ein nervöses Flackern ihrer Energie wahrnahm, breitete sich in ihr eine seltsame Ruhe aus. Ihr Schluchzen war verstummt und ihr Körper hatte langsam aufgehört zu zittern. Ihre Wangen waren jedoch tränennass, und noch immer flossen immer weitere Tränen über ihr Gesicht. Langsam hob Sonea wieder ihren Kopf und blickte zur Kuppel über ihr auf. Ihre Augen waren erschreckend leer und emotionslos – das Spiegelbild einer gebrochenen Seele.

Als sie schließlich spürte, wie ihre Kontrolle erst gefährlich schwankte und dann mit einem mal zerbrach, schloss Sonea mit müdem Gesichtsausdruck ihre Augen und verschwand im selben Moment in einer gleißend hellen Energiekugel. Die freigesetzten Kräfte ließen für einige wenige Sekunden kräftige Winde innerhalb des Doms entstehen, welche den Sand aufpeitschten und ihn wellenartig um Sonea herumwirbeln ließ. Als sich der Sandsturm kurz darauf wieder legte, war die Lichtkugel samt Sonea verschwunden.


TBC