Kapitel II

Ich stand vor meiner Haustür, holte den Schlüssel aus der Tasche und wusste schon jetzt wie mein Tag verlaufen würde. Einsam und verlassen, wie all die anderen Tage in letzter Zeit.

Als ich die Tür aufschloss hörte ich Schritte hinter mir. Sylar!

Ruckartig drehte ich mich um, bereit zuzuschlagen, wenn es nötig war. Nein falsch. Nicht nötig war! Es ist nötig! Ich verabscheute nichts mehr in meinem Leben als ihn. Den Mörder meines Vaters. Ich werde nicht eher ruhen, bis ich ihn tot vor mir sehe. Wirklich tot. Dieser Gedanke machte mir selbst ein wenig Angst, aber dieses Monster hatte es nicht verdient weiter auf dieser Welt zu existieren.

Doch all diese Gedanken verschwanden sofort als ich Sie vor mir stehen sah. Gretchen.

„Hey! Ich habe dich gerade noch gesehen als du in die Seitenstraße liefst und habe dich gerufen, aber scheinbar nicht laut genug." Sagte sie mit ihrem wunderschönen Lächeln. „Ähm, ja. Ich war in Gedanken und der Straßenlärm" sagte ich verlegen und entschuldigend. „Ach kein Problem." Sie lächelte. „Ich dachte mir, falls du Lust hast und noch nichts geplant hast, dann könnten wir ja noch etwas Zeit verbringen. Habe noch keine Aufgaben bekommen und den Stoff nachzuholen, na ja, da habe ich heut ehrlich gesagt nicht so Lust drauf."

Ich war verwirrt. Verfolgt sie mich etwa? Ist sie vielleicht sogar Sylar? Es schien auf den ersten Blick alles normal. Doch was in dieser Welt war schon normal? Es war wieder einer seiner Tricks. „Sylar!" sagte ich und schaute sie oder wohl eher ihn eindringlich in die Augen, bereit zum Schlag. Geschockt schaute „Gretchen" mich an. „Sai-was?" antwortete mein Gegenüber und schien ahnungslos. Wirklich ahnungslos und auf eine gewisse Art verletzt. Ich wusste nicht was ich tun sollte, was wenn sie wirklich nur „Gretchen" war, wie sie sich mir vorgestellt hat und ich überfalle sie mit meinen Gedanken – darauf könnte man dann wohl keine Freundschaft mehr aufbauen! Schnell überlegte ich meine nächsten Schritte und versuchte schlauer aus ihr zu werden. „Warum verfolgst du mich?" Ich schaute sie musternd an. „Oh Entschuldigung" sagte sie verlegen. „Es ist nicht so das ich dich stalke" Sie lachte. „Nur du bist die einzige die heut mit mir gesprochen hat und du scheinst wirklich nett zu sein und vor allem interessant und ich dachte – nun ja das wir uns vielleicht besser kennenlernen könnten." Sie wurde leicht rot, war es ihr unangenehm mit mir zu sprechen?

„Interessant? Ich wüsste nicht was an mir interessant sein soll." Ich wollte mich gerade umdrehen um in meine Wohnung zu gehen, als sie mich am Arm festhielt, jedoch sofort losließ als ich sie anschaute. „Ich äh, tut mir leid, dann habe ich mich wohl geirrt." Traurig schaute sie auf den Boden. Ich war mir nicht sicher wie ich mit ihr umgehen sollte. Ich mochte sie auf eine gewisse Art und Weise, wie man einen Fremden sympathisch findet, doch es war irgendwie anders, ja sogar neu. „Ist schon ok, ich habe in letzter Zeit selten Besuch, also bin ich auch nicht wirklich darauf vorbereitet. Ich könnte dir natürlich auch etwas die Gegend zeigen."

„Sehr gerne" sagte Gretchen und lächelte wieder. Ich entschuldigte mich für eine Minute und schaffte schnell meine Sachen in die Wohnung. „Ok dann lass uns losgehen." ich versuchte zu lächeln.

Wir gingen eine Weile und unterhielten uns. Gleiche typische Themen um jemanden kennenzulernen, dennoch nicht langweilig und uninteressant wie es bei vielen anderen ist. Ich hörte ihr aufmerksam zu als sie mir von ihrem 12. Geburtstag erzählte. Sie war verliebt, doch nannte mir nicht den Namen oder sonstige Details. Das einzige was ich von ihr erfuhr, waren all die Peinlichkeiten die ihr an diesem Abend passierten, wodurch sie sich ihre Kinderliebe vergraulte. Es machte Spaß ihr zuzuhören. Ich fragte mich warum es mich nicht langweilte, Geschichten von anderen zu hören, die ich noch nicht einmal kannte.

Nach einer guten Stunde hatten wir eine Runde gedreht und erreichten die Straße in der ich wohnte. Es war schwer sich mit ihr zu unterhalten, wenn sie mir Fragen stellte. Vieles aus meiner letzten Zeit konnte ich ihr einfach nicht verraten und es war nicht leicht sofort eine passende Aussage parat zu haben. Ich wünschte es wäre normal eine Fähigkeit zu besitzen ohne sämtliche Blicke auf sich zu ziehen.

Als wir nun endlich meine Wohnung erreichten, hielten wir inne. Für einen kurzen Moment sagte keiner was. Gretchen unterbrach das Schweigen „Ok ich glaube ich sollte dann mal zurück gehen und mich für morgen vorbereiten. Es hat Spaß gemacht mit dir. Ebenso tut es gut schon einmal jemanden zu kennen." Ihre Augen schimmerten als sie zu mir sprach.

„Ebenfalls, schön dich kennengelernt zu haben" Oh Claire bessere Worte fallen dir im Moment nicht ein? - das ist ja fast schon peinlich! „Wir sehen uns bestimmt morgen wieder!"

Gretchen schaute mich mit einer Vorfreude an, die man sonst nur bei Kindern sah, die sich auf ein Geschenk freuten. „Oh das wäre super, wenn du willst kann ich dir auch meine Handynummer geben" Das geht aber ganz schön schnell, aber was soll's. Wenn sie wirklich Sylar ist, dann hätte er meine Nummer sowieso irgendwie herausbekommen. Wir tauschten unsere Nummern und sie umarmte mich zur Verabschiedung. „Ok wir sehen uns dann morgen, viel Spaß beim lernen" zwinkerte ich ihr zu. „Bis morgen, Claire!" und somit verschwand Gretchen – meine neue Freundin.

Allein in meinem Zimmer verfolgte ich die Bilder in meinem Kopf – die Bilder des heutigen Tages, in denen hauptsächlich Gretchen zu sehen war. Es war eigentlich ein schöner Tag. Sie gab mir irgendwie das Gefühl nicht allein zu seien. Plötzlich klingelte das Telefon. Ich hörte es, konnte es jedoch nicht finden. Ich kramte in meiner Tasche, in meiner Hose und fand es schließlich neben meinem Bett. Ohne zu schauen, wer überhaupt anrief, nahm ich an. „Hey Claire ist alles in Ordnung bei dir? Du hast lange nichts von dir hören lassen. Ich mache mir Sorgen! Du bist so plötzlich verschwunden und auf dem Campus habe ich dich auch nicht finden können." Sagte eine fürsorgliche, männliche Stimme.

„Hallo Peter, bei mir ist alles bestens. Habe momentan viel zu lernen und vorzubereiten, dass mir einfach die Zeit fehlt. Ich hätte mich wohl zwischendurch melden sollen, tut mir leid, dass du dir meinetwegen Sorgen machst." Es fiel mir schwer ihn anzulügen, doch mit dem Bruder meines leiblichen Vaters zu sprechen, dass passte mir momentan gar nicht. Ich wollte generell derzeitig nicht darüber sprechen. Mit niemanden. Auch wenn ich mit Peter über alles reden konnte und er einer der ersten wäre, zu dem ich gehen würde um über meine Gedanken zu sprechen. Jedoch brauche ich noch etwas Zeit. Zeit für mich allein. Zeit ohne jemanden, der in Verbindung zu meinem Vater stand. „Dann ist ja alles in Ordnung, aber du weißt, dass du zu mir kommen kannst, wenn du Unterstützung jeglicher Art brauchst?" – „Natürlich Peter, ich danke dir, doch es ist alles in Ordnung. Habe auch schon Anschluss gefunden und werde auch bald diese „Übergangswohnung" verlassen und mich zu den Wohnheimen am Campus bewegen. Ein paar freie Plätze scheint es noch zu geben."

Eine Sirene ertönte am anderen Ende der Leitung „Das freut mich für dich Claire, aber ich muss leider auflegen. Ein weiterer Notfall. Ich melde mich demnächst bei dir. Ruf mich an, wenn du was brauchst" – „Ok viel Glück bei deiner Tour und bis bald Pete." Kaum hatte ich mich verabschiedet, legte er auch sofort auf. Er nimmt seinen Job als Sanitäter wirklich sehr ernst und es scheint ihm gut zu tun. Vielleicht fühlt er sich auch immer noch schuldig an dem Tod seines Bruders, meinem Vater. Doch für die Taten Sylars kann er nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Er hatte ja noch nicht einmal Schuld. Doch genug davon.

Ich machte mir etwas zu essen und schaltete den Fernseher ein. Als ich aufgegessen hatte, legte ich die leere Aluschale auf den Tisch und legte mich auf das Sofa und zappte durch die Kanäle. Ich fand jedoch nichts Interessantes und mir fielen die Augen zu.