Mit einem lauten Knall durchbrach ein riesiger purpurfarbener Bus den dichten Nebel, der wie eine weiße Wand auf der Vorgartensiedlung lag.
„Wage es nicht noch einmal hier aufzutauchen!" schrie ein großer und bulliger Mann, mit einem großen Schnurrbart und einem kaum sichtbaren Hals aus der Haustür des Ligusterwegs Nummer 4, ehe er wutentbrannt die Tür lautstark zuschlug. Das Messingschild mit der Nummer 4 fiel dabei von der Wand und fiel laut scheppernd auf den Boden.
Harry Potter, der sicher bekannteste junge Zauberer in der magischen Welt, zog seinen Schulkoffer, aus dem noch teilweise die Zipfel von Kleidungsstücken heraushingen, und den Käfig seiner Eule Hedwig unter dem Arm, den Gartenweg entlang.
Wieder einmal hatte man ihn vor die Tür gesetzt, weil ein Dementor im Vorgarten aufgetaucht war und seinen Cousin Dudley angegriffen hatte. Dudley der schon das letzte Jahr im Sommer von einem Dementor angegriffen worden war, machte es in diesem Jahr auch nicht besser, ob er nun wusste das Harry ihn mit seinem Patronus gerettet hatte oder nicht, er beschuldigte ihn, dass er ihn umbringen wollte.
Der Bus war vor ihm stehen geblieben und ein junger Mann in einer purpurner Uniform, der nicht viel älter als er selbst war, sprang aus dem Bus. „Willkommen im Fahrenden Ritter, dem Nottransporter für gestrandete Hexen und Za...!" Er stockte, denn endlich konnte er Harry durch den dichten Nebel erkennen. „Hey, Ernie, das ist Harry Potter!" rief er dem alten Fahrer zu. „Na, hast du wieder einmal eine Tante aufgeblasen?" fragte er und grinste.
„Haben sie dich bei den Todessern rausgeworfen?" erwiderte Harry schnippisch und wuchtete den schweren Koffer in den Bus.
Stan Shunpike presste die Lippen aufeinander und nahm sich den leeren Käfig von Hedwig, war er doch letztes Jahr in Askaban, weil er behauptet hatte den Todessern anzugehören.
„Wo soll's denn hingehen?" fragte Stan nun Harry, der sich in einen der Sessel niedergelassen hatte, den Zauberstab hielt er noch immer fest in der Hand und sein Gesicht war mürrischer denn je.
„Zum Grimmauldplatz Nummer 12!" Harry presste die Lippen wieder aufeinander und dachte angestrengt darüber nach, was er als nächstes tun sollte.
„Ernie, hast du gehört, Harry will zum Grimmauldplatz Nummer 12!"
Erst als der Bus mit einem weiteren Knall losfuhr bemerkte Harry, dass in dem Fahrenden Ritter kein weiterer Fahrgast anwesend war außer ihm selbst.
„Haben alle viel zu viel Angst!" sagte Stan, der Harrys Blick bemerkt hatte. „Hast nicht den Tagespropheten gelesen?"
„Der Tagesprophet berichtet doch sowieso nicht immer die Wahrheiten!" doch Harry hätte sich gefreut wenn er wenigstens ein paar Informationen über die Zaubererwelt gehabt hätte. Seine Freunde hatten sich nicht bei ihm gemeldet und Harry machte sich allmählich Sorgen, dass etwas passiert sein könnte.
Normalerweise hätte sich Harry gefreut in den Grimmauldplatz zu kommen, doch heute war es anders. Er hatte ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend und war kurz davor den Fahrenden Ritter zu stoppen. Aber mit seiner Schnelligkeit war der Fahrende Ritter bereits im Grimmauldplatz angekommen und hielt mit einem kräftigen Ruck an, so dass Harry aus dem Sessel geschleudert wurde.
Mühsam rappelte er sich auf und sah aus dem Fenster des Dreideckers. Er presste die Hand gegen die Scheibe und entdeckte zwischen zwei Häusern, das Haus, das wie aus dem Nichts erschienen war.
„Nummer 12." Las er die dreckigen Lettern, die schief neben der großen Haustür hingen. Nun war er wieder da, dies war sein Haus, vererbt von seinem Paten, Sirius Black.
„Willst du nun hier raus?" fragte Stan und besah sich ebenfalls das alte Haus. „Wohnst du hier?"
Harry antwortete nicht. „Ja, hier bin ich richtig!" Er wandte sich von dem Anblick ab und klemmte sich den leeren Käfig unter den Arm, der bei der rasanten Fahrt durch den gesamten Bus gerollt war. Stan wuchtete für ihn den schweren Koffer aus dem Gefährt auf die kalte einsame Straße. Die Strassenlampe neben dem Haus flackerte unruhig, als würde sie sich freuen, dass Harry endlich wieder da war.
„Viel Freude im neuen Heim!" scherzte Stan, Harry hörte ihn jedoch nicht mehr zu, er bemerkte auch nicht wie der Fahrende Ritter mit einem lauten Knall wieder verschwand.
Hedwig saß auf dem halbzerfallenden Zaun und betrachtete ihren Besitzer neugierig, als wollte sie sagen „Kommst du nun, oder nicht?".
Harry griff nach seinem Koffer und drückte das quietschende kleine Türchen auf, das ebenfalls schief in der Angel hing. Hedwig sah Harry mit ihren wachsamen großen und gelben Augen nach. Der Koffer polterte über den zerstörten kleinen Weg auf die Haustür zu, vor der Harry stehen blieb und lange zeit nur den hölzernen Klopfer anstarrte. Sollte er anklopfen? Es würde sowieso niemand dort drinnen zu finden sein. Der Geheimniswahrer war tot und der Orden des Phönix war gespalten. Wo würde er die anderen finden und wo waren seine Freunde?
Er ballte die Hand, in der er den Koffer hielt, zu einer Faust. Nach einem tiefen Einatmen stellte er den Käfig ab und ließ verkrampft den Koffer los, dann hob er zitternd die Hand und griff nach dem Türknauf.
In seinem Hals steckte ein dicker Kloß, der ihm den Atem nahm. Der Türknauf ließ sich nur schwer bewegen, aber die Tür öffnete sich. Harrys Herz schlug bis zum Hals und er versuchte den Kloß hinunterzuschlucken, in der Hoffnung er könne dann besser atmen. Mit rasendem Herzen stieß er die Tür auf, Staub wurde aufgewirbelt und die Tür kratzte über den alten Parkettboden. Harry trat ins Innere.
Hedwig flog über seinen Kopf hinein und setzte sich auf den alten Kronleuchter. Harry achtete nicht auf sie, er war sich sicher, dass er ein anderes Geräusch gehört hatte. Ein Geräusch, das aus dem Keller kam, aus dem Raum, in dem der Orden des Phönix sich immer beraten hatte. Doch das Gebäude sah noch weniger wohnlich aus, als der Orden es hinterlassen hatte.
Da war es wieder. Harry blieb stehen, er hatte deutlich etwas gehört, was sich wie eine Tür angehört hatte.
Hedwig putzte sich auf dem Kronleuchter das Gefieder, die kleinen Glastropfen, die noch am Leuchter hingen, klimperten fröhlich dabei.
„Sei still Hedwig!" zischte Harry und ging auf die dunkle Tür zu, von der er wusste, das sie über eine Treppe zu der Küche und dem großen alten Eichentisch führte. Hedwig schuhute beleidigt und flog zu dem Treppengeländer hinüber, von dem sie auf Harry hinabsah.
Harry streckte gerade die Hand aus, als ein lautschallender Knall aus den unteren Räumen drang. Harry zuckte unwillkürlich zusammen. Wer auch immer dort unten war, er schien nicht mitbekommen zuhaben, dass er, Harry, ebenfalls im Haus war. Doch wer war es?
„Vielleicht ist es jemand vom Orden!" sagte Harry laut zu sich selbst, Hedwig hatte wieder begonnen sich das Gefieder zu putzen. Harry griff nach der Klinke und drückte sie nach unten. Ein alter muffiger Geruch stieg in seine Nase, der wesentlich aggressiver zu werden schien, als er die Treppe hinunterstieg. Sicher stammte der Geruch aus den kleinen Zimmer in dem Kreacher gelebt hatte.
Harry hörte nun deutlich, das etwas weggeschoben wurde. Er trat um die Ecke in das Licht und erstarrte, als er sah wer vor ihm stand.
„Sectu...!" schrie Harry ohne groß darüber nachdenken zu müssen und hielt seinen Zauberstab auf seinen Gegenüber gerichtet. Doch wie von einem Schlag getroffen, wurde Harrys Zauberstab mit Schwung aus seiner Hand gerissen.
„Expelliarmus!" Hatte man Harrys Worte abgeschnitten und ihn daran gehindert einen schlimmen Zauber auszusprechen, der tiefe Wunden, auf den im dunklen Gewand gekleideten Mann, hinterlassen hätte. „Potter!" zischte er mit tiefer Stimme. „Wagen Sie es ja nicht!"
In Harry kochte es, ihm war sein Leben egal, er würde lieber sterben im Versuch seinen Widersache zu töten. „Potter, ich werde nicht zögern!" Harry starrte Snape an, sein Gesicht war vor Wut hochrot und er ballte seine Hände zu Fäusten, doch er wagte es nicht nach seinem Zauberstab zu hechten, der aus seinem Blickfeld verschwunden war.
„Sie haben Dumbledore umgebracht!" presste er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.
„Machen Sie sich nicht lächerlich, Potter!" Snape sah ihn verächtlich an. „Als täten sie das nicht schon oft genug!" Er ließ nicht eine Sekunde aus um eine sarkastische Bemerkung über Harry abzulassen. „... Meinen sie wirklich der mächtigste Zauberer der Welt ließe sich so einfach töten?"
„Sie haben ihn umgebracht! Ich habe es mit eigenen Augen gesehen!" schrie Harry als wollte er seiner ganzen Wut Luftlassen. „Sie elender Feigling haben den Zauberstab gegen ihn erhoben!"
