Lunas Kopf schmerzte schlimm, als sie erwachte. Irgendetwas hatte sie geweckt, sie war nicht von alleine aufgewacht. Es knackte im Gewölbe der magischen Decke. Sie war in Hogwarts. Wie war sie dort nur hingekommen? Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war, dass sie durch einen langen Tunnel gegangen war. Ach, wie lästig. Sie schob es auf die Schlickschlupfe, die bei solchen Gelegenheiten stets zur Stelle waren, wenn man sie überhaupt nicht gebrauchen konnte.

Gähnend setzte sie sich auf und streckte sich. Dann jedoch wurde sie ein wenig stutzig. Warum lag sie neben einer Leiche? Es war ganz offensichtlich eine Leiche, denn das Gesicht der Person hatte sich schon ungesund verfärbt. Luna schüttelte sich kurz und stand dann auf. Sie hatte keine Angst vor Leichen, aber sie wunderte sich ein wenig, warum sie bei ihnen lag. Auch zu ihrer Rechten lag eine. Die kannte sie sogar. Verwundert blickte sie in das Gesicht von Remus Lupin. War das nicht ihr alter Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste? Es tat ihr aufrichtig leid, ihn hier liegen zu sehen. Im Tod hielt er die Hand einer ziemlich kleinen, mausgrauen Frau. Luna konnte sich erinnern, auch sie schon einmal gesehen zu haben, erinnerte sich aber nicht an ihren Namen.

War sie denn die Einzige, die noch lebte? Verrückt. Vielleicht hatte man sie auch für Tod gehalten und dazu gelegt. Ihr Vater hatte ihr öfters etwas vom Scheintod erzählt, wenn man Beispielsweise von einem Hugel gebissen wurde, fiel man in den Todesschlaf und alle hielten einen für Tod. Vielleicht war ihr so etwas passiert? Auch, wenn sie bisher keine Hugel in Hogwarts entdeckt hatte.

Unweit neben ihr regte sich jedoch noch jemand. Standen jetzt die Toten wieder auf? Luna beobachtete das Schauspiel mäßig interessiert. Es gab nicht viele Dinge, von denen sie sich beeindrucken ließ. Lebende Tote gehörten jedenfalls nicht dazu.

„Luna?", rief plötzlich eine Stimme hinter ihr.

Sie wandte sich um. „Oh, Hallo Neville!"

Neville machte ein paar schnelle Schritte auf sie zu. „Bin ich froh dich zu sehen. Ich bin aufgewacht und um mich herum waren alle...", er schauderte, „tot."

„Was ist hier los?", fragte eine dritte Stimme.

Fröhlich winkte Luna ihr. Das war die Stimme von Ginny Weasley.

„Ich weiß es nicht", murmelte Neville.

Immer mehr Schüler regten sich unter den vermeintlich Toten und am Ende zählte Luna insgesamt vierzig Schüler. Erstaunt blickte sie sich um. Da waren Hermine Granger, Ron Weasley, aber auch Leute wie Draco Malfoy oder Blaise Zabini, überhaupt folgte das hier keinem System, die Schüler waren unterschiedlich alt und gehörten allen Häusern an. Was war denn nur vorher geschehen?

„Ein herzliches Willkommen an meine Debütanten", sagte eine magisch verstärkte Stimme. Einige Schüler hielten sich die Ohren zu. Luna lauschte verträumt. Das war Voldemort, sie hatte seine Stimme schon einmal an diesem Tag gehört.

„Sie sind meine Objekte für einen allerersten Testlauf des neuen Erlasses des Zaubereiministeriums. Aber ich will Sie nicht mit Politik langweilen, dazu sind Sie auch gar nicht da."

Luna trat neben Hermine und Ron, die zur Decke sahen und lauschten.

„Wie Sie sehen, sind Sie gerade in der großen Halle von Hogwarts. Wir haben Hogwarts in verschiedene Zonen unterteilt. Um diese Zonen anzusehen, befragen Sie die Gemälde."

Sie sah sich um, doch in der großen Halle gab es nur das Deckengemälde, das den Himmel zeigte. Doch tatsächlich zeigte es nun einen Lageplan von Hogwarts an. Bunte Linien trennten verschiedene Bereiche und Teile des Schlosses. Luna zählte sechzehn Bereiche und staunte über die klaren, blauen Linien. Rote Punkte flammten in einem der Bereiche auf. Das waren sie. Das war die große Halle.

„Wie Sie außerdem sehen können, hat dieses kleine Spiel vierzig Teilnehmer."

Luna sah sich verwundert um. Waren sie wirklich so viele? Tatsächlich, bei den Worten hatten sich immer mehr Schüler erhoben, die sie für tot gehalten hatte. Sie sah so viele bekannte Gesichter, auch einige aus ihrem eigenen Haus. Cho Chang war da und Padma Patil und so viele andere. Sogar einige Slytherins erkannte sie, was sie sehr verwunderte.

„Sie alle haben nun die Ehre, an diesem einzigartigen Projekt teilzunehmen. Dabei geht es um Ihr Überleben. Diejenigen, die nicht mitspielen möchten, sollten sich zumindest meine Worte zu Ende anhören. Wir wollen ja die Fairness wahren."

Einige Schüler keuchten erschrocken.

„Wer sich nicht an die Spielregeln hält", fuhr die Stimme erbarmungslos fort, „stirbt. Sie haben drei Tage, um ihr Überleben zu sichern. Überraschen Sie mich. Seien Sie kreativ. Überall im Schloss gibt es ein paar hilfreiche Gegenstände. Ihnen ist sicherlich klar, dass es nicht reicht, einfach nur dazusitzen. Sie müssen sich Ihr Leben erhalten. Jeder Ihrer Mitschüler hat jederzeit die Gelegenheit, Sie zu töten."

Die Schüler verstummten. Luna sah ein wenig verwirrt drein. Töten? Nein, sie würde ganz bestimmt niemanden töten. Das war doch absurd.

„Am Ende des dritten Tages erwarte ich fünf Überlebende. Sind es mehr als fünf. Nun, dann muss ich leider von einem unerfreulichen Detail Gebrauch machen."

Luna fühlte sich plötzlich benommen, ihre Kehle wurde heiß und brannte, als schneide sie jemand mit einem Messer. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie auf Hermines Hals das dunkle Mal. Nicht so groß, wie es die Todesser trugen, viel kleiner war es und es war nicht schwarz, es war rot.

„Ihre Zauberstäbe finden Sie in Ihren Umhängen."

Die Umstehenden kramten alle in ihren Taschen herum und tatsächlich, jeder hatte seinen Zauberstab.

„Das dunkle Mal erlaubt mir die Kontrolle über Sie. Wer sich in der falschen Zone aufhält. Oder sich vielleicht entschließt, nicht an dem Spiel teilzunehmen, der wird Bekanntschaft mit dem dunklen Mal machen. Was mich nun zu den Zonen bringt", fuhr die Stimme im Plauderton fort. „Es gibt sechzehn Zonen. Manche davon sind zu verschiedenen Zeiten verboten. Ich werde sie Ihnen mitteilen. Halten Sie sich in einer verbotenen Zone auf." Sie hörten ein gruseliges Geräusch, doch eine Erklärung kam nicht.

„Wenn Sie sich nicht von selbst auf fünf reduzieren können, dann überlebt niemand. So einfach ist das Spiel schon. Ist doch eigentlich ganz simpel, nicht wahr?"

Hatte sie gerade richtig verstanden? Sie sollte jemanden töten? Das würde sie ganz bestimmt nicht tun.

„Hey!", rief sie.

„Ah...", machte die Stimme, „Miss Lovegood hat eine Frage?"

„Was ist, wenn ich nicht mitmache?"

„Wunderbar, wunderbar!", er klang nun eindeutig erregt. „Eine Freiwillige. Es gibt immer jemanden, an dem man ein Exempel statuieren kann. Treten Sie nach vorn."

Ginny hastete auf Luna zu, doch die Stimme fuhr unerbittlich fort: „Miss Weasley, sehen Sie zu, dass sie Abstand zu Miss Lovegood gewinnen."

„Komm zurück, Luna!", schrien nun auch einige andere, doch Luna betrachtete sie nur mit ihren erstaunten Glubschaugen. Sie hob ihren Zauberstab und brach ihn entzwei. „Ich werde niemanden töten."

Stille. Dann hörten sie das Lachen. Es war ekelerregend und laut. „Ganz ausgezeichnet, Miss Lovegood. Sie sind das perfekte Beispiel. Prägen Sie alle sich nun ganz genau ein, was geschieht, wenn sie sich nicht an die Spielregeln halten."

Luna wartete. Nichts geschah. Dann, ganz plötzlich, begann das dunkle Mal auf ihrem Hals zu brennen, sie schrie, wie von Sinnen, ihre Kehle öffnete sich an den Kanten des dunklen Mals und helles Blut sprudelte hervor.

Überall taumelten die Schüler nun rückwärts, nur Ginny nicht, die zu Luna hin stürmte und ihre Hände auf die Wunde presste. Mehr und mehr Blut spritzte hervor, die Luft zum atmen blieb ihr Weg und am Ende sackte Luna auf die harten, kalten Fliesen und regte sich nicht mehr. So einfach war sterben also...

„Wie Sie alle sehen können, hat Miss Lovegood gegen die Regeln verstoßen. Dies geschieht mit allen, die das Gleiche tun. Wann immer Sie sich in einer verbotenen Zone befinden, oder aber Sie sich weigern, mitzuspielen. Sie werden jetzt alle die Halle verlassen, in der Reihenfolge, in der ich Sie aufrufe. Ich werde Ihnen zwischendurch einen aktuellen Zwischenstand über die Überlebenden geben. Sicherlich möchten Sie gerne wissen, ob Ihre kleinen Freunde noch leben."

Hermine übergab sich geräuschvoll auf einen Hügel von Schutt, während Ron ihr geistesabwesend über den Rücken strich.

„Haben Sie diese Regeln verstanden?"

Schweigen.

„Ich werte das als ja. Abott, Hannah."

Die verängstigte Hufflepuff trat vor und sah sich unsicher um.

„Gehen Sie nur" sagte die Stimme gönnerhaft.

Hannah stürmte aus der Halle und ihre Schritte hallten unheimlich von den blanken Fliesen wider.