»Lola, er ist unglaublich!«

Selena hatte sich, nachdem der Wein ausgetrunken war, zurückgezogen und von Wurmschwanz auf ihr Zimmer führen lassen. Lola, ihre Elfe, hatte brav auf sie gewartet, ihr den Umhang abgenommen und ihr beim Auskleiden geholfen. Unfassbarerweise war Selena glücklich.

»Niemals habe ich einen Mann kennen gelernt, der so faszinierend, so geheimnisvoll und so schrecklich schön ist! Er ist der Eine, meine Bestimmung, mein Schicksal... Ich weiß es einfach, ich weiß es! –Kannst du das verstehen, Lola?«

»Es ist nicht Lolas Aufgabe die Herrin zu verstehen. Euer Wort ist für Lola Gesetz. Lola lebt nur um der Herrin d'Esmerald zu dienen.«, erwiderte die Hauselfe leise.

»Soll Lola Eure Haare auskämmen, bevor Ihr zu Bett geht, Herrin?«, fügte sie noch leiser hinzu.

»Ja, mach das bitte. Und flechte sie gleich noch zu einem Zopf, ich möchte morgen nicht wie ein Pudel aussehen! –Ach Lola! Ich bin so glücklich! Endlich hat meine Suche ein Ende!«

Nachdem die kleine Elfe mit ihren Haaren fertig und verschwunden war, legte sich Selena ins Bett und schlief fast augenblicklich ein. Ihre rechte Hand lag, den Schlangenstab fest umklammert, auf der Bettdecke, der silberne Ring glitzerte und glänzte im Mondlicht. Immer wenn eine vorbeiziehende Wolke den Mond verdunkelte, wirkte die Schlange lebendig, als würde sie zum Leben erwachen und sich um ihren Finger winden.

Ein zögerliches Klopfen riss Selena aus ihren Träumen. Sie rief ihre Elfe und schickte sie zur Tür, nachsehen, wer da ihren Schlaf störte. Es konnte kaum eine Stunde nach Sonnenaufgang sein, sagte ihr ein prüfender Blick zum Fenster. Dabei vernahm sie Wurmschwanz' winselnde Stimme:

»Der Dunkle Lord schickt mich. Seine Lordschaft wünscht mit Miss d'Esmerald zu Frühstücken. Ich komme in einer halben Stunde wieder und führe Eure Herrin ins Speisezimmer.«

Damit schloss sich die Tür wieder und Selena dachte bei sich ‚O nein, bitte nicht! Noch nicht!' Doch sie wusste dass sie diesem Ruf folgen musste, obgleich sie nicht gewohnt war befehligt zu werden, anstelle zu befehlen. Lola blieb vor dem Bett stehen um pflichtschuldig zu berichten, doch Selena kam ihr zuvor. Mürrisch sagte sie:

»Schon gut, ich hab ihn gehört! Ich habe eine halbe Stunde Zeit mich anzukleiden und werde dann mit dem Dunklen Lord frühstücken. Eigentlich das, wovon ich immer geträumt habe, nur nicht so früh am Morgen!«

Eine halbe Stunde später betrat sie das Speisezimmer. Sie war atemberaubend schön anzusehen. Das rückenlange, schwarze Haar offen, ihre dichten Locken perfekt in Form. Das lange schwarze Kleid mit dem weiten Rock und dem tiefen Dekolletee, saß wie angegossen. Darüber trug sie ein blutrotes Mieder, mit goldenen Ornamenten bestickt, hinten fest geschnürt von ihrer Elfe. Sie wusste, dass sie Männern den Verstand rauben konnte. Doch der bewundernde Blick des Mannes, der bei ihrem Eintreten vom Tisch aufschaute und den sie gewohnt war, blieb aus. Offenbar hatte Schönheit keine Wirkung auf Lord Voldemort.

»Habt ihr gut geschlafen, Miss d'Esmerald?«

»Bitte nennt mich Selena, Mylord. Und ja, ich habe gut geschlafen. Nur zu kurz...«

Mit Mühe unterdrückte sie ein Gähnen und fuhr fort

»Habt Ihr ebenfalls eine angenehme Nacht verbracht oder schlaft Ihr nicht, Mylord?«

Er lächelte sie über den Tisch hinweg an und antwortete

»Lord Voldemort braucht nicht viel Schlaf. Die Zeit der Träume ist vorbei und des Nachts lassen sich besser Pläne schmieden. Bedient Euch, Miss Selena. Ihr seid gewiss hungrig. Es war unhöflich von mir gestern nicht zu fragen, ob ihr bereits zu Abend gegessen habt oder noch hungrig von der Reise seid. Für dieses Versäumnis entschuldige ich mich.«

Bei diesen Worten neigte er leicht den Kopf in ihre Richtung, eine angedeutete Verbeugung, wie zum Hohn, die Selena darauf schließen ließ, dass er es keinesfalls bedauerte. Sie nickte also nur leicht, zur Kenntnisnahme seiner Entschuldigung, antwortete jedoch nicht.

»Miss d'Esmerald? Was mögt Ihr als Getränk serviert haben? Kaffee? Tee? Kürbissaft?»

Wurmschwanz war diensteifrig neben ihr aufgetaucht und vermied es tunlichst ihr in die Augen zu sehen.

»Kaffee, schwarz, er darf auch ruhig ein bisschen stärker sein. Ich muss erst noch richtig wach werden«

Bei ihren Worten blitzten die Augen ihres Gegenübers belustigt auf und er sagte, diesmal auf Parsel:

»Ihr seid eine bemerkenswerte junge Frau, Selena. Es ist angenehm mit einem Menschen zu verkehren, der keine Furcht vor mir zu haben scheint... Doch sagt mir, was wäre gewesen, wenn ich Euch gleich nach Eurem Eintreten getötet hätte?«

Selena blickte unbewusst kurz auf ihren Ring, bevor sie antwortete. Das Flackern in Lord Voldemorts Augen verriet ihr, dass er es ebenso bemerkt hatte. Ohne ihr Verhalten zu kommentieren sprach sie:

»Ich sagte Euch gestern bereits, ich vertraue auf mein Schicksal, Mylord. Ich denke, ich hätte mich nicht einmal gewehrt. Meine Zauberstäbe, waren bei meinem Eintreten in meinem Umhang verstaut. Wie hätte ich also kämpfen sollen? Zumal, gegen Euch? Den größten und mächtigsten schwarzen Magier aller Zeiten? Ich bin zwar eine fähige Hexe, dennoch schätze ich meine Chancen eher als sehr gering ein. Ich hätte mich wohl meinem Schicksal ergeben, wenn ich mich geirrt hätte und es meine Bestimmung war, auf der Stelle von Euch getötet zu werden.«

Er nickte kurz und fuhr fort, währenddessen servierte ihr Wurmschwanz den Kaffee, der schön heiß war und genauso stark, wie sie ihn mochte.

»Und was hat es dann also auf sich mit den Worten Eurer Prophezeiung ‚die den Tod besiegen suchten'? Es heißt doch ‚die' und nicht ‚der den Tod besiegen suchte'. Sucht ihr nach dem Weg zur Unsterblichkeit, Selena?«

Sie blickte wieder auf ihren Ring und im nächsten Moment hätte sie sich für ihre Bewegung ohrfeigen können. Der Blick des Dunklen Lords blieb nämlich genau auf ihrem Ringfinger haften.

»Darf ich ihn mir für einen kurzen Moment ausleihen, Selena?«, fragte er mit einem Nicken in Richtung ihrer Hand.

»Natürlich, Mylord.« Und an ihren Ring gewandt sagte sie immer noch auf Parsel: »Geh zum Dunklen Lord, mein Schatz«

Der Ring geriet sofort in Bewegung. Die kleine silberne Schlange schlängelte sich von ihrem Finger, kroch über den Tisch, direkt in die ausgestreckte Hand von Lord Voldemort. Er beobachtete eine Weile, wie sie sich in seiner Handfläche wand, schloss sie dann in seiner Faust ein und blickte Selena einen Moment später tief in die Augen. Ein breites Lächeln im schlangengleichen Gesicht.

»Ein Horkrux? Dieser Ring ist Euer Anker an das Leben?«

Bei seinen Worten wurde Selena kreidebleich. Noch nie hatte dies jemand bemerkt, der den Ring nur in seiner Hand hielt. Doch dieser Mann war ja auch nicht irgendjemand. Dieser Mann war Lord Voldemort. Nur zu verständlich, dass er sich mit diesen dunkelsten Geheimnissen der Magie auskannte, von denen kaum ein Zauberer auch nur etwas ahnte. ‚Nun gut,' dachte sie ‚Dein Geheimnis ist also gelüftet, musste ja irgendwann so kommen.' Und mit diesem Gedanken entspannte sie sich und gewann wieder etwas an Farbe. Als sie sich wieder gefasst hatte fuhr der Dunkle Lord fort:

»Findet ihr es nicht töricht, den Ring immer am Finger bei Euch zu tragen? Die Bücher schreiben doch davon, wie stark man den Schutz des Seelenfragmentes machen sollte, damit es nicht versehentlich zerstört wird.«

»Und wie sollte es mir dann Eurer Meinung nach helfen, falls ich tatsächlich getötet würde, Mylord? Weit weg und unter starkem magischen Schutz? Abgesehen mal davon, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, das ein Gegner, der nichts von dem Horkrux an meinem Finger weiß, mich mit etwas angreift, dass mich und den Horkrux gleichzeitig zerstört? Gleich null, schätze ich.«

»Da mögt ihr Recht haben, Selena, auch wenn mir die eine oder andere Möglichkeit einfiele... Dämonsfeuer zum Beispiel.«

»Wie viele Zauberer wagen es, Dämonsfeuer zu benutzen, Mylord? Es ist zu gefährlich, auch für den Erzeuger...« An ihren Ring gewandt fügte sie hinzu »Komm zurück, mein Schatz!«, und die kleine Schlange gehorchte erneut und erstarrte an ihrem Finger, als hätte sie sich nie bewegt. Selena bemerkte, dass der Dunkle Lord den Ring immer noch beobachtete und sprach

»Dieser Ring hat noch eine weitere Bedeutung für mich. Eigentlich zwei... Er war einst der Verlobungs- und Ehering von Selena Slytherin, ist also ein uraltes Familienerbstück. Ich habe ihn von meiner Urgroßmutter, der letzten in meiner Familie, die vor mir noch Parsel beherrschte. Ich war erst 4 Jahre alt, als sie starb, erinnere mich also kaum an sie. Ich weiß aber noch, dass alle Frauen in meiner Familie, meine Großmutter, Mutter und meine Schwester, hofften den Ring zu erben, aber es kam anders... Die ganze Familie war an ihrem Bett versammelt, als sie starb. Ich spielte auf dem Fußboden neben dem Bett, glaube ich. Jedenfalls geriet der Ring im Moment ihres Todes in Bewegung und schlängelte sich direkt auf mich zu und kam erst an meinem Finger zum Stillstand. Meine Schwester war rasend eifersüchtig, dass der Ring mich erwählt hatte und nicht sie. Angelique versuchte oft ihn mir zu stehlen, aber sobald ich auf Parsel sagte: ‚Komm zurück' gehorchte er mir und sie hatte keine Chance ihn zu halten.«

Bei der Erinnerung an diese Begebenheiten schlich sich ein schelmisches Lächeln auf ihr Gesicht.

»Und der zweite Grund, Selena? Ihr sagtet der Ring hätte zwei Bedeutungen für Euch...«

»Nun ja, es ist nur so eine Geschichte, die mir meine Mutter erzählte, als ich sie fragte, warum die kleine Schlange sich bewegen könne... Ich weiß nicht ob sie stimmt, ich habe nie auch nur die Spur eines Beweises dafür gefunden. Jedenfalls erzählte sie mir der Ring könne sich bewegen, weil er erkennen könne welcher Mann für die Trägerin bestimmt ist. Bei der ersten Berührung der Hände, soll er sich um die Finger beider winden und sie somit vereinen. Soweit ich weiß ist dies seit Jahrhunderten nicht geschehen, vielleicht seit Selena Slytherin nicht mehr, auf die diese Geschichte zurückgeht. In unserer Familie wurde ja auch selten aus Liebe geheiratet. Die Töchter wurden meist, der Blutlinie wegen, zwangsverheiratet.«

»Aber ihr hofft, dass der Ring Euch den Richtigen erkennen lässt?«

»Genau, ich weiß selbst dass dies albern ist. Vielleicht hat es bei meiner Vorfahrin funktioniert, weil ihr Verlobter den Ring so behext hat und ihr diese Geschichte nur eingebläut, obwohl er wusste, dass es nur bei ihm klappen konnte. Ich weiß es nicht und werde es wohl auch nie herausfinden.«

Der Dunkle Lord überlegte einen Moment, streckte seine linke Hand aus und sprach:

»Wenn Eure Vermutung über die Prophezeiung stimmt, so müsste ich der Richtige für Euch sein, nicht wahr, Selena? Gebt mir Eure Hand, dann werdet ihr es gleich wissen...«

Erschrocken und zögernd ergriff Selena die Hand Lord Voldemorts und hakte ihre Finger zwischen die seinen. Er schloss seine Finger ebenso. ‚Es sieht aus, als ob ich mit dem Dunklen Lord Händchenhalte' dachte sie belustigt, doch ihr Lächeln erstarb plötzlich, als sie die Bewegung an ihrem Finger spürte. Erschrocken blickte sie in seine Augen und auch er wirkte erstaunt. Gleichzeitig senkten sie den Blick auf ihre verschränkten Hände und sahen wie die kleine Schlange, scheinbar glücklich, sich wand, und schließlich, wie eine enge Schraubzwinge um ihre beiden Ringfinger gelegt, zum Stillstand kam.

»D...d...das kann nicht sein«, stotterte sie. In ihrer Aufregung vergaß sie sogar Parsel zu sprechen. »Das ist unmöglich... es ist doch nur eine Geschichte... ein Märchen! Wie...?«

»Wie es aussieht, haben wir uns beide geirrt, Selena. Ihr Euch mit Eurer Geschichte und ich mich, als ich an Eurer Prophezeiung zweifelte...«

»Ich hätte nie geglaubt, dass dies passieren würde... Es tut mir Leid, Mylord. Ich... ich... ich wollte nicht, das so etwas passiert... Bitte vergebt mir, Mylord.«

Betroffen senkte sie den Kopf. Auch wenn sie von der Prophezeiung wusste, hatte sie nie wirklich geglaubt, dass sie sich erfüllen könnte. Doch dies... änderte alles.

»Sieh mich an, kleine Selena.«

Widerstrebend hob sie den Blick und schaute in seine Augen. Der weiche Ton in seiner Stimme, den sie nie für möglich gehalten hätte, ließ sie gehorchen.

»Ich weiß, dass Du dies nicht beabsichtigt hast, ich ebenso wenig. Es ist nun einmal passiert. Na und? Es kann bedeuten, dass ich für Dich bestimmt bin, aber bedeutet es auch, dass Du für mich bestimmt bist? Wir sollten uns lieber Gedanken darum machen, wie wir wieder voneinander loskommen, meinst du nicht?«

»Ja Mylord. Komm zurück an meine Hand, kleiner Schatz! Nur an meine!«

Damit öffnete sie ihre Finger und der Zauber des Momentes brach, die Schlange kam zurück an ihren Finger und ward still.

»Lasst uns frühstücken, Miss Selena, bevor es noch kälter wird.«

Schweigend und eigenen Gedanken nachhängend, aßen sie.

»Würdet ihr mich auf einen Spaziergang begleiten, Selena?«, fragte der Dunkle Lord, nachdem Wurmschwanz das Frühstücksgeschirr abgeräumt hatte.

»Natürlich, Mylord, ich hole nur noch schnell meinen Umhang.«

Normalerweise hätte sich Selena den Umhang von ihrer treuen Hauselfe bringen lassen, aber sie wollte allein sein, wenigstens einen Moment. Sie hatte zwar kurz gezögert, als sie seine Hand ergriff, aber, dass tatsächlich geschehen könnte, was sie gehofft und gleichzeitig gefürchtet hatte, daran hatte sie nie wirklich geglaubt! Es war einfach unmöglich, es musste ein böser Traum sein, dachte sie, während sie die Treppen hinauf in ihr Schlafgemach stieg.

Dort angekommen, ließ sie sich zunächst auf ihr Bett fallen und starrte zur Decke empor. Erst die piepsige Stimme Lolas riss sie aus ihren Gedanken. Sie setzte sich auf und sah das Geschöpf zu ihren Füßen stumm an.

»Herrin? Ist Euch nicht wohl? Soll Lola Euch etwas bringen?«

»Nein, Lola, ist schon gut. Ich wollte nur einen Moment allein sein. Gib mir meinen Umhang, ich werde einen Spaziergang machen.«

Beflissen reichte die Elfe der jungen Hexe ihren Umhang. Selena warf ihn über ihre Schultern und sah sich prüfend im angelaufenen Spiegel des alten Waschtisches an. ‚Ich bin schön' dachte sie verzweifelt ‚aber der Mann, den ich begehre, wird mich niemals wollen, die Prophezeiung wird sich niemals erfüllen...'

Erst in diesem Moment wurde ihr klar, dass sie den Dunklen Lord wirklich wollte. Sie hatte immer geglaubt, wenn sie den Mann aus der Prophezeiung traf, würde sie ihn verabscheuen. Sich widerstrebend von ihm schwängern lassen, um die Prophezeiung zu erfüllen und den ‚Einen' zu gebären ‚der die Welten verbinden' wird. Was bedeutete dieser Schwachsinn überhaupt? -Von wegen die ‚Welten verbinden'? Welche Welten?

Sie hatte schon einige Männer in ihrem Leben gehabt, aus verschiedenen Gründen, hatte Selena sie ausgenutzt. Muggel, wie Zauberer, ohne Ansehen des Blutes. Die meisten ihrer verflossenen Liebhaber waren auch durch ihre Hand gestorben, nur so zum Spaß und weil sie es konnte... Aber jetzt?... Irgendetwas war anders...Diese Gefühle waren auch ihr neu, oder war es nur wieder dieses Begehren und Aufflackern der Leidenschaft, das am Anfang jeder ihrer Liebschaften stand und das ebenso schnell kam, wie ging? Sie wusste es nicht und das machte ihr Angst.

Selena riss sich aus ihren Gedanken und steckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus... Das war doch albern! Was kommt, das kommt und es ist sinnlos sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die erst noch geschehen mussten um wirklich relevant zu sein.

Mit diesem Gedanken stieg sie die Treppe hinunter und sah den Dunklen Lord bereits an der Haustür auf sie warten.

Unten angekommen, machte sie einen höflichen Knicks und sagte keck, um ihre Unsicherheit zu vertuschen:

»Verzeiht einer Frau ihre Eitelkeit, Mylord. Ich konnte mich nicht entscheiden, welchen Umhang ich tragen sollte, wenn ich mich mit Eurer Lordschaft in der Öffentlichkeit zeige.«

»Er scheint mir trefflich gewählt«, antwortete dieser mit einer spöttischen Verbeugung und wies sie somit durch die von Wurmschwanz geöffnete Tür. Selena schritt an beiden Männern vorbei und atmete die frische, klare Morgenluft ein.

»Ihr seid ein wahrer Gentleman, Mylord, einer Frau den Vortritt zu lassen...«, sagte sie, als sich die Tür hinter ihnen schloss.

Er nickte nur kurz und Selena deutete dies als ‚gewöhnt Euch nicht zu sehr daran, der Vortritt gebührt eigentlich mir'

Forschen Schrittes gingen sie den Gartenpfad entlang, auf dem sich bereits Brombeerranken auszubreiten begannen, durch das schmiedeeiserne Gartentor, die gewundene Strasse entlang, bis zum alten Friedhof. Es musste wirklich noch sehr früh am Morgen sein, sie trafen keine Menschenseele. Lord Voldemort führte Selena zielgerichtet bis zum Grab Tom Riddles, blieb stehen und sagte, sich umdrehend, auf Parsel:

»Hier hat Euch Nagini gestern Abend also gefunden?«

»Ja, Mylord«, antwortete Selena verwirrt.

»Sie wollte Euch eigentlich angreifen und als Abendessen verspeisen, wusstet ihr das?«

»Ja, sie sagte es mir auf dem Weg zu Eurem Haus. Hätte ich kein Parsel benutzt, so hätte sie mich sicher getötet.«

»Da habt Ihr Recht... Ihr habt mich heute Nacht ziemlich erschreckt, kleine Selena Morgaine d'Esmerald. Ihr wusstet mehr über mich, als ich für möglich gehalten hätte... Nur sehr wenige noch lebende Zauberer kennen meinen Geburtsnamen.«

Selena hielt den Atem an, sie wusste, nun würde sich ihre Vermutung entweder bestätigen oder auch nicht, als er verächtlich hinzufügte:

»Tom Marvolo Riddle«

Sie atmete hörbar aus und dachte bei sich ‚ich wusste es'. Der Dunkle Lord blickte von ihr zum Grabstein seines Vaters und fuhr fort

»Ich weiß nicht wie Ihr von ihm", er nickte in Richtung Grab »erfahren habt, Schließlich musste einst auch ich enttäuscht feststellen, dass er nur ein wertloser Muggel ist und ich, Lord Voldemort, der Erbe des großen Salazar Slytherins, ein Halbblut, Sohn einer reinblütigen Hexe und dieses Abschaums hier, bin. Ich habe ihn und seine Eltern getötet, als ich sechzehn Jahre alt war. Er hatte meine Mutter verlassen, als sie mit mir schwanger war. Sie starb kurz nach meiner Geburt und ich wuchs in einem Muggelwaisenhaus auf. Könnt ihr das glauben, kleine Selena? Lord Voldemort Sohn eines Muggels und unter Muggeln aufgewachsen?«

Bei seinen letzten Worten richtete er seinen Zauberstab auf das Grabmahl, ein grüner Blitz löste sich daraus und der Stein zerfiel in einer Dunstwolke zu Staub. In der sich senkenden Staubwolke meinte Selena einen leisen Schrei zu hören, war sich aber nicht sicher.

Als sich der Staub gelegt hatte, stand Lord Voldemort noch an derselben Stelle, wo Selena ihn zuletzt gesehen hatte, ein paar Schritte von ihr entfernt. Sie ging langsam, auf ihn zu und legte ihre Hand auf seine Schulter. Sie spürte deutlich seine Verzweiflung, diese Schmach musste ihn verfolgen. Sie, seit Ewigkeiten reinblütig, konnte, wollte sich gar nicht vorstellen, wie es wäre, solch einen Vater zu haben. Sie hatte zwar schon mit Muggeln geschlafen, doch immer aufgepasst, nicht schwanger zu werden. Diese Schande wollte sie sich, ihrer Familie und, vor allem, ihren Kindern ersparen.

»Ich weiß noch nicht einmal warum ich Euch dies alles erzähle, kleine Selena. Ich hatte heute nach dem Frühstück einfach das Bedürfnis, mit Euch hierher zu gehen, Euch meine Geschichte zu erzählen und dieses verfluchte Grab zu zerstören!«

Selena stellte sich vor ihm hin, griff in seinen Nacken und nahm ihn mit sanfter Gewalt in ihre Arme. Er wehrte sich nicht, als sie sprach.

»Psst, Ihr braucht Euch nicht zu rechtfertigen, Mylord, es ist lange her und Ihr habt seither hundert- ja tausendfach bewiesen, was ihr von solchem Abschaum haltet. Auch ich musste unter Muggeln aufwachsen, Mylord! Neun lange Jahre, bis ich endlich volljährig wurde und über mein Vermögen verfügen konnte. Neun lange Jahre bis ich in mein Elternhaus zurückkehren durfte. Neun lange Jahre, bis ich meine Rache bekam und ihre Leichen endlich vor mir auf dem Boden lagen. Sie wollten mich umerziehen, aber eine d'Esmerald wird nicht zum Muggelfreund! Niemals! Genauso wenig wie ihr, egal welcher Abstammung ihr seid.«

Daraufhin löste er sich aus ihrer Umarmung, wirkte aber etwas verlegen.

»Verzeiht meine Schwäche, kleine Selena. Ich weiß auch nicht was mit mir los ist. Vielleicht eine sentimentale Nachwirkung, des Zaubers, den ihr beim Frühstück vorhin sicherlich auch gespürt habt.«

Oh ja, das hatte sie... mehr als deutlich.

»Gewiss, Mylord. Doch wie Ihr vorhin bereits bemerkt habt, hat es keinerlei Bedeutung für uns.« ,Oder doch?', fügte sie in Gedanken hinzu und beim Blick in seine scharlachroten Augen wusste sie, dass er genau dasselbe dachte, wie sie.

Langsam und schweigend kehrten sie zum alten Riddlehaus zurück, wo Selena sich von ihm trennte und mehr oder weniger auf ihr Zimmer floh. Sie wollte allein sein. Allein mit ihren Gedanken... Selbst ihre Elfe schickte sie fort, als sie das Zimmer betrat und das kleine Geschöpf diensteifrig auf sie zukam. Noch in ihren Umhang gehüllt ließ sie sich auf das Bett fallen und begann zu weinen, auch wenn sie selbst nicht genau wusste warum.

Nach einer Weile klopfte es an der Tür und als Selena einfiel, dass sie Lola weggeschickt hatte und diese folglich nicht im Zimmer war, stand sie auf und ging selbst nachsehen, wer sie da in ihrem Elend störte. In den Spiegel wollte sie gar nicht schauen, sie wusste, dass sie schrecklich aussehen musste, aber es half ja nichts. Auf die Gesellschaft ihrer Elfe hatte sie irgendwie keine Lust.

»Wer da?« fragte sie durch das geschlossene Türblatt und war erschrocken, wie heiser sie klang. Sie rechnete fest damit, nun Wurmschwanz' pfeifende Stimme zu hören die ihr sagte dass das Mittagessen fertig sei oder ähnlichen Blödsinn. Sie hatte ohnehin keinen Hunger.

Doch eine andere Stimme antwortete ihr, die des Dunklen Lords.

»Darf ich eintreten, kleine Selena?«

»Gewiss, Mylord.«, sagte sie, griff sich kurz an die Wangen um ihre Tränen fortzuwischen drehte den Schlüssel und öffnete die Tür.