Wo war eigentlich Fred? Der hatte doch den gleichen Auftrag und er war garantiert schon fertig mit seiner Arbeit. Offenbar war der Slytherin ihm entwischt, denn Fred hatte zuvor eine ganze Weile die Verfolgung des blonden Jungens aufgenommen. Nach einer Weile kam er tatsächlich in die Nähe von Olivers Tisch und konnte sich nun nicht mehr vor dem Quidditchkapitän verstecken.

Ein wenig verwirrt sah Oliver von seinem Buch auf. George war sich sicher, dass er kein Wort darin gelesen hatte.

„Wo kommst du denn her?"

„Strafarbeit", brummte er und nahm einen neuen Bücherstapel von dem Rollwagen hinter sich.

„Wofür?", fragte Oliver.

Er schien sich ein wenig zu entspannen, fand George.

„Ach, weiß auch nicht, ich hab wirklich nichts gemacht. Das war Fred, aber...", er zuckte mit den Schultern, „die können uns einfach so schlecht unterscheiden. Man bestraft einfach uns beide präventiv."

Oliver lächelte. „Ich kann euch unterscheiden."

„Woran? Nicht mal unsere Mum kann es."

„Quidditch. Ihr spielt verschieden."

Oliver Wood hatte ganz offensichtlich nicht viel mehr im Kopf als Quidditch und Männer. Vielleicht machte das die Sache einfacher. War er nicht in der selben Klasse wie Percy? Vielleicht bekam er über Percy etwas heraus. Sofern er sich dazu zwingen konnte, Percy länger als fünf Minuten am Stück zuzuhören. Dann erinnerte er sich an das Gespräch. Vielleicht war er gar nicht so verschieden, denn es kam ihm vor, als habe er selber nur die Aufmerksamkeitsspanne eines Maikäfers, wenn ihn etwas nicht interessierte. Das blöde Sprichwort mit dem Glashaus ging ihm durch den Kopf und er sah wieder zu Oliver hinüber, der mittlerweile ziemlich verwundert aussah.

„Was ist denn?"

„Nichts, ich..." Oh, was war nur mit ihm los. Er stellte sich gerade an, wie der erste Mensch. Da war nichts mehr, von der sonstigen Lockerheit, die sich die Zwillinge zu eigen gemacht hatten, er benahm sich wie ein kleines Mädchen. „Vergiss es einfach", schob er ziemlich lahm hinterher und stopfte lustlos ein weiteres Buch ins Regal. Vielleicht wandte sich Oliver ja nun wieder Draco zu und er hatte seine Ruhe. George nahm sich vor, noch ein letztes Wort mit Fred zu reden.

Tatsächlich schien Draco sich ihnen zu nähern, George hörte Schritte hinter sich, zwang sich aber, so zu tun, als ob er weiter Bücher einsortierte, spitzte aber die Ohren.

„Kann ich dich kurz sprechen?" Malfoys Stimme war beinahe ein Flüstern.

George konnte nicht sehen, was hinter seinem Rücken geschah, aber offenbar hatte Oliver genickt und dann scharrte der Stuhl über den Boden und die Schritte entfernten sich von ihm. Vorsichtig lugte er durch das Bücherregal zu seiner Linken, denn die beiden waren nicht sehr weit gegangen. Er verstand kein Wort, doch Olivers Gesicht sprach Bände. Ganz offensichtlich stritten sie schon wieder, wenn auch in sehr gedämpften Ton. Und Oliver sah nicht aus, als wenn das für ihn eine harmlose Tendelei war. Das war mehr. Viel mehr. George konnte es in seinen Augen lesen. Der Slytherin war schwieriger zu lesen, es hätte ihn nicht gewundert, wenn der plötzlich angefangen hätte zu lachen und das ganze für einen Aprilscherz erklärt hätte. Aber irgendwie war es doch beiden auf ihre ganz eigene Weise ernst. Immerhin lag da ein gravierender Altersunterschied zwischen ihnen. Vielleicht lag es daran, dass sie sich unterschiedlich verhielten. Oder Klein Malfoy war einfach ein sehr guter Schauspieler. Oliver tat ihm schon ein bisschen leid. Dann, ganz plötzlich, eskalierte alles. Malfoy warf Wood irgendetwas vor die Füße, bedachte ihn mit einem verächtlichen Blick und verließ türenknallend die Bibliothek. Hastig bückte sich Oliver und las etwas vom Boden auf. George hatte nicht sehen können, was es war, er hatte aber auch keine Zeit, seine Beobachtung weiterzuführen, denn Oliver kam nun zurück in die Nische, in der er immer noch stand und lauschte.

Schnell trat er an eines der Regale heran und fummelte wahllos an einem der Bücher, in der Hoffnung, dass Oliver ihn einfach nicht bemerkte. Die Hoffnung war leider vergebens.

„Hast du uns belauscht?", fragte der Quidditchkapitän misstrauisch.

George holte tief Luft und sprach die Wahrheit... na ja, zumindest die Halbe: „Was machst du denn mit dem Slytherinsucher?"

„Nichts." Oliver war ein schlechter Lügner. Die Zwillinge konnten auf Kommando die tollsten Geschichten hervor lügen, der Hüter konnte das nicht. Er hielt immer noch den Gegenstand, den Malfoy ihm vor die Füße geworfen hatte, in der Hand, aber als er Georges Blick verfolgte, verbarg er die Hand mit dem Kleinod hinter seinem Rücken.

Doch dann seufzte er tief. „Ach, ich bin wahrscheinlich ein miserabler Lügner. Ich mag nur nicht drüber reden."

George zog eine Augenbraue hoch. „Quidditch?"

„Nein.", sagte Oliver eine Spur zu hastig.

„Dann ist es ja gut", antwortete George leichthin.

„Ich gehe jetzt wohl besser", sagte Oliver immer noch ziemlich zerstreut und verließ die Bibliothek, ohne sich noch einmal umzusehen.

George blieb zurück und sah ziemlich verwirrt hinterher. Dämliche Idee, dachte er. Bei Merlins Unterhose. Ach was, bei Merlins Hintern, was für eine dämliche Idee. So oder so konnte er sich nicht dazu überwinden, Oliver eindeutige Zeichen zu geben. Und das wollte er Fred nachher sagen.

..::~::..

Als George in den Gemeinschaftsraum zurück kehrte, erlebte er eine Überraschung. Sein Zwillingsbruder saß in ziemlich mieser Stimmung auf einem der Sessel und sprach kaum ein Wort. Das war schon recht ungewöhnlich. Sein Bruder hatte nur einmal gar nicht mit ihm gesprochen, in diese Geschichte war eine Feuerwerksrakete und sein Hinterteil involviert. Und George bezweifelte, dass es nun schon wieder um Raketen ging.

„Was ist'n mit dir los?"

„Malfoy", zischte Fred. Dann wechselte er abrupt das Thema. „War einfach eine blöde Idee. Lassen wir das."

„Ich bin froh, dass du das so siehst, wirklich."

„Lass uns baden gehen", grollte Fred. „Ich muss sonst jemanden erwürgen."

George stand auf und folgte seinem Bruder durch das Portraitloch hinab zum Badezimmer der Vertrauensschüler. Als sie die Türe hinter sich geschlossen hatten, siegte aber dennoch seine Neugier. „Was war denn los?"

Verärgert warf Fred seinen Pullover von sich und verschloss mit einem Wink seines Zauberstabs die Türe zum Badezimmer.

„Er ist einfach widerlich. Ich würde ihn lieber erschlagen, als auch nur zwei Worte mit ihm zu sprechen. Lee und ich waren am Quidditchfeld, während die Slytherins trainiert haben. Malfoy hat es nicht gepasst und er hat versucht uns zu vergraulen."

„Ja und? Du bist doch keine Memme", wunderte sich George nun doch ein wenig und ließ sich als erster in das heiße Wasser sinken.

„Du solltest hören, was er von sich gibt. Ich wiederhole das jetzt nicht. Du weißt, dass ich da echt nicht empfindlich bin, aber das... das vergällt einem echt alles."

George machte ein vages Geräusch und schließlich stieg auch Fred in das Becken.

„Ich verliere lieber den Quidditchpokal, als dass ich Malfoy..." Er schüttelte sich und streckte die Zunge heraus. „Nein!", sagte er nun noch einmal bekräftigend.

George kicherte. „Ich hab's ja verstanden. Obwohl du natürlich auch Wood nehmen kannst."

„Ich hab mir nur Unsinn eingebildet. Vielleicht waren wir wirklich einfach nur schlecht beim letzten Quidditchmatch."

Da war sich George nicht so sicher, aber sein Bruder schien sich wohl an diesen Strohhalm klammern zu wollen.

Ein Klacken ließ sie beide herum fahren: Jemand machte sich an der Türe zu schaffen.

„Hast du richtig abgeschlossen?", zischte er seinem Zwilling zu.

„Nein", sagte Fred und duckte sich tiefer in das Becken hinein. „Ich hab nur einmal herumgedreht. Jeder kann das mit Alohomora öffnen."

„Du bist doch wohl wirklich...", fuhr er ihn an, doch tat es seinem Bruder dann gleich und duckte sich tiefer ins Becken, als er hörte, wie die Türe geöffnet wurde.

Die Stimmen kannte er genau, aber sie waren die letzten, die er hier hören wollte: Oliver und Draco. Fred schien einen ähnlich belämmerten Gedanken gehabt zu haben, denn er zog ihn ein Stück näher zum Rand und spitzte die Ohren.

„Wie kannst du mir so etwas antun?", hörten sie nun Woods erregte Stimme.

„Du kennst meine Bedingungen", knurrte der Slytherin.

Eigentlich war kaum zu übersehen, dass Oliver nach der Pfeife des blonden Jungens tanzte, was George schon ein wenig überraschte.

„Und du hast gegen sie verstoßen", fuhr Draco fort.

„Ich habe gar nichts. Vielleicht habe ich auch keine Lust mehr auf deine Bedingungen. Dann verstoße ich tatsächlich einmal dagegen. Wäre dir das lieber?"

George sah seinen Bruder erstaunt an, allerdings glich der gerade einem wandelnden Fragezeichen.