Kapitel IV
Der Wecker klingelte. Schrill und laut. Das Gute daran war jedoch der Weckton. Ich hatte mir vor gewisser Zeit einen Radiowecker zugelegt, denn durch Musik geweckt zu werden scheint mir bei weitem erträglicher als von schrecklichen Standardweckern, welche nur Rrrrrring machen oder permanent piepen. Weitaus eine bessere Alternative. Als ich auf dem Weg ins Bad war um mich wie jeden morgen zu duschen dachte ich an letzte Nacht. An meinen Traum. Vieles war verschwommen und ich konnte mich nicht mehr an jedes Detail erinnern. So etwas ist immer schade, wenn man einen wirklich tollen Traum hatte. Ich seufzte laut.
Doch diesmal war ich glücklich mich nicht an alle Einzelheiten erinnern zu müssen. Ich weiß noch genau, dass mich dieser Traum aus dem Schlaf gerissen hatte und es mir schlecht ging. Als hätten sich alle Eigenschaften aus dem Traum für einen Moment in mein reales Ich manifestiert. Und ich sah sein Gesicht. Sylar, der mich jagte. Doch ebenso erinnerte ich mich sehr genau an Sie. Ich erinnerte mich an ihre schützende Haltung, an die Wärme, die sie mir gab und diese Geborgenheit. Dieser Teil war noch klar und deutlich in meinem Gehirn vernetzt. Und ich wollte diesen Teil auch nicht missen, denn es waren schöne Erinnerungen. Erinnerungen, die ich gern von diesem Traum behielt.
Nach meiner heißen Dusche war ich wieder relativ klar im Kopf. Über den Traum dachte ich schon gar nicht mehr nach. Ich nahm wie gewohnt all meine Sachen und lief aus dem Haus. Ich fragte mich, ob ich Gretchen wohl gleich treffen würde, denn gestern kreuzten sich unsere Wege ja auch. Doch ich musste enttäuscht feststellen, dass ich den ganzen Weg wohl allein laufen würde.
Angekommen und seelisch auf die ersten Vorlesungen vorbereitet, öffnete ich die Tür zum Saal und schien diesmal nicht zu spät zu sein. Die meisten schienen auch gerade erst gekommen zu sein und von unserem Dozenten war noch keine Spur in Sicht.
Nach zwei Stunden hatte ich den ersten Teil hinter mir. Ich schaute auf mein Notizblatt. Lauter undefinierbare Kritzeleien. Oh ja, diese Stunde war allerdings wieder langweilig gewesen. Ich überlegte vielleicht doch noch zu wechseln, zu etwas anderem was mir mehr Spaß bereiten würde. Na ja ich werde wohl mal gucken was für Alternativen es gibt.
Da ich die nächsten neunzig Minuten frei hatte, begab ich mich mal wieder zur Mensa, holte mir einen Kakao und setzte mich. Ich kramte in meiner Tasche nach einem Buch um mir die Zeit erträglicher zu machen.
„Guten Morgen Claire!" sagte eine fröhlich, warme Stimme hinter mir.
„Oh hey Gretchen, schön dich zu sehen. Ich hatte eigentlich heut morgen gehofft dich zu sehen, doch keine Gretchen in Sicht gewesen." Ich lächelte Sie an, sie erwiderte das Lächeln. „Ich hatte die erste Stunde verschlafen, aber glücklicherweise fiel das Seminar sowieso aus – Glück im Unglück kann man wohl sagen. Wieso wohnst du eigentlich so weit weg und nicht hier in einer der Studentenwohnungen? Die sind doch sicherlich billiger als deine jetzige Wohnung?" Sie schaute mich fragend an. „Ja das hatte ich sogar vor. Wollte mich noch erkundigen. Habe gehört, dass noch ein paar Plätze frei seien und ich" plötzlich fiel Gretchen mir ins Wort. „Oh super! Meine Zimmernachbarin zieht nächste Woche aus und du könntest doch zu mir kommen! Dann weiß ich wenigstens, dass ich nicht wieder das Zimmer mit einer totalen Langweilerin teilen muss." „Ähm ja" ich überlegte kurz und ja klar warum nicht. Immerhin kannte ich Sie schon etwas und sie schien mir sehr nett. Ich mochte sie. Sie war bereits jetzt eine tolle Freundin für mich. „Klar ich würde gerne das Zimmer mit dir teilen, dann weiß auch ich, dass ich eine der Glücklichen bin, dessen Zimmergenossin nicht der blanke Horror ist." Wir lachten beide und schauten uns eine kurze Zeit grinsend an. Ich schaute als erste weg und fragte Sie, ob wir direkt jetzt gehen wollen um das mit dem Zimmer zu klären. Sie stimmte zu, ich trank schnell mein Glas Kakao aus und wir machten uns auf den Weg. Gesagt und Getan – ich hatte das Zimmer und konnte direkt nächste Woche einziehen, sobald die jetzige Bewohnerin raus ist. Wir freuten uns beide und Gretchen zeigte mir schon mal meine zukünftige Bleibe. Das Zimmer sah gemütlich aus. Jeder hatte eine Hälfte des Raums. Links und Rechts an der Wand standen jeweils ein Bett und ein Schrank am Fuße des Bettes. Ein Schreibtisch für jeden und ein gemeinsamer Tisch waren in diesem Zimmer. Alles was man als einzelne Person während des Studiums brauchte. Die Toiletten und Duschen waren sicherlich den Gang weiter runter und wurden gemeinsam von allen genutzt. Ich fragte Gretchen und sie stimmte zu „Hört sich schlimmer an als es ist. Klar kann man nicht erwarten immer allein zu sein, wenn man im Bad ist, aber ist dennoch groß genug, dass man nie warten muss." Und wieder lächelte sie mich an. Sie schien ein so friedvoller und aufgeweckter Mensch zu sein. Genau das was ich suchte. Was ich früher hatte.
Plötzlich nahm sie meine Hand und zog mich aus dem Zimmer und ging mit mir zum Waschraum. Der Raum war groß. Jede Dusche war einzeln. Wie bei einer öffentlichen Toilette, nur das sich hinter den jeweiligen Türen Duschen befanden. Aber groß genug, dass auch zwei Leute reinpassen würden. Es war natürlich nicht mit einem eigenen Bad zu vergleichen, aber dennoch bereitete es mir keine Probleme. Wir gingen heraus und liefen die letzten paar Minuten noch über den Campus und unterhielten uns über verschiedene Studienfächer. Als die Zeit ran war, gingen wir beide zu unserem Unterricht und verabredeten uns für die heutige Party für Neustudierende.
Als auch die letzten Stunden geschafft waren, lief ich nach Hause. Es ging mir gut. Ich freute mich auf den heutigen Abend.
Zuhause angelangt machte ich mir etwas zu essen und rief meinen Vater an. Eigentlich ist er mein Stiefvater. Mein leiblicher Vater wurde vor einigen Wochen ermordet. Doch Noah, so heißt mein Stiefvater, war dennoch mein richtiger Vater. Ich bin mit ihm aufgewachsen und habe ihn als meinen Vater kennengelernt. Erst vor einem Jahr wurde mir erzählt, dass ich adoptiert wurde und mein leiblicher Vater Nathan Petrelli sei. Auch wenn ich laut Genetik nicht seine wahre Tochter sei, dennoch ist die Familie Bennet meine Familie. Und dies beruht auf Gegenseitigkeit. Sie lieben mich wie ihre eigene Tochter und ich liebe sie wie meine echte Familie. Die Tatsache, dass ich adoptiert wurde war damals ein gewaltiger Schock, doch was sollte das schon ändern? Es blieb alles beim Alten. Und Lyle, mein Bruder, war und bleibt ebenso mein Bruder.
Nach gut fünfzehn Minuten war unser Gespräch beendet. Es tat gut wieder mit ihm geredet zu haben und ihn auf dem Laufenden zu halten. Ich erzählte ihm, dass ich jemanden kennengelernt hatte und sofort wies er mich darauf hin vorsichtig zu sein was ich Gretchen alles erzähle und was nicht. Natürlich wusste ich, dass ich vieles verschweigen musste, aber das wusste ich auch allein. Ich erzählte ihm auch, dass ich bald schon umziehen würde. Von meinem Traum erzählte ich jedoch nichts, er würde sich nur wieder unnötige Sorgen machen.
Mittlerweile war es schon neunzehn Uhr und ich machte mich fertig für die Party. Ich freute mich sehr und konnte es kaum erwarten. Die Zwischenzeit bis zur Party war langsam vergangen. Ich hatte all meine Aufgaben für morgen erledigt und ein wenig gelesen. Nun da es langsam Zeit wurde machte ich mich auf den Weg. Die frische Abendluft tat gut. Es war etwas kühl, aber erträglich. Die sanfte Brise, die durch mein Haar wehte, fühlte sich gut an, so frisch. Nach wenigen Minuten erreichte ich den Campus. Es waren viele unterwegs. Einige saßen auf Bänken und redeten mit anderen. Viele saßen einfach auf dem Rasen in einem Kreis und unterhielten sich.
Ich folgte der Musik um den Raum zu finden, wo die Party stattfand. Es dauerte nicht lange und ich erreichte mein Ziel. Ich öffnete die Tür und die Musik schallte durch meine Ohren. Es war laut. Wie es auf Partys so üblich ist, aber es war angenehm laut, sodass man sich dennoch unterhalten konnte und man keine Kopfschmerzen bekam. Ein junger Student kam mir torkelnd entgegen. Scheinbar kam er gerade von der Bar, denn er hatte ganze fünf volle Becher in der Hand. „Hey Hübsche! Hier für dich" er gab mir einen seiner Becher und ging grölend an mir vorbei zu seinen Freunden. Ich trank einen Schluck. Was auch immer dies war, es hatte eindeutig einige Prozente in sich. Aber was solls. Immerhin bin ich nun Studentin und sollte meinen Pflichten nachkommen. Ich grinste über meine eigenen Gedanken und nahm einen weiteren, diesmal größeren Schluck.
Ich machte mich nun auf die Suche nach einem bekannten Gesicht. Ich traf einige aus meinen Kursen, sie begrüßten mich freundlich und mit manchen tauschte ich ein paar Worte.
Aber für längere Gespräche war wohl keiner von ihnen bereit. Nach einigen Minuten lehnte ich mich gegen eine Wand und durchsuchte die Menge. Es war wirklich voll. Ich stand nun dort und wartete bis ich Gretchen sah, doch keine Spur von ihr. Sie würde bestimmt gleich kommen. Ich stand für weitere zehn Minuten an die Wand gelehnt und trank meinen Becher aus, hatte sogar in der Zeit einen zweiten bekommen, welcher nun auch schon halb leer war.
Endlich sah ich sie und ich winkte ihr zu, damit sie mich sah. Sie lächelte und winkte zurück und machte sich sofort auf den Weg zu mir.
„Heeeey" sagte sie mit lauter Stimme und umarmte mich. Ich erwiderte ihre Umarmung und begrüßte sie. „Bist du schon lange hier?" fragte sie mich und ich erzählte ihr in wenigen Worten was bisher geschehen ist. Wir unterhielten uns eine ganze Weile und ich merkte, dass ich mittlerweile schon den siebten Becher trank während Gretchen gerade einmal den dritten in der Hand hielt. Man merkte ihr an, dass sie Alkohol getrunken hatte. Zwar war sie nicht betrunken, doch Ihre Stimme hatte sich ein wenig verändert. Sie lallte nicht, dennoch klang sie anders. Sie sprach nicht mehr so klar und gerade. Ihre Wangen waren rot und sie hatte ein ständiges Lächeln auf dem Gesicht. Dies konnte man allerdings nicht als Anzeichen von Alkohol bezeichnen, denn sie lächelte oft, zumindest immer wenn ich sie sah beziehungsweise sie mich.
Bei jedem Becher den ich trank merkte ich für einen kurzen Moment die Wirkung des Alkohols, doch nach gewisser Zeit war es wieder verschwunden. Ich wusste nicht, ob dies bei Partys von Vorteil war oder nicht. Immerhin blieb mir durch meine Fähigkeit der Selbstheilung ein Kater am nächsten Morgen erspart - Pluspunkt.
Die Musik auf dieser Party war toll. Abwechselnd zwischen verschiedenen Genres, aber immer passend. Jedes Lied brachte seine Wirkung mit sich. Es machte Spaß. Wir hatten uns nicht von der Stelle gerührt. Noch immer stand ich an der Wand und Gretchen mir gegenüber.
Plötzlich merkte ich etwas Nasses auf meinem Shirt. Und nicht nur etwas Nasses. Der Typ, der mir vorhin den ersten Becher gegeben hatte, lief tanzend an uns vorbei und da er sein Gleichgewicht nicht mehr wirklich halten konnte, schubste er Gretchen unbewusst ziemlich stark von sich weg. Das Getränk von Gretchen landete auf meinen Sachen. Nass. Und so wie das Getränk, landete auch Gretchen auf mir. Sie stützte sich aus Reaktion links und rechts von mir an der Wand ab. So vermied sie einen direkten Aufprall. Auch wenn es mir wohl nichts ausgemacht hätte, denn den eventuell entstandenen Schmerz hätte ich eh nicht gespürt. Gut also für Gretchen.
Nun war sie kaum fünf Zentimeter mit ihrem Gesicht von meinem entfernt. Wir schauten uns beide tief in die Augen. Alles um mich herum war egal. Ich sah nur Sie vor mir und hörte die Musik laut in meinen Ohren. Ich achtete nicht merklich auf den Text, dennoch vernahm ich ihn.
Do what you want
Just how you like
Nobody has to know
Die Stelle dieses Songs hatte etwas so Intensives an sich, dass der Moment in dem ich mich gerade befand merkwürdig wirkte. Es war neu. Ich war nie in solch einer Situation gewesen. Noch immer schauten wir uns beide an. Irgendetwas in Gretchens Augen schien so anders. Ihr gesamter Gesichtsausdruck. Ich konnte es nicht zuordnen und wusste auch nicht wie ich es deuten sollte. Irgendwas in ihren Augen schien mir etwas sagen zu wollen oder viel mehr mir zeigen zu wollen, was in ihr vorging, doch ich konnte nichts daraus ziehen. So viele Gedanken die durch mich schossen und all dies in nur wenigen Sekunden. Als das Lied aufhörte und in ein anderes überging, löste ich meinen Blick und quetsche mich unter ihrem rechten Arm hindurch und lief nach draußen - an die frische Luft. Jemand folgte mir, doch ich schaute mich nicht um und ging zu einem Baum an dem ich mich anlehnend hinsetzte.
