03. Zwischen Leben und Tod


Als Sonea ihre Augen öffnete, war sie von blendend weißem Licht umgeben. Verwirrt blickte sie sich mit zusammengekniffenen Augen um, doch nirgends war etwas anderes als Licht zu erkennen. Irgendetwas stimmte hier nicht. Sie konnte es spüren.

Sie versuchte sich zu bewegen, doch als keine Reaktion ihres Körpers folgte, stieg schleichende Beunruhigung in ihr auf. Leicht benommen blickte sie an sich herab und sah… nichts! Ihr Körper war verschwunden und sie schien gänzlich aus Licht zu bestehen. Ihre Beunruhigung wuchs innerhalb eines Augenblicks explosionsartig zu grenzenloser Panik an. Ihre Sinne wurden von ungezügelter Angst überschwemmt, welche in Form einer schon fast greifbaren Übelkeit in jeden Winkel ihres Bewusstseins drang. Doch bevor sie endgültig in dem wilden Ozean ihrer Panik- und Angstgefühle ertränkt werden konnte, zwang sie sich, klar zu denken. Sie blendete das Gesehene aus ihrem Geist aus und konzentrierte sich ganz darauf, ihr Gefühlschaos auf ein normales Maß zu reduzieren. Nach langem, bewusst konzentriertem Ein- und Ausatmen, hatte sie sich schließlich so weit im Griff, dass sie ihre Situation mittels logischem Denken analysieren konnte.

Sie war kurz zuvor noch inmitten des Doms gewesen und hatte die seltsam pulsierenden Schwankungen ihrer Energie deutlicher gespürt als je zuvor. In jenem Augenblick hatte sie gewusst, dass sie das Ende ihrer Zeit erreicht hatte und hatte fast schon mit Erleichterung die Augen geschlossen. Sie hatte noch gespürt wie sich ihre Magie innerhalb eines Augenblicks in ihrem gesamten Körper und Geist ausgedehnt und diese schließlich auch umschlossen hatte. Dies ließ nur einen einzigen logischen Schluss zu. Sie war von ihrer Kraft verzehrt worden. Sie war tot.

Als Sonea mit dieser Erkenntnis ihre Sinne wieder auf ihre Umgebung konzentrierte, hatten sich ihre Angst und Panik in forschende Neugier umgewandelt. War dies also das Leben nach dem Tod? Sie konnte zwar nicht benennen, was sie eigentlich erwartet hatte, doch ihre jetzige Situation hatte nicht zu ihren Vorstellungen gehört.

Da sie ja offensichtlich körperlos war, versuchte sie nun ihre Sinneswahrnehmungen, die ihr seltsamerweise auch ohne Körper geblieben waren, auf das sie umgebende weiße Licht zu lenken. Als sie plötzlich die Erkenntnis traf, fluteten eine Mischung aus Verwirrung und Erstaunen ihre Gedanken. Es war kein Licht, sondern Magie in ihrer reinsten Form. Und nicht irgendeine Magie, sonder ihre eigene! Sie war von ihrer eigenen magischen Energie umschlossen!

Wenn es sich tatsächlich so verhielt wie sie vermutete, wovon sie selbst jedoch noch nicht ganz überzeugt war, dann müsste sie ihre Magie theoretisch auch beeinflussen und formen können, da der Umgang mit Magie stets eine geistige Herausforderung gewesen war und der Körper nicht dafür gebraucht wurde. Mit gespannter Erregung befahl sie ihrer Magie, sich wieder in den Raum in ihrer inneren Gedankenwelt zurückzuziehen und bemerkte sofort eine Veränderung als sich ihre Magie ihrem Befehl beugte.

Das strahlend helle Leuchten hatte sich in eine sanft leuchtende, halb durchsichtige, rauchartige Konsistenz verändert und füllte nun die Konturen ihres ehemaligen Körpers, doch das war Sonea gänzlich entgangen, da ihr nun die Sicht auf das offenbart war, was hinter dem Licht gelegen hatte. Sprachlos starrte sie auf die Landschaft vor ihr.


Vor Sonea lag eine kleine Insel inmitten eines Meeres, dessen Dimensionen sie nicht abschätzen konnte, da ein Stück weit vom Strand der Insel das Meer rund herum hinter dichten Nebelschwaden verschwand und somit jeden Blick auf alles verwehrte, was dahinter liegen mochte. Das sichtbare Wasser jedoch schien tintenschwarz zu sein und reflektierte nur hin und wieder glitzernd das kalte, silberne Licht des Mondes, welcher noch tief am Nachthimmel stand und teilweise von den Nebelschwaden verdeckt wurde. Der Himmel selbst war wolkenlos und zeigte sich in all seiner Sternenpracht. Was Mond und Sterne hier jedoch einzigartig machte, war, dass sie um ein vielfaches näher gerückt zu sein schienen, als Sonea es aus ihrer Welt kannte. Besonders der Mond stand beeindruckend groß am Firmament, so dass man all seine Krater und Schluchten problemlos mit freiem Auge sehen konnte.

Die Landschaft der Insel vor ihr konnte sich aber durchaus mit dieser besonderen Aussicht messen. Sie war von einem Wald aus uralt wirkenden Bäumen überzogen, welche sich durch dicke, krumme Stämme mit grober, dunkler Baumrinde dem Himmel entgegen reckten. Das dunkelgrüne Blätterdach des Waldes war in ständiger, wellenartiger Bewegung und es war nichts zu hören, bis auf das endlose, leise Rascheln tausender Blätter im Wind. Wenn man genau hin hörte, schien es, als würden körperlose Stimmen leise Worte in den Wind flüstern. Worte des Schmerzes. Worte des Todes. Worte der unendlichen Trauer. Sonea liefen kalte Schauer über den Rücken.

Die einzig freie Fläche inmitten dieses Waldes war eine große Lichtung, welche von der Ruine eines Palastes eingenommen wurde, welcher eindeutig von Zerfall gezeichnet war. Der Waldboden rund um die Ruine war von einem Meer aus weißen Blumen umgeben, welche ein unheimliches, weißes Leuchten ausstrahlten und die Mauern des Palastes erhellten. Vom Palast ausgehend konnte sie zwei Pfade erkennen. Der eine verlief in die von ihr entfernte Richtung bis zum Ufer der Insel, wo sie einen kurzen Brettersteg ausmachen konnte, an dem ein langes, schmales Ruderboot lag.

Als Sonea dem zweiten Pfad mit ihren Augen folgte, sah sie, dass er sich durch den Wald genau auf sie zu schlängelte, dann in engen Schleifen den Felsvorsprung, auf dem sie stand, hinauf verlief und an ihrem Standort endete. Erst als sie nun ihre nähere Umgebung betrachtete, bemerkte sie, dass sie innerhalb eines großen Kreises aus schwarzen Marmorsäulen stand, welche teilweise von Efeuranken mit kleinen, weiß leuchtenden Blüten umwachsen waren. Ein ungutes Gefühl der Nervosität stieg mit zunehmender Intensität in ihr auf. Wo war sie hier nur? War diese Insel das Reich der Toten? Sonea hatte immer mehr Zweifel an diesem Gedanken.

Plötzlich vernahm Sonea ein Geräusch hinter ihr, dass das wispern der Blätter übertönte und sich wie das Flügelschlagen eines großen Vogels anhörte. Mit angespannten Gefühlen wirbelte sie herum, nur um mit einem Aufschrei mehrere Schritte rückwärts zu stolpern und schließlich unsanft auf dem grasbewachsenen Boden zu fallen. Trotz des Sturzes fühlte sie keine Schmerzen, doch das bemerkte sie gar nicht. Ihre Augen waren schreckgeweitet auf die Gestalt vor ihr gerichtet, die nun bedrohlich über ihr aufragte und ihrem Blick mit kalten, rot-orange schimmernden Reptilienaugen begegnete.


TBC